21. Sinnvoll oder Unsinn? Die Wahrheit über Welpenspielgruppen
Hin und wieder werde ich auch schon mal von Hundehalterinnen gefragt, wie wichtig für die Entwicklung ihrer kleinen Schützlinge die Teilnahme an einer Welpengruppe oder Welpenspielgruppe sei, die von vielen Hundeschulen angeboten werde. So lese man beispielsweise, in dieser ersten Entwicklungsphase sei der Kontakt zu anderen Hunden wichtig, um den Umgang mit Artgenossen zu erlernen und die kommunikativen Fähigkeiten auszuprobieren und auszubauen.
Mir kommt dann immer ein Interview in den Sinn, den der Neurobiologe Prof. Dr. Ralph Dawirs der Journalistin Sina Wilke für die Schweriner Volkszeitung einmal gab. Der Neurobiologe stellte sich den Fragen zum Sinn oder Unsinn von Babyschwimmen, PEKiP, Englischunterricht im Kindergarten und sonstigen Kinderförderprogrammen. Die Bedeutung von PEKiP musste ich auch erst einmal ergoogeln: „Das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, das im Rahmen einer Krabbelgruppe den Prozess des Zueinanderfindens unterstützen soll und auf eine Frühförderung der Babys sowie einen Erfahrungsaustausch der Eltern abzielt.“ Der Ehrgeiz der Eltern scheint keine Grenzen zu kennen und reicht von Babymassage über Babyturnen bis hin zum frühkindlichen Faktenwissen-Training; und alles möglichst immer in Gruppen.
Bei allen angeführten Begründungen des Wissenschaftlers zum Unsinn solcher neurobiologisch sehr fragwürdigen Praktiken musste ich unwillkürlich an Welpenspielgruppen, Welpenschulen oder sonstige Welpenförderprogramme aller Art denken, die nur einen einzigen Nutzen haben: Der Anbieter maximiert seinen Gewinn auf angenehme Art und Weise, ohne auch nur im Geringsten für die Konsequenzen haften zu müssen.
Interessant für mich waren die Parallelitäten, die ich in den ablehnenden Begründungen des Neurobiologen erkannte zu meinen Missbilligungen, die ich vorbringe, wenn mich eine Kundin nach dem Sinn oder Unsinn einer Welpenspielgruppe befragt.
„Delfi (ähnlicher Quatsch wie PEKiP - der Autor), Babyrhythmik oder Yoga mit Kind? ‚Dummes Zeug‘, sagt Ralph Dawirs. ‚Damit wird ein Riesen-Reibach gemacht, aber für die Entwicklung des Kindes bringt es nichts. Im Gegenteil: Es schadet ihm, weil es die Eins-zu- Eins-Bindung stört. … Und Säuglinge stören andere Säuglinge.“ Auf die Frage, was ein Baby dann stattdessen braucht, antwortet der Neurobiologe: Das Baby brauche zunächst einmal die Erfüllung seiner Bedürfnisse, die Sicherheit, nicht allein gelassen zu werden und viel Körperkontakt; also nichts anderes als die enge Bindung zur Bezugsperson. „Hier wird der Grundstein für emotionale Kompetenz und Empathie gelegt. Hauptsache Mutter und Kind sind zusammen.“
Treffender könnte man es bezogen auf kleine Welpen kaum zum Ausdruck bringen. Die Begriffe „Baby“ und „Welpe“ könnten gegeneinander ausgetauscht werden. Auch kein Welpe benötigt zu seiner Persönlichkeitsentwicklung – und schon gar nicht für Entwicklung seiner sozialen Kompetenzen, wie es von den Befürwortern immer gerne vorgebracht wird – irgendeine Begegnung mit anderen Welpen, in welcher Form auch immer. Der Grundstein hierfür wird stattdessen bereits in seiner Geburtsfamilie gelegt. Und hier sollte er auch möglichst bis zu seinem dritten Lebensmonat verbleiben. Alle anderen wichtigen Erfahrungen zur Erlangung seiner intra- und interspezifischen Sozialisation sammelt er in der Eins-zu-Eins-Beziehung mit seiner Bezugsperson, mit der er im Idealfall sein Leben lang zusammenbleibt. Diese Bezugsperson gibt ihm Nähe und körperlichen Kontakt und sorgt in erster Linie für seine Sicherheit. Wenn letzteres der Fall ist, benötigt kein Welpe dieser Welt Kontakt zu anderen Hunden, um seine soziale Kompetenz zu entwickeln. Denn wozu auch? Wenn Frauchen oder Herrchen stets für die Erfüllung seiner Bedürfnisse sorgt, muss er deren Befriedigung auch nicht in der agonistischen Auseinandersetzung mit seinesgleichen durchsetzen. Er kann völlig entspannt auf die Unterstützung seiner Bezugsperson setzen. Ein untrügliches Indiz dafür, ob Frauchen oder Herrchen dieses Ziel in der Erziehung ihres Schützlings erreicht haben, wäre seine Ignoranz anderen Hunden gegenüber; wenn er ihnen gegenüber ein scheinbar völliges Desinteresse an den Tag legt. Mit einer Ausnahme: während der Läufigkeit.
Die Gefahr, dass ein kleiner Welpe bei einem vom Menschen organisierten „Welpen-Spiel- Treffen“ einen mentalen Schaden nimmt – beispielsweise durch ein kaum wahrnehmbares Mobbing innerhalb dieser sogenannten Spielgruppe – ist ungleich größer als irgendein vermeintlicher Nutzen. Diesen Schaden trägt der Kleine aber unter Umständen sein Leben lang mit sich rum und ist der Grundstein für Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen in seinem Jugend- und Erwachsenenalter. Und ein solcher kann später nur sehr mühsam oder sogar gar nicht mehr durch eine aufwendige Resozialisierung im wahrsten Sinne des Wortes „unterdrückt“ werden.
Wesentlich sinnvoller ist stattdessen die demonstrative Übernahme seines Schutzes durch seine Bezugsperson, indem diese ihm alle seine Konkurrenten, Rivalen und Feinde vom Leibe hält und sich, auch im wahrsten Sinne des Wortes, demonstrativ vor ihn stellt, wenn einer
seiner Artgenossen seinen Weg kreuzt. Wenn Frauchen oder Herrchen stets in seiner Nähe sind und ihm Schutz gewähren, ist dies die beste und erfolgreichste Entwicklung seiner sozialen Kompetenzen. Denn über soziale Kompetenzen zu verfügen bedeutet, konfliktfrei mit seinesgleichen oder anderen Spezies seiner Faune zurechtzukommen. Und die konsequenteste Form einer solchen „friedlichen Koexistenz“ ist die gegenseitige Nichtbeachtung, weil eine gegenseitige Kontaktaufnahme stets nur dem einen Zweck dient, nämlich der Klärung der Absichten des anderen, um auszuschließen, dass von diesem
irgendeine Gefahr oder Bedrohung ausgehen könnte. Wenn aber die Absichten des anderen nicht mehr von Interesse sind, weil Frauchen oder Herrchen sich darum kümmern, zeigt kein Hund dieser Welt mehr Interesse am Kontakt zu einem anderen Hund. Wie gesagt, außer zum
Zweck der Replikation und Weitergabe des eigenen Genoms.
Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn die Intension der Anschaffung eines jungen Hundes die ist, sich einen Wach- und Schutzhund heranzuziehen und später auch als einen solchen auszubilden und einzusetzen. Hierfür gilt es geradezu alternativlos, frühzeitig die in seinem
Dispositionsgefüge hinterlegten Veranlagungen seines agonistischen Verhaltensrepertoires erkennen, um sie dann entwickeln zu können. Hier helfen Begegnungen und deren Beobachtung im Welpenalter durchaus, ob es überhaupt sinnvoll erscheint, diesem Hund später einmal genannte Aufgaben zumuten zu können. Das oftmals verklärt als „spielerisch“ verkannte Geraufe und Konkurrenzgebaren, das in Wirklichkeit ein Indikator des agonistischen Verhaltensrepertoires ist, gibt recht gut Aufschluss über diese Veranlagungen.
Sollte dies allerdings nicht die Intension bei der Anschaffung sein, weil der Hund eher die Rolle eines sozialen Partners spielen soll, mit dem man tiefenentspannt durch urbane Umgebung schlendern und nicht ständig einen Art Überlebenskampf führen möchte, rate ich dringend von einem solch „dummen Zeug“ ab.