28. Der hyperaktive Hund
oder
die selbsterfüllende Prophezeiung
Mich empfing einmal eine Engländerin, die, wie sie sagte, leider der deutschen
Sprache nicht mächtig sei, mit folgenden Worten, um Ihren Liebling vielleicht doch noch von seinem „strain at the leash and hunting“ zu befreien:
„…I'm afraid it's no use ... thereon several dog-schools had a tough time on … they
told me he would be an hyperactive dog …“
Mit anderen Worten, es habe wohl nicht mehr viel Zweck, denn an ihrem angeblich hyperaktiven Hund hätten sich schon mehrere Hundeschulen erfolglos die Zähne ausgebissen.
Mir kam sofort wieder ein Gespräch mit einem Kognitionswissenschaftler in den Sinn, der mir einmal die Kausalitäten kognitiver Prozesse bei der Vorausberechnung der kommenden Ereignisse durch unser Gehirn erläutert hatte.
Die Konsequenzen des ständigen Vorausberechnens der nächsten Geschehnisse durch unser Gehirn führen zu einer ständigen Erwartungshaltung. Und diese beeinflusst daraufhin wiederum unsere Wahrnehmung. Anders ausgedrückt: Wenn der Mensch etwas wahrnimmt, wird seine Wahrnehmung wesentlich von seiner zuvor entwickelten Erwartungshaltung, was er wohl gleich wahrnehmen werde, beeinflusst.
Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie gingen am 31. Dezember gegen Mitternacht
durch den Wald und hörten einen Knall. Wenn man Sie am nächsten Tag als Zeuge befragen würde, würden Sie wahrscheinlich Stein und Bein schwören, dass da jemand einen Silvesterknaller gezündet habe. Würde Ihnen gleiches aber am 31. Oktober widerfahren, wäre Ihre Wahrnehmung wahrscheinlich die eines
waidmännischen Schusses. Ob aber beides mit der Realität übereinstimmt, wäre
fraglich.
Woran liegt das?
Ihr Unterbewusstsein hat eine Erwartungshaltung entwickelt, dass in einer
Silvesternacht sehr wahrscheinlich Knaller in die Luft gejagt werden und im Herbst im Wald die Tiere.
Und so ging es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch meiner Hundebesitzerin, deren Wahrnehmung durch das ihr offensichtlich von den vielen anderen Hundeschulen vermittelte Wissen beeinflusst wurde. Und wenn dieses vermittelte Wissen fragwürdig ist – um nicht zu sagen falsch – ist natürlich die Wahrnehmung auch fragwürdig bzw. falsch.
Der Psychologe nennt das Ganze auch „selbsterfüllende Prophezeiung“, oder – um der netten Dame in ihrer Sprache zu antworten – „a self-fulfilling-prophecy“.
Die komplette Form einer solchen wäre beispielsweise:
Das eigene Denken beeinflusst das eigene Handeln, welches wiederum das Denken und Handeln anderer beeinflusst und somit das eigene Denken vermeintlich bestätigt. Mit anderen Worten: Wenn ich von jemandem denke – vielleicht weil mir dies irgendjemand mit böser Absicht so suggeriert hat – er sei unsympathisch, verhalte ich mich ihm gegenüber auch so, dass dieser von mir denkt, ich fände ihn unsympathisch und verhält sich dann auch adäquat, so dass ich ihn dann tatsächlich auch als unsympathisch wahrnehme und er damit dann meine Erwartung erfüllt. In Wirklichkeit ist er vielleicht ein hoch anständiger Kerl und würde sich auch so verhalten, wenn ich mich ihm gegenüber auch so verhielte, dass er denken könnte, ich fände ihn sympathisch.
Eine verkürzte Form finden wir im Falle meiner Kundin:
Wenn einer Hundebesitzerin beispielsweise durch fragwürdige Experten
fragwürdiges Wissen zu den Ursachen des hündischen Verhaltens ihres Vierbeiners vermittelt wurde – wie beispielsweise im oben genannten Fall, ihr Hund sei hyperaktiv – entwickelt sich bei ihr auch eine solche Erwartungshaltung, ihr Hund sei hyperaktiv und verhalte sich deshalb so, wie er sich verhält.
Das führte dann dazu, dass die gute Frau irgendwann eine Erwartungshaltung
entwickelt hatte, dass ihr Hund, wenn er nun einmal hyperaktiv sei, offensichtlich gar nicht anders könne, als an der Leine zu zerren und zu jagen.
Die Wirklichkeit sah aber völlig anders aus:
Nachdem wir ihren Hund innerhalb kürzester Zeit von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seines Frauchens befreit und simultan seinen
Entscheidungsspielraum eingeschränkt hatten, war von seiner angeblichen
Hyperaktivität nicht mehr viel übriggeblieben, um nicht zu sagen gar nichts. Er hatte plötzlich weder Interesse am Zerren an der Leine noch am Jagen hinter
seinesgleichen.
So passiert es mir eben sehr häufig, dass mir Hundebesitzerinnen von falschen
Diagnosen angeblicher Hundeexperten berichten, durch die sich bei ihnen eine völlig falsche Erwartungshaltung herausgebildet hatte und sie dadurch mental kaum noch bereit waren, die tatsächlichen Ursachen des hündischen Verhaltens zu hinterfragen. Dadurch akzeptierten sie den Istzustand quasi als höhere Gewalt und ihre Prophezeiung erfüllte sich von ganz allein.
Um so trauriger ist das Ganze deshalb, weil eine Fehleinschätzung sowohl des
Verhaltens eines Hundes als auch der dieses Verhalten verursachenden Gründe
dazu führt, dass der Hund unter einem völlig unnötigen Stress leiden muss. Ich wage sogar zu behaupten – zumindest belegen dies alle meine Therapiefälle – dass in allen Fällen, wenn ein Hund als störend hyperaktiv eingeschätzt wird, es sich in Wirklichkeit ausschließlich um ein Stresssymptom handelt. Und dieser Stress wiederum ist in einer dem Hund übertragenen Verantwortung begründet, der er gerecht werden will, aber unter seinen konkreten Rahmenbedingungen nicht gerecht werden kann, weil er ständig dafür Sanktionen erfährt. Wenn er seiner Verantwortung gerecht werden könnte, indem man ihm auch den dazu notwendigen Entscheidungsspielraum überlässt, würde er auch diese Symptome nicht zeigen und „locker“ mit der Verantwortung umgehen. Oder aber – und das wäre die bessere Variante – man entbindet ihn von dieser Verantwortung, woraufhin er auch den eingeschränkten Entscheidungsspielraum akzeptiert.
Dass viele Hundebesitzerinnen dies aber nicht als solches erkennen, ist meistens
darin begründet, dass die Übertragung der Verantwortung unbewusst stattgefunden hat. Dadurch erkennen sie auch nicht, dass das Verhalten des Hundes - beispielsweise das Zerren an der Leine und das Jagen - in der ihm übertragenen Verantwortung begründet und somit ein völlig natürliches Verhalten darstellt. Wenn Frauchen dann versucht, ihn von diesem Verhalten abzuhalten oder ihn sogar "bestraft", kommt er in Konflikte und entwickelt Stresssymptome.