3.Hundeerziehung scheitert?
Warum Vermenschlichung das Problem ist?
Nicht nur die Anzahl der Hunde, die sich sozial unverträglich oder störend verhalten, scheint zuzunehmen. Auch die Häufigkeit des Misslingens, solche Hunde, die intraspezifisch und interspezifisch als nicht sozialisiert gelten, zu erziehen, steigt dramatisch. Wie ich es bereits in anderen Fachartikeln geschildert habe, kontaktieren
mich mittlerweile beinahe ausschließlich Hundehalterinnen (des besseren Lesens wegen bleibe ich mal bei der femininen Form), die bereits eine regelrechte Odyssey an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich gebracht haben. Für beides sehe ich eine der wichtigsten Ursachen im Anthropomorphismus, dem nicht nur der Laie erliegt, nein, nicht selten auch ausgebildete Hundetrainerinnen. Unter Anthropomorphismus versteht die Psychologie das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen, sprich auf Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Letzteres beispielsweise untersuchten bereits im Jahre 1944 die beiden Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel. Sie führten seinerzeit ein Experiment zum Anthropomorphismus durch, in dem sie in einem Zeichentrickfilm ohne Ton drei geometrische Figuren – ein kleines und ein großes Dreieck und einen kleinen Kreis – als Protagonisten zeigten. Anschließend befragten sie die Probanden nach dem vermeintlichen Inhalt. Deren Schilderungen zeigten, dass selbst einfachste bewegte Objekte als soziale Akteure wahrgenommen
und interpretiert werden. Die Probanden meinten, eine Liebesgeschichte mit Happy End gesehen zu haben zwischen dem kleinen Dreieck und dem kleinen Kreis, die das böse große Dreieck versucht habe zu sabotieren. Nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der
Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren, denn er ist nur in der Lage, sich selbst zu beschreiben bzw. alles nur in Bezug auf sich selbst zu erkennen. In der Beziehung zu unserem Hund heißt das, dass wir mit ihm deshalb überhaupt nur erfolgreich interagieren oder glauben, ein Verständnis für ihn entwickeln zu können, weil wir dazu neigen, ihm menschliche Eigenschaften und sogar unsere
eigenen Bedürfnisse anzudichten. Ohne sein Vermenschlichen wären viele von uns zu einer Beziehung offenbar gar nicht in der Lage. Neben diesem Vorteil wiegt der Nachteil des Anthropomorphisierens allerdings schwer, wenn wir bedenken, dass das Hineininterpretieren sogar menschlicher
Bedürfnisse in die des Hundes dazu verführt, sein entsprechendes Verhalten unter diesem Einfluss zu bewerten, was zu dessen folgenschwerer Fehlinterpretation führt. Es folgt ein Teufelskreis von falschen Reaktionen unsererseits und wiederum
scheinbar absurden Reaktionen des Hundes, die wiederum zu falschen Interpretationen und Reaktionen unsererseits führen.
Machen wir ein Gedankenspiel, das uns mit Hilfe des Anthropomorphismus nicht schwerfallen sollte:
Nehmen wir einmal an, wir würden eine Reihe von Hundehalterinnen die Frage stellen, wie ihre Vierbeiner wohl auf den Vorschlag reagieren würden – vorausgesetzt sie könnten uns verstehen und auch antworten – ob sie gerne in Gemeinschaft vieler anderer ihrer Artgenossen sowie deren Besitzerinnen an einem ausgiebigen Spaziergang durch Wald und Flur teilnehmen möchten. Eine solche Frage sollte als nicht sehr weit hergeholt gelten, wenn man bedenkt, wie häufig derartige Veranstaltungen selbst von Hundeschulen organisiert werden. (In einem anderen
Fachartikel gehe ich deshalb auch auf den von vielen Hundeschulen angebotenen „social Walk“ ein, der eine ähnliche Intension zugrunde liegt und ebenso fatale Folgen hat.)
Ich vermute, die überwiegende Mehrheit der Befragten nehme an, ihre Hunde würden dies mit einem klaren „Ja“ beantworten, so sie könnten. Denn allein die Vielzahl solcher organisierten Treffen Gleichgesinnter werden wohl kaum organisiert, um Bello und Co. absichtlich zu ärgern. Worin mag diese eklatante Fehlinterpretation hündischer Bedürfnisse begründet
sein? Die Antwort liefert der Anthropomorphismus; in diesem Fall eben nicht nur das Übertragen menschlicher Eigenschaften, sondern insbesondere das falsche Projizieren menschlicher Interessen und Bedürfnisse auf den Hund. Herrchen und
Frauchen gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Schützlinge mindestens den gleichen Spaß am Zusammentreffen mit ihresgleichen haben wie sie selbst. Bekanntlich sucht und findet der Mensch Kontakt zu seinesgleichen auch außerhalb
sexueller Interessen, da dies nicht nur ein Garant des Wohlbefindens ist, sondern auch ein nicht zu überschätzender Vorteil im Überlebenskampf. Der Mensch hatte
evolutionsbiologisch eben einen Vorteil davon, wenn er nicht nur in der Gemeinschaft lebte und agierte, sondern auch immer wieder Kontakt zu Fremden aufnahm. Einzelgänger waren und sind biologische Ausnahmen und keine Garanten erfolgreichen Fortbestehens einer gesunden menschlichen Gattung. Aber treffen diese Zusammenhänge auch auf den Hund zu? Mitnichten, selbst sein Vorfahre Meister Isegrim hat kaum Interesse am Kontakt mit seinesgleichen außerhalb seines Rudels. Für ihn ist das Rudel zwar der Inbegriff und Hort des Wohlbefindens. Fremde sind für ihn jedoch Todfeinde. Nur vereinzelte Alleingänger suchen in weiten Odysseen ihr Glück; meiden dabei aber auch jeglichen unnötigen Kontakt, außer zur Fortpflanzung. Der Schritt des Wolfes auf den Menschen zu hat ihm evolutionsbiologisch einen
entscheidenden Vorteil gebracht. Wenn heute vielleicht weltweit an die 250.000 Wölfe leben, so sind es mindestens 10 Millionen Hunde allein in Deutschland; eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Aber diese Erfolgsstory beinhaltet auch eine Veränderung seines Wesens und seiner Interessen. Die ohnehin schon vorhandene Skepsis gegenüber Fremden, die sein Vorfahre ihm mit in das Genom geschrieben hat, ist noch einmal verstärkt worden hin zu einer Art Monogamie in der Beziehung zu seiner Bezugsperson. Der Hund ist in erster Linie auf eine menschliche Bezugsperson orientiert (in gewissen Grenzen auch noch zu anderen Familienmitgliedern) und hat dadurch eine ökologische Nische gefunden, die ihm im Überlebenskampf einen entscheidenden Vorteil bietet. Wenn er Hilfe braucht, beispielsweise bei der Lösung von schwierigen Aufgaben, sucht er diese bei seinem Menschen. Anders der Wolf, der löst das
Problem entweder allein oder mit Hilfe seines Rudels. Und diese Fixierung auf eine Bezugsperson hat den Hund geradezu desinteressiert gemacht an seinesgleichen. Alle anderen Hunde sind für ihn nicht nur Konkurrenten, mit denen er um Nahrung
und Zuwendung konkurriert, sondern auch Rivalen oder sogar Feinde. Und Konkurrenten möchte man entweder aus dem Wege gehen oder sie verjagen. Verstärkt wurde dieses grundsätzlich agonistische Verhalten in der Beziehung zu anderen seiner Artgenossen durch das ihm, insbesondere in den Anfängen der
Domestikation, abverlangte Beschützen und Bewachen von Haus und Hof. Deshalb - um auf das zuvor genannte Gedankenspiel und die erwähnte Frage an Bello und Co. zurückzukommen – würde so manch eine Hundehalterin wahrscheinlich erstaunt sein, wenn sie die sicherlich unerwartete Antwort ihres
Schützlings hört. Die würde nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lauten: „O.k., wenn die anderen Halterinnen ohne ihre blöden Köter kommen, dann bin ich dabei.“
Was ich damit sagen will, es ist ein Irrtum und sogar Quelle vermeintlicher Verhaltensauffälligkeiten, wenn man glaubt, seinem Hund etwas Gutes zu tun, indem man mit ihm an irgendwelchen Hundemeetings teilnimmt oder zu gemeinsamen
Waldspaziergängen aufruft. Selbst gemeinsame Trainings in Hundeschulen mit der Absicht der Erziehung sind absurd. Die dabei erreichten vermeintlichen Erziehungserfolge entpuppen sich in Wirklichkeit nämlich im besten Fall als reaktive
Vermeidungsstrategien der Delinquenten. Mit einer nachhaltigen Erziehung, die unter allen späteren Lebensumstände des Hundes Wirkung zeigen soll, hat dies nichts zu tun. Im Ergebnis muss ein auf den Irrtümern des Anthropomorphisierens basierender
Erziehungsversuch demnach zwangsläufig scheitern.
Der gemeinsame Waldspaziergang mit Gleichgesinnten tut dem Wohlbefinden von Frauchen und Herrchen sicherlich gut, ohne Zweifel, denn dies korreliert mit ihren Urinstinkten und Interessen und führt zur Ausschüttung von Wohlfühlhormonen wie
dem Dopamin oder dem „Kuschelhormon“ Oxytocin. Eine gleiche Gefühlswelt aber den Hunden anzudichten, weil auch sie die Nähe und Anwesenheit vieler anderer Hunde zu ihrem Wohlbefinden bräuchten; das wäre Anthropomorphismus mit fatalen Folgen.
Denn schauen wir uns einmal gedanklich als Beobachter ein solches Hunde- Waldspaziergangs-Treffen an. Wie läuft ein solches Meeting ab, wenn alle pünktlich am vereinbarten Ort mit ihren, hoffentlich angeleinten, Schützlingen erscheinen?
Lassen Sie uns nur einmal Bello und Co. beobachten und nicht ihre Halterinnen, von denen die Mehrheit wahrscheinlich verzweifelt versucht sein wird, ihre Schützlinge an straffer Leine vom gegenseitigen Übereinander-Herfallen abzuhalten. Würde allen Protagonisten aber genügend Leine gelassen, zeigt sich mit Sicherheit ein wildes und aufgeregtes gegenseitiges Abchecken, worin denn wohl die Absichten des anderen bestehen. Am wilden Rutengewedel meint der Laie Freude festzumachen; was allerdings ein weiterer Irrtum ist. Denn das Wedeln mit der Rute ist nichts anderes als ein Indiz dafür, dass Bello und Co. unsicher sind, wie die Geschichte hier wohl weitergeht. Freude ist mit Sicherheit komplett abwesend. Anwesend sind dagegen die Psychische Anspannung und u.U. sogar der Stress, falls jemand der Protagonisten meint, keinen Einfluss mehr zu haben auf das, was hier passiert. Wenn man in dieser Situation die Möglichkeit hätte, im Urin der Protagonisten den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu messen, würden alle, die ihre Hunde lieben, ihre Schützlinge sofort und unverzüglich aus diesem Scharmützel herausholen und sie aus dieser durchaus von Angst erfüllten Situation befreien.
Sind die Absichten der anderen dann – hoffentlich, aber nicht selbstverständlich – als friedlich und harmlos identifiziert, von ihnen also keinerlei Gefahren oder Bedrohung für die eigene Sicherheit und die von Frauchen auszugehen scheint, löst sich dieses wilde Getümmel relativ schnell wieder auf und alle laufen sternförmig auseinander. Von jetzt an scheint sich plötzlich niemand mehr für den anderen zu interessieren. Auch das wilde Rutengewedel lässt nach. Warum? Ist etwa schlagartig die Freude abhandengekommen? Nein, vielmehr ist es wohl so, dass die Absichten der anderen abgeklärt und als harmlos identifiziert wurden und es jetzt keinen Grund mehr gibt, unsicher zu sein. Beachtenswert sollte dabei für den Beobachter aber auch sein, dass nicht alle Protagonisten an diesem Ritual teilnehmen. Einige wenige bleiben offensichtlich, statt an der wilden Begrüßungsorgie lebhaft teilzuhaben, an dem Geschehen
scheinbar völlig desinteressiert, lieber in der Nähe ihres Frauchens.
Sind das etwa diejenigen, die keinen Spaß haben wollen, so wie alle anderen? Im Gegenteil, sie sind diejenigen, die zuvor in den Genuss einer Erziehung gekommen sind, im Rahmen derer Frauchen sie von jeglicher Verantwortung für ihre gemeinsame Sicherheit entbunden hat. Sie haben es schlicht nicht nötig, die Absichten ihrer Konkurrenten aufzuklären im Bewusstsein, Frauchen nimmt diese Verantwortung war, wie sie es ihnen eindrucksvoll tagtäglich demonstriert. Sie zeigen deshalb auch keinerlei Interesse, einem anderen Hund seine Beschwichtigungssignale abzuverlangen oder selbst zu zeigen. Sie sind diejenigen, die anschließend auch nicht an straffer Leine zerrend und das Revier aufklärerisch inhalierend und markierend hechelnd vorneweg laufen. Im Gegenteil, sie genießen im Gefühl des Wohlbefindens die Nähe von Frauchen und schlendern genüsslich tiefenentspannt an ihrer Seite durch den Wald. Aber alle Hunde, ob sie nun erzogen sind oder nicht, würden nach der Beantwortung der zuvor genannten und ihnen gestellten Frage ergänzen, dass sie viel lieber mit Frauchen allein einen Waldspaziergang machen würden. Denn sie allein und nur der Kontakt zu ihr sind Garanten ihres Wohlbefindens; aber kein fremder Hund.