40. Was ist eine „artgerechte Hundehaltung“? – eine Kritik an einer Experten- Talkrunde


Zugegeben, die von mir im Folgenden kritisierte Talkrunde fand bereits vor längerer Zeit statt, hat aber an Aktualität hinsichtlich ihrer Bewertung nichts eingebüßt, weshalb ich sie an dieser Stelle noch einmal als Grundlage eines Beitrages nutzen möchte. Es handelt sich dabei um eine Zusammenfassung eines Fachgespräches, das ich im Netz der „unbegrenzten Dummheit“ fand, zu dem mehrere „DOGS-Experten“ eingeladen worden waren. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Experten sowohl sehr namhafte und auch in den Medien immer wieder Präsenz zeigende Personen als auch in Führungspositionen von Verbänden tätige Fachleute waren, was die Bewertung ihrer sogenannten Fachexpertise in einem besonderen Licht erscheinen lässt. In dieser Talkrunde wurden den Experten Fragen gestellt zur
artgerechten Hundehaltung.

Eine, wie ich meine, durchaus angebrachte und essenzielle Fragestellung, denn aus ihrer Beantwortung ließen sich sehr wohl nicht nur ganz konkrete Empfehlungen für den Laien als Hundehalter ableiten, sondern auch Erkenntnisse dazu, unter welchen konkreten Rahmenbedingungen sich ein Hund wohlfühlt. Eine wichtige Fragestellung in diesem Zusammenhang wäre
beispielsweise gewesen, ob eine artgerechte Hundehaltung tatsächlich im Einklang steht mit dem Wohlbefinden des Hundes. Denn artgerecht korreliert nicht zwingend mit dem Wohlfühlen des Hundes, was sich sogar auf rechtliche Grundlagen auswirken müsste. Beispielsweise sind einige Forderungen in der Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchuHuV), die postuliert der artgerechten
Hundehaltung dienlich sein sollen, in Wirklichkeit gar nicht förderlich für das Wohlbefinden des Hundes. Ich werde auf solche in einem meiner nächsten Beiträge einmal eingehen.

Doch wer beim Zusammentreffen einer solch vermeintlich geballten Expertise konkrete, und vor allem für den Laien anwendbare und nützliche, geschweige denn lebensrealitätsnahe Antworten erwartet hatte, der wurde allerdings bitter enttäuscht. Bis auf sehr wenige, relativ konkrete Aussagen, hielten sich die meisten Antworten mit allgemeinen Plattitüden auf, die die Zeit des Lesens eigentlich gar nicht wert waren. Ich hatte den Eindruck, entweder hatten die eingeladenen Experten von dem, was da zur Diskussion stand, tatsächlich nur wenig Ahnung oder sie wollten ihre „Geheimnisse“ nicht preisgeben. Einige Aussagen waren sogar schlichtweg falsch.

Was soll beispielsweise der Laie mit der folgenden "Expertise" anfangen?

„Was Hunde in erster Linie brauchen, sind emotional stabile Menschen, die wissen, was sie vom Leben erwarten.“

Ich kann mir eine, zugegeben, sarkastische Bemerkung nicht verkneifen. Ich habe in meinem Buch "Problemhunde und ihre Therapie" nämlich meine Beobachtungen bei den Berliner Obdachlosen mit ihren Hunden beschrieben und dabei voller Bewunderung deren stressfreies Zusammenleben geschildert.
Jetzt, nach dieser Expertise eines vermeintlichen Experten, kann ich mir den Grund endlich erklären: Wahrscheinlich sind diese Hunde deshalb so tiefenentspannt und jenseits von allen Verhaltensauffälligkeiten und fühlen sich offenbar wohl, weil ihre Herrchen und Frauchen genau wissen, was sie vom Leben zu erwarten haben.

Oder was soll folgende "Expertise"?

„Letztendlich liegt es in der individuellen Kompetenz des Menschen, eine Mensch-Hund-Beziehung so zu gestalten, dass sie für beide zufriedenstellend und lebenswert ist.“

Hand aufs Herz, wer wüsste jetzt, nach solch fundamental tiefschürfenden Erkenntnissen, was zu tun sei, um seinen Hund artgerecht zu halten oder sein Wohlbefinden zu befördern?

Eine der nur wenigen konkreten Antworten, die jedoch zwingend einer weiteren Erläuterung bedurft hätte, kam von einem Verhaltensforscher:

„Für einen Hund ist es artgerecht, so eng wie möglich mit seinem Menschen zusammen zu sein. Zudem haben Hunde verhaltensbiologische Bedürfnisse, die es zu berücksichtigen gilt.“

Den ersten Satz könnte ich kommentarlos unterschreiben. Der zweite hätte aber unbedingt der Ergänzung bedurft, nämlich der Nennung und Erläuterung ganz konkreter verhaltensbiologischer Bedürfnisse, die für das Wohlbefinden des Hundes von Bedeutung sind, und vor allem, wie man sie effektiv und effizient befriedigt. Dann wäre dies der beste Beitrag von allen Experten gewesen. Aber bedauerlicherweise erwähnt er zwar zwei Bedürfnisse, jedoch – so undifferenziert wie er sie nennt – mit einer verhängnisvollen und falschen Botschaft. Denn wenn er sagt, „…der Hund (ist) ein Lauftier, das viel Bewegung im Freien braucht und ein großes Erkundungsbedürfnis hat. Beides muss täglich befriedigt werden“, dann suggeriert er, dass ein Hund, der stundenlang entspannt in der Ecke liegen kann und kein Lauf- und Aufklärungsbedürfnis
zeigt, sich nicht wohlfühle oder nicht artgerecht gehalten werden würde. Aber das ist mitnichten korrekt und schon gar nicht verhaltensbiologisch belegt. Das sollte ein Verhaltensforscher aber eigentlich wissen.

An dieser Stelle hätte es, wenn es den Anspruch eines Expertenforums gehabt hätte, der Einschränkung bedurft, dass nur ein Hund, der die Verantwortung für eine Ressource wie ein Revier oder für seine und die Sicherheit seiner Bezugsperson innehat und darauf basierend ein Aufklärungsbedürfnis besitzt, diese genannten Ambitionen hat und befriedigen will. Würde dem gleichen Hund diese Verantwortung allerdings genommen oder gar nicht erst übertragen, hätte er kaum Interesse am „Herumjoggen“ oder „Aufklären“, und er würde sich mindestens genauso wohl, wenn nicht sogar noch wohler fühlen als sein gestresster Artgenosse.

Das soll nicht heißen, dass ein Hund sich nicht gerne bewegt und mit Frauchen oder Herrchen gerne herumtollt. Im Gegenteil, es ist seiner Physis und seinem Wohlbefinden durchaus förderlich, seine Muskulatur und seine psychische Leistungsfähigkeit zu trainieren. Aber es entspricht nicht zwingend seinen Grundbedürfnissen, deren Befriedigung seine artgerechte Haltung widerspiegelt.

Bei solch falschen Behauptungen wird negiert, worin die eigentliche Motivation eines Hundes am oben erwähnten Herumlaufen und Erkunden besteht. Nämlich in seinem Interesse, die beiden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sicherheit zu befriedigen. Allerdings wird er deren Befriedigung immer mit dem geringstmöglichen Aufwand betreiben. Denn auch ihm ist das
ökonomische Grundprinzip der Natur nicht unbekannt. Kein Hund würde, nur weil es ihm angeblich Freude bereite und er daran Spaß empfände, eine Hundewiese wild ausgelassen erkunden. Er macht das nur, wenn er glaubt, selbst für seine Sicherheit sorgen und seine Feinde und Konkurrenten erkennen und verjagen zu müssen. Und ob er bei dieser Arbeit tatsächlich glücklich ist, ist sehr fraglich. Denn wenn man solchen Hunden eine Urin- oder
Speichelprobe zur Bestimmung der Stresshormone Adrenalin und Cortisol entnimmt, wird man eines Besseren belehrt.

Anders sieht es nämlich bei Bello & Co. aus, deren Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sicherheit von Frauchen oder Herrchen zuverlässig befriedigt werden, indem sie ihnen neben ausreichend Nahrung vor allem in allen Lebenslagen Schutz bieten und keine Verantwortung für irgendeine Ressource
übertragen. Bei diesen Hunden wird man vergeblich nach einem erhöhten Cortisol- oder Adrenalinspiegel suchen.

Trotzdem können beide Hunde, also sowohl der, dem die Verantwortung für ein Revier übertragen wurde und einen ausreichenden Entscheidungsspielraum zur Wahrnehmung dieser Verantwortung zugestanden bekommen hat, als auch der, dem die Verantwortung genommen wurde und absolut stressfrei durchs Hundeleben läuft, als artgerecht gehaltene Hunde bezeichnet werden. Insofern wäre doch eine solche Diskussion, in der eine artgerechte Hundehaltung konkret benannt und deren nicht zwingende Korrelation mit dem Wohlbefinden des Hundes diskutiert worden wäre, den Experten würdig gewesen.

Aber noch eine Aussage eines teilnehmenden Experten bedarf unbedingt des Kommentars und der Richtigstellung:

"Wenn Hunde nicht mehr kommunizieren dürfen, wenn sie nicht mehr knurren oder markieren dürfen, ohne gleich als dominant oder aggressiv beurteilt zu werden, haben wir in unserem Land ein großes Problem. Einem Hund alles zu verbieten, finde ich nicht mehr artgerecht. Hunde müssen ihr normales Verhalten ausleben dürfen."

Dieses Statement enthält mehrere fatale Botschaften und vor allem Unrichtigkeiten. Zunächst sollte sich dieser Experte einmal selbst die Frage stellen, ob er seine beiden letzten Sätze genau in dieser Formulierung vor einem Gericht wiederholen würde, in dem die Ursachen und Konsequenzen einer Hundeattacke auf ein kleines Mädchen verhandelt werden, das bei diesem Vorfall lebensgefährlich verletzt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt
wurde. Ob er dann auch den Mut aufbringen würde, wärend er diese Fachexpertise von sich gibt, den Eltern in die Augen zu blicken, oder ob er nicht vor Scham im Erdboden versinken und ihm seine klugen Äußerungen im Halse stecken bleiben würden. Solche Aussagen sind schlichtweg grober Unfug. Einen Hund sein normales Verhalten ausleben zu lassen, kommt unter
Umständen einer groben Fahrlässigkeit nach. Zumindest hätte der Experte diesen Satz in seiner verallgemeinernden Darstellung einschränkend kommentieren müssen.

Und was meint dieser Experte damit, dass es offensichtlich Forderungen gäbe, dass ein Hund nicht mehr markieren dürfe? Auf welcher Erkenntnisgrundlage basiert und in welchem Kontext steht eine solche Erkenntnis? Ich kenne keinen kompetenten Hundetrainer, der zu solch einem Unsinn raten würde, abgesehen von der sehr unwahrscheinlichen Machbarkeit. Vielmehr ist es
sachlich richtig und sollte jedem Experten bekannt sein, dass das Markieren des Reviers ein untrügliches Indiz dafür ist, dass dieser Hund Revierverantwortung besitzt. Aber nur, und nur dann, wenn ein Hund aufgrund dessen zu Aggressionen oder sonstigen unerwünschten Verhaltensweisen neigt, was durch eine Erziehung beseitigt werden soll, besteht der Trainingsansatz und das Ziel darin, dem Hund diese Revierverantwortung zu nehmen. Im Ergebnis einer erfolgreichen Entbindung von dieser Verantwortung unterlässt der Hund dann aber höchst freiwillig dieses Markieren, weil es dafür schlichtweg keinen Grund mehr gibt. Es ist also
nur ein Nebeneffekt, aber mitnichten ein bewusst durch Verbot gewollter. Abgesehen davon, dass ein Hund ohnehin nicht überall, zumindest nicht in urbaner Umgebung, urinieren sollte. Zu diesem Thema habe ich bereit einen Artikel geschrieben und auf die Unarten vieler Hundehalter hingewiesen, ihre Hunde überall und gegen alles urinieren zu lassen, was einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursacht, abgesehen vom unschönen Aussehen beispielsweise abgestorbener Pflanzen, Hecken und Bäume. Nicht einmal vor Ausstellungswaren von Einzelhändlern machen sie halt.

Und noch eine Korrektur kann ich mir nicht verkneifen, auch wenn noch eine Reihe weiterer Unrichtigkeiten eines Kommentars bedürften: Ein mit Sachverstand ausgestatteter Experte sollte wissen, dass ein Hund nicht dominant ist. Mit Dominanz wird eine Beziehung beschrieben, keine Wesensart, die ein Hund grundsätzlich an den Tag legen würde. Das ist schlicht Unsinn.

Abschließend sei mir noch eine Bemerkung zu einer Fragestellung gestattet, die von der Moderatorin an die Runde der Experten gerichtet wurde:

"Ist der Besuch von Welpenspielstunde, Junghundgruppe und
Beschäftigungsgruppe nicht unverzichtbar, wenn ich meinen Hund artgerecht durchs Leben begleiten möchte?"

An dieser Stelle hätte ein Aufschrei durch die illustre Runde der Experten gehen müssen: "Um Himmels Willen, genau das Gegenteil ist der Fall!" Aber im Gegenteil, die selbsternannten Experten bejahten ihre Frage überwiegend.

Das entscheidende Kriterium für eine artgerechte Haltung des Hundes bei gleichzeitigem Wohlbefinden ist vielmehr der Sachverhalt, ob der Hund alle Situationen, in die er gerät, noch im Griff zu haben glaubt. Solange er sich in der Lage wähnt, den Ausgang dieser Situationen zu seinen Gunsten beeinflussen zu können, ist die Welt für ihn in Ordnung. Hat er jedoch nicht mehr dieses Gefühl, sondern fühlt sich eher einer Situation hilflos ausgeliefert, ohne noch einen Einfluss auf deren Ausgang zu haben, gerät er in Stress und zeigt Verhaltensauffälligkeiten. Bei Andauer dieses Zustandes zeigen sich u.U. sogar pathologische Konsequenzen. Es ist unwichtig oder für das Wohlbefinden eines Hundes unbedeutend, welche Aufgaben oder Verantwortungen man ihm überträgt, solange diese zum einen seinem Dispositionsgefüge entsprechen und zum anderen man ihm den dafür notwendigen Entscheidungsspielraum zugesteht. Konflikte entstehen immer dann, wenn es hier zu einem Widerspruch kommt. Beispielsweise, wenn ihm die Verantwortung für die Sicherheit überlassen wurde aber nicht der entsprechende Entscheidungsspielraum. Ein Hund, dem seinem Dispositionsgefüge entsprechende Aufgaben und Verantwortlichkeiten übertragen werden bei gleichzeitiger Gewährung des dafür notwendigen Entscheidungsspielraums wird sowohl artgerecht gehalten als auch seinem Bedürfnis nach Wohlbefinden entsprechend. Gleichwohl aber befindet sich der
gleiche Hund, dem keine Aufgaben oder Verantwortlichkeiten übertragen und sein Entscheidungsspielraum entsprechend eingeschränkt wurden, ebenso im Einklang mit seinem Bedürfnis nach Wohlbefinden, solange andere die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nach Stoffwechsel und Sicherheit zuverlässig gewährleisten.

All das ist aber nur dann von allgemeiner Gültigkeit, solange das Verhalten des Hundes im Einklang steht mit den allgemeingültigen Anforderungen an ein vernünftiges soziales Zusammenleben von Mensch und Tier. Auch hier gilt der
juristische Grundsatz: Die eigene Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Deshalb ist die geäußerte Plattitüde, Hunde müssten ihr normales Verhalten ausleben dürfen, ohne sie zu konkretisieren, grober Unfug.