37. „Mein Hund will doch nur spielen!“ – Irrtum oder Lüge?

Wer kennt sie nicht, die Situation, wenn ein fremder Hund auf einen zuläuft und der Halter schon von weitem brüllt, man solle keine Angst haben, er wolle nur spielen. Oder, wie in einem meiner vorherigen Texte bereits beschrieben, wenn selbst Hundehalter, die es nicht wünschen, dass fremde Hunde zum eigenen Hund Kontakt aufnehmen, sich sogar Anfeindungen ausgesetzt sehen oder zumindest befremdliche Kommentare anhören müssen mit einer ähnlich lautenden Begründung.

Zwar etwas anders – aber mit gleicher Überzeugung der jeweiligen Hundehalter, was den vermeintlichen Spieltrieb ihrer Vierbeiner betrifft – laufen Begegnungen ab, wenn Halter sich beim Gassigehen mit Gleichgesinnten und ihren Vierbeinern über den Weg laufen. Stets das gleiche Prozedere: Die Vierbeiner rennen, so Herrchen oder Frauchen ihnen die entsprechende Freiheit lassen – oder wenn man ihnen diese Freiheit nicht zugesteht, an der Leine zerrend, als gebe es kein Morgen mehr –
vermeintlich freudig erregt aufeinander zu, um den Artgenossen schon möglichst weit voraus zu erreichen und über ihn herzufallen.

Auf der allseits so beliebten Hundespielwiese – wie sie im Übrigen heuchlerischer kaum bezeichnet werden kann – nimmt das Ganze noch illustrere Formen an. Losgeleint bildet sich aus den vielen Protagonisten schnell ein riesiges Knäuel; und ein scheinbar unbändiges „Spiel“ nimmt seinen Lauf.

Wenn sich mir in solchen Situationen die Gelegenheit bietet, den einen oder anderen
Hundeliebhaber zur Beantwortung meiner Frage zu bewegen, was wohl ihrer Meinung nach ihre Schützlinge in diesen Momenten empfänden, kommt in der Regel im Brustton der Überzeugung die Aussage: „Natürlich Freude und Spaß, was denn sonst!“ Und wenn ich dann noch weiter bohre, was dann wohl das Motiv ihrer
„Schützlinge“ für dieses Ritual sei, kommt ebenso selbstsicher die Antwort: „Die wollen miteinander spielen!“ Was mich daran so erschreckt, ist die Tatsache, dass solche Aussagen sogar aus dem Munde von Hundetrainern zu hören seien, wie mir Kunden immer wieder bestätigen.
 
Aber ist es das wirklich? Wie sieht es denn mit dem Gegenbeispiel aus? Wenn ein Hund kein Interesse am anderen seiner Artgenossen zeigt; ist er dann eine Spaßbremse oder gar ein Spielverderber?

Nun habe ich im Titel dieses Beitrages die rhetorische Frage gestellt, ob die geäußerte Überzeugung vom Spielinteresse des Hundes ein Irrtum oder gar eine Lüge sei. Wenn ich die Antwort darauf an dieser Stelle schon mal vorab geben dürfte, bevor ich die Begründung liefere, so würde ich sagen, sowohl als auch. Aus
dem Munde eines Laien wäre es nämlich ein Irrtum. Aber aus dem Munde eines Fachmannes eine Lüge.

Denn der erkenntnistheoretische Ansatz zur Erklärung eines Irrtums trifft hier für einen Fachmann nämlich nicht zu. Der setzt nämlich schon laut den antiken Philosophen voraus, dass die Quelle des Irrtums in der Unvollkommenheit der sinnlichen Wahrnehmung oder in der Unvollkommenheit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zu finden sei. Aber eine solche Unvollkommenheit ist immer gebunden an eine nicht ausreichende Zugänglichkeit aller notwendigen Erkenntnisse. Und dies ist wohl eher nur dem Laien zuzubilligen, aber unter den Bedingungen heutiger Verfügbarkeit aller möglichen Wissensquellen, einem Experten wie dem Hundetrainer oder der Hundetrainerin doch wohl kaum. Ich unterstelle stattdessen,
dass es sich hier bei einem Hundetrainer nicht um einen Irrtum handelt, sollte er in diesem Kontext vom Spielinteresse der Protagonisten sprechen, sondern um eine willentliche Ignoranz der Realität. Und da frage ich mich: warum? Um mit Christian
Morgenstern zu antworten: Offensichtlich, „weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Ich behaupte nämlich, dass alle notwendigen Erkenntnisse zu den
verhaltensbiologischen Merkmalen und Ursachen eines Hundes für jeden Hundetrainer zugänglich sein sollten, wenn er sich ein Urteil anmaßen wollte zu den auslösenden Faktoren hündischen Verhaltens in einer Situation wie eingangs beschrieben. Aber es passt offensichtlich nicht in das eigene Bild und die eigenen
Trainingsansätze einer Hundeerziehung so manch eines „Experten“.

Nicht, dass ich das Spielinteresse des Hundes an sich infrage stelle. Im Gegenteil, insbesondere junge Hunde zeigen ein hohes diesbezügliches Interesse, ähnlich wie Kinder. Und auch noch „pubertierende“ Hunde neigen zu spielerischem Kräftemessen. Sogar ältere Hunde zeigen spielerisch den jüngeren Protagonisten
wie es geht. Dies sollte aber nicht verwechselt werden mit den Aufklärungsinteressen eines Hundes am Beginn einer Begegnung mit seinesgleichen und seinen tatsächlichen Motiven. Denn das Verwechseln solcher Interessen und Motive kann leicht unterschätzende Auswirkungen auf das künftige Verhalten des Hundes haben, nämlich durch Unterlassung, oder ein Symptom sein für die Ursachen seiner vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten.

Wenn ich in meinen Beiträgen über vermeintlich verhaltensauffällige Hunde und deren Ursachen spreche, meine ich hier natürlich auch nur solche Fälle, bei denen das Verhalten des Hundes bei einer Begegnung mit seinesgleichen einer kritischen Analyse bedarf, weil hier Ansatzpunkte für seine Therapie zu finden sind. Denn ich habe stets betont, dass das Verhalten eines Hundes nur dann Anlass zum Handeln seiner Halter bietet, wenn dieses Verhalten bei ihnen auf Ablehnung stößt und als störend oder auffällig empfunden wird und insbesondere die Interessen anderer beeinträchtigt werden. Allerdings sollten sich Herrchen und Frauchen auch dann
einmal die Zeit nehmen, über eine Veränderung und Einflussnahmen auf das Verhalten Ihrer Schützlinge nachzudenken, wenn dieses ihnen bisher nicht als ein
auffälliges erscheint oder sie stört. Und zwar allein schon mit dem Ziel, das eventuell unerkannte und latent vorhandene Stressniveau ihrer Lieblinge zu reduzieren.

Deshalb bitte ich den geneigten Leser, sich einmal auf ein Gedankenspiel einzulassen, also einer hypothetischen Überlegung, um deren logische Konsequenzen zu prüfen, ohne von vornherein eine ablehnende Haltung einzunehmen:

Nehmen wir deshalb einmal an, dass das Verhalten eines Hundes durch sein Dispositionsgefüge (Veranlagungen, Instinkte, Bedürfnisse) bestimmt werde, welches das Resultat sowohl seiner Domestikation und Zuchtlinie als auch seiner konkreten
Lebenshistorie (Erfahrungen und Umwelteinflüsse) sei. Dann sollten wir davon ausgehen können, dass der Hund in seinem Verhalten im Wesentlichen von drei Grundbedürfnissen geleitet wird, nämlich seinen Grundbedürfnissen nach Nahrung, Sicherheit und Fortpflanzung. Hinzu kommen sogenannte Sekundärbedürfnisse, die ihm im Rahmen seiner Domestikation quasi herausselektiert wurden und ihn nach der Erfüllung bestimmter Aufgaben im Auftrag des Menschen streben lassen.

Weiterhin können wir annehmen, dass die beiden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Fortpflanzung, zumindest bei den Hunden, von denen wir hier sprechen, in der Regel entweder als befriedigt gelten können oder nur temporär wirken wie während der Läufigkeit. Ebenso sollten wir die Sekundärbedürfnisse in unserem Kontext außer Acht lassen können, denn sie spielen bei der Beurteilung des hündischen Verhaltens bei Begegnung mit ihresgleichen keine Rolle.

Bleibt also lediglich das Bedürfnis nach Sicherheit, das auf das Verhalten eines Hundes bei Begegnungen mit seinesgleichen eine Rolle spielen könnte. Denn diese Annahme sollte in unserem Gedankenspiel gar nicht so weit hergeholt sein, wenn wir
bedenken, dass der Mensch das Streben des Hundes nach Gewährleistung seines Grundbedürfnisses nach Sicherheit im Rahmen der Domestikation nicht nur bewusst ausgenutzt, sondern sogar zielgerichtet manifestiert hat, indem er ihn nicht nur für seine eigene Sicherheit hat sorgen lassen, sondern ebenso für seine und die seines Hauses und Hofes oder anderer Ressourcen und Tiere. Was letztendlich dazu geführt hat, dass der Hund von sich aus und ohne dass ihm diese Verantwortung
bewusst oder willentlich übertragen wird, für die eigene und die Sicherheit aller ihm anvertrauten Wesen und Ressourcen sorgt.

Somit erscheint es doch wohl ebenso nicht weit hergeholt, wenn wir in unserem Gedankenspiel annehmen können, dass jegliche Begegnungen von Hunden, die sich in der Regel fremd sind, ein Aufeinandertreffen potenzieller Konkurrenten, Rivalen oder gar ihre Sicherheit gegenseitig bedrohender Feinde seien.

Wenn wir diese Annahmen einmal zu Ende denken, erscheint das vermeintlich wilde Spielinteresse zweier aufeinandertreffender Protagonisten plötzlich in einem völlig anderen Lichte. Nämlich gar nicht mehr in einem so harmlosen. Im Gegenteil, es wird aus solchen Begegnungen ein Unterfangen, vor dem man seinen
„Schutzbefohlenen“ eher bewahren sollte, anstatt es anzustreben, weil man irrtümlicherweise glaubt, ihm damit einen Gefallen zu tun.

Deshalb nehmen wir andererseits auch einmal den Idealfall an, dass andere Hunde für den eigenen Hund keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Bedrohungen mehr wären. Eine Vorstellung, die gar nicht so unmöglich erscheint, denn die Voraussetzung dafür wäre relativ simpel. Nämlich, dass es weder eine Ressource
gäbe, um die konkurriert oder wettgeeifert werden könnte noch die Gewährleistung der Sicherheit in der eigenen Verantwortung des Hundes läge. Der einfachste Weg dahin wäre, dem Hund keine Ressource zu überlassen und ihn von jeglicher Verantwortung für die eigene bzw. auch die Sicherheit seiner ihm anvertrauten
Wesen zu entbinden. Und schon sollte der erstaunte Laie feststellen können, dass Bello plötzlich gar kein Interesse mehr an irgendwelchen vermeintlichen Spielchen zu haben scheint. Tatsächlich hätte er nämlich keinerlei Aufklärungsinteresse mehr, die Absichten und die möglichen Bedrohungen durch andere eruieren zu wollen.

Ergo – um nochmal auf die eingangs geschilderte Szene zurückzukommen – ist es schon ein Contradictio in adiecto wie der Lateiner sagt (ein Widerspruch in sich), wenn der „Schutzbefohlene“ (jemandes Schutz oder Obhut Anvertrauter – in diesem Falle der Hund) zur Aufklärung und zum Schutze seines Herrchens oder Frauchens die Absichten seiner Artgenossen zu identifizieren hat. Vielmehr sollte andersherum ein besserer Schuh draus gemacht werden; nämlich Herrchen und Frauchen haben
diese Schutzfunktion gegenüber ihrem Hund zu erfüllen. Und was soll die heuchlerische Beschreibung von „Freiheit“, die dem Hund angeblich eingeräumt werde, wenn man ihn gezwungenermaßen in das Scharmützel mit seinesgleichen schickt, um die möglichen Absichten der anderen aufzuklären, weil man selbst nicht
den Mut dazu aufbringt. Und nicht zuletzt wird die Sinnhaftigkeit der vermeintlichen „freudigen“ Erregtheit des Hundes beim Aufeinandertreffen mit seinen Feinden ad absurdum geführt; denn mit Freude hat die übertragene Aufklärungsarbeit zunächst
einmal gar nichts zu tun, im Gegenteil. Bevor nicht die Absichten des anderen abgeklärt sind und diese sich als harmlos erwiesen haben, solange stehen alle Zeichen auf Rot und alle Glocken läuten Alarm. In vielen Fällen darf deshalb nicht nur von einer psychischen Anspannung und Belastung des Hundes ausgegangen, sondern sollte sogar die Möglichkeit puren Stresses in Erwägung gezogen werden, wenn Hunde in solchen Situationen unter Umständen das Gefühl entwickeln, der jeweiligen Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

Quod erat demonstrandum – was zu beweisen war: Ein Hund, der von der Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder die des Halters und jeglicher Ressource entbunden wurde, zeigt keinerlei Interesse an seinen Rivalen; denn es gibt dann keine mehr.