37. Das Misslingen der Therapie eines Problemhundes – oder die Macht der
Basalganglien

Ein einfaches Experiment:

Verschränken Sie bitte einmal Ihre Arme vor der Brust. Anschließend tauschen Sie
mal die Positionen der Arme, so dass sich der zuvor obenauf liegende Arm jetzt
unten befindet.

Was sagt Ihr Gefühl? Komisch, oder?

Ein Erklärungsversuch:

Ihr Gehirn musste soeben seinen gewohnten Pfad verlassen und generierte deshalb dieses komische Gefühl. Wenn es stattdessen Routinehandlungen ausführen lässt, belohnt es sich selbst mit endogenen (körpereigenen) Opioiden, was zu einem angenehmen Gefühl des Geborgenseins führt. Deshalb fühlt der Mensch sich wohl, wenn alles seinen gewohnten Gang geht. Letztes fand aber beim gerade beschriebenen Experiment eben nicht statt, im Gegenteil.

Wenn Sie jetzt schätzen sollten, wie viele Wiederholungen oder wie lange Sie
brauchen würden, um das Verschränken Ihrer Arme in der korrigierten Variante zur Gewohnheit werden zu lassen und das Gehirn dann statt des komischen Gefühls wieder das Wohlfühlhormon ausschüttet, lägen Sie mit Sicherheit daneben. Bei manchen Gewohnheiten sprechen Experten von mehreren Monaten, bis eine Handlung in eine Routine übergegangen sei. Essgewohnheiten können schon mal locker 3 Jahre in Anspruch nehmen, bis sie stabil seien.

Mag sein, dass dieses Experiment dem einen oder anderen weit hergeholt erscheint; aber ich habe gerade eine der Ursachen beschrieben, warum gelegentlich die Therapie eines „Problem“-Hundes im ersten Anlauf scheitert.

Es ist schon einige Jahre her, aber ich habe diese Mail, die ich damals von einem
offensichtlich enttäuschten Kunden bekam, immer noch als Beispiel in guter bzw.
schlechter Erinnerung. Er äußerte darin seine Enttäuschung und auch seinen Frust darüber, dass sich mittlerweile das Problemverhalten seines Hundes in genau der gleichen Art wieder eingestellt habe, wie es vor unserem Training der Fall war. Ich konnte mich auch sofort an den Fall erinnern; auch daran, dass wir relativ schnell einen Erfolg erzielt hatten und er recht zufrieden wieder nach Hause fuhr.

Nachdem ich ihm dann nochmal einen auf Kulanz kalkulierten Besuch nahelegen
konnte – denn einerseits tun mir solche Fälle natürlich weh und andererseits war ich mir sicher, wo die Lösung lag – haben wir das Problem auch im zweiten Anlauf aus der Welt schaffen können.

Es ärgert mich schon, wenn mich Kunden kontaktieren müssen, um mir enttäuscht
mitzuteilen, dass sich der anfängliche und relativ schnell eingestellte Erfolg unserer
Therapie sozusagen in Luft aufgelöst habe und ihr Liebling die gleichen unsozialen Verhaltensweisen zeige wie zuvor. Das ist zwar glücklicherweise selten der Fall, aber es kommt vor. Und mir ist auch bewusst, dass alle, die an diesem von mir postulierten sofortigen Erziehungserfolg innerhalb eines einzigen Trainings zweifeln, solche Misserfolge zu gerne für sich und ihre Misserfolge verbrämend ausschlachten oder auf den sogenannten Trainereffekt reduziert wissen wollen. Aber dem widerspricht nicht nur die allgemeine Erfolgsrate, sondern eben auch die, die man in solchen Fällen durch eine einzige Wiederholung erzielt. Auch aus dem Grunde bin ich in einem meiner vorherigen Beiträge schon einmal auf diesen offensichtlich in aller Munde befindlichen „Trainereffekt“ eingegangen und habe mit Hilfe der Erklärung eines Sozialpsychologen diesen Mythos widerlegt. Es gibt aus meinen
Erfahrungen nämlich nur einen einzigen Grund, warum ein einmal erzielter
Erziehungserfolg nicht in einen Dauerzustand übergeht und der Hund irgendwann wieder in sein altes Verhaltensmuster zurückfällt: Eine mangelnde Compliance.

Auch wenn ich mich an dieser Stelle zum x-ten Mal wiederhole, aber zum besseren Verständnis will ich es an dieser Stelle doch nochmal tun. Weil es in diesem Kontext unabdingbar ist, verstanden zu haben, dass ich mit der Begrifflichkeit Therapie bzw. Erziehung des Hundes nicht seine Ausbildung meine. Eine solche ist wahrhaftig nicht in einem einzigen Training realisierbar, weil sie u.a. auf Wiederholungen basiert und allein schon deshalb, neben dem Anwenden völlig anderer Mittel und Methoden wie der Konditionierung, mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber davon rede ich hier nicht, sondern ausschließlich von der Erziehung des Hundes, die im Grunde genommen nicht mehr und nicht weniger ist als die Entbindung des Hundes von irgendeiner Verantwortung, die ihm – meistens unbewusst – durch ein falsches Verhalten der Hundehalter übertragen wurde. Und da dies in der Regel nichts anderes ist als die
Unterweisung der Hundehalter mit einer gleichzeitigen Korrektur ihres bisherigen
Verhaltens dem Hund gegenüber, ist es auch in relativ kurzer Zeit machbar. Eben in einer solch kurzen Zeit wie ich benötige, den Halter von einem veränderten Verhalten dem Hund gegenüber zu überzeugen.

Das klingt einfacher als es ist. Denn die Voraussetzung für den Erfolg dieses
Unterfangens ist, dass mir als Trainer zwei Dinge gelingen, die eben nicht
selbstverständlich sind:

1. Ich muss nicht nur vermeintlich, sondern tatsächlich mit meiner Analyse des
hündischen Fehlverhaltens und ihrer Erklärung das Bewusstsein der
Hundehalter erreichen. Dass mir das nicht zwingend gelungen sein muss,
selbst wenn sie mir verbal zu verstehen gegeben haben, dass sie es
verstanden hätten, habe ich bereits in einem meiner vorherigen Beiträge
erläutert. Und – wie ich es auch in dem Beitrag bereits beschrieben habe –
liegt die Verantwortung für das Scheitern dieses Vorhabens in der Regel nicht
bei den Empfängern meiner Nachricht, sondern bei mir.

2. Es muss mir als Trainer gelingen, Herrchen oder Frauchen zu motivieren, ihr
gewohntes Verhalten dem Hund gegenüber tatsächlich zu korrigieren.

Und damit sind wir beim Problem. Wie das zu Beginn beschriebene Experiment
zeigt, bedarf eine Gewohnheit, bis sie zu einer solchen wird, mehr oder weniger viele Wiederholungen. Und diese Wiederholungen müssen jeweils von Erfolg gekrönt sein, weil ansonsten das Gehirn dies nicht als würdig bewertet, gespeichert zu werden. Allerdings ist diese Anzahl von Wiederholungen, bei denen „nur“ ein von Erfolg gekröntes Prozedere zur Gewohnheit werden soll, noch relativ harmlos im Vergleich zu der Anzahl an Wiederholungen, die notwendig sind, um eine bereits bestehende Gewohnheit wieder zu löschen und dann durch eine neue oder alternative erfolgreich zu ersetzen. Welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn Gewohnheiten entstehen, hat Ann Graybiel, Professorin für Neurowissenschaften am Brain and Cognitive Sceinces Department des Massachusetts Institute of Technology erforscht. Sie ließ Ratten in einem Labyrinth nach einem versteckten Stück Schokolade suchen. Dies wiederholte
sie mehrmals und maß währenddessen mittels angeschlossener Elektroden ihre
Gehirnaktivitäten. Anfänglich waren alle Gehirnareale beteiligt, die für komplexe
Denkprozesse und Entscheidungen zuständig sind und eine erhöhte Aufmerksamkeit bedürfen und dadurch wichtige Bereiche des Gehirns sozusagen in Beschlag nehmen. Je öfter die Tiere aber übten und den Weg zur Belohnung immer sicherer fanden, umso inaktiver wurden diese Bereiche, bis sie ganz aufhörten zu feuern. Aber ein Zellhaufen im Gehirninneren, den man bisher nur mit motorischen Aktivitäten in Verbindung brachte, blieb weiterhin aktiv: Sie werden als Basalganglien bezeichnet, eine Gruppe von Neuronenhaufen, die unterhalb der Großhirnrinde liegt und zum Großhirn gezählt wird. Heute geht man davon aus, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis sind, das alle Bewegungsmuster speichert, die sich einmal als erfolgreich bewährt haben. Während sie aktiv sind, kann das restliche Gehirn quasi schlafen, oder steht für wichtigere Dinge zur Verfügung, die das Nachdenken erfordern.

Ein weiterer Effekt von Gewohnheiten ist, neben der guten Energiebilanz, das mit
ihnen einhergehende angenehme Gefühl der Sicherheit, welches sie vermitteln. Aber damit entsteht auch das „Problem“, nämlich ihre Macht, die Macht der Gewohnheit, was Fluch und Segen zugleich bedeutet. Der Segen ist die Entlastung des Gehirns von Banalitäten, die in einer komplexen Umwelt erheblich sein können und das Gehirn sehr schnell an seine Kapazitätsgrenzen führen würden, wenn sich das Gehirn in Form von Aufmerksamkeit und Bewusstheit um sie kümmern müsste. Aber was ist der Nachteil?

Der Nachteil von Gewohnheiten wird uns bewusst, wenn wir einmal schlechte
Routinen, falsche oder uns nicht guttuende Gewohnheiten ablegen und durch neue ersetzen wollen. Gewohnheiten lotsen uns zwar durch das Labyrinth des Lebens und schützen uns vor Überforderung durch Details im Alltag. Aber diese Form der Energieeinsparung ist auch der Grund, warum wir uns so schwer tun mit dem Verändern. „Gewohnheiten sind kleine Süchte“, sagt Professor Wolfram Schultz, Neurowissenschaftler an der University of Cambridge. Das Gehirn trickst sich quasi selbst aus, indem es erfolgreiches Handeln zur Routine werden lässt und dann jedes Mal, wenn die Routine angewendet wird, wieder zusätzlich belohnt, indem es Botenstoffe ausschüttet, die das erwähnte, angenehme Gefühl begründen, wie bei einem Junkie. Ohne dass wir es merken, grenzen uns Gewohnheiten ein. Sie führen sogar dazu, dass wir neue Informationen gar nicht mehr wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn die neue Information vernünftig klingt und die Lösung eines Problems verspricht. „Achtsamkeit, Spontaneität und Neugierde sind die Gegenpole zur Gewohnheit“, sagt auch der bekannte Therapeut Nicolas Hoffmann.

Gewohnheiten sind also dann gut, wenn sie uns von unnötigem kognitivem Aufwand befreien; sie sind aber schlecht, wenn sie uns hindern, notwendige Änderungen vorzunehmen. Und genau das trifft zu, wenn ich von Herrchen oder Frauchen verlange, von ihren bisherigen Verhaltensgewohnheiten im Umgang mit ihren Lieblingen Abstand zu nehmen und stattdessen eine andere Verhaltensweise zu ihrer Gewohnheit werden zu lassen. Grundvoraussetzung für das Gelingen dieses Unterfangens ist erst einmal das tatsächliche Erkennen und Akzeptieren des Falschen an der bisherigen Gewohnheit, um überhaupt eine innere Bereitschaft zur Änderung zu erlangen. Erst dann kann der
aufwendige Mechanismus zur Etablierung einer neuen Gewohnheit starten. Insofern ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass es eine neue Gewohnheit gar nicht schafft, zu einer solchen zu werden, wenn es mir als Trainer nicht gelingen sollte, beim Erklären der Kausalitäten des hündischen Verhaltens einen Aha-Effekt zu erreichen, der sich beispielsweise in einer Aussage des Hundehalters wie folgt offenbaren würde: „Mensch, das ist ja völlig logisch, was sie da sagen!“ Erst wenn Herrchen und Frauchen den Sinn und die Richtigkeit des neuen Verhaltens tatsächlich verstanden und auch akzeptiert haben, sind sie mental bereit, ihr gewohntes Verhalten zu ändern.

An dieser Stelle will ich nochmal auf den eingangs genannten Fall zurückkommen, bei dem ein Hundebesitzer mir seine Enttäuschung mitteilte. Ich konnte ihn dazu bewegen, mir eine kurze Videosequenz zuzuschicken, die sein erneutes Problem beim Spaziergang mit dem Hund dokumentiert. Und siehe da: Genau das, was ich ihm zu Beginn unseres damaligen Trainings als Ursache des unsozialen Verhaltens seines Hundes beschrieben hatte, nämlich die dem Hund überlassene Verantwortung für ihre beider Sicherheit und das dadurch initiierte Verhalten des Hundes, war auf dieser Videosequenz in genau gleicher Weise wieder zu erkennen, obwohl er mir seinerzeit glaubhaft versichert hatte, meine Analyse verstanden zu haben. Aber von einer sofortigen Korrektur dieses Verhaltens, auf die wir uns seinerzeit geeinigt hatten, einhergehend mit der demonstrativen Entbindung des Hundes von dieser Verantwortung, war allerdings nichts zu erkennen. Herrchen war offensichtlich wieder in seine alte und „Dopamin produzierende“ Gewohnheit zurückgefallen und ließ den Hund gewähren, das Revier aufzuklären und Herrchen und sich vor allen Gefahren zu bewahren.

Die Frage, die sich daraus stellt, lautet: Wer trägt dafür die Schuld? Ich als Trainer? Oder er als Hundebesitzer, der das, was ich ihm als Therapieansatz vermittelt habe, nicht anwendet?

Die Antwort, die der Kommunikationswissenschaftler oder Sozialpsychologe darauf geben, lautet: Mache nicht den Empfänger für das Misslingen deiner
Wissensvermittlung verantwortlich.

Mir ist es offensichtlich nicht gelungen, mit meiner Analyse zu den Ursachen, warum sich der Hund so verhält wie er sich verhält, das Bewusstsein des Kunden zu erreichen, auch wenn er mir verbal eigentlich bestätigt hatte, es verstanden zu
haben. Es ist mir nicht nur nicht gelungen, mit meiner Botschaft bei ihm eine solche Überzeugtheit zu erlangt, dass er bereit gewesen wäre, von seiner alten gewohnten Umgangsform mit seinem Hund Abstand zu nehmen. Es ist mir erst recht nicht gelungen, ihn zum mühsamen Anlegen einer neuen Gewohnheit zu animieren.

Der Unternehmensberater Dr. Reinhard Springer sagt dazu: „Die Macht der
Gewohnheit ist der härteste Klebstoff der Welt.“ Als Trainer bin ich also nur
erfolgreich, wenn es mir gelingt, für diesen Klebstoff ein Lösungsmittel zu finden.