12. Das Leckerli-Versagen:
Warum Bestechung bei echter Problemhund- Erziehung gefährlich ist
Nach wie vor scheint die Frage, ob mit Hilfe von Belohnungen (aller Art) die Erziehung eines Hundes möglich sei, die „Fachwelt“ zu beschäftigen. Dass der Laie diese Frage interessiert bespricht, mag ja noch verständlich sein. Jedoch scheint mir, dass sogar die Fachwelt – sprich Hundetrainer – hier immer noch Diskussionsbedarf sieht, was sich mir nur sehr schwer
erschließt. Um Missverständnisse auszuschießen, in Rede steht hier nicht die Ausbildung bzw. Dressur eines Hundes, bei der die Belohnung ein durchaus probates und unstrittig
bewährtes Instrument zur Beeinflussung hündischen Verhaltens repräsentiert. Nein, gemeint ist hier ausschließlich die Erziehung, womit die Einflussnahme auf das Sozialverhalten des Hundes
gemeint ist. Nach Aussagen der überwiegenden Mehrheit meiner Kundinnen, die sich an mich wenden, um ihre Hunde von ihrem unerwünschten Verhalten zu befreien – wozu in erster Linie das
Zerren an der Leine zählt, ebenso das rüpelhafte Verhalten beim Gassigehen oder alle sonstigen Arten von störendem Verhalten bis hin zu ernsthaften Aggressionen – sei der Versuch, einen Hund mittels Belohnung zu erziehen, in den Hundeschulen, die sie zuvor
aufgesucht hätten, durchgängige Praxis und angewandtes Mittel vorgeblich zur Erziehung der Delinquenten. Zwar werde nicht immer explizit von Belohnung gesprochen bzw. das, was getan wird, nicht ausdrücklich als Methode der Belohnung bezeichnet, doch bei näherer Betrachtung würden alle diese Methoden und Tricks auf ein und dasselbe hinauslaufen. So werde oftmals von „positiver Bestärkung“ gesprochen. Auch Begrifflichkeiten wie
„Verstärker“, „Ankereffekt“, „Clickertraining“ u.ä. sind gern verwendete Vokabularien. Vielleicht wäre es sogar treffender, nicht explizit von Belohnung zu sprechen, sondern vielmehr von Methoden und Mitteln, die dem Ziel dienen, die Aufmerksamkeit des Hundes zu gewinnen und vom eigentlichen das unerwünschte Verhalten auslösenden Reiz abzulenken. Da diese Versuche aber offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt sind, im Gegenteil, mit viel
Frust, Ärger und nicht unerheblichen Kosten verbunden sind, sei mir gestattet, noch einmal den Erziehungsversuch mittels Belohnung oder sonstiger Ablenkungsversuche aus Sicht und
Erfahrung der Erziehung einer ganz speziellen Spezies zu bewerten, nämlich der Resozialisierung verhaltensauffällig gewordener Hunde, die auf Anordnung von Behörden bzw. Amtstierärzten zu mir beordert werden. Denn die Resozialisierung eines Hundes, durch die der Halterin bzw. dem Halter quasi die letzte Chance geboten wird, das Tier doch noch weiterhin führen zu dürfen, ist der Erziehung nicht nur gleichzusetzen, sondern, wenn man so
will, die Urform der Erziehung. Um die Unmöglichkeit einer solchen mittels Belohnung zu verstehen, ist es unumgänglich,
den Unterschied zwischen Ausbildung und Erziehung sich noch einmal im Kern zu vergegenwärtigen:
Der Unterschied besteht in erster Linie im unterschiedlichen Umgang mit den verhaltensauslösenden Reizen, die beim Hund eine determinierte Reaktion bewirken:
Im Gegensatz zur Erziehung setzt man bei der Ausbildung einen äußeren Reiz bzw. Stimuli (Belohnung), um eine gewünschte Reaktion des Hundes zu initiieren. Das Ziel besteht darin, den Hund etwas tun zu lassen, was er ohne diesen Reiz nicht tun würde.
So würde wohl kaum ein Hund auf die komische Idee kommen, ohne dass man ihm dies zuvor mühsam beigebracht hätte – die Fachwelt spricht von Konditionierung – sich vor jedem Überqueren der Straße auf den Allerwertesten zu setzen.
Bei der Resozialisierung/Erziehung hingegen ist genau das Gegenteil der Fall. Hier setzt man keinen Reiz, um einen Reflex zu initiieren, sondern beseitigt einen vorhandenen. Nämlich einen Reiz, der den Hund zu seinem unerwünschten Verhalten
veranlasst. Das Ziel besteht darin, den Hund von einem Verhalten abzubringen, zu dem er neigt, solange dieser Reiz für ihn existent ist. Mit anderen Worten: Eine Ausbildung zielt darauf ab, dem Hund Fähigkeiten und Fertigkeiten anzutrainieren und abzuverlangen, die er von Natur aus nicht beherrscht oder wofür ihm die Veranlagungen fehlen. Vergleichbar mit dem, was ein Kind in der Schule erfährt, im Ergebnis dessen es vielleicht den dritten Hauptsatz der Thermodynamik erläutern oder die exakte Reihenfolge der Belegung aller Orbitale eines Atoms mit Elektronen erklären kann. Den Reiz, der hier als Motivator zum Lernen und Handeln anregt, nennen wir in der Fachsprache einen „extrinsischen“. Er wirkt – wie der Begriff verrät – von außen.
Im Gegensatz dazu geht es bei der Resozialisierung/Erziehung darum, den Hund von einem unerwünschten Verhalten abzubringen, indem man ihm den Grund dafür nimmt. Im Ergebnis dessen verhält der Hund sich aus ureigenem Interesse so wie er sich verhalten soll. Die Motivation zu diesem Verhalten ist demzufolge – im Gegensatz zur Ausbildung – „intrinsisch“ begründet. Allerdings muss man im Gegensatz zur Erziehung beim Menschen, bei dem man von dem Erreichen der Einsicht in die Notwendigkeit spricht, beim Hund den Umweg über seine Bedürfnisse gehen. Sprich, man muss im Rahmen der Resozialisierung Einfluss nehmen auf sein Dispositionsgefüge, zu dem seine Bedürfnisse und Veranlagungen zählen. Auf welches Bedürfnis und wie, habe ich an anderer Stelle ausführlich erläutert.
Man könnte es kurz zusammenfassen: Bei der Ausbildung schafft man für den Hund einen Verhaltensgrund und bei der Resozialisierung bzw. Erziehung beseitigt man einen solchen.
Somit sollte doch auch schon die Vermutung naheliegen, dass auch die Mittel und Methoden, mit denen diese beiden unterschiedlichen Ziele erreicht werden sollen, unterschiedlich sein sollten. Sollte also jemand den Versuch unternehmen, ausgestattet mit einem „Patronengürtel“ voller Leckerli, mit diesem Inhalt einen Hund in dessen unsozialem Verhalten beeinflussen zu
wollen, wäre er gut beraten, sich dessen bewusst zu sein, auf gar keinen Fall im Sinn zu haben, ihn resozialisieren zu wollen. Sein Ansinnen dürfte stattdessen lediglich die Konditionierung seines Schützlings sein, ihm also das zuverlässige Beherrschen allerlei
Kommandos oder Purzelbäume beibringen zu wollen. Und das kann wiederum nur bedeuten, dass er ihn ausbilden bzw. dressieren will. Erstaunlicherweise ist die Fraktion derer, die trotzdem vorgeben, einen Hund so mittels Belohnungen aller Art erziehen zu können, offensichtlich immer noch relativ stark. Und sie würden sicherlich nicht im Brustton der Überzeugung von der Richtigkeit ihres Handelns sprechen, wenn sie nicht fest davon überzeugt wären, genügend Beweise in ihrer Leckerlitasche zu haben. Woraus sich die Frage herleitet: Aus welchem Topf der Erkenntnis füllt sich ihr Füllhorn der Überzeugung?
Die Antwort findet sich in der Eigenschaft ihrer Erfolge. Sie sind nämlich nur scheinbare. Warum?
Es ist unstrittig, dass mittels des Reichens eines Leckerlis das Verhalten eines Hundes manipuliert werden kann. Aber nehmen wir einmal folgendes Szenario an: Bello, der über ein typisches Dispositionsgefüge eines Hundes verfügt, dessen Vorfahren bereits über mehrere Generationen als Beschützer von Haus, Hof, Kind und Kegel fungierten, sei von Frauchen nicht demonstrativ und ausdrücklich im Rahmen einer Erziehung von dieser sich daraus ergebenden Verantwortung für ihre beider Sicherheit entbunden worden. Und nehmen wir weiterhin an, dass dies Frauchen – wie es übrigens in den meisten meiner behandelten Fälle der Fall ist – nicht bewusst sei und sie Bello sogar in einigen Schlüsselszenen durch ihr ungeschicktes Verhalten unwissentlich demonstriert habe, weder willens noch in der Lage zu sein, statt seiner für ihre beider Sicherheit zu sorgen. Jedenfalls interpretiert Belle ihr Verhalten so. Die Folge ist, dass Bello diese Aufgabe intrinsisch motiviert auch sofort enthusiastisch wahrnimmt und seiner Verantwortung gerecht werden will. Mit diesem
Dispositionsgefüge ausgestattet sieht Bello in allem und jedem, was oder wer sich wagen sollte, in seine Toleranzgrenze einzudringen, eine potenzielle Bedrohung oder Gefahr, die es
zu beseitigen gilt. Will meinen, ein agonistisches Verhalten muss einem Hund nicht antrainiert werden, darüber verfügt er bereits von Geburt an. Sein Verhalten zur Verteidigung nicht nur seiner selbst, sondern aller ihm anvertrauten Personen und Ressourcen, ist ihm wesenseigen und Bestandteil seines Dispositionsgefüges.
Da sich Frauchen ihres falschen Verhaltens als Auslöser für Bellos Aggressionen nicht bewusst ist, denn ansonsten könnte sie es schlicht weg ändern, käme sie nun stattdessen vielleicht auf die fragwürdige Idee, immer wenn ein „Feind“ am Horizont erscheint, ein Leckerli zu zücken und Bello versuchen zu überlisten, statt den Feind, doch lieber das Leckerli zu fressen. Und nehmen wir auch einmal an, Bello ließe sich tatsächlich dazu verleiten, dem Leckerli den Vorzug zu geben – was übrigens aufgrund der
Bedürfnishierarchie nicht unmöglich wäre – sich also überlisten zu lassen. Ist das Ergebnis dann tatsächlich der Erfolg einer Erziehung, also die Beseitigung des Verhaltensgrundes?
Mitnichten! Der scheinbare Erfolg entpuppt sich nämlich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als das Ergebnis eines erfolgreichen Ablenkungsmanövers. Und er stellt sich auch nur ein, so der Reiz des Leckerlis in Bellos Motivationssystem eine größere Wirkung hinterlässt, als der Reiz, seiner Verantwortung zur Gewährleistung beide Sicherheiten gerecht zu werden. Mit
anderen Worten, der eine Reiz überlagert den anderen. Das eigentliche Ziel der Erziehung, nämlich den handlungsauslösenden Grund zu beseitigen, wäre mitnichten erreicht. Frauchen gegen den „Feind“ verteidigen zu wollen, bleibt latent weiterhin vorhanden, unabhängig davon, wie viele Leckerlis sie ihn auch zu fressen nötigt. Ein solcher Hund wäre nach wie vor latent eine Gefahr für andere, früher oder später bricht sich sein agonistisches Verhaltensrepertoire wieder Bahn. Die aus meiner Erfahrung einzige Möglichkeit, eine solchen Hund zu resozialisieren, ist die tatsächliche Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Dies geschieht durch ein verändertes Verhalten Frauchens ihm gegenüber, indem sie ihm demonstriert, selbst ab sofort für ihre beider Sicherheit zu sorgen, seinen Entscheidungsspielraum drastisch einzuschränken und ihm demonstrativ Schutz zu bieten. Im Ergebnis dessen wird der Hund dies mit einem regelrechten Desinteresse an seinesgleichen quittieren, denn er weiß, Frauchen hat alles im Griff.