18. Eine Kritik an der Praxis der Kastration
Ist die Kastration vielleicht eine Lösung, besonders aggressive Hunde von ihrem unerträglichen Verhalten zu befreien. Nun ist dazu sicherlich an anderer Stelle schon alles gesagt oder geschrieben und ich möchte hier nicht ein weiteres Beispiel für Karl Valentins Ausspruch liefern, es sei schon alles gesagt, nur noch nicht von allen, denn an Beiträgen oder Informationsquellen mangelt es diesbezüglich wahrlich nicht. Nein, vielmehr drängt es mich aus zweierlei Gründen, einen Kommentar dazu zu schreiben:
Zum einen fällt mir auf, dass ein Teil aller Hunde, zu deren „Problembeseitigung“ ich gerufen werde, zuvor bereits kastriert wurden. Und zwar aus den gleichen Gründen, warum man mich
um Hilfe gebeten hat. Damit bestätigen meine Praxiserfahrungen die Erkenntnisse einer amerikanischen Studie, wonach das Mittel der Kastration nicht geeignet sei, um einen
verhaltensauffälligen Hund zu „beruhigen“. Die Kastration als Mittel, einen Hund von seinen
Aggressionen zu befreien, sollte sich damit disqualifiziert haben. Ich halte die Kastration somit als Mittel der Erziehung für ähnlich ungeeignete wie das bei vielen Hundetrainern allseits beliebte Konditionieren. Und zum anderen werde ich selbst sogar direkt von Kundinnen darauf angesprochen, ob die Kastration für sie vielleicht die Lösung aller Probleme wäre. Oftmals verbirgt sich dahinter pure Verzweiflung. Denn diese Kundinnen haben nicht selten die Strapazen regelrechter Odysseen an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich, ohne dass auch nur die Spur einer Verbesserung im Verhalten ihrer Hunde zu bemerken sei. Dabei ist, nebenbei bemerkt, auffallend, dass mich Herrchen im Gegensatz zu Frauchen wesentlich seltener fragt. Da meine Kundinnen in der Regel eine einfache und schnelle Antwort erwarten, die es aber, vorweggenommen, nicht gibt oder geben kann, halte ich es, um überhaupt zu reagieren, zunächst mit dem österreichischen Verhaltensbiologen Prof. Kurt Kotrschal, von dem das Zitat stammt: „Wer mit der Sexualität seines Hundes nicht klarkommt, der sollte sich keinen halten!“. Zugegeben, ein wenig forsch, wenn ich einer Kundin mehr oder weniger unverblümt
an den Kopf werfe, sich doch keinen Hund hätte anschaffen sollen, wenn schon sein natürliches Verhalten sie störe. Aber im Kern läuft es schon darauf hinaus. Zumal es eine wesentlich vernünftigere Lösung gibt. Zumindest lehne ich eine leichtfertige Entscheidung zugunsten der Kastration grundsätzlich ab. Ich spreche hier auch ausdrücklich nicht von der Sterilisation, sondern ausschließlich von der Kastration, also der Entnahme von Organen. Und ich spreche auch nicht von der Situation einer medizinisch klinischen Indikation, die einen Eingriff quasi alternativlos macht. Zunächst verweise ich auf das Tierschutzgesetz § 6, mit dem der Gesetzgeber sehr hohe Hürden errichtete und die Kastration im Grunde genommen verbietet. Damit ist unzweifelhaft geklärt, dass eine Kastration zum Zwecke der Erziehung des Hundes, abgesehen von seiner Ungeeignetheit, auch unzulässig ist. Ich rate aber, unabhängig von der Rechtslage, jedem, der mit dem Gedanken spielt, seinem Rüden die Männlichkeit oder auch der Hündin den Sexualtrieb zu nehmen, sich zuvor Rat bei den Fachleuten zu holen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, insbesondere wenn der
Ratgebende identisch ist mit dem, der mit der Ausführung der Kastration seinen Gewinn maximiert. Dann sollte selbst der naivste Zeitgenosse sich fragen: Cui bono? Stattdessen gibt es eine Reihe von sehr aussagekräftigen wissenschaftlichen Studien und
Untersuchungen. Beispielsweise eine solche von Hart & Eckstein aus dem Jahre 1997. Eine der zentralen Erkenntnisse ist, dass bei Rüden, denen man die Männlichkeit genommen hat zwecks Eindämmung ihres aggressiven Verhaltens oder genereller Beruhigung, keine Besserung nachweisbar war. Das heißt, die juristische Unzulässigkeit wird zusätzlich gestützt durch die biologische Sinnlosigkeit. Den einzigen Effekt bezüglich des hündischen Verhaltens, den man mit einer Kastration erzielt, ist sein sexuell bedingtes Verhalten während der Läufigkeit einer Hündin einzudämmen, weil ihm das Hormon Testosteron quasi
abhandengekommen ist. Wobei selbst das in der Studie nicht eindeutig belegt werden konnte, wenn der Hund beispielsweise zuvor bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt hat. Mit anderen Worten, man würde ihm vielleicht und eventuell das sexuell bedingte temporäre Zerren an der Leine wegoperieren. Aber da sollte sich jeder des Ratschlags des österreichischen Verhaltensbiologen besinnen. Eine andere vorzügliche Ratgeberquelle ist der Endokrinologe, den auch ich mir auserwählt
habe, um mir zumindest ein Grundwissen anzueignen, welches mich in die Lage versetzt, meinen Kundinnen einigermaßen sachlich Antwort und Rat geben zu können. Denn die richtigen Antworten findet nur, wer zuvor das komplexe Zusammenspiel der Hormone wenigstens grundsätzlich „verstanden“ hat. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: Testosteron und Östrogen, Follikel-Stimulierendes-Hormon, Luteinisierendes-Hormon, Adreno-
Carticotropes-Hormon, Oxytocin, Vasopressin, Prolaktin, Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin, um nur einige zu nennen. Sie alle – wenn mir diese Metapher gestattet sei – spielen ein sehr wichtiges Instrument in einem großen und komplexen Orchester, was sehr
anfällig ist gegen Störungen. Nur wenn jedes auch in der richtigen Tonlage spielt und zum richtigen Zeitpunkt, klingt das Gesamtwerk erst harmonisch. Wenn aber ein Instrument fehlt oder in einer falschen Lautstärke spielt oder zum falschen Zeitpunkt, klingt das Ganze unschön. Und wie die Theorie von der Komplexität uns warnt, kann das Drehen an der Stellschraube einer Variablen, die mit vielen anderen untereinander verknüpft ist, interagiert
und die sich gegenseitig beeinflussen, unvorhergesehene Folgen nach sich ziehen. Denn hier fungiert oftmals eine Variable als Modulator einer anderen. Dazu empfehle ich die Lektüre eines Buches mit dem Titel Kastration und Verhalten beim
Hund von Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer. Nun bin ich trotzdem kein Endokrinologe geworden, aber ein weiterer Anlass für das Schreiben dieses Beitrages ist, dass ich durch meine Praxis und den dabei gemachten Beobachtungen eine Erkenntnis der Wissenschaft auf jeden Fall belegen kann: Nämlich das
offensichtliche Zusammenspiel der beiden Hormone Testosteron und Cortisol. Beide sind quasi Gegenspieler und halten sich gegenseitig in Schach. Will heißen, damit des einen Wirkung nicht übertreibt, dämpft der andere das Ganze. Zwei Beispiele aus meiner Praxis: Hunde, die bereits in den ersten Lebenswochen traumatisierende Erlebnisse über sich ergehen lassen müssen und dadurch ein ausgeprägtes Angstverhalten entwickeln, neigen dazu, über den Hypothalamus initiiert, in den Nebennieren zu viel Cortisol zu produzieren, wodurch sie in eine Art Dauerstress geraten. Diese Hunde bedürften für das Bewältigen ihres Alltags
zwingend des Hormons Testosteron, das dem Ganzen entgegenwirkt. Beraubt man sie durch eine Kastration dieses Mittels, führt das zum Worstcase. Auffallend ist dieser Teufelskreis bei den vielen Profit bringenden Hunden aus Osteuropa, die dort bereits prophylaktisch kastriert werden. Diese Hunde, so sie noch ein einigermaßen stressfreies Leben genießen sollen, müssen zwingend von ihrer Eigenverantwortung für ihre Sicherheit befreit werden – will heißen, sie müssen erzogen werden, im Rahmen dessen man ihnen unzweideutig verdeutlicht, für ihre Sicherheit und ihren Schutz zu sorgen. Sie selbst als Beschützer agieren zu lassen, wäre für sie fatal. Gleiches gilt für Hunde, die zu Leinen-, Futter- oder Revieraggressionen neigen oder unter Trennungsangst bzw. Kontrollverlust leiden. Ihr temporär hoher Cortisolspiegel bedarf zwingend der lindernden Wirkung der Sexualhormone. Beraubt man auch sie dieses Beruhigungsmittels, werden sie erst recht zum Problemfall. Auch sie müssen stattdessen zwingend von ihrer Verantwortung zur Befriedigung ihres Grundbedürfnisses nach Sicherheit entbunden werden.
Bleibt die berechtigte Frage nach einer Lösung. Gibt es eine Alternative zur Kastration? Antwort: Ja, die gibt es, so wir in diesem Kontext eine medizinisch klinische Indikation oder einen neuropathologischen Befund ausschließen können. Ich sehe die Lösung in den drei Säulen der intraspezifischen, interspezifischen und umweltspezifischen Sozialisation, indem bei dem betreffenden Tier im Rahmen einer Erziehung Einfluss genommen wird auf sein diesbezügliches Dispositionsgefüge. Dies geschieht zum einen dadurch, dass man dem Tier demonstrativ Schutz bietet vor allen interspezifisch, intraspezifisch und umweltspezifisch auf ihn einwirkenden potenziellen Bedrohungen, wodurch ihm zum anderen die Eigenverantwortung für diese Sicherheiten genommen wird. Und nicht zu vergessen, bei einem solchen Tier sollte darauf verzichtet werden, ihn für Wach- und Schutzaufgaben einzusetzen. Jedenfalls bedarf es dazu keiner Entnahme von Organen.