32. Die Fragwürdigkeit eines Antijagdtrainings – oder was können wir vom
tapferen Schneiderlein lernen?
Mich fragte einmal eine Kundin, mehr in Form einer Suggestivfrage, ob ich auch ein Antijagdtraining anböte. Suggestiv war ihre Frage deshalb, weil sie mir meine
Antwort eigentlich schon mit in ihre Frage hineinformulierte:
„Sie bieten doch sicherlich auch ein Antijagdtraining an, oder? Mein Rabauke jagt
nämlich alles, was in sein Beuteschema passt, und er ist dann auch nicht mehr
abrufbar. Und das nervt mich ungemein.“
Zugegeben, meine Antwort war etwas süffisant, wofür ich mich auch sofort
entschuldigte. Aber ich wollte ihrer Aufmerksamkeit einen kleinen Stupser verpassen, um meine anschließende Erklärung auch auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen. Ein vom Kommunikationswissenschaftler empfohlener Trick, wenn man befürchten muss, dass der Gesprächspartner die Antwort meint schon zu kennen und deshalb nur noch halb oder gar nicht mehr hinhöre und eine in der Antwort eventuell enthaltene wichtige Botschaft dadurch gar nicht mehr wahrnimmt.
Ich antwortete ihr nämlich mit einer Gegenfrage:
„Wenn Sie ein Fluglehrer wären und wollten Werbung für ihre Flugschule machen,
würden Sie dann auch mit einem Slogan werben: Ich biete allen Fluginteressierten und künftigen Piloten eine Ausbildung zur Beherrschung der Landeklappen an?“
Daraufhin fragte sie mich, sichtlich veräppelt gefühlt, was denn beides bitte schön miteinander zu tun habe.
„Nun ja, eine separate Ausbildung zur Beherrschung der Landeklappen ist für einen künftigen Piloten genauso überflüssig wie ein Antijagdtraining bei einem Hund. Beides sind nämlich selbstverständliche Nebeneffekte der eigentlichen Ausbildung des Piloten bzw. der Erziehung eines Hundes.“
Wenn ich als Hundetrainer ihr als meine Kundin ein separates Antijagdtraining
anbieten und mir bezahlen lassen würde, wäre es vergleichbar mit dem Verkaufen einer Flugausbildung in all ihren Einzelteilen. Es wäre für mich zwar ein lukratives Geschäft, aus der Perspektive der Kundin aber sicherlich nicht.
Durch diesen Aufmerksamkeitscheck war der Cortex der Kundin für Botschaften
sichtlich empfänglich genug und ich konnte ihr erklären, dass wir ihren Hund doch stattdessen nur zu erziehen bräuchten. Denn ihr Hund sei offensichtlich nicht sozialisiert, zumindest nicht interspezifisch. Dann wäre ein Antijagdtraining völlig überflüssig, weil dessen Effekt als schönes Nebenprodukt gewissermaßen mit abfallen würde. Und dann würden wir, ähnlich wie das tapfere Schneiderlein in Grimms Märchen, zwar vielleicht nicht gerade sieben, aber auf jeden Fall alle
anderen Verhaltensauffälligkeiten noch gleich mit beseitigen. Denn meine
Vermutung, dass es noch andere geben muss, resultierte aus der offensichtlich noch nicht erfolgreich abgeschlossenen interspezifischen Sozialisation – sprich Erziehung ihres Lieblings. Auch der finanzielle Reiz für sie bestünde darin, nicht für jedes Einzeltraining zur Beseitigung aller möglichen Auffälligkeiten einzeln erscheinen und bezahlen zu müssen, sondern „alle sieben Probleme mit einem Streich“ beseitigen zu lassen.
Abgesehen davon, dass ein separates Antijagdtraining gar nicht notwendig ist, ist ein solches auch falsch, wenn – wie ich zwar selten aber manchmal eben doch beobachten kann – dabei mit Hilfsmitteln wie dem Reichen von Leckerlis gearbeitet wird.
Das Unterdrücken des Jagdinstinktes sollte ausschließlich das Ergebnis einer
Erziehung sein und nicht das einer Konditionierung. Und bei der Erziehung haben
Leckerlis nichts zu suchen, wenn ich an meine Aussagen zu den intrinsischen
Motiven in meinen vorherigen Beiträgen erinnern darf. Sie sind vielmehr ein Mittel zur Konditionierung und somit geeignet zum Erreichen eines Ausbildungszieles. Wenn man Leckerlis zur vermeintlichen Unterdrückung des Jagdinstinktes einsetzt, ist es ja nichts anderes als ein Versuch der Ablenkung und somit eben ein typisches Mittel zur operanten Konditionierung. Beim Hund würde im Erfolgsfalle sein Jagdinstinkt durch die stärkere Wirkung des Leckerlis lediglich temporär überlagert werden. Aber was passiert, wenn plötzlich Meister Lampe auftaucht und der Griff in die Leckerlitasche ein Griff ins Leere ist? Eine Weile mag die Konditionierung noch nachwirken, aber dass dies von Dauer sein wird, ist durch Pawlow seinerzeit widerlegt worden. Oder es könnte durchaus passieren, dass Bello plötzlich ein Leckerli einfordert, nur weil am Horizont ein Langohr auftaucht.
Wesentlich effizienter zu erreichen und vor allem anhaltend ist das Unterdrücken des Jagdinstinktes im Rahmen der interspezifischen Sozialisation des Hundes, sprich im Rahmen seiner Erziehung und nicht im Rahmen seiner Ausbildung. Dabei wird ihm sein Entscheidungsspielraum eingeschränkt bzw. sogar vollständig genommen, indem der Halter ihm alle Verantwortlichkeiten entzieht und diese statt seiner übernimmt. Was er dem Hund unmissverständlich demonstrieren muss. Simultan muss jedes unerwünschte Verhalten konsequent reglementiert und korrigiert werden. Das Reichen von Leckerlis wäre in diesem Kontext nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv, weil der Hund dann nicht aufgrund einer ihm bewussten Verhaltensregel handelt, sondern aufgrund eines extrinsischen Motivators. Dass letzterer durchaus wirksam sein kann und somit einen vermeintlichen Erfolg vorgaukelt, steht außer Frage, denn kurzzeitig kann das Grundbedürfnis nach Futtermaximierung das nach Sicherheit überlagern. Eine andauernde Löschung des Jagdinstinktes ist damit jedoch unmöglich.
Ob und dass die Erziehung erfolgreich abgeschlossen ist, kann man daran erkennen, wenn der Hund ständig und in allen Entscheidungssituationen den Blickkontakt zum Halter sucht. Denn das ist ein untrügliches Indiz dafür, dass er die Regel des konfliktfreien sozialen Zusammenlebens mit seiner Bezugsperson beherrscht, alle Entscheidungen ihr zu überlassen und erst danach zu handeln. Das Übermitteln einer solchen Entscheidung während des Blickkontaktes kann in Form jeglicher Art von Gestik oder Mimik erfolgen. Bei einem erzogenen Hund wäre zwar der Jagdinstinkt dann nicht verschwunden, denn er ist ein natürlicher und kann nicht gelöscht werden, aber ein erzogener Hund würde gar nicht mehr auf die Idee kommen, einem Hasen hinterherzujagen, ohne zuvor eine Erlaubnis eingeholt zu haben. Denn seinem Instinkt ungefragt und unerlaubt nachzugehen würde nicht mehr in seinem Entscheidungsspielraum liegen.