44. Die Sozialisation des Hundes – Irrtümer und ihre Ursachen und Folgen



Laut einer der Definitionen ist die Sozialisation ein Prozess der Anpassung des Heranwachsenden in die ihn umgebende Gesellschaft und Kultur, begründet im Nichtvorhandensein entsprechender Instinkte, die sein Handeln steuern.

Gelegentlich erlaube ich mir, diesen Auszug einer Definition einmal einem Hundetrainer oder einer Hundetrainerin gegenüber zu zitieren, um sie anschließend mit der Frage zu provozieren, ob sie glauben, dass diese Definition auch auf die Welt der Caniden anwendbar sei. Eine nicht unwichtige Fragestellung wie ich meine, wenn Kunden sich an sie wenden mit der Bitte, ihre vierbeinigen Rabauken zu erziehen – natürlich im Wissen über die semantische Bedeutungsgleichheit von Erziehung und Sozialisation. Inspiriert werde ich dazu manchmal durch Klagen oder Beschwerden
von Kunden, wenn sie mir von ihren zahlreichen, aber erfolglosen
Hundeschulbesuchen berichten.

Erwartungsgemäß ernüchternd sind dann aber auch die Antworten der Befragten:
Ich denke schon.

Ich frage mich dann, worin es wohl begründet sein mag, wenn solche Definitionen, die eindeutig der Anthropologie oder der Soziologie des Menschen entlehnt sind, selbst von vermeintlichen Fachleuten, zu denen man Hundetrainer in diesem Kontext
normalerweise zählen sollte, völlig unkritisch auch auf die Welt des Hundes angewendet werden.

Eine mögliche Antwort könnten die Neuro- oder auch Kognitionswissenschaften liefern, indem sie die Ursachen des Anthropomorphisierens, also des Vermenschlichens erklären. Oder auch, wenn sie die neuronalen oder kognitiven Abläufe in unserem Gehirn im Rahmen von Erkenntnisprozessen beschreiben. Letzteres erklärt zum Beispiel den Konflikt zwischen der enorm großen Anzahl an Sinnesreizen einerseits, die über unsere Sinnesorgane allein in einer Sekunde auf unser Gehirn einprasseln, und der relativen Begrenztheit andererseits, diese
neuronal verarbeiten zu können. Soll heißen, das menschliche Gehirn steht vor einem Dilemma, wenn es sich von der Welt da draußen ein einigermaßen adäquates Bild machen will. Denn einerseits erhält es über die Sinnesorgane rein rechnerisch
mehr als 11 Mio. Bit an Informationen pro Sekunde, von denen es jedoch maximal 0,001 % bewusst verarbeiten kann. Ergo, unser Gehirn muss ein kleines Wunder vollbringen, um aus dieser objektiv sehr begrenzten Anzahl an Informationen noch
ein halbwegs brauchbares Abbild der Realität reproduzieren zu können.

Dass bei dieser extremen Vereinfachung einer hochkomplexen Wirklichkeit hin und wieder auch mal falsche oder nicht ganz stimmige Abbilder entstehen, nahm die Evolution offensichtlich großzügig in Kauf. Nach dem Motto: Lieber überhaupt eine
Vorstellung zu haben von dem da draußen als gar keine. Denn die Konsequenz wäre, nicht entscheidungs- oder handlungsfähig zu sein. Repräsentatives Beispiel ist die abends im Garten entdeckte Schlange, die sich, nachdem man sich panikartig in Sicherheit brachte, morgens bei genauerer Betrachtung als harmloser Gartenschlauch entpuppt. Also, lieber einmal zu oft weggelaufen und sich blamiert als einmal zu wenig. Denn diejenigen, die über diesen Instinkt nicht verfügten, zählten später in der Regel auch nicht mehr zu unserem Genpool. Zusätzlich bedient sich das Gehirn beim Versuch, diese hoch komplexe Realität in Form einer vereinfachten Vorstellung abzubilden, der Anwendung von
vereinfachenden Regeln. Der englische Psychologe James Reason hat eine Reihe von Fehlertypen, die dabei auftreten, analysiert und systematisiert. Einer derer ist das Anwenden falscher Regeln oder das falsche Anwenden ansonsten richtiger Regeln. Letzteres bedeutet, der Mensch wendet fälschlicherweise Regeln auf
Situationen an, die sich in einem anderen Kontext zwar bewährt haben, aber in der jetzigen Situation nicht passen. Ein solches Phänomen ist auch bei Tieren nachweisbar und offensichtlich eine zumindest beim Säugergehirn typische Erscheinung. So konnte man Kühe dabei beobachten, die abends bei Eintritt der
Dunkelheit instinktiv von der Weide in ihren Stall trotteten, gleiches aber auch taten, als mittags um zwölf eine Sonnenfinsternis eintrat. Eine Stunde später standen sie dann etwas verwirrt wieder vor dem Stall.

In diese Fehlerfamilie passt offensichtlich auch das Anwenden von Regeln und Erkenntnissen, die sich in der Welt des Homo sapiens zwar bestens bewährt haben, auf die tierische bzw. hündische jedoch nicht passen. Ein typisches Beispiel ist eben auch das bereits erwähnte Anthropomorphisieren, das Vermenschlichen anderer Wesen oder Objekte. Wenn der Mensch Regeln und Erkenntnisse aus seiner eigenen Welt auf eine andere ihm unbekannte – in unserem Fall, die des Hundes – anwendet, verbirgt sich dahinter somit keine böse Absicht, sondern eher der
Versuch, diese andere fremde und komplexe unbekannte Welt verstehen zu wollen. Da der Mensch die Welt des Hundes offenbar nicht durchschaut, wendet er mit der Methode der Heuristik einfach seine eigenen Regeln und Erkenntnisse auch auf die
des Hundes an. Selbst auf die Gefahr hin, sich zu irren.

Und so kommt, was kommen muss, wenn man beispielsweise die oben zitierte Definition der menschlichen Sozialisation eins zu eins auch auf die des Hundes anwendet. Im Ergebnis dessen hält man dann schon mal Welpenspielgruppen, Hundespielwiesen oder sonstige Hundetreffen für das Gleiche wie Kindergärten,
Spielplätze oder Partys, nämlich für Einrichtungen, die der Sozialisation oder dem Steigern des Wohlbefindens dienen. Dies ist aber nicht der Fall, im Gegenteil. Denn die Sozialisation des Hundes ist mit der des Menschen nicht nur nicht identisch, sondern sogar anders begründet und verfolgt auch ein anderes Ziel.

Zwar lässt sich die zitierte Definition mit ein wenig Fantasie auf die
Erziehungsmaßnahmen einer Hundefamilie adaptieren, wenn Hundevater und Hundemutter ihren Schützlingen durch Vormachen und Korrigieren ein Grundverständnis für den Überlebenskampf vermitteln und sie so auch die Grundregeln des Zusammenlebens in einer Hundefamilie erfahren lassen; denn
dafür fehlen auch ihnen die Instinkte. Aber was heute oftmals mit der beabsichtigten Sozialisation bzw. Erziehung verbrämt wird, indem beispielsweise Welpenspielgruppen oder Hundetreffen aller Couleur in ihrer Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit mit ihr begründet werden, ist jedoch schlicht und ergreifend falsch.

Bedauerlicherweise wird dies auch immer wieder von sogenannten Fernsehhundetrainern, die für sich scheinbar eine unbegrenzte Glaubwürdigkeit beanspruchen dürfen, behauptet, wenn sie dem Laien mit wissender Mine raten, dem kleinen Welpen im frühen Alter doch möglichst viele Kontakte zu seinen
Artgenossen zu ermöglichen, um ihn auf das harte Leben vorzubereiten. Oder Hundeschulen laden zu gemeinsamen Hundetrainings oder „social walks“ ein, um die Vorteile der Gemeinsamkeit zum Zwecke der Sozialisation nutzen zu können, da es allen Hunden angeblich eigen sei, das Bedürfnis nach Kommunikation mit möglichst vielen Hunden zu befriedigen.

Man nehme mir mein Vokabular bitte nicht übel, aber das ist Unfug. Und ich bringe es gerne auf den Punkt, auch wenn es für so manch einen Fan der „Hundekommunikation“, der glaubt, sie sei für das Wohlbefinden des Hundes unabdingbar, eine fette Kröte sein mag:

Kein Hund verspürt das Bedürfnis, zu einem fremden Hund, der nicht zu seiner „Familie“ gehört, Kontakt aufzunehmen, um sein Bedürfnis nach Kommunikation mit dem Ziel der Steigerung seines Wohlbefindens befriedigen zu wollen.

Es gibt nur eine Ausnahme, die eine freiwillige Kontaktaufnahme begründet, nämlich die Befriedigung des Bedürfnisses nach Fortpflanzung, welches aber allgemein bekannt nur temporär während der Läufigkeit seine Wirkung entfaltet. Alle anderen
Versuche der Kontaktaufnahme sind jedoch unfreiwillige und nur eine Folge des instinktiv determinierten Strebens nach Befriedigung des Bedürfnisses nach Sicherheit oder der Wahrnehmung einer übertragenen Verantwortung.

Zusammengefasst: Ein Hund, der zu einem fremden Hund selbstständig Kontakt aufnimmt, will entweder seine Gene weitergeben oder abklären, welche Absichten der andere hegt, um ausschließen zu können, dass von ihm weder für sich selbst
noch für seine Bezugsperson oder eine ihm anvertraute Ressource irgendeine Gefahr ausgeht.


Der Mensch, und selbst Hundetrainer, können dies deshalb nur schwer oder sogar gar nicht nachvollziehen und sträuben sich offenbar gegen diese Vorstellung, weil ihnen selbst im Rahmen der Evolution eine andere Sequenz ins Genom geschrieben
wurde. Ihnen wohnt, im Gegensatz zum Hund, tatsächlich das Bedürfnis inne nach kommunikativem Kontakt zu seinen Mitmenschen, weil ihnen dies im Überlebenskampf schon immer einen Vorteil geboten hat. Der Hund aber hat durch den Kontakt zu fremden Hunden keinerlei Vorteile. Im Gegenteil, Seinesgleichen sind für ihn grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Der Einzige, der ihm im Überlebenskampf einen Vorteil bietet, ist der Mensch, also seine Bezugsperson. Deshalb anvertraut er sich ihr auch in Form eines nahezu bedingungslosen Andienens.

Die Wissenschaft hat diesen Unterschied zwischen Mensch und Hund längst nachgewiesen. Wenn Menschen sich begegnen und sympathisch finden, schütten ihre Hormonsysteme zwei Bekannte aus, und zwar Dopamin und Oxytocin, bekannt als Glücks- und Kuschelhormone. Gleiches geschieht im Hundegehirn, wenn
Frauchen oder Herrchen ihnen in die Augen blicken. Begegnen Bello & Co. jedoch fremden Artgenossen, kann man in ihrem Urin unter Umständen Katecholamine und Cortisol nachweisen, typische Stresshormone.

Wie bereits erwähnt ist die Sozialisation bei Mensch und Hund deshalb nicht identisch, weil nicht nur die Zielstellungen sich voneinander unterscheiden, sondern auch der Grund. Beim Menschen besteht das Ziel seiner Sozialisation im Erlernen
und Beherrschen von Regeln, um sozial verträglich miteinander klarzukommen, um dann die Vorteile des gemeinsamen Zusammenlebens nutzen zu können. Dies geschieht u.a. durch das Erreichen der Einsicht in die Notwendigkeit. Der Grund, warum er diese Regeln im Rahmen der Sozialisation erst erlernen muss, liegt im Fehlen der dafür notwendigen Instinkte.

Konträr anders sieht es aber beim Hund aus. Das Ziel seiner Sozialisation besteht eben nicht darin, einen Vorteil im Überlebenskampf zu generieren. Bei ihm besteht das Ziel vielmehr darin, ihn von seiner Verantwortung entbinden, die er aufgrund
vorhandener Instinkte wahrnimmt.

Wenn also beim Menschen die Sozialisation laut Definition mit den fehlenden Instinkten begründet wird, muss sie beim Hund demzufolge mit ihrem Vorhandensein begründet werden. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob der Mensch aufgrund fehlender Instinkte etwas erlernen muss oder ob der Hund aufgrund vorhandener Instinkte etwas, was er aufgrund dieser Instinkte tun würde, zu unterlassen hat. Beides ist aber mit dem Begriff Sozialisation belegt.

Der Mensch muss im Gegensatz zum Hund nicht von Urinstinkten befreit werden, die ihn ansonsten sozial unverträglich handeln lassen würden (außer in pathologisch begründeten Fällen), sondern er muss im Rahmen der Sozialisation Regeln lernen,
die er aufgrund fehlender Instinkte noch nicht kennt. Der Hund aber muss im Rahmen der Sozialisation lernen, sein durch vorhandene Instinkte determiniertes Verhalten zu unterlassen, welches ihn ansonsten zu einem sozial unverträglichen
Verhalten verleitet. Er ist nämlich mit Anlagen ausgestattet, die ihn in einer Konkurrenzsituation, in der es von Feinden und Rivalen nur so wimmelt, zurechtkommen lassen. Wir nennen es das agonistische Verhaltensrepertoire. Und dieses wurden im Rahmen der Domestikation sogar noch manifestiert, damit er in der
Lage ist, nicht nur Tiere, Haus und Hof zu bewachen, sondern auch neben seiner eigenen Sicherheit für die seiner ihm anvertrauten Personen oder sonstiger Ressourcen sorgen zu können.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Der Hund ist durch die Domestikation mit einer Anlage „ausgestattet“ worden, die ihn nicht nur befähigt, sondern geradezu danach streben lässt, sich und seine Bezugsperson ständig beschützen und verteidigen zu wollen. Demnach muss ihm diese Aufgabe gar nicht erst durch Training oder Ausbildung übertragen werden; im Gegenteil, es ist bereits als Urinstinkt vorhanden. Nun wäre das alles überhaupt kein Problem, wenn dem Hund, der mit diesen Veranlagungen auf die Welt gekommen ist, auch eine adäquate Aufgabe übertragen werden würde. Das heißt, wenn ein Schäferhund hüten und
bewachen oder ein Bull Terrier Kinder bei Abwesenheit der Eltern beschützen sollte. Denn bemerkenswerterweise spricht kein Mensch bei einem typischen Wachhund, dem auch tatsächlich die Aufgabe zur Bewachung eines Grundstückes übertragen
wurde, von seiner notwendigen Sozialisierung. Aber das Übertragen einer adäquaten Aufgabe entsprechend seiner Züchtung ist heutzutage kaum noch der Fall bzw.
meistens sogar unerwünscht. Die Liste der Hunde mit ihren angezüchteten unterschiedlichen Fähigkeiten ist bekanntermaßen sehr lang. Aber wenn ich mir heute die faktischen Aufgaben der Hunde anschaue, zu deren Therapie ich gerufen werden, weil sie vermeintlich verhaltensauffällig seien, und diese mit den ihnen im Rahmen der Rassezucht mitgegebenen wie zwei Blaupausen versuche übereinanderzulegen, stimmt keines davon überein. In der Regel wird heute ein Großteil der Hunde nicht mehr für Aufgaben, die ihren Fähigkeiten entsprechen, angeschafft, sondern vorwiegend als sozialer Begleiter. Er soll heute dem Menschen als Partner dienen, der den Alltag verschönert und zu gemeinsamem Spiel und Spaß motiviert.

Die notwendige Konsequenz ist, wenn der Hund nicht mehr die ihm angezüchteten Instinkte nutzen soll, dass man ihm im Rahmen der Sozialisation demonstriert und den entsprechenden Entscheidungsspielraum nimmt, dass er diese nicht mehr zu
nutzen hat bzw. nutzen kann. Demzufolge ist die Sozialisation des Hundes nicht etwa seine Gewöhnung an fremde Hunde oder Menschen (Stichwort „social walk“, Welpenspielgruppen und ähnlicher Unfug), um mit ihnen in einer Art friedlicher
Koexistenz zusammenleben zu können, sondern die Entbindung von seiner Verantwortung, die er instinktiv übernimmt, woraus sich sein oftmals unsoziales Verhalten speist. Aggressionen aller Art zeigt er schließlich nur dann und deshalb, wenn ihm die Verantwortung für die Sicherheit überlassen oder übertragen wurde. Entbindet man ihn von dieser, wird er auch sein aggressives Verhalten ablegen.