14. Ist „Click for Blick“ eine geeignete Erziehungsmethode oder eher ein Pyrrhus-Sieg?

Ein Kunde bat mich einmal darum, einen Beitrag zum Hundetraining zu kommentieren, den er auf einem Internetportal entdeckt hatte unter dem Titel „Click for Blick“. Mein erbetener Kommentar sollte sich verständlicherweise auf den Inhalt des Beitrages beziehen und wurde vom Kunden sicherlich auch erst erwartet, nachdem ich ihn gelesen habe. Aber da ich reflexartig herausprustete „Was für ein hanebüchener Unfug!“, konnte man seine Verblüffung nicht verkennen: „Nanu, Sie kennen den Artikel offenbar!?“ Aber nein, ich kannte den Artikel noch nicht, nur meine prompte Reaktion bezog sich auch nicht auf dessen Inhalt, sondern auf das wieder einmal mein linguistisch-ästhetisches
Empfinden quälende „Denglisch“. Mich nervt einfach, wie ich es schon mehrfach deutlich gemacht habe, dieses nicht nur unnötige, sondern vor allem wichtigtuerische Verenglischen
unserer eigentlich schönen Sprache. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen korrekt verwendete Anglizismen, die
sprachhistorisch legitim den Weg ins Deutsche gefunden haben und es sogar bereichern wie Computer, Interview oder Trainer. Aber was soll dieses Kauderwelsch. Meistens verwendet
von Leuten, die die englische Sprache überhaupt nicht beherrschen, geschweige denn in einem fachlich korrekten Kontext verwenden. Es gibt ein treffliches Buch von Adam Fletcher
und Paul Hawkins, in dem sie Redewendungen und alltäglich gebräuchliche Ausdrücke wortwörtlich und naiv aus dem Deutschen ins Englische übersetzt haben; halt so wie es der
Möchtegern-ausländisch-Sprechende oftmals tut. Und dann kommt es halt vor, dass so manch einer „stupid out of the laundry“ schaut oder denkt, wenn er nichts versteht, dass „he only
understand train station“. Eine Fremdsprache nicht zu beherrschen ist zwar schade aber nur blamabel, wenn man vorgibt, als ob, wie weiland Lothar Matthäus. Nur man sollte dann zu seiner „Lücke“ stehen und nicht versuchen, sich mit solch einem Kauderwelsch wichtig zu tun. Denn ansonsten kann es passieren, dass man bei der korrekten Reaktion des Gesprächspartners meint: „It’s all double Dutch to me“. Aber kommen wir zum erbetenen Kommentar: Ich habe aufgrund der Bitte des Kunden nicht nur den von ihm erwähnten Artikel im Netz ausfindig gemacht, sondern sogar mehrere zu diesem Thema entdeckt. Und um meine Kernaussage gleich vorwegzunehmen: Alle Artikel haben gemein, dass sie vorgeben, ein offensichtliches Erziehungsproblem des Hundes mit dem ungeeigneten Mittel der
Ausbildung, besser gesagt, mit einer Methode der Ausbildung, lösen zu können. Und ich kann mich immer nur wiederholen: Das ist entweder nicht oder nur scheinbar möglich. Warum?:
Um meine Antwort wirklich verstehen zu können, ist es notwendig, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, dass das Training eines Hundes aus zwei „Säulen“ besteht oder bestehen kann:
Einerseits aus seiner Ausbildung und andererseits aus seiner Erziehung. Vergleichbar mit dem, was Eltern und die Gesellschaft einem Kind angedeihen lassen sollten. Auch das Kind ist nicht zwangsläufig erzogen, wenn es eine gute Ausbildung genossen haben sollte oder umgekehrt. Jedoch ist nicht jeder Hund auch zwangsläufig auszubilden und zu erziehen. Die jeweilige
Notwendigkeit ergibt sich aus seiner Rolle, die er im Leben des Menschen spielen soll, und aus der Aufgabe, die ihm eventuell übertragen wird. Ich gebe zu, in manchen Situationen ist es schwer, zwischen beiden „Säulen“ und deren Notwendigkeit zu unterscheiden und die Grenze ist manchmal fließend. Aber bei dem hier angesprochenen Problem und bei den in den Artikeln beschriebenen Beispielen ist der Unterschied und die Zuordnung eineindeutig, wie es in der mathematischen Beweisführung so
schön heißt, wenn es keinen Zweifel gibt. Denn, ich zitiere:
„Leinenrambo-Training: Click für Blick“ (nebenbei: in diesem Beitrag heißt es mal nicht ‚Click for Blick‘ wie in den anderen, aber auch nicht ‚Klick für Blick‘) … Wenn du einen Hund hast, der sich bei Hundebegegnungen schwertut, dann ist dieser Film (es gibt dazu auf der beworbenen Internetseite einen Film, der das Training demonstriert – der Autor) genau richtig! ‚Click für Blick‘ ist eine sanfte und nette Methode, mit der dein Hund lernt, andere
Hunde nicht mehr so gruselig zu finden. Sie ist der Einstieg in das Leinenrambo-Training. Ziel ist zunächst, dass dein Hund lernt, den fremden Hund freundlich anzuschauen. In einem weiteren Schritt bringst du deinem Hund dann bei, den Blickkontakt vom fremden Hund selbständig ab- und sich dir zuzuwenden.“ Abgesehen davon, dass in diesem kurzen Essay mehrere fragwürdige und teilweise schon grotesk wirkende Aussagen enthalten sind wie „gruselig finden“ oder „freundlich anzuschauen“, denn der Hund findet sehr wahrscheinlich keinen anderen Hund „gruselig“
oder schaut ihn wahrscheinlich auch nicht „freundlich“ an, sondern sieht in einem anderen Hund grundsätzlich einen Konkurrenten, Wettbewerber oder gar Feind, zumindest bis er
dessen Absichten abgeklärt hat, weil er dafür die Verantwortung trägt. Ebenso würde ich es mir, selbst nach vielen Jahren Erfahrung in der Beurteilung und Resozialisierung aggressiver
Hunde, nicht zutrauen, einschätzen zu wollen, ob Rottweiler & Co. mich gerade „freundlich anschauen“. Ebenso falsch ist es, davon zu sprechen, dass im Ergebnis des Trainings der Blickkontakt des
Hundes „selbstständig“ vom anderen Hund ab- und dem Hundehalter zugewendet werde. „Selbstständig“ würde nämlich bedeuten, dass der trainierte Hund aus intrinsischen Motiven
(aus innerer „Überzeugung“), nämlich aus Desinteresse, den Blick vom anderen Hund abwendet. Aber hier wird eindeutig von einer konditionierten Reaktion gesprochen, also von einem extrinsisch motivierten (von einem äußeren Reiz ausgehenden) Verhalten.
Aber kommen wir zum eigentlichen Thema: In einem der Beiträge wird die Trainingsmethode mit folgenden Worten beschrieben: „Ein Hund, der an der Leine mit großem Getöse auf andere Hunde reagiert, wird angeclickt für jedes Ansehen des “Feindes”.
Ich denke, es bedarf keines großen Fachwissens, um daraus ableiten zu können, dass es sich bei dem unerwünschten Verhalten des Hundes um kein Ausbildungsproblem, sondern um ein Erziehungsproblem handelt. Denn die Ausbildung des Hundes würde das Antrainieren von Fähigkeiten und Fertigkeiten (extrinsisch motiviertes Handeln) bedeuten, also das Konditionieren. Aber hier geht es um Verhaltensregeln. Diese sind aber das Ergebnis einer Erziehung (intrinsisch motiviertes Verhalten). Und wenn der Hund in einem anderen Hund einen „Feind“ sieht, wie es heißt, ist dies in seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder für die von Herrchen und Frauchen
oder für irgendeine Ressource begründet. Das Entbinden des Hundes von dieser Verantwortung geht aber nur über den Weg der Erziehung bzw. kann sogar als identisch angesehen werden. Denn die Erziehung des Hundes ist nämlich nichts anderes als die
Übertragung oder Entbindung von einer Verantwortung.
Bei der beschriebenen Methode „Klick für Blick“ handelt es sich aber unzweifelhaft um eine beabsichtigte Konditionierung, die mittels einer mit dem Klicken kombinierten Belohnung
praktiziert werden soll. Dabei wird der typische Pawlowsche Effekt erzielt, denn es heißt (ich zitiere): „... Die Belohnung nach dem Click sollte für den Hund passen und entsprechend der Situation sehr hochwertig sein. Sehr futtermotivierte Hunde können mit einem sehr beliebten Futter belohnt werden. Besonders bietet sich hier eine Futtertube an, aus der der Hund das Futter herausschleckt. Das verlängert die Belohnungssequenz und beruhigt manche Hunde ein wenig.“ Ich will gar nicht in Frage stellen, dass diese Trainingsmethode sogar Erfolge zeitigt. Aber diese Erfolge sind nur scheinbar, oder um es etwas zugespitzt auszudrücken: Sie sind nur
Pyrrhussiege, denn sie sind nur scheinbare und unter Umständen zu teuer erkaufte. Denn, wie hat König Pyrrhus I. von Epirus nach einer seiner gewonnenen Schlachten gesagt: „Wenn wir
die Römer in einer weiteren Schlacht besiegen, werden wir gänzlich verloren sein!“, was oftmals in aphoristischer Form verkürzt wird mit „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“
Was will ich damit sagen und warum trifft das auch auf den scheinbaren Erfolg des Clickertrainings zu und ich deshalb nur davor warnen kann, insbesondere dies bei ausgeprägt
aggressiven „Listenhunden“ anzuwenden?: Da das Ergebnis der erfolgreichen Konditionierung des Hundes nichts anderes ist als das erfolgreiche Ablenken von seiner eigentlich intrinsisch motivierten Absicht und deren Überlagerung durch einen für ihn momentan höherwertigeren Reiz, bleibt seine intrinsische
Motivation, die Absichten des Rivalen oder „Feindes“ aufklären zu wollen oder zu müssen, latent ja weiterhin vorhanden. Denn die eigentliche Ursache dafür, also die Verantwortung für seine und die Sicherheit von Frauchen oder für eine Ressource, ist für ihn durch diese Konditionierung ja nicht urplötzlich und wie von Zauberhand verschwunden. Und das bedeutet, sollte einmal die Belohnung im Bedarfsfall zu geringwertig sein oder sogar
ausbleiben, kann und wird es passieren, dass die intrinsisch motivierte Handlung sich wieder Bahn bricht und unter Umständen die Katastrophe auslöst. Mit diesen Fällen habe ich beinahe täglich zu tun. Wenn durch Konditionierung eine latent noch vorhandene intrinsische Motivation überlagert wird und diese scheinbar ausgelöscht, lässt sich leider oftmals nicht nur
der Laie täuschen und verkennt die potenzielle Gefahr.
Ich kann deshalb nur dazu raten, sollte ein Hund zu solch einem unerwünschten Verhalten neigen oder sich sonst wie aggressiv verhält, und das insbesondere gegenüber Kindern oder
bei sogenannten gefährlichen Hunden mit einem hohen potenziellen Aggressionspotential, solch einen Unfug sein und ihm stattdessen eine vernünftige Erziehung angedeihen zu lassen.
Und das bedeutet, ihn von seiner Verantwortung für seine eigene oder die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen und Ressource zu entbinden, seinen Entscheidungsspielraum energisch
einzuschränken und ihm simultan ausreichenden Schutz zu demonstrieren. Und nebenbei bemerkt: Eine solche Erziehung ist wesentlich schneller zu realisieren als eine Konditionierung, bei der man gewöhnlich eine hohe Repetitionsrate benötigt. Und nicht zu
vergessen: Sie ersparen sich auf ihrem Spaziergang das ständige Klickern und die „hochwertigen Futtertuben“ – denken Sie auch mal an das drohende Übergewicht Ihres Schützlings.