16. „Leinenmentaltraining“ –
Das Netz in den Diensten der Massenverdummung
Harry Gordon Frankfurt ist ein US-amerikanischer Philosoph. Ich stieß beim Recherchieren im Netz auf seinen Namen, weil ich auf der Suche nach einer etwas moderateren Begrifflichkeit für den Ausdruck „Blödsinn“ war. „On Bullshit“ ist der Originaltitel seines
Werkes, in dem er eine 80-seitige Begriffserläuterung abgibt. So viele Seiten zu einem Begriff wie Bockmist oder Humbug füllen zu können, war selbst für mich neu aber auch eine genugtuende Nebenerkenntnis, denn ich werde hin und wieder wegen meiner zu langen Texte kritisiert. Aber wie komme ich darauf? Immer wieder mal bitten mich Kundinnen, meine Meinung zu sagen zu bestimmten Empfehlungen der Hundeerziehung, die im Netz oder sozialen Medien veröffentlicht werden. Meistens geht es dabei um Empfehlungen, wie Hunde von ihren Macken wie Zerren, Bellen, Jagen oder Aggressionen aller Art befreit werden können.
Zugegeben, so richtig wohl fühle ich mich dabei nicht, denn es ist stets eine Gratwanderung zwischen berechtigter Kritik und Verunglimpfung. Aber – wie ich auch bereits mehrmals
betont habe – will ich mit meinen Beiträgen auch allen enttäuschten und teilweise verzweifelten Hundehalterinnen eine Stimme geben, die trotz hoch bezahlter Hundeschulbesuche keine wirksame Hilfe bekommen haben, und der Grund dafür in den
untauglichen und teilweise absurden Trainingsmethoden zu finden ist. Und nicht zu vergessen ist der vermeidbare Stress, den die vielen Hunde ertragen müssen, indem wochen- oder
monatelang stümperhaft an ihnen herumgedoktert wird.
Und so fragte mich während meiner Tour durch Österreich eine Kundin, die mich gerufen hatte, weil ihr „Leinenrabauke“ sie nervte, ob ich auch ein „Leinenmentaltraining“ anböte. Wohlbemerkt, bevor ich mich mit ihrem „Rabauken“ befasste. Denn im Anschluss an die Trainingseinheit – und das musste sie dann auch lachend zugeben – wäre sie wohl kaum noch auf eine derart absurde Fragestellung gekommen. Aber wie gesagt, sie konfrontierte mich mit ihrer Frage vor meiner Dienstleistung. Und da ich offenbar ungläubig dreinschaute, denn mir war weder der Begriff geläufig noch erschloss sich mir der Sinn, schickte sie sich an, mich
aufzuklären: Es gebe sogar einen Internet-Blog, in dem zu diesem Thema immerhin ganze Seiten gefüllt werden. Im Kern gehe es darum, dass, bevor das eigentliche Leinentraining mit dem Hund
beginne, der Mensch sich zunächst im Rahmen eines mentalen Trainings, quasi durch seine Vorstellungskraft, das angenehme Gefühl aneignen solle, welches sich einstelle und man empfände, wenn der Hund nicht mehr an der Leine zerre. Dazu empfehle man u.a. folgende Übung: Frauchen oder Herrchen sollen versuchen mit locker herunterhängendem Arm und locker herunterhängender Leine in der Hand, sowie unterschiedlich angewinkelten Unterarmen, das sich jetzt einstellende angenehme Gefühl in sich aufzunehmen und einzuprägen. Die Absicht, die dahinterstecke, sei, nicht nur die für ein erfolgreiches Training notwendige Vorstellung und Erwartungshaltung, sondern auch die notwendige Überzeugung zu erlangen, ohne die angeblich der Erfolg des anschließenden „vernünftigen“ Leinentrainings ausbleiben könne; sozusagen als Voraussetzung, um überhaupt mental bereit zu sein, das Ziel des Leinentrainings zu erreichen. Wohlbemerkt, alles ohne Hund, nur mit locker
herunterbaumelnder Leine in der Hand! Wieder zu Hause angekommen, drängte es mich dann doch, selbst einmal ins Netz zu schauen, um auszuschließen, ob es sich nicht doch um einen Scherz handelte, den sich die Kundin mit mir erlaubte. Aber weit gefehlt, es gibt diese Empfehlungen tatsächlich: Die „Tiertrainerin“ betitelt ihre Empfehlungen zwar immerhin selbst als „ungewöhnliche“ Leinenübungen, aber lässt keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Ratschläge. Und sie empfiehlt sogar, die Übungen ein paar Tage lang zu wiederholen und sich quasi selbst zu beobachten, was mit einem geschehe. Aber damit noch nicht genug des Nonsens, es kommt noch besser! So empfiehlt sie (ich
zitiere wortwörtlich einschließlich der im Original benutzten Kleinschreibung); und ich betone ausdrücklich, mir hier keinen Scherz mit Ihnen zu erlauben: „bleib in dieser körperhaltung, die leine in der hand (die locker zu Boden hängt) und stell dir
nun vor, dass du mit dem hund unterwegs bist. Der läuft ganz entspannt an lockerer leine mit dir mit – stell dir das richtig bildlich vor, schau mal: jetzt wird er langsamer und schnüffelt ein wenig, jetzt geht er weiter, wird etwas schneller, aber er bremst sich wieder ein, bevor das ende der leine erreicht ist…. achte drauf, dass dein Arm auch wirklich so entspannt bleibt, wie er vorher war und nicht schon die blosse Vorstellung vom hund an der leine deinen muskeltonus wieder erhöht.“
Doch auch damit noch nicht genug. Um den Hund von seinem Zerren abzubringen, rät sie sogar, eine Atemübung anzuwenden:
Ich zitiere: „zu den wichtigsten Werkzeugen im Hundetraining überhaupt zählt das Ausatmen, besonders aber im Leinentraining. wenn du tief und hörbar ausatmest, dann entspannt sich
dein Körper ganz unwillkürlich – und dein Hund ganz automatisch mit. Damit unterbrichst du wirksam euer Zerrspiel (und deine Emotionen, falls dir die Zieherei mal wieder auf die nerven
geht! entspannung ist das, was man für eine lockere Leine braucht. Also üb auch das erst mal
im Trockentraining. Stell dir vor, dein Hund zieht an der Leine, atme tief aus und spür, wie du dich entspannst und wie die Leine locker wird. Wenn du das vorher schon übst, fällt es im
Bedarfsfall leichter.“ Ich stellte mir während der Lektüre einmal meinen Alltag vor: Ich würde einem Kunden, der einen 60-kg Rottweiler, Schäferhund, einen Pitbull Terrier oder vielleicht einen American Staffordshire Terrier sein Eigen nennt und nicht mehr Herr seines Leinenaggressors ist, empfehlen, wenn sein Kraftpaket sich wieder einmal anschickt, ihn durch die Gegend zu
schleifen, Atemübungen einzulegen und sich bewusst zu werden, dass das Ausatmen zu den wichtigsten Werkzeugen im Hundetraining zähle. Ich bin mir sicher, der Kunde würde an
meinem Geisteszustand zweifeln. Aber Spaß beiseite.
Um einen an der Leine zerrenden Hund nachhaltig und sofort von seinem unerwünschten Verhalten abzubringen und eine dafür geeignete Trainings- oder besser gesagt Erziehungsmethode auszuwählen, macht es Sinn, sich zunächst die Ursachen des Zerrens bewusst zu machen. Denn die Lösung kann nur in deren Beseitigung liegen. Den Hauptrund, warum ein Hund an der Leine zerrt, habe ich bereits im 15. Fachartikel erläutert und will ihn hier nicht wiederholen. Theoretisch gebe es noch zwei weitere, die zu
einem gelegentlichen Zerren führen können. Dazu zählt zum einen der ausgelöste Jagdinstinkt, falls Meister Lampe am Horizont auftauchen sollte und man Bello zuvor seinen Entscheidungsspielraum noch nicht eingeschränkt hätte. Und zum anderen das gewissermaßen in Auftrag gegebene Zerren; beispielsweise, wenn Bello einen sechsmal so schweren Schlitten wie er selbst wiegt samt Chef quer durch Sibirien zerren soll. Aber ich denke, dass letzteres nicht gemeint ist, wenn Frauchen oder Herrchen gegenüber einer Hundeschule das Zerren ihrer Schützlinge beklagen und um Abhilfe bitten. Beim Jagdinstinkt kann insofern auch Entwarnung gegeben werden, da er sich als Grund gleichzeitig und sozusagen als schöner Nebeneffekt in Wohlgefallen auflöst, wenn der im Artikel 15. beschriebene Hauptgrund beseitigt wurde. Damit will ich darauf hinweisen, dass
ein separates Antijagdtraining, von dem auch häufig die Rede ist, unnötig oder überflüssig ist. Um aber noch einmal auf die aberwitzigen Empfehlungen zurückzukommen: Neben dem
Nonsens, mit Hilfe mentaler Übungen dem Hund den Grund für sein Zerren nehmen zu wollen – was ja bedeuten würde, den Hund auf diesem Wege von seiner Verantwortung für die Sicherheit entbinden zu können – zeugen selbst ihre Schilderungen des imaginären Verhaltens des imaginären Hundes sogar von einer totalen Ahnungslosigkeit, was den möglichen Grund des hündischen Zerrens anbelangt – so sie sich darüber überhaupt
Gedanken mache. Wenn sie beispielsweise so niedlich schildert, „… jetzt wird er langsamer und schnüffelt ein wenig …“, müsste ihr eigentlich schon ein Licht aufgehen – so sie die fachliche Qualifikation besitzen würde – dass sich hierin bereits der Grund des Zerrens offenbart. Denn für das Schnüffeln gibt es nur einen Grund: Der Hund klärt das Revier auf. Und die nächste Frage, die sich daraus ergeben müsste: Warum klärt er das Revier auf? Die
Antwort findet sich in seiner Verantwortung für die Sicherheit.
Dem Hund diese Verantwortung zu nehmen, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gelingen, indem man sich mental in einen schlafähnlichen Zustand versetzt oder tief ausatmet.