27. Die Tücke liegt im Detail – eine weitere Kritik am Wesenstest
Ich habe mich schon einmal zur Komplexität eines Wesenstests geäußert und
angemahnt, bevor man einen Hund einem solchen unterzieht, ihn zwingend von
einem dafür geschulten Hundetrainer auf diesen Test vorzubereiten. Nun will ich
mich an dieser Stelle nicht wiederholen, sondern anhand eines konkreten Falls auf ein ausgewähltes Detail aufmerksam machen.
Um jedoch nicht falsch verstanden zu werden, will ich nicht versäumen, meine
Einstellung zum notwendigen Handeln des Staates und seiner dafür zuständigen
Organe kundzutun, wenn ein Hund auffällig geworden ist und er Tieren oder sogar Menschen Leid zugefügt hat oder es dafür eine offensichtliche Gefährdung besteht. Und ich stehe auch dann Sanktionen sehr aufgeschlossen gegenüber, wenn Personen sich augenscheinlich einen Hund einer bestimmten Hunderasse an die Leine holen, lediglich um ihr erbärmliches Ego aufzupäppeln. Worin ich übrigens einen der Hauptgründe sehe, warum wir überhaupt den Titel „Listenhunde“ haben. Ein Hund in falschen Händen wird dann schnell mal zu einer nicht beherrschten Waffe. Und für die sich daraus ergebenden Gefahren schafft die Legislative berechtigterweise Schranken oder Regeln. Insofern liegt es mir fern, prinzipiell an einer vernünftigen Prävention irgendetwas zu kritisieren.
Aber nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Und so auch im Fall des einen oder anderen Details eines Wesenstests.
Im konkreten Fall handelte es sich um einen Hund, der eine aufwendige
Spezialausbildung bestanden hatte und hier auch erfolgreich Einsätze absolviert.
Aber er zeigte – und das trotz seiner hervorragenden Ausbildung – vermeintliche
Marotten bei der Begegnung mit seinen Artgenossen. Und so kam, was kommen
musste; er hat einen seiner Rivalen gebissen. Als Konsequenz auferlegte man der
Halterin von Amts wegen, mit ihrem Hund die Absolvierung eines Wesenstest.
So weit so gut.
Da ich stets argwöhne – um mit Goethe zu sprechen, "…ein gebranntes Kind scheut das Feuer…" –, wenn ich von Wesenstests Kenntnis erlange, die zudem aufgrund des Föderalismus eine sehr unterschiedliche Bundesländerprägung aufweisen, interessierte ich mich in diesem Falle für Näheres und fragte die Halterin, wie dieser denn geplant sei abzulaufen, so man sie darüber überhaupt schon in Kenntnis gesetzt habe. Leider war alles, was man ihr im Vorfeld diesbezüglich sagte bzw. in Aussicht stellte, vermutlich eine gestellte Szene, bei der ihr Hund angeleint von ihr abgelegt werden solle, bevor der Prüfende ihn mit einem „aggressiven“ seiner Spezies konfrontieren und dabei seine Reaktionen testen wolle. Auf meine in der Detailverliebtheit begründeten Frage, ob sie sich bei diesem Test in unmittelbarer Nähe ihres Hundes aufhalten – und wenn ja, wo konkret – oder sich entfernen und der Hund allein diese Szene erleben solle, konnte sie aufgrund mangelnder Informationen bedauerlicherweise nicht antworten.
Schade, denn u.a. liegt in solchen vermeintlichen Details einer der Schlüssel zum
Erfolg. Und mit Erfolg meine ich die Qualität einer sachlich begründeten Aussage des Testes.
Warum?
In einem meiner vorherigen Beiträge „Die Paradoxie eines Wesenstestes“ habe ich
die Einflussfaktoren auf das Verhalten eines Hundes bereits beschrieben und die
deshalb zwingend notwendige Vorbereitung des Hundes auf den Test durch einen geschulten Hundetrainer angemahnt, um möglichst viele der das Ergebnis
verfälschenden Einflüsse im Vorfeld herauszufiltern. Dies will ich hier nicht
wiederholen, stattdessen nur auf ein bedeutendes Detail und seine Konsequenzen für ein objektives Urteil, so dies überhaupt im Rahmen des Möglichen liegt, aufmerksam machen:
Ein wichtiger Einflussfaktor auf das Verhalten des Hundes ist bekanntlich das
Ergebnis seiner Erziehung. Nicht zu verwechseln mit seiner Ausbildung. Denn wie in diesem Fall auffallend, muss ein perfekt ausgebildeter Hund – bei einer
Katastrophen-, Leichen- oder Such- und Rettungshundeausbildung gehen schon mal locker 3 bis 4 Jahre ins Land – noch lange nicht richtig erzogen sein. Denn eine Erziehung ist mitnichten seine Konditionierung zur Erfüllung irgendwelcher Aufgaben, und seien sie noch so speziell oder komplex, sondern einzig und allein seine Sozialisierung. Und diese gilt nur dann als erfolgreich abgeschlossen, wenn Bello und Co. sozial verträglich nicht nur mit seinesgleichen, sondern auch mit allen anderen Mitgliedern der Faune auskommt, also auch mit allen menschlichen Wesen. Außer es wurde explizit aus triftigen Gründen davon Abstand genommen (siehe Schutz- oder Wachhund).
Der Weg zu seiner Sozialisierung führt am effizientesten über sein Grundbedürfnis
nach Sicherheit, welches er befriedigt wissen will. Da sein soziales Verhalten durch die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse geprägt ist – das nach Fortpflanzung und Stoffwechsel in diesem Kontext aber vernachlässigbar ist – dreht sich demzufolge all sein Verhalten in erster Linie um die Gewährleistung seiner Sicherheit oder die seiner ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen. Und genau das ist das entscheidende Detail. Denn wenn dem Hund die Verantwortung für seine eigene und eventuell sogar für die Sicherheit seiner Halterin übertragen wurde (bewusst oder unbewusst), dann wird er dieser auch jederzeit gerecht werden wollen. Manche Spezies riskieren dafür – so absurd es auch klingen mag – sogar ihr Leben.
Und nun nehmen wir einmal an, Bello sei die Verantwortung für seine und die
Sicherheit seiner Halterin durch eine nichterfolgte Erziehung überlassen worden.
Meistens geschieht dies unbewusst durch Gesten und Verhaltensweisen von
Frauchen in entscheidenden oder kritischen Situationen.
Wird nun – so wie oben beschrieben – dem Hund im angeleinten Zustand ein
aggressiv wirkender Zeitgenosse vor die Nase geführt, sollte es doch wohl mit dem Teufel zugehen, wenn er diesen nicht umgehend aus seinem Sicherheitsbereich und dem von Frauchen verjagen wollte. Zur Not mit all seinem ihm zur Verfügung stehenden agonistischen Verhaltensrepertoire. Es wäre geradezu seine Pflicht. Deshalb ist auch das Detail so wichtig, ob Frauchen sich während des Testes in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten soll, und wenn ja, wo konkret. Denn sein Verteidigungsverhalten wird auch dadurch bestimmt, ob er nur seine eigene oder auch die Sicherheit von Frauchen meint, verteidigen zu müssen.Welcher mit Sach- und Fachverstand ausgestattete Gutachter wollte nun ernsthaft begründet den Stab über ihm zerbrechen, ohne sich den Vorwurf der Scharlatanerie gefallen lassen zu müssen, wenn der Hund nichts anderes macht als seinen Job?
Nach meinen langjährigen Erfahrungen mit vermeintlich aggressiven Hunden
resultiert ihre Aggressivität in der Regel aus der ihnen übertragenen Verantwortung. Und das hat mit einem vermeintlich „schlechten“ Wesen rein gar nichts zu tun. Die wenigen tatsächlich im Wesen begründeten Aggressionen sind beinahe ausschließlich pathologisch begründet. Und auf diesen konkreten Fall bezogen: Wer wollte ernsthaft behaupten, dass dieser perfekt ausgebildete Hund, der eine ganze Reihe seinen Intellekt herausfordernde Prüfungen bestanden hat, pathologisch belastet sei. Die Wahrscheinlichkeit ist doch wohl relativ gering.
Und wir können das Ganze sogar noch „verfeinern“. Es gibt nämlich Erkenntnisse,
die belegen die intellektuellen Fähigkeiten des Hundes zur Differenzierung der
Verteidigungswürdigkeit verschiedener Personen; so z.B. in Abhängigkeit ihres
Geschlechts. Der Hund bewertet sie offensichtlich danach, ob derjenige oder
diejenige seinem Empfinden nach sich selbst und auch ihn verteidigen kann oder nicht. Demnach neigt der Hund bei relativ vertrauten Personen, die nur gelegentlich in seinem direkten Umfeld verkehren, zu deren Verteidigung, weil er wahrscheinlich ihre eigene Verteidigungsfähigkeit nicht bewerten kann oder aufgrund falscher Signale der Personen falsch bewertet. Nach dem Motto: „Das ist ein Freund des Hauses, den man sicherheitshalber beschützen sollte, bevor er Schaden nimmt.“
Ich selbst hatte diesbezüglich bereits vor meiner Trainertätigkeit ein interessantes und lehrreiches Aha-Erlebnis:
Viele Jahre fuhr ich mit meinen Eltern nach Österreich zum Skifahren; und jedes Mal ins gleiche Quartier. Ein wichtiges Mitglied der sympathischen Gastgeberfamilie war Billy, ein seinen Ruf als intelligentes und aufgewecktes Tier alle Ehre machender Border Collie. Nun waren mir dessen angezüchtete Hütequalitäten zwar hinlänglich bekannt; aber sein konkretes Verhalten überraschte mich dann doch.
Abends nach dem Skilaufen machte sich mein Vater gelegentlich noch auf seine
Joggingrunde. Er war zwar schon immer ein Hundefreund aber ohne jegliche
Erfahrung in deren Führung. Und er war Billy durch die regelmäßigen Besuche relativ vertraut. Somit, bezüglich unseres hiesigen Themas, zwei perfekte Probanden für meine Erklärungen.
Mit Zustimmung des Gastgebers forderte nun mein Vater, motiviert durch die
Überzeugung, Border Collies seien Bewegungsfanatiker, Billy auf, ihn auf einer
seiner Joggingrunden zu begleiten. Dabei war für mich ein sehr wichtiges Detail, ob Billy sofort und bedingungslos mit meinem Vater davonlief, oder ob er sich zuvor die Erlaubnis seines Herrchens einholte. Denn dieses Detail ist bei seiner
Handlungsbewertung mit zu berücksichtigen; weil sich daraus eine unterschiedliche Beziehung zwischen ihm und seinem Herrchen bzw. ihm und meinem Vater und deren Konsequenzen herleiten lässt. Und so war es auch. Erst nachdem Herrchen Billy zustimmend zunickte und verbal ermutigte mitzulaufen, rannte er los. Und zur Überraschung des Gastgebers vorneweg. Was diesen zu der Bemerkung veranlasste: „Nanu, das macht er bei mir nicht; da läuft er hinterher.“
Nach Rückkehr beider Protagonisten gab es eine handfeste Überraschung für alle Beteiligten. Denn mein Vater berichtete von einer regelrechten Tortur. Mit
entspanntem Joggen habe das Ganze nicht viel zu tun gehabt; sondern eher mit
einem ständigen Kampf oder Bemühen, Billy von Nahkämpfen mit allen ihnen über den Weg gelaufenen Artgenossen abzuhalten. Billy hatte sich demzufolge mit jedem seiner Artgenossen auf dieser Laufrunde in die Wolle gekriegt. Für den Gastgeber aber ein völlig unverständlich und nahezu unglaubhaft klingender Bericht. Nach seiner und sehr überzeugend und glaubhaft klingenden Darstellung kenne Billy alle im Umkreis von 10 km lebenden Hunde und kümmere sich „in der Wurzel“ nicht um andere seiner Spezies. In seiner Gegenwart laufe Billy völlig entspannt an anderen seiner Artgenossen vorbei, ohne sie scheinbar auch nur eines Blickes zu würdigen.
Was war hier geschehen?
Mein Vater hatte offensichtlich – im Gegensatz zur Persönlichkeit des Gastgebers – durch sein Verhalten, seine Körpersprache und vielleicht sogar mit ängstlich
wirkenden verbalen Äußerungen, ohne dies gewollt zu haben, in entscheidenden
Situationen bei Billy den Eindruck hinterlassen, selbst nicht in der Lage oder willens zu sein, für seine oder beider Sicherheit zu sorgen oder sorgen zu können. Billy war scheinbar davon überzeugt, meinen Vater beschützen zu müssen. Interessant war seinerzeit für mich auch, dass sich mein Vater dieses, seines falschen Verhaltens gar nicht bewusst war. Und ich bin davon überzeugt, wenn ich meinen Vater gefragt hätte, wäre bei seiner Einschätzung bezüglich des Wesens von Billy sicherlich ein Vokabular wie „aggressiv“ gefallen.
Billy‘s Herrchen dagegen hätte ihn nie und nimmer als aggressiv beschrieben; im
Gegenteil. Aber er hatte ihm offensichtlich bereits mehrfach oder in entscheidenden Situationen zu verstehen gegeben, selbst der „Chef im Ring“ zu sein und im Bedarfsfall alle Bedrohungen abzuwehren. Warum sollte Billy also in seiner Gegenwart andere Hunde als Rivalen oder Bedrohung wahrnehmen. Er konnte sie, solange er sich an der Seite seines Chefs wähnte, getrost und gelassen einfach ignorieren.
Und deshalb ist es unerlässlich, dass in Vorbereitung eines Wesenstestes durch
einen geschulten Trainer überprüft wird, ob dem Hund eine solche Verteidigungs- oder Beschützerrolle übertragen wurde, und wenn ja, nur für sich selbst oder auch für Frauchen; und je nachdem, ihn vor dem Test von dieser zu entbinden. Wenn nicht, lässt seine eventuell aggressiv wirkende Reaktion zumindest keinerlei Rückschlüsse auf sein vermeintlich aggressives Wesen zu.
Eine abschließende Bemerkung sei mir noch gestattet zur Spezialhundeausbildung. Da ich diesbezüglich nur rudimentäre Kenntnisse und keinerlei praktische Erfahrungen habe, kann ich mich dazu auch nur als „Therapeut“ und nicht als Ausbilder äußern. Soweit meine Recherchen stimmen, sollte beispielsweise zum Ziel einer Katastrophen- oder Such- und Rettungsausbildung auch gehören, dass der Hund im Team mit anderen Hunden problemlos „arbeiten“ können muss. Insofern halte ich natürlich, neben der Ausbildung, insbesondere auch seine Sozialisierung – sprich Erziehung – für zwingend notwendig.