42. Die Schleppleine – sinnvoll oder kontraproduktiv?
oder
Was hat das mit Aristoteles zu tun?


Verschiedentlich gehe ich in meinen Beiträgen nicht nur auf so manch eine für die Hundeerziehung ungeeignete Empfehlung vermeintlicher Fachleute ein, sondern auch auf solche, die dem vorgegebenen Ziel sogar entgegenwirken. Soll heißen, Empfehlungen, die laut Meinung dieser „Experten“ dem Ziel dienen sollen, den Hund von seinem unsozialen Verhalten zu befreien, tatsächlich jedoch das unerwünschte Verhalten sogar manifestieren. Nicht vordergründig mit der Absicht, diese „Experten“ diskreditieren zu wollen, sondern eher, um die Ungeeignetheit ihrer Ratschläge und die damit einhergehende Erfolglosigkeit und sinnlos verursachte Frustration bei Mensch und Tier zu begründen. Womit ich letztendlich all denjenigen Hundehaltern, die unter dieser fachlichen Inkompetenz leiden, nicht nur eine Stimme und Erklärung geben, sondern auch wiederum Mut machen möchte, dass es trotzdem eine Lösung gibt, weil nicht vermeintlich ihr Hund das Problem ist, sondern eher die fachliche Inkompetenz derer, die ihnen diese unsinnigen Empfehlungen geben.

So auch im Fall einer Hundehalterin, der, wie sie es selbst nannte, von „professioneller Seite“ Empfehlungen gegeben wurden, wie sie ihren „Leinenrabauken“ doch noch in den Griff bekommen könne, quasi als letztes Mittel. Offensichtlich waren zuvor etliche andere
Versuche bereits gescheitert. Sie nannte in dem Kontext zwar ihre Tierärztin, erwähnt sie aber nicht ausdrücklich als Quelle der Empfehlungen. Deshalb unterstelle ich einmal, dass nicht letztere die Empfehlende war, sondern eher ein Hundetrainer. Bei einer Tierärztin wären solche Fauxpas vielleicht verzeihlich, auch wenn ich ihr bei allem Respekt vor ihrer eigentlichen Professionalität dann doch empfohlen hätte, Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten!
Ich gehe aber in diesem Fall doch eher davon aus, dass der Kundin, wenn sie von „professionellen“ Empfehlungen spricht, diese seitens einer Person erhielt, die sich beruflich mit der Hundeerziehung befasst, oder anders ausgedrückt, Inhaber einer Zertifizierung nach §11 Abs. 1 Nr. 8f des Tierschutzgesetzes ist und somit die fachliche Eignung und praktische Sachkunde beim zuständigen Veterinäramt nachgewiesen hat.

Worum ging es bei den erwähnten Empfehlungen? Neben einer ganzen Reihe von untauglichen Ratschlägen, wie sie ihren „Zerrer und Pöbler an der Leine“ in den Griff bekommen könne, war es insbesondere die Empfehlung, statt der üblichen Hundeleine doch
lieber eine Schleppleine zu nutzen, die mir besonders aufstieß. Denn mir berichteten in der Vergangenheit bereits wiederholt verschiedene Kunden von einer derartigen Empfehlung als
Hilfsmittel zur Hundeerziehung. Und sie alle nannten ausdrücklich Hundeschulen oder Hundetrainer als Quelle und nicht etwa unqualifizierte Laien. Deshalb will ich an dieser Stelle doch einmal auf das Phänomen Schleppleine im Kontext der Hundeerziehung eingehen. Vorausgesetzt, wir sind uns darüber einig, dass es sich beim „Zerren oder Pöbeln an der Leine“ um ein Erziehungs- und nicht um ein Ausbildungsproblem handelt. Denn dieses unerwünschte und lästige Benehmen an der Leine betrifft das Sozialverhalten des Hundes und nicht etwa sein Nichtbefolgen von Kommandos jeglicher Art, was das Ziel und Resultat der Ausbildung wäre.

Um mir ein Urteil zu erlauben, habe ich mich zunächst einmal im allwissenden Netz für die vorgebrachten Argumente interessiert, mit denen die Nutzung der Schleppleine als vermeintlich probates Mittel begründet werden. So wird zum einen argumentiert, die
Schleppleine sei ein „verlängerter Arm des Hundehalters“, der einen kontrollierten Freilauf und somit dem Hund eine größere Bewegungsfreiheit bei gleichzeitig möglichem Zugriff auf ihn ermögliche. Zum anderen sei sie auch ein sehr gut geeignetes Mittel bei einem Rückruf- und Antijagd-Training. Im Kern geht es den Befürwortern somit darum, einen Hund, dem man unterstellt, unkontrolliert das Weite suchen zu wollen, aus welchen Gründen auch immer, trotzdem einen möglichst großen Bewegungsradius zuzugestehen. Auch kursieren dazu eine ganze Reihe von Videosequenzen, in denen das Training mit der Schleppleine demonstriert wird. Auffallend ist, dass nicht in einem einzigen dieser Beiträge der Grund des hündischen Zerrens, Pöbelns oder des ihm unterstellten Davonlaufen-Wollens thematisiert wird, was doch unabdingbare Voraussetzung wäre, um überhaupt die Geeignetheit begründen zu können. Es wird demzufolge die vermeintliche Lösung für ein Problem beschrieben, ohne letzteres zu benennen. Oder sollte ich besser sagen, ohne es überhaupt zu kennen, geschweige denn verstanden zu haben.

Ich kann deshalb nur schlussfolgern, dass das unerwünschte hündische Verhalten, zu dessen Beseitigung die Verwendung einer Schleppleine empfohlen wird, von den „Experten“ gar nicht als Erziehungsproblem erkannt wird, welches dann mit einer einfachen Erziehung aus der Welt geschafft werden könnte. Da ein zertifizierter, sprich qualifizierter Hundetrainer es aber zu seinem Wissensrepertoire zählen sollte, dass eine Schleppleine eher ein Hilfsmittel bei der Ausbildung bzw. Aufgabenerfüllung ist, müsste spätestens an dieser Stelle jeder „Experte“ über die Fragwürdigkeit oder zumindest Diskussionswürdigkeit seiner Empfehlungen stolpern.

Es wäre doch wohl viel sinnvoller, bevor über die Verwendung einer Schleppleine als Lösung des „Problems“ nachgedacht wird, zunächst einmal darüber nachzudenken, worin denn eigentlich das „Problem“ und seine Ursache besteht. Denn ein Problem zu lösen, setzt in der Regel die Beseitigung der Problemursache voraus und nicht die Beseitigung der Symptome. Und erst danach darüber nachzudenken, ob mit dem auserwählten Mittel die Ursache des Zerrens oder Pöbelns überhaupt aus der Welt geschafft werden kann. Vergleichbar mit der Fragestellung bei einer medizinischen Bewertung einer Medikation bei bekannten
Krankheitsursachen, ob sie wirklich geeignet ist, die Krankheit durch die Beseitigung der Ursache aus der Welt zu schaffen bzw. zu heilen, oder lediglich geeignet ist, die Schmerzen, sprich Symptome zu lindern.

Beim Konsum der Videobeiträge entsteht der Eindruck, seitens der „Experten“ werde empfohlen, ohne dass es ihnen wahrscheinlich bewusst ist, die Schleppleine jenen Hunden anzulegen, die noch nicht in den Genuss einer Erziehung gekommen sind, um die Folgen und Auswirkungen des Nicht-erzogen-Seins in Grenzen zu halten. Das Erziehen dieser Hunde als Alternative wird von ihnen überhaupt nicht in Betracht gezogen. Eine andere Interpretation
lassen die Beiträge jedenfalls nicht zu. Denn ein Hund, der seinem Jagdtrieb ungezügelt nachgeht oder aufklärerisch das Gelände erkundet, ohne abrufbar zu sein, ist schlicht und ergreifend nicht erzogen. Das heißt, ihm wurde offensichtlich und unbewusst nicht nur die Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die von Frauchen oder Herrchen überlassen, woraus sich sein Aufklärungsinteresse des Reviers speist, sondern ihm wurde auch ein zu großer Entscheidungsspielraum zugestanden, was an seinem ausgelebten Jagdinstinkt festgemacht werden kann. Beides sind Erziehungssachverhalte und könnten wie bereits
erwähnt im Rahmen der Erziehung relativ schnell aus der Welt geschafft werden.

Anstatt den Hund zu erziehen, soll stattdessen mittels der Schleppleine an den Symptomen des unerzogenen Hundes herumgedoktert und die unangenehmen Auswirkungen seines
unerwünschten Verhaltens eingedämmt werden. Und zur Beschreibung dessen wird ein recht großer Aufwand betrieben, um allerlei Übungen zum Beherrschen des Umgangs mit der
langen Strippe zu demonstrieren. Denn dieser sei den Aussagen zufolge zugegebenermaßen nicht ganz unproblematisch. Allein das Beherrschen des Haltens der Leine an der richtigen Stelle und in der richtigen Länge sei von allerlei aufgezählten Bedingungen abhängig. So solle unbedingt bedacht werden, wieviel lockere Leinenlänge Bello zugestanden werde, falls er ein antrittsstarker Bursche sein sollte. Zwar sei nicht jeder gleich ein Greyhound und bringe es locker mal auf über 60km/h, aber manchmal ersetze auch Gewicht die Geschwindigkeit und drohe, Frauchen die Schulter auszurenken, falls Bello bei seinem Davonhetzen
ungebremst das Ende der Leinenlänge erreiche. Auch solle man die Handschuhe nicht vergessen, um den Besuch der Notaufnahme zu vermeiden, falls die Strippe mal durch die
Hände rauschen sollte. Segler können davon ein Lied singen. Und nicht zu vergessen sei das mögliche Verhaken der Leine an allerlei möglichen natürlichen Hindernissen als Gefahr für Leib und Leben usw. usw. .

Mit anderen Worten: Anstatt Bello & Co. eine einfache Erziehung angedeihen zu lassen, im Ergebnis dessen sie sowohl das Herumstrolchen, ohne wieder abrufbar zu sein, als auch das
Jagen, ohne dafür die Erlaubnis erhalten zu haben, von ganz allein sein lassen würden, soll Frauchen lieber mit einem an einen den Mount Everest bezwingen Bergsteiger erinnernden Leinenhaufen herumhantieren. Und wenn man den Videobeiträgen Glauben schenken darf, sollte Frauchen und Herren auch nicht den Rucksack mit Leckerli vergessen.

So weit, so ungut. Mich interessiert im Zusammenhang solcher aberwitzigen Dinge noch etwas anderes; nämlich die Gründe für die offensichtliche Glaubwürdigkeit solcher Empfehlungen. Warum werden sie weitestgehend akzeptiert und nur sehr selten kritisch hinterfragt? Mir kommt da stets der Altmeister der Philosophen Aristoteles in den Sinn. Ihm nämlich werden die sogenannten primären Assoziationsgesetzte zugeschrieben.

Der Grund für die Glaubwürdigkeit selbst von durch den gesunden Menschenverstand leicht ad absurdum zu führenden Empfehlungen könnte nämlich die Verwendung assoziativer
Begrifflichkeiten durch ihre Vertreter sein, die beim Laien sofort eine hohe Akzeptanz des Gesagten begründen. Den primären Assoziationsgesetzen zufolge hängt die Assoziationsstärke zweier Reize sowohl von ihrer räumlichen und zeitlichen Nähe zueinander
als auch von ihrer Gleichheit oder Gegensätzlichkeit während des Hörens ab. In unserem Fall bedeutet dies, dass offensichtlich die Begrifflichkeit „Freiheit“, die im Kontext der Schleppleine gerne verwendet wird, mit einem derart positiv assoziierten Sinn (Gleichheit) belegt ist und dadurch derart stark wirkt, dass niemand auch nur einen Gedanken daran verschwendet, einen Zweifel an der Legitimität solcher Empfehlungen zu hegen. Wenn eine „Expertin“ beispielsweise der Hundehalterin, die einen „Leinenrambo“ ihr Eigen nennt, die Verwendung einer Schleppleine als Lösung ihres Problems ans Herz legt und dies mit den
wohlfeilklingenden Worten begründet, ihren Hund dadurch einerseits unter Kontrolle zu behalten aber gleichzeitig ihm eine wesentlich größere Freiheit zu gewähren, macht es offensichtlich Klick im Kopf der Hundehalterin. Der Begriff Freiheit ist mit derart positiven Emotionen assoziiert, dass jede Skepsis oder Kritik offensichtlich schon im Keime erstickt.

Doch an dieser Stelle muss ich intervenieren, denn die dem Hund mit einer Schleppleine vermeintlich zugestandene „Freiheit“ hat mit der Assoziation der positiv belegten Freiheit so gut wie nichts zu tun. Denn nach dem Soziologen Lord Ralf Dahrendorf ist die „Freiheitdie Abwesenheit von Zwang.“ Und wenn wir uns den oben beschriebenen Hund anschauen, ist er keineswegs von Zwängen befreit. Im Gegenteil, auf ihm lastet der Zwang, Verantwortung zu tragen, nicht nur für seine eigene Sicherheit, sondern auch für die von Frauchen oder Herrchen – deshalb auch sein aufklärerisches Herumstöbern im Revier vor ihnen, um abzuchecken, ob irgendwo Gefahren lauern könnten. Seinen
Verantwortungsbereich grenzt dabei nur die Länge der Leine ein. Bindet man ihn nun, wie seitens der „Experten“ empfohlen, an eine noch längere Strippe, versteht der Hund das ihm damit gegebene Signal sehr wohl, jetzt die Verantwortung für ein noch größeren Radius als bisher übertragen bekommen zu haben. Wenn man diesen Hund stattdessen tatsächlich mehr Freiheit gewähren wollte, muss man ihn schlicht und ergreifend nur erziehen und damit von jeglicher Verantwortung befreien – denn nichts anderes verbirgt sich hinter der Erziehung. Das wäre Freiheit im wahrsten und besten Sinne.

Eine Bemerkung zur Sinnlosigkeit der Schleppleine im Kontext der Erziehung eines Hundes sei mir abschließend noch gestattet. Immer vorausgesetzt natürlich, wir sind uns darüber einig, dass der Grund des Zerrens und Pöbelns an der Leine sowohl in der dem Hund überlassenen Verantwortung für die Sicherheit als auch dem ihm überlassenen zu großen Entscheidungsspielraum zu finden ist. Wenn behauptet wird, dass eine Schleppleine eine
Möglichkeit wäre, den Hund von seinem Drang davonzustreben oder zu Pöbeln abzubringen, könnte man ja im Umkehrschluss behaupten, nur die Kürze der Leine sei die Ursache. Dann
könnte man sogar die absurde Behauptung aufstellen, mit einer langen Leine entbinde man den Hund von seiner Verantwortung für Sicherheit und schränke seinen Entscheidungsspielraum ein. Spätestens an dieser Stelle wird es unsinnig, oder?

Damit ich nicht falsch verstanden oder interpretiert werden: Es geht mir nicht um eine grundsätzliche Infragestellung der Schleppleine. Sie hat lediglich in der Hundeerziehung
nichts zu suchen. Im Rahmen der Ausbildung, bei der dem Hund unterschiedlichste Fähigkeiten und Fertigkeiten, die er von Hause aus nicht beherrscht, wie Sitz, Platz & Co., beigebracht oder antrainiert werden soll, mag sie vielleicht hilfreich sein, so der Hund zuvor noch nicht in den Genuss einer Erziehung gekommen sein sollte. Oder als sogar unentbehrlich sehe ich sie bei bestimmten Spezialaufgaben wie dem Suchen und Retten oder
Polizeieinsätzen.