15. Der Hund zerrt an der Leine – eine Kritik an falschen Ratschlägen und eine Lösung

Folgender Beitrag war im Netz der Facebook-Community von einer Corinna zu lesen und hat mich zu diesem Artikel inspiriert.
Sie schreibt: „…trotz professioneller Hilfe und Konsequenz bis zum Erbrechen glaubt unser Monsterlabbi immer noch, wer zerrt, gewinnt. Aber ich vertraue auf das Versprechen unserer
Tierärztin, die meint, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus, auch wenn es die ersten zehn Jahre nicht danach ausschaut. In diesem Sinne bleibe ich mit stoischem Optimismus
gelangweilt stehen, wechsle die Laufrichtung, trainiere an der Schleppleine, belohne jedes Fußlaufen, als wäre es nobelpreisverdächtig…“ Lese ich solche Äußerungen – wie in diesem Fall zwar mit einem Schuss Selbstironie versehen, aber doch wohl mit einer Portion Verzweiflung – kribbelt es in mir und ich frage mich: Warum wird seitens vermeintlicher Fachleute den ahnungslosen Hundehaltern immer noch solch ein zum Himmel schreiender Unfug geraten? Und warum mutet man der Kreatur
Hund eine derartige psychische Belastung zu, indem man sie absichtlich in Konflikte bringt? Wenn das Ganze, wie es in diesem konkreten Fall offenbar erfolgt ist, der Halterin gegenüber
auch noch als professionelle Hilfe deklariert wird, wie uns Corinna durch ihre Darstellung glauben lässt, ist es umso erbärmlicher.
Warum? Ausnahmslos alle von ihr aufgezählten vermeintlichen „Umerziehungsmaßnahmen“, die man ihr offensichtlich seitens der Tierärztin oder einer Hundeschule angeraten hat, sind in
Wirklichkeit völlig ungeeignete Mittel, ihren „Monsterlabbi“ vom Zerren abzubringen. Im Gegenteil, sie dienen eher der Manifestation seines unerwünschten Verhaltens. Ich habe den Mut – auch wenn es wieder einmal viele meiner Kritiker auf den Plan rufen wird – es wie folgt auf den Punkt zu bringen: Ein an der Leine zerrender „Monsterlabbi“ – um in Corinnas Vokabular zu bleiben – kann stattdessen in nur wenigen Schritten in einen quasi in sich selbst ruhenden und entspannt an ihrer Seite schlendernden Zeitgenossen verwandelt werden. Und Corinna würde nicht nur zu
einer glücklichen Hundehalterin, sie könnte sogar auf eine Leine gänzlich verzichten. Böswillig könnte ich aber behaupten, dass dies offensichtlich nicht im wirtschaftlichen Interesse ihrer Hundeschule liegt. Denn dann würde eine zahlende Corinna ja nur ein einziges Mal erscheinen. Der Schlüssel zur Lösung des Problems, was aber offensichtlich auch in der Fachwelt immer
noch nicht durchgängig verstanden wurde, lautet „Erziehung“ und nicht „Konditionierung“. Alle von Corinna erwähnten „Gegenmaßnahmen“ wie stehen bleiben, Laufrichtung wechseln,
Trainieren an der Schleppleine und insbesondere Belohnen sind jedoch im Sinne der Definition keine geeigneten Mittel der Erziehung und damit zum Scheitern verurteilte Sinnlosigkeiten. Sie sind allesamt, wenn überhaupt, reine Versuche der Konditionierung oder Gewöhnung, mit denen man eine im Dispositionsgefüge des Hundes begründete Verhaltensweise mitnichten löschen kann. Außer, unser Monsterlabbi gibt vielleicht nach über zehn Jahren aus Altersgründen auf, weil er meint, keinen Bock mehr zu haben, für die Sicherheit von Corinna sorgen zu müssen. Die Tierärztin würde dann sicherlich voller
Selbstüberschätzung sagen: „Na, sehen Sie, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus!“ Damit komme ich aber zum eigentlichen Grund des Zerrens an der Leine, ohne dessen Kenntnis die Lösungsfindung jedoch einem Gucken in die Glaskugel gleichkäme oder die Lösungsfindung ins Leere laufen und solche Blüten treiben würde, wie es Corinna geraten wurde: Der Hund zerrt deshalb an der Leine, weil ihm die Verantwortung für die Sicherheit von Corinna bewusst oder unbewusst überlassen wurde; eine Verantwortung, die ihm schon durch seine Vorfahren in sein Genom geschrieben und im Rahmen der Domestikation ausgenutzt und manifestiert wurde. Und um dieser Verantwortung gerecht zu werden, versucht er, das Revier bereits weit voraus nach Gefahren oder Bedrohungen aufzuklären, um rechtzeitig
reagieren und Bedrohungen beseitigen zu können. Das Einzige, was ihn behindert, ist die ihn zurückhaltende Leine. Also liegt doch eigentlich die Lösung sonnenklar auf der Hand: Wenn Corinnas Monsterlabbi nicht mehr an der Leine zerren soll, muss man ihn lediglich von seiner ihm überlassenen Verantwortung entbinden und demonstrieren, dass Corinna ab jetzt für beider Sicherheit sorgt. Eine Entbindung von dieser Verantwortung ist aber mittels der erwähnten Empfehlungen, die man ihr gegeben hat, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unmöglich. Denn
weder durch ein gelangweiltes Stehenbleiben, ständiges Wechseln der Laufrichtung noch durch Belohnen des Bei-Fuß-Laufens wird man dem Monsterlabbi seine Verantwortung aus
dem Dispositionsgefüge löschen können. Und auch mit der Empfehlung, an der Schleppleine zu trainieren, manifestiert man eher das unerwünschte Verhalten, indem dem Hund quasi
symbolisch sogar der Auftrag erteilt wird, das Revier in einem noch größeren Radius aufzuklären. Die Absurditäten können aber noch gesteigert werden. Wenn nämlich der Hundebesitzerin –
wie ich es erst kürzlich von einer Kundin hörte – seitens vermeintlicher Fachleute obendrein noch der Rat gegeben wird, zum Schutz des empfindlichen Kehlkopfes, dem Hund doch
wenigsten ein Hundegeschirr anzulegen, damit, wenn er schon zerre, sich selbst wenigstens keinen physischen Schaden zufüge. Hier sollte man sich aber des Signals bewusst sein, welches dem Hund damit gegeben wird, jetzt erst recht zu zerren, weil er jetzt viel mehr Kraft entfalten kann. Ein Hundegeschirr sollten Sie ihrem Liebling nur dann um den Oberkörper würgen, falls sie
beabsichtigen sollten, mit ihm gemeinsam einen Fallschirmsprung zu absolvieren oder er sie auf einem Schlitten quer durch Sibirien zu zerren hat.