39. Ist der Haushund tatsächlich noch ein Rudeltier? – eine kritische Betrachtung und die fatalen Folgen eines Fehlinterpretierens
Hin und wieder werde ich auch schon mal gefragt, ob es für einen Hund aufgrund seines Rudeltier-Wesens nicht vernünftiger wäre, ihn, statt allein, wenigsten zu zweit zu halten, damit er einen gleichartigen Partner hätte. Auch werden sogenannte Hundetreffen oder gemeinsame Hundespaziergänge nicht nur von Laien, nein, selbst von Hundeschulen mit ähnlich begründeter Intension wie, der Hund fühle sich im Rudel halt wohl, organisiert. Aber entspricht das tatsächlich der Lebensrealität und den tatsächlichen Bedürfnissen des Hundes? Hat er tatsächlich noch die sozialen Eigenschaften und Verhaltensweisen eines Mitglieds
eines solch individualisierten, geschlossenen Sozialverbandes, so wie es sein Urahne der Wolf noch hat?
Nicht nur meine Antwort auf diese Fragen, sondern auch die der Verhaltensbiologie lautet: Nein. Sowohl die Frage als auch die Antwort sind nicht nur von rein theoretischer oder rhetorischer Bedeutung, sondern insbesondere wegen der daraus resultierenden Konsequenzen sogar von leicht unterschätzter Bedeutung. Denn, wie ich es an anderer Stelle bereits betont
habe, sind die Folgen solchen Fehlinterpretierens Quelle einer ganzen Reihe von Problemen, selbst solcher, die sich in sogenannten Verhaltensauffälligkeiten des Hundes manifestieren.
Denn wenn man dem Hund ein falsches Dispositionsgefüge unterstellt – und das tut man, wenn man ihm das Wesen eines Rudeltieres zuspricht –, dann dichtet man ihm auch eine
falsche Bedürfniswelt an. Und das hat eben fatale Konsequenzen insbesondere hinsichtlich des Fehlinterpretierens seines Verhaltens und des daraus wiederum resultierenden falschen
Verhaltens des Menschen ihm gegenüber. Es ist, wenn man so will, der Beginn eines Teufelskreises.
Auch wenn der tatsächliche Zeitraum nicht wirklich bekannt ist, so hat der Haushund aber eine mindestens 30.000-jährige Domestikationsgeschichte hinter sich. Und allein schon laut
Definition und der in ihr vereinbarten Merkmale bezüglich eines Rudels kann er gar kein Rudeltier mehr sein. Denn zwei wichtige Merkmale, denen er nicht mehr gerecht wird, sind zum einen, dass es sich bei einem Rudel um einen Familienverband handelt, in dem sich alle Mitglieder „persönlich“ kennen. Und zum anderen die nicht beliebige Austauschbarkeit einzelner Mitglieder. Darüber darf auch nicht hinwegtäuschen, dass Hunde durchaus in der
Lage sind, in einer mehr oder weniger großen Gruppe erfolgreich zusammenzuleben. Aber die Veranlagungen zur Bildung rudelkonformer Strukturen hat der Hund nicht mehr. Dies wurde
durch Studien eindeutig belegt.
Und der entscheidende Grund, warum er die Verhaltensweisen eines Rudeltieres mittlerweile eingebüßt hat – was sich übrigens auch in seinem veränderten Dispositionsgefüge niedergeschlagen hat –, ist in der Evolutionsbiologie zu finden. Ihm sind quasi die evolutionsbiologischen Vorteile, die seinem Urahnen das Rudel im Überlebenskampf bot oder bietet, quasi abhandengekommen. Er muss nicht mehr im Rugel jagen gehen und für ein intaktes Familienleben die dazu notwendigen Strukturen bilden können. An diese Stelle ist die Beziehung zum Menschen getreten, die ihm einen evolutionsbiologischen Vorteil geboten hat, der einmalig ist und seinesgleichen in der Natur sucht.
Ich habe mich zwar auch schon dazu hinreißen lassen, unter anderem in meinem ersten Buch, den Hund als Rudeltier zu bezeichnen. Aber meine Intension bestand ausschließlich darin, mit dieser Metapher die Beziehung zwischen Bezugsperson und Hund ähnlich verstanden zu wissen, wie in einem Rudel das Verhältnis zwischen den Erwachsenen, die der Regel die
Eltern sind, und deren Nachkommen. Und ebenso, wie beispielsweise in einem Wolfsrudel auch, es zwischen Mensch und Hund zu keinen Machtkämpfen kommt – auch wenn falsche
Mythen das Gegenteil immer wieder behaupten. Kein Hund, ebenso wie kein Wolf, stellt ohne Grund die Führungsrolle der Eltern bzw. von Frauchen oder Herrchen in Frage. Im Gegenteil, das Wohlbefinden eines Hundes setzt sogar voraus, dass er sich zuverlässig an der Bezugsperson orientieren kann. Konflikte entstehen immer nur dann, wenn die Halter der sich aus dieser Führungsrolle ergebenden Verantwortung nicht gerecht werden und beispielsweise dem Hund nicht eindeutig zu demonstrieren verstehen, nicht nur willens, sondern auch in der Lage zu sein, für die gemeinsame Sicherheit sorgen zu wollen und zu können. Wenn es hier zu Missverständnissen kommt, kommt der Hund in Konflikte und manifestiert dies durch ein vermeintlich auffälliges Verhalten.
Beachtet man diese Tatsachen jedoch nicht – und wie ich eingangs bereits erwähnt habe, ist dies gar nicht mal so selten – könnte man aus dem unterstellten Rudeltierwesen auf falsche
Gedanken kommen und fatale Entscheidungen treffen.
Denn Hand aufs Herz, wer kommt beim Gedanken an ein Rudel nicht schon mal auf die Idee, seinem vierbeinigen Liebling etwas ganz besonders Gutes angedeihen zu lassen und sich und
ihn zum nächsten Hundetreffen anzumelden. Eine ähnlich schlechte Idee ist es, mit dem Hund auf eine Hundespielwiese gehen zu wollen und ihm dort losgeleint seiner vermeintlichen
Spielfreude mit seinesgleichen nachgehen zu lassen. Wenn man einen solchen Ort, an dem sich Unzählige seiner Artgenossen losgeleint tummeln, als das bezeichnen würde, was es
wirklich ist, sollte man sich zuvor in die mentale Welt seines Lieblings versetzen und sich vorstellen, was in ihm tatsächlich vorgehen mag, wenn man ihn ohne Schutz der dort lauernden Meute überlässt. Dann sollte man diesen Ort nämlich als Kriegsschauplatz beschreiben. Und man sollte zutiefst dankbar sein, wenn Bello aus diesem Scharmützel ohne seelischen und physischen Schaden wieder herauskommt. Denn alle Vierbeiner, die dort herumlungern, sind seine potenziellen Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. In der Regel ist nicht ein einziger Freund darunter.
Auch eine andere typische Situation wird – bedauerlicherweise sogar von ausgebildeten Hundetrainern – oftmals fehlinterpretiert:
Wenn sich zwei Hunde begegnen und schwanzwedelnd aufeinander zustreben, dann hat dies nämlich absolut nichts mit einer unterstellten und angeblichen Kommunikationsabsicht oder
gar Freude der zwei Protagonisten zu tun. Es ist vielmehr das beabsichtigte gegenseitige Abchecken der Absichten des jeweils anderen. Ein Gefühl von Freude ist in solchen Situationen weitestgehend abwesend und eher einer psychischen Belastung oder sogar Stress gewichen. Ob letzteres eintritt, hängt davon ab, ob der Protagonist sich noch in der Lage fühlt, Herr der Lage zu sein oder sich eher hilflos der Situation ausgeliefert zu sehen.
Ersparen Sie Ihrem Hund deshalb nicht nur solche Begegnungen, sondern bringen Sie ihn erst gar nicht in die Verlegenheit, auf die Idee zu kommen, die Absichten anderer abklären zu müssen. Der Weg dorthin führt über eine vernünftige Erziehung, die Sie ihm angedeihen lassen, in deren Verlauf man ihn von der Verantwortung entbindet, seinen Entscheidungsspielraum einschränkt und statt seiner für Sicherheit sorgt, so dass er sich nicht mehr genötigt sieht, zu klären, ob die Absichten seiner ihm über den Weg laufenden Artgenossen guter oder böser Natur sind. Und Sie werden sehen, von da an scheint auch die angebliche Freude und sein Drang nach Begegnungen mit seinesgleichen wie ausgelöscht zu sein. Von jetzt an wird für Bello & Co. ein zutiefst entspanntes Hundeleben beginnen, denn er kann von nun an davon ausgehen, dass Sie als Halter die Aufklärungsarbeit leisten.
Mit ein bisschen abendländisch-literarischer Phantasie könnte man annehmen, dass sogar schon Homer es vor mehr als 2.000 Jahren besser wusste. Denn schon er ließ Odysseus‘ Jagdhund Argos 20 Jahre lang im Palast von Ithaka auf sein Herrchen warten. Als dieser zurückkehrt, erkennt ihn sein treuer Freund; ist aber schon zu schwach, sich vom Misthaufen zu erheben, auf dem er, schon von Ungeziefer zerfressen, auf ihn wartete. Ihm blieb nur noch ein Wedeln mit dem Schwanz; senkte die Ohren und starb. Da drängt sich doch die Frage auf: Hat es für dieses Tier in den 20 Jahren, in denen sein Herrchen mal kurz Troja befreite, keine
einzige verlockende Gelegenheit gegeben, die ihn hätte verleiten können, seinen vermeintlichen Instinkten und Bedürfnissen nachzugeben, sich anderen seiner Artgenossen anzuschließen, um ein geselliges und sein Wohlbefinden steigerndes Rudelleben zu genießen? Stattdessen harrt er mutterseelenallein und auf solche Annehmlichkeiten verzichtend auf einem Haufen von Mist und Ungeziefer aus, nur um auf sein Herrchen zu warten?