4. Erfolgreiche Hundeerziehung in nur einem Training – 

warum klingt das so unglaubhaft?

Zugegeben, es wirkt im ersten Moment sicherlich wie eine unglaubliche Provokation, wenn ich behaupte, dass die Erziehung beispielsweise eines aggressiven oder
ständig an der Leine zerrenden Hundes in nur einer einzigen Trainingseinheit möglich sei. Und wenn man dann noch meinen Zusatz liest, dass es für den Therapieerfolg jedoch einer Voraussetzung bedarf, nämlich einer guten Therapietreue des Kunden, dann wirkt letzteres offensichtlich wie das Kleingedruckte
in einem Versicherungsvertrag. Woraufhin der Leser geneigt ist zu meinen: „Aha, das ist also sein Hintertürchen“. Letzteres lässt sich aber leicht erklären: Was nützt die genialste Therapie, wenn sich der „Patient“ nicht daran hält. Aber viel mehr ist damit auch gar nicht gemeint. Oftmals glauben Hundehalterinnen es mir nicht, wenn ich ihnen versichere, sie müssen zur Beseitigung der vermeintlichen „Macken“ ihrer Vierbeiner nur ein einziges Mal zu mir kommen. Ausnahmen bestätigen zwar hin und wieder diese Regel, aber sie sind halt Ausnahmen und rechtfertigen nicht eine derartige Skepsis. Warum diese Skepsis besteht, habe ich tatsächlich erst verstanden, nachdem ich den Altmeister der Kommunikation Paul Watzlawick gelesen und begriffen hatte.
Demnach hat eine Nachricht, die der Sender dem Empfänger schickt, so einige Hürden zu nehmen hat, bis sie als diejenige beim Empfänger ankommt, als die sie vom Sender auch gemeint war. Denn, ob sie diese Hürden meistert, hängt nämlich nicht von ihrem Inhalt ab, sondern von der Beziehung zwischen Sender und Empfänger, und insbesondere von der Fähigkeit des Senders, die in der Nachricht enthaltene Botschaft unmissverständlich rüberzubringen. Erst wenn die Botschaft angekommen ist, kann der Sender sich sicher sein, dass auch die Nachricht angekommen ist. Also war mir klar, dass das Problem nicht der Kunde oder sein vermeintlich mangelnder Intellekt ist, sondern ich und meine mangelnde kommunikative Fähigkeit. Wie heißt es so schön? Es kommt nicht drauf an, was du sagst, sondern wie du‘s sagst! Aber es gibt noch eine zweite Wahrheit, warum manchmal die Nachricht den Empfänger verfehlt oder nur verfälscht erreicht: Der Empfänger hat bereits ein Vorwissen und bewertet und vergleicht daran alle neuen Informationen. Die neuen werden immer durch die Brille der alten gesehen. Und es bedarf schon einer mentalen Reife, bereit zu sein, die alte Brille auch einmal beiseite zu legen und somit unbeeinflusst das Neue zu betrachten. Das klingt zwar einfach, ist es aber gar nicht. Denn das bedeutet, bereit zu sein, Vertrautes und vielleicht sogar lieb Gewordenes
auf den Müllhaufen der Irrtümer zu werfen. Das kommt nicht selten dem Gefühl einer Niederlage gleich oder dem Eingeständnis, sich bisher geirrt zu haben. Und das mag das Gehirn, das auf Erfolg programmiert ist, nun mal gar nicht. Deshalb klammert der
Mensch sich oftmals an lieb gewordene Überzeugungen, obwohl der Verstand ihm schon Hinweise gibt, es lieber sein zu lassen.
Warum erscheint meine Aussage bezüglich der nur einen notwendigen Trainingseinheit so unglaublich oder kommt als Botschaft nicht an und stößt hier und da sogar auf empörte Ablehnung, selbst bei vermeintlichen Fachleuten? Die Metapher des Wasserglases. Die Antwort findet sich in einer Metapher: Das Wissen der Kunden ist ja nicht auf dem Stand Null, wenn sie mich kontaktieren; vergleichbar mit einem leeren Wasserglas. Im Gegenteil, wenn ich den typischen meiner Kunden als Maßstab
nehme, dann haben sie in der Regel bereits eine lange Leidensgeschichte an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich, so dass sich in ihrem Glas schon
allerhand Wasser aus vielen verschiedenen Wissens-Quellen befindet. Allerdings enthält dieses Wasser, wie meine Analyse in der Regel ergibt, meistens nur Informationen über die Ausbildung eines Hundes und nicht über seine Erziehung. Beides sind aber sehr unterschiedliche Wässer. Das eine schmeckt süß und das
andere bitte. Da meine Therapiemethode aber ihren Ansatz ausschließlich in der Erziehung und nicht in der Ausbildung hat, sollen die Kunden bei mir nun plötzlich bitteres statt süßes Wasser trinken. Das stößt verständlicherweise zunächst auf
Ablehnung oder zumindest auf Skepsis. Deshalb ist es oftmals eine Herausforderung, bei meinen Kunden die Bereitschaft zu
erwirken, bevor sie mein Wasser probieren, das alte wegzuschütten. Aber das ist eine heikle Angelegenheit. Denn ich verlange von ihnen nicht weniger, als dass sie das süße Wasser, was sie vielleicht sogar mit viel Geld und Zeit bezahlt haben, in
seiner Wirksamkeit infrage stellen sollen. Und da komme ich sehr schnell in die gefühlte Nähe der Diskriminierung der anderen Wasser- oder Wissens-Quellen. Aber das ist gar nicht meine Intension. Diese liegt vielmehr nur in der Absicht, ihnen zu
verdeutlichen, dass die Lösung ihrer Probleme über den Weg der „bitteren“ Erziehung des Hundes nicht nur effektiver, sondern in erster Linie wesentlich effizienter ist als der über die „süße“ Ausbildung. Als Beispiel nehme ich gerne meine Antwort auf die Frage, ob einem Hund das Verbellen anderer Hunde mittels Leckerlis abgewöhnt werden kann, was bekanntlich eindeutig ein Erziehungsziel und keines der Ausbildung ist, denn es betrifft sein
Sozialverhalten und nicht seine Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Antwort: Möglicherweise, wenn es gelingen sollte, beim Hund durch assoziatives Lernen bzw. operantes Konditionieren zu bewirken, dass beide Stimuli für den Hund zusammenhängen. Genauso wie es möglich ist, einem Elefanten beizubringen, auf
zwei Beinen zu tanzen. Es ist aber ein sehr mühsamer und kostspieliger Weg. Das eigentliche Dilemma ist, dass der Hund am Ende den Sinn des „Klappe-Haltens“ gar nicht verstanden hat, sondern nur, dass er, wenn er die „Klappe hält“, ein Leckerli
bekommt. Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus, falls das Leckerli ausbleiben oder die Gürteltasche plötzlich leer sein sollte? Wesentlich aussichtsreicher ist doch das Ziel über seine Erziehung zu erreichen, indem Herrchen oder Frauchen ihm die Verantwortung für seine eigene und die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen und Ressourcen nehmen und gleichzeitig seinen Entscheidungsspielraum einzuschränken. Beides sind die Säulen der Erziehung und in der Regel in einem einzigen Training erreichbar, denn es bedarf lediglich einer sofortigen
Verhaltensänderung von Frauchen oder Herrchen dem Hund gegenüber. Unmittelbar nach der Verhaltensänderung wird auch der Hund sofort die „Klappe halten“, denn ihm wurde der Grund für sein Bellen genommen, was die Grundvoraussetzung für
eine Erziehung ist, indem er andere Hunde nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen und sie durch sein Verbellen nicht mehr verjagen muss. Die Metapher des Wasserglases:
Ein zeitaufwendiges und durch eine Vielzahl an Wiederholungen gekennzeichneten Konditionieren, was die Merkmale der Ausbildung sind, ist hier nicht notwendig. Die Hundebesitzer kommen in der Regel ja nicht zu mir, weil ihre Schutzbefohlenen
bestimmte Kommandos wie „Sitz, Platz und Co.“ nicht befolgen, die in einer Ausbildung sehr effizient durch Konditionierung eingeübt werden können, sondern weil ihre Hunde nicht sozialisiert sind und sich demzufolge nicht an notwendige Verhaltensregeln halten. Und letztere können nun einmal nicht mittels einer
Ausbildung vermittelt werden, sondern bedürfen der Erziehung, also des „bitteren“ Wassers.