8. Irrtümer der Hundeerziehung – 

eine Kritik an der Methode „positive Bestärkung“


Gibt man bei Google den Suchbegriff Hundeerziehung ein, um nach Empfehlungen Ausschau zu halten, wie man beispielsweise seinen „Leinen Rambo“ am besten von seinem störenden
Verhalten befreien könnte oder gar, wer dafür eine professionelle Hilfe anbietet, bekommt man laut Anzeige Zugriff auf ca. dreieinhalb Millionen Einträge. Die dort zu entdeckenden
Ratschläge und empfohlenen Trainingsmethoden zielen auf alle nur denkbaren unerwünschten Verhaltensweisen des Vierbeiners ab. Angefangen beim nervenden Zerren an der Leine über
das rüpelhafte Verhalten bei Hundebegegnungen, Hinterherjagen oder Dauerkläffen bis hin zu Aggressionen aller Art einschließlich Beißattacken und Vorfälle, die eigentlich schon dem
Amtstierarzt zur Anzeige gebracht werden müssen. Für all diese Fälle bietet das allwissende Google eine Fülle an Ratschlagen und Empfehlungen, denen es auch nicht an Kreativität und
Absurdität mangelt, wie Sie in meinem Fachartikel zum „Leinenmentaltraining“ nachlesen können. Aber auch die Anzahl der Kontakthinweise, an wen der genervte Hundehalter sich
mit seinem Hilfeersuchen wenden kann, um seinem Dilemma endlich ein Ende zu bereiten, ist
nahezu unglaublich. Nun sollte man ja meinen, bei einer derart riesigen Anzahl an Einträgen und Hilfsangeboten –
was nebenbei bemerkt auch ein Indiz dafür ist, dass es eine schier unglaubliche Anzahl an Hundeschulen, Hundetrainern aber auch an selbsternannten Experten zu geben scheint – sollte
es doch kein Problem sein, eine fachlich fundierte Hilfe zu bekommen. Vor allem die Vielzahl an Hundetrainern sollte allen Hilfesuchenden doch Optimismus verleihen. Aber stimmen hier auch Erwartungen und Realität überein? Kann der Hilfesuchende
tatsächlich davon ausgehen, dass die ihm hier feilgebotenen Ratschläge und Trainingsangebote auch wirklich den gewünschten Effekt erzielen? Kann man erwarten, dass
ein zuvor noch nicht erzogener Hund, in vielen Fällen sogar als verhaltensauffällig eingestuft, anschließend als wohlerzogen aus solchen Trainings hervorgeht, so man diesen Hilfsangeboten Folge leistet? Gemessen an dem, was Kunden mir allerdings an Misserfolgserlebnissen einschließlich
fehlinvestierter Gelder bis weit über zehntausende Euros hinaus berichten und ich selbst im Netz so an vermeintlichen Lösungsansätzen zu finden in der Lage war, stellt sich mir jedoch
ein eklatanter Widerspruch dar. Nämlich der auffällige Konsens zwischen den meisten Empfehlungen einerseits aber deren durchgängige fachliche Ungeeignetheit andererseits,
woraus sich auch die große Anzahl an Misserfolgen erklären lässt. Will meinen, die überwiegende Mehrheit aller Ratschläge ähneln einander, denn sie basieren alle auf ein und derselben falschen Annahme, und belegen eher die fachliche Inkompetenz ihrer Quellen. Kurz gesagt, mithilfe dieser Ratschläge oder Trainingsansätze ist es aus fachlicher Sicht gesehen
nahezu ausgeschlossen, einen unerzogenen Hund erfolgreich und vor allem auch nachhaltig
erziehen zu wollen. Die Frage lautet somit: Woran liegt das?
Zunächst einmal denke ich, dass ein Konsens darüber bestehen sollte, dass es sich bei den zuvor erwähnten unerwünschten Verhaltensweisen ausschließlich um solche handelt, die zu
ihrer Beseitigung der Erziehung des Hundes bedürfen und nicht etwa seiner Ausbildung wie es bei Sitz, Platz & Co. üblich ist. Jedoch die hier im Netz beschriebenen Ratschläge,
Verhaltensempfehlungen und Trainingsmethoden sind überwiegend solche, die der Ausbildung zuzurechnen sind, denn sie erfüllen alle die Kriterien der Konditionierung. Und
letztere sind definitiv – also schon von ihrer Definition her – nicht geeignet, einem Hund Verhaltensregeln anzuerziehen, deren Auslöser in seinem Dispositionsgefüge angesiedelt
sind, also in seinen Bedürfnissen und Veranlagungen. Dazu sind Methoden der Konditionierung nun mal ungeeignet.
Zum besseren Verständnis macht es deshalb vielleicht Sinn, dass ich noch einmal aus Sicht der Psychologie die Konditionierung erläutere, weil es dann vielleicht sogar selbsterklärend
wirkt, warum deren Methoden für eine Erziehung untauglich sind:
Jeder weiß sicherlich, was der Aberglaube so für Blüten treiben kann. Sportler zählen übrigens neben Glücksspielern zu den abergläubischsten Menschen. Ich selbst hatte zu Zeiten
meiner Kariere als BMX-Profi, als ich noch von Contest zu Contest durch die halbe Welt gezogen bin, die – im Nachhinein betrachtet unverantwortliche – Angewohnheit, beim
Training besonders riskanter Sprünge über Rampe, Dirts & Co. keinen Helm zu tragen. Denn gefühlt ging es jedes Mal schief, wenn ich einen trug. Irre oder? Woran liegt das, dass man
glaubt, zwischen zwei Sachverhalten oder Ereignissen, die rational betrachtet gar nichts miteinander zu tun haben können, also lediglich ein mögliches Korrelat darstellen aber keine
tatsächliche Kausalität, bestehe eine Ursache-Wirkung-Beziehung? Wahrscheinlich, weil es mir irgendwann einmal so ergangen war. Das Gedächtnis hatte mir einen Streich gespielt und sich diesen Zusammenhang gemerkt: Helm ab – kein Sturz; Helm auf – Sturz. Psychologen bezeichnen dies als abergläubisches Lernen. Der Psychologe Dr. Adam Cash schreibt dazu: „Wenn ein tatsächlicher Zusammenhang
zwischen einer Handlung und einem darauffolgenden bestimmten Ereignis besteht, sei es positiv oder negativ, findet eine bestimmte Art des Lernens statt. Man lernt, dass auf die
Handlung eine Konsequenz folgt. Behavioristen verwenden dafür die Abkürzung A-B-C:
Antezedens (was vorher passiert) – Verhalten/Behavior (die ausgeführte Handlung) – Konsequenz/Consequence (was nach der Handlung passiert). Das Lernen ist hier ein Prozess
der Konditionierung. Bei dieser Art des Lernens wird eine Verbindung zwischen Ereignissen hergestellt.“
Es gibt zwei Arten des Lernens durch Konditionierung: Die klassische (Lernen durch das in Verbindung-Bringen zweier Ereignisse) und die operante (Lernen dadurch, dass auf eine
bestimmte Handlung eine bestimmte Konsequenz folgt, was dazu führt, dass bei einer positiv bewerteten Konsequenz die Handlung wahrscheinlich erneut wiederholt oder bei negativer
Konsequenz vermieden wird). Der Psychologe dazu nochmal: „Bei der klassischen Konditionierung geht es darum, dass
zwei Reize miteinander verknüpft werden. Bei der operanten Konditionierung geht es darum,
dass die Beziehung zwischen zwei Reizen die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine Verhaltensweise erneut auftritt (oder nicht).“
Wer kennt sie nicht, die berühmt gewordenen Konditionierungsexperimente des russischen Physiologen Iwan Pawlow mit seinen Hunden, mit denen er den Nachweis erbrachte, dass ein konditionierter Reiz einen natürlichen Reiz ersetzen kann, um eine unkonditionierte Reaktion durch eine konditionierte zu ersetzen. Soll heißen, dass ein im Zusammenhang mit einem natürlichen Reiz (Futter) dargebotener neuer Reiz (Glockenläuten) irgendwann allein die gleiche natürliche Reaktion (Speichelfluss) auslösen kann, also ohne, dass der natürliche Reiz mit dargeboten werden muss. Dem Hund läuft quasi schon der Sabber im Maul zusammen, allein nur wenn er die Glocke läuten hört.
Allerdings hängt der Erfolg einer solchen Konditionierung von zwei Regeln ab:
Zum einen von der sogenannten Kontiguität, womit die zeitliche oder räumliche Verknüpfung beider Ereignisse gemeint ist. Nur wenn der konditionierte Reiz auch in einer ausreichend
engen Beziehung zum natürlichen Reiz steht, entfaltet er seine Wirkung. Und zum anderen ist es die ausreichende Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens. Konditionierung findet also nur
statt nach einer ausreichenden Anzahl an Wiederholungen (auch trials genannt). Und noch etwas hat Einfluss auf den Erfolg, nämlich die Stärke des Reizes (eine laute Glocke wirkt
stärker als eine leise).
Allerdings, und hier liegt der Hund begraben, sobald die gemeinsame Darbietung von natürlichem Stimulus und konditioniertem beendet sei und der konditionierte Stimulus allein
die Reaktion hervorrufe, lasse seine Kraft irgendwann nach, schreibt der Psychologe Adam Cash. Werde ein konditionierter Stimulus oft genug ohne den unkonditionierten Stimulus
(natürlicher Reiz) präsentiert, höre der konditionierte Stimulus irgendwann auf, die konditionierte Reaktion auszulösen, so Cash weiter. Aber nicht nur Pawlow hat sich einen Namen in der Konditionierungsforschung gemacht.
Auch solche Namen wie die des jungen Doktoranden Rescorla oder der beiden
Wissenschaftler Wagner und Hull mit ihren ergänzenden Modellen und Erklärungen sind erwähnenswert. Aber ich denke, einer der bekanntesten, der sich mit seinem Beitrag zur
Erklärung der operanten Konditionierung hervorgetan hat, ist Edward Lee Thorndike. Er war ein US-amerikanischer Psychologe. Seine Verhaltensstudien an Tieren und die daraus
abgeleitete Theorie vom Lernen durch Versuch und Irrtum beeinflussten spätere Theorien des Behaviorismus. Er entwickelte eine Theorie, die als Gesetz der Wirkung oder Effektgesetz
bezeichnet wird, wonach sich die Konsequenz einer Handlung auf die Handlung selbst auswirke. Versuche dazu führte er mit Hilfe seines sogenannten Problemkäfigs an Katzen durch. Thorndikes Effektgesetz sagt aus, dass eine Reaktion, die bei einem Tier eine größere Befriedigung hervorruft, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit mit der vorausgehenden
Situation verknüpft werde. Je größer die Befriedigung, desto stärker die Verknüpfung zwischen Situation und Reaktion. In seine Fußstapfen trat der wohl berühmteste Psychologe
aller Zeiten, Burrhus Frederic Skinner, der Ratten in seiner Skinner-Box üben ließ, auf einen Hebel zu drücken, um anschließend eine Futtertablette zu ergattern. Thorndikes Katze und Skinners Ratten hatten es gelernt, die Tür zu öffnen oder einen Hebel
zu drücken, weil sie mit einem sogenannten Verstärker (Futter) belohnt wurden. Futter (Leckerli) ist übrigens eines der wirkungsvollsten Verstärker in der Tierdressur, weil das
Bedürfnis nach Futtermaximierung eines der drei stärksten Bedürfnisse des Hundes ist. Es
gibt zwei verschiedene Arten von Verstärkern. Die sogenannte positive Verstärkung, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten erneut auftritt, und die negative
Verstärkung, die das Gegenteil bewirkt. Letzteres ist beispielsweise das künftige Vermeiden eines bestimmten Verhaltens, weil dieses dem Protagonisten unangenehme Folgen bescherte.
Deshalb sollte auch unbedingt jedes unerwünschte Verhalten eines Hundes sofort mit einer Sanktion „bestraft“ werden. Bleibt diese jedoch aus, bleibt auch das gewünschte Verhalten
aus, denn jede ausbleibende Sanktion entspricht quasi einer Duldung des negativen Verhaltens.
Auf diese sogenannte positive Verstärkung oder auch Bestärkung genannt, berufen sich nun eine ganze Reihe von Trainingsangeboten, Hundetrainern und selbsternannten Experten, wenn sie den ratsuchenden Hundehaltern ihre Hilfe feilbieten. Und wie ich zu Beginn bereits
erwähnt habe, ähneln die meisten Trainingsansätze einander und bedienen alle ein und denselben Grundsatz, nämlich den der Konditionierung. Und damit sind wir bei unserer eingangs gestellten Frage oder dem eigentlichen Problem:
Woran liegt das und warum scheitern so viele Versuche, einen nicht erzogenen – oder nennen wir ihn mal verhaltensauffälligen – Hund erfolgreich und vor allem nachhaltig erziehen zu
wollen? Die Antwort findet sich im Wesen der Konditionierung: Die konditionierte Reaktion setzt einen konditionierten bzw. externen Reiz oder die konditionierte Reaktion eine konditionierende Konsequenz voraus. Und ein Nachlassen oder Ausbleiben beider, des Reizes oder der Konsequenz, führt unweigerlich früher oder später zum Löschen dieser Konditionierung. Was jeder an den Ritualen des Dompteurs im Zirkus ausmachen kann. Auch
er wird ganz bewusst seinem Löwen stets und ständig nach einem gelungenen Sprung durch den brennenden Reifen ein Leckerli zur Belohnung reichen. Denn er weiß, bleibt diese aus,
wird sein Löwe ihm irgendwann den Gehorsam verweigern. Denn letzterer springt wohl kaum aus Lust an der Freude durch einen Reifen, der ihm die Mähne versengen kann, sondern wohl
eher, weil er anschließend die höchste aller Belohnung erwarten darf, nämlich das Leckerli. Aber eines der entscheidenden Ursachen, warum die Konditionierung nach Ausbleiben des
Reizes oder der Konsequenz sich löscht, ist, dass eine Konditionierung, so ausgefeilt sie auch seien mag, niemals den Auslöser des unerwünschten Verhaltens, der im Dispositionsgefüge des Hundes zu finden ist, beseitigt. Dies wiederum ist aber ultimative Voraussetzung dafür,
dass das Kriterium der Nachhaltigkeit einer Erziehung erfüllt ist. Solange der Grund eines Verhaltens nicht beseitigt ist, und dazu sind Belohnungen aller Art oder externe Stimuli (und
da kann man sich auch noch so interessante Bezeichnungen ausdenken, sie bleiben externe Stimuli) bleibt dieser zumindest latent weiter vorhanden und wirkt unterschwellig immer der
Konditionierung entgegen. Bleibt also die Frage: Was ist denn der Grund eines „unerwünschten“ Verhaltens und wie
kann dieser beseitigt werden. Dazu ist es aber notwendig, dass wir das Gebiet der Ausbildung verlassen (auf dem die Konditionierung durchaus ihre Legitimität besitzt und hier die
Konditionierung sogar der Königsweg ist) und einen kurzen Exkurs in die Erziehungswissenschaft unternehmen. Bei der Erziehung ist nicht die Konditionierung das Erfolgsrezept (wie man allerdings noch vor nicht einmal 100 Jahren der Ansicht war, seine
Untertanen erziehen zu können), sondern die Einflussnahme auf das sogenannte Dispositionsgefüge des Edukanden (des zu Erziehenden). Beim Menschen spricht man vom
Erreichen der Einsicht in die Notwendigkeit. Selbiges ist bei einem Hund nicht oder noch
nicht möglich, denn das setzt ein Bewusstsein voraus (wobei die Wissenschaft momentan trefflich streitet, ob nicht auch Tiere ein Bewusstsein haben, denn bei einigen Spezies hat man
dies bereits anhand des Selbstbewusstseins nachgewiesen). Aber unabhängig davon, den gleichen oder vergleichbaren Effekt erzielt man bei einem Hund durch die Einflussnahme auf eines seiner Grundbedürfnisse, dem nach Sicherheit mit der Zielstellung, dass er, vergleichbar mit der Einsicht in die Notwendigkeit, auch aus ureigenem Interesse und nicht aufgrund eines externen Stimulus sich so verhält wie er sich verhalten soll. Und da sein unerwünschtes Verhalten wie beispielsweise seine Aggressionen gegenüber seinesgleichen oder sogar gegenüber Menschen stets in seinem Sicherheitsinteresse begründet ist, welches er durch sein Verhalten befriedigt wissen will, muss man ihn im Rahmen der Erziehung von dieser Verantwortung entbinden und der Mensch statt seiner diese Pflicht übernehmen. Aber das
habe ich bereits an vielen anderen Stellen ausführlich erläutert.
Kurzum, selbstverständlich kann unerwünschtes Verhalten eines Hundes, dass in seinen Bedürfnissen nach Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit begründet ist, durch eine Konditionierung mittels der Belohnung temporär unterbunden werden, weil unter den
Grundbedürfnissen das nach Futtermaximierung das höherwertigere Bedürfnis ist. Mit temporär ist gemeint, solange die oben erwähnten Stimuli aktiv und wirksam bleiben. Aber
hier von einer Erziehung zu sprechen, ist fachlich schlichtweg falsch, weil ihr die wichtigsten Kriterien einer solchen fehlen, zu denen zum einen das Verhalten aus ureigenem Interesse
zählt und zum anderen die Nachhaltigkeit. Ein durch Konditionierung scheinbar umerzogener
Hund, der zuvor vielleicht sogar ein Kind gebissen und bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat, bleibt eine Zeitbombe, denn sein scheinbar geändertes Verhalten basiert auf externen Stimuli.
Sich hier als Hundehalter oder gar als Hundetrainer in Sicherheit ob seiner Erfolge zu wiegen, ist grob fahrlässig.