17. Der Pygmalion-Effekt – eine Kritik an meinen Kritikern
Ich freue mich grundsätzlich über jeden Diskussionsbeitrag und jeden Kommentar, insbesondere auch kontroverse, die jemand als Reaktion auf meine Fachbeiträge schreibt. Dazu bedarf es nur einer Bedingung: Sie sollten sachlich formuliert sein und den ernsthaften Willen nicht vermissen lassen, konstruktiv an einer Wahrheitsfindung teilhaben zu wollen. Meine Erkenntnisse, die ich hier zur Diskussion stelle, will ich bekanntlich nicht als alleingültige Wahrheit oder gar Dogma verstanden wissen, sondern als Beitrag zur Falsifikation bestehender Theorien der Hundeerziehung. Zu der sich im Übrigen jeder verpflichtet sehen sollte, der eine Theorie, Hypothese oder gar nur eine These formuliert oder vertritt.
Der Verhaltensforscher Konrad Zacharias Lorenz hat es einmal treffend formuliert: "Die meisten von uns … lieben ihre Hypothesen, und es ist, wie ich einmal sagte, eine zwar schmerzhafte, aber jung und gesund erhaltende Turnübung, täglich, gewissermaßen als
Frühsport, seine Lieblingshypothese über Bord zu werfen." Da auch ich mir dieser Notwendigkeit bewusst bin, seinen eigenen Hypothesen gegenüber zu schnell den kritischen Blick zu verlieren, denn sie sind meistens das Ergebnis langjährigen Bemühens, die man nicht so gerne bereit ist, über den Haufen zu werfen, bin ich dankbar für jeden Diskussionsbeitrag, der mich zwingt, mich immer wieder aufs Neue mit ihnen auseinanderzusetzen und ihre Gültigkeit zu hinterfragen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich kontroverse Diskussionsbeiträge begrüße: Sie sind für mich wichtige Indikatoren, ob ich mich verständlich oder eventuell
missverständlich ausdrücke. Zu letzterer Kategorie von Kommentaren zählt auch eine besondere Art von Widerreden. Nämlich solche, die vorgeben, einer von mir getroffenen
Aussage zu widersprechen, obwohl ich eine solche Aussage gar nicht getroffen habe oder aber der Autor meint, mir zu widersprechen, dies aber gar nicht tut. Woraus ich entnehme,
dass Leser manchmal in meine Texte etwas hineininterpretieren, was da gar nicht steht. Das Phänomen des Hineininterpretierens in eine Wahrnehmung ist gar nicht so selten und wird deshalb auch explizit in dem Forschungszweig namens „social perception“ (soziale Wahrnehmung) thematisiert. Dieser untersucht, wie sich Erfahrungen, Bedürfnisse und auch Erwartungen auf die sinnliche Wahrnehmung auswirken. Am Beginn steht der Reiz oder die
Reizaufnahme und am Ende das Sinnerlebnis. Dazwischen beeinflussen subjektive Elemente – beispielsweise die Erwartung – das Resultat und führen oftmals zu seiner Verfälschung. Da das Gehirn ununterbrochen Vorausberechnungen zum weiteren Geschehen anstellt, produziert es auch ständig neue Erwartungen zu dem, was so gleich geschehen wird. Wenn dann das
reale Geschehen eintritt und beides stimmt nicht überein, kommt es nicht selten zu dem Phänomen, dass die kognitiven Prozesse uns einen Streich spielen und das reale Geschehen dem erwarteten anpasst. Mit anderen Worten, wenn jemand erwartet, dass etwas so und nicht anders geschehen wird, neigt er dazu, in ein von seiner Erwartung abweichendes Geschehen seine Erwartung hineinzuinterpretieren. Auch Goethe thematisierte diese Erkenntnis und ließ seinem Faust Mephisto in der Hexenküche sagen: „Du siehst mit diesem Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe.“ Auch die Pädagogik kennt das Problem. Hier nennt es sich „Pygmalion-Effekt“. Der Künstler Pygmalion von Zypern erschuf eine Elfenbeinstatue, in die er sich schließlich verliebte. Am
Festtag der Venus flehte er die Göttin der Liebe an, sie möge seine künftige Frau so sein lassen wie die von ihm erschaffene Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen begann, erwachte diese tatsächlich zum Leben.
In die Kategorie, in meine Texte etwas hineinzuinterpretieren, was dort gar nicht steht, fällt auch folgende Kritik eines Lesers. Auf einen meiner Artikel, in denen ich wie in vielen anderen die These vertrete, dass mittels einer Belohnung die Erziehung des Hundes
unmöglich sei, sondern lediglich seine Konditionierung, schrieb ein Herr H. F.: Zitat: „Die Behauptung, mit Belohnung sei keine Verhaltensänderung zu erzielen, ist wissenschaftlich widerlegt. Mittels Belohnung lassen (sich) Konditionierungen erzielen, die
medizinisch nachweisbare Veränderungen im Gehirn erzeugen…“
Der Leser unterstellt mir somit in seinem Kommentar, dass ich behauptet hätte, mittels der Belohnung sei keine Verhaltensänderung zu erzielen. Wahrscheinlich, weil er erwartet hat, dass ich annehme, eine Konditionierung bewirke keine neuronalen Veränderungen, die sich auf ein verändertes Verhalten auswirken. Eine solche Behauptung habe ich aber niemals getroffen. Vielmehr war meine Aussage, dass eine Erziehung durch eine Belohnung nicht möglich sei, weil durch sie nur eine Konditionierung erreicht werden könne. Was er selbst
sogar bestätigt, indem er die Konditionierung als Wirkung der Belohnung beschreibt. Die Konditionierung ist aber nicht das Ergebnis der Erziehung, weil letztere eine Einflussnahme
auf das Dispositionsgefüges des Hundes voraussetzt, was allerdings durch die Konditionierung nicht möglich ist. Aber vielleicht verschaffte auch schon der Begriff Verhaltensänderung, den ich in meinen Texten wahrscheinlich nur im Kontext der Erziehung verwendet habe, eine falsche Erwartung. Wenn man nämlich eine erfolgreiche Konditionierung ebenso mit einer
Verhaltensänderung gleichsetzt (was ich bei Herrn H. F. unterstelle) oder sie damit assoziiert und ich dies nicht explizit getan habe, könnte man die Erwartung generieren, ich setze das
Ergebnis einer Konditionierung nicht mit einer Verhaltensänderung gleich. Das war aber mitnichten weder meine Intension noch der Sinn meine Darlegungen. Ich widerspreche Herrn H. F. diesbezüglich in keiner Weise, denn selbstredend korreliert eine Konditionierung stets mit einem determinierten Verhaltensmuster. Aber ein solches Verändern im Verhalten des Hundes ist im Kontext meiner Artikel, wo es
um das Unterlassen von unerwünschten oder sogar gefährlichen Verhaltensweisen geht, die im Dispositionsgefüge des Hundes begründet sind, nicht gemeint. Deshalb noch einmal zur Erklärung meiner Aussage: Die Erziehung zielt – laut Definition – auf eine Veränderung im Dispositionsgefüges (Veranlagungen, Instinkte, Bedürfnisse) ab. Konditionierungen können dies nicht oder nur sehr langfristig (beispielsweise durch epigenetische Veränderungen, indem über einen relativ langen Zeitraum Umwelteinflüsse und langfristige Lebensbedingungen ihre Wirkung entfalten). Da aber alle sogenannten Verhaltensauffälligkeiten wie beispielsweise das Zerren an der Leine (zum Zwecke des Aufklärens), das Verbellen (Fernhalten von Gefahren) oder alle Arten von Aggressionen (außer Jagen) bis hin zu Beißattacken in der Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses des Hundes begründet sind – was Bestandteil seines Dispositionsgefüges ist – bedarf eine Veränderung solcher Verhaltensweisen zwingend der Einflussnahme auf dieses Bedürfnis, indem die Rahmenbedingungen, unter denen er lebt, ihm zeigen, dass seine Sicherheit gewährleistet ist. Dies kann nur durch Mittel und Methoden der Erziehung, zu denen die
Demonstration zählt, erfolgen und nicht durch Methoden der Konditionierung. Denn letztere bezweckt nicht die Veränderung, sondern im Gegenteil, sie nutzt das vorhandene Dispositionsgefüge (beispielsweise das Bedürfnis nach Nahrung) aus, um mittels eines extrinsischen Reizes (beispielsweise Belohnung durch ein Leckerli) ihn zu einem bestimmten Verhalten (Reaktion) zu bewegen und durch häufiges Wiederholen ein Reiz-
Reaktionsmuster im Gehirn neu zu verankern. Typische Beispiele sind alle Kommandos oder Tricks, die dem Hund beigebracht werden können. Die Erziehung hingegen, indem sie eine
Veränderung im Dispositionsgefüge bewirkt, stellt eine intrinsisch wirkende Veränderung dar.