23. Hundespielplätze – eine Kritik an organisierten Hundebegegnungen

Ist es möglich, jemanden vom Gegenteil zu überzeugen, wovon dieser überzeugt ist? Ich bin dieser Frage früher schon einmal nachgegangen im Zusammenhang mit einer Recherche zu einem meiner Bücher und erhielt eine ernüchternde Antwort aus dem Munde eines Kommunikations- und Kognitionswissenschaftlers. Damals ging es mir um die Frage, ob es vielleicht seitens solcher Wissenschaften eine plausible Erklärung dafür gebe, warum es mir offensichtlich nicht gelingt, Hundetrainer oder Hundetrainerinnen davon zu überzeugen, dass
ihr zentraler Trainingsansatz zur Erziehung von sich sozial unverträglich verhaltenden Hunden falsch und damit zum Scheitern verurteilt ist. Trotz ihres Scheiterns stoße ich nämlich nach wie vor auf ihren erbitterten Widerstand, wenn ich an ihren Lehrgrundsätzen, die teils schon den Status von Axiomen annehmen, Kritik übe. Und vor diesem Hintergrund
interessierte mich beispielsweise die Frage, warum es mir offenbar unmöglich ist, Hundetrainer, die der scheinbar unerschütterlichen Überzeugung sind, Hundebegegnungen im Allgemeinen und Welpenspielgruppen im Besonderen seien für die Erlangung sozialer
Kompetenzen des Hundes unabdingbar, vom Gegenteil zu überzeugen. Welche Gefahren in Hundebegegnungen und Welpenspielgruppen lauern, habe ich in vorherigen Beiträgen bereits erläutert und will es hier nicht wiederholen.

Der Wissenschaftler sagte mir seinerzeit, er mache mir bezüglich meiner
Missionierungsabsichten jedoch wenig Hoffnung. Unter anderem deshalb, weil derjenige, der sich von mir vom Gegenteil dessen, wovon er überzeugt sei, überzeugen lassen solle, in der Regel gar nicht bereit sei, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine solche Bereitschaft
– oder nennen wir sie eine prinzipielle Aufgeschlossenheit – wäre jedoch eine wesentliche Voraussetzung für meinen Erfolg. Und selbst dann, wenn der zu Überzeugende meinen Argumenten gegenüber aufgeschlossen wäre – was jedoch eine Art Vertrauensbeziehung
zwischen uns beiden voraussetze, aber bei zwei sich vermutlich fremden Personen eher als unwahrscheinlich gelten könne – müsse man bedenken, dass sein letztendliches Anerkennen meiner Argumente mit dem Eingestehen des eigenen Irrtums einhergehen müsse und somit
immer mit dem grässlichen Gefühl einer Niederlage einhergehe. Und das sei in der Regel ein mental schmerzlicher Prozess, dem das Gehirn sich lange verweigere. Denn dieses sei auf Erfolge programmiert und nicht auf Misserfolge. Letzteres mag unser Gehirn nämlich gar nicht und klammere sich deshalb noch lange an den Irrtum, selbst wenn die Vernunft ihm suggeriere, den Widerstand gegen die neue Wahrheit doch besser aufzugeben. Die kognitive Verarbeitung und die dabei ablaufenden neuronalen Prozesse einer Niederlage seien der
neuronale Gegenspiele des Erfolgserlebnisses. Bei Letzterem schütte das endogene Belohnungssystem den Neurotransmitter Dopamin aus und verschaffe dem Protagonisten nicht nur ein angenehmes Gefühl, sondern mache, ähnlich wie bei einem Junkie, süchtig nach
mehr. Was nicht verwundere, denn Dopamin und Opium hätten eine ähnliche chemische Struktur. Bei einem Irrtum jedoch ist das genaue Gegenteil der Fall, nämlich ein sehr scheußliches Gefühl der Enttäuschung. Deshalb solle ich, bevor ich mich den eher
aussichtslosen Mühen einer solchen Überzeugungsprozedur unterziehe, lieber eine Kosten- Nutzen-Rechnung aufmachen und mich fragen, welchen Vorteil ich eigentlich davon hätte, Hundetrainer vom Gegenteil überzeugt zu haben, wovon sie offenbar unerschütterlich überzeugt seien.

Insofern hege ich auch keinerlei Hoffnungen – und gemäß der mir empfohlenen Kosten- Nutzen-Rechnung erst recht nicht –, die Güstrower Stadtvertreter von ihrem zwar sicherlich lieb gemeinten aber gegenteilig wirkenden Vorhaben abhalten zu können, welches sie mit ihrem Beschluss zur Errichtung eines Hundeparks offensichtlich bezwecken. Ein ehemaliger Kunde und Leser des Güstrower Stadtanzeigers schickte mir nämlich einen darin veröffentlichten Artikel, weil er wusste, ich sammle solche Beispiele falscher oder irriger Überzeugungen, die selbst von sogenannten Experten vertreten werden, was die Welt der
hündischen Bedürfnisse anbelangt.

Der Artikel wurde veröffentlicht unter dem Titel: „Güstrower Hunde und Halter freuen sich auf städtischen Hundepark“.
In dem Artikel heißt es: „Die Stadtvertretersitzung … beschloss kürzlich den Bau eines Begegnungsplatzes für Mensch und Hund. Ein großer Platz von 600 Quadratmetern, auf dem Hunde die Freiheit haben, sich zu beschnuppern …“ Und weiter: „Hundeexperten befürworten grundsätzlich die Idee: Sozialisierung von Welpen sei immens wichtig. Früherziehung und Sport sollten Hand in Hand gehen. Mit dem geplanten Hundeplatz wäre das gut möglich.“

Kaum zu glauben, dass selbst sogenannte Experten immer noch an derart falschen Vorstellungen hängen. Allein in diesen wenigen Sätzen offenbaren sich fundamentale Irrtümer. Abgesehen von grundsätzlichen Gefahren, die Hundebegegnungen mit sich bringen insbesondere für intraspezifisch noch nicht sozialisierte Hunde, sollten aber auch all
diejenigen, die gerade in den Genuss einer solchen gekommen sein sollten, weil sie vielleicht zuvor als aggressiv gegenüber ihren Artgenossen galten, zwingend vor solchen Hundetreffen bewahrt werden, um nicht zu riskieren, wieder in frühere agonistische Verhaltensmuster zurückzufallen. Aber ebenso der bereits erwähnte Irrtum, demzufolge das Zusammenführen von Welpen ihrer Sozialisierung dienen würde. Und nicht zuletzt das hier in einem positiven
Kontext unterstellte Bedürfnis des „Beschnupperns“. All das sind eklatante Irrtümer und meistens begründet im Anthropomorphismus, indem den Hunden eine ähnliche oder sogar gleiche Bedürfniswelt angedichtet wird, wie der Mensch sie hat. Wenn Menschen es lieben,
ihrer Einsamkeit durch Gruppenbildungen zu entfliehen, dies aber auch ihren vierbeinigen Schützlingen unterstellen, liegen sie jedenfalls gründlich daneben.

Was zum Beispiel die Unterstellung des Bedürfnisses nach „Beschnuppern“ betrifft, gilt in den meisten Fällen sogar – außer während der Läufigkeit – das genaue Gegenteil. Denn ein Hund, der noch nicht in den Genuss einer Erziehung gekommen sein sollte, im Rahmen derer
er von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seiner Bezugsperson entbunden wurde – nichts anderes ist die Erziehung bzw. Sozialisierung –, sieht in allen anderen Hunden zunächst einmal keinen Spielkameraden, sondern vielmehr einen Konkurrenten, Rivalen oder gar eine potenzielle Bedrohung, die es abzuklären gilt, wozu das
„Schnuppern“ dient. Insofern ist das „Schnuppern“ nicht unbedingt positiv belegt, sondern eher mit Stress und ein untrügliches Indiz dafür, dass solche Hunde noch nicht in den Genuss einer Erziehung bzw. Sozialisierung gekommen sind. Denn ein erzogener/sozialisierte Hund,
der von seiner Verantwortung entbunden wurde, zeigt keinerlei Interesse mehr am Abklären „feindlicher Absichten“. Denn wozu auch? Wenn Frauchen oder Herrchen dies statt seiner übernommen haben, was ihm im Zuge der Erziehung demonstriert wurde, gibt es nur noch
einen einzigen Grund, Interesse am anderen Wesen zu zeigen: die Weitergabe des eigenen Erbgutes. Aber dies wirkt nur während der Läufigkeit. Insofern macht ein Hundebegegnungsplatz – zumindest aus Sicht der Hunde – keinerlei Sinn. Im Gegenteil, denn für die eine Gruppe, deren Mitglieder noch nicht in den Genuss einer Sozialisierung
gekommen sind, bedeuten solche Begegnungsorte u.U. puren Stress und sollten unbedingt vermieden werden, und für die anderen, die sich bereits einer intraspezifischen Sozialisierung erfreuen durften, macht ein solcher Begegnungsplatz erst recht keinen Sinn, weil sie gar kein
Interesse an irgendwelchen Begegnungen hegen. Bliebe nur der eine vernünftige Grund übrig, nämlich die Absicht, kleine Welpen „produzieren“ zu wollen. Summa summarum würde ich also, so ich mir Gehör bei den Güstrower Stadtvertretern hätte verschaffen könnte, den Kritikern unter ihnen, derer es offensichtlich welche gibt, zustimmen
und empfehlen, diese Gelder lieber für einen Kinderspielplatz zu verwenden. Der Nutzen wäre erheblich größer.