35. Ist ein Problemhund nicht ausgelastet?
oder
Die Mär vom Mobbingopfer und seiner wundersamen Heilung!
Eine Hundehalterin fragte mich einmal, ob es zutreffe, dass ein Hund auch dann zu Verhaltensauffälligkeiten neige, wenn er nicht ausgelastet sei. Dies hätte eine
Hundetrainerin ihr gegenüber als einen möglichen Grund genannt, warum ihr
Leinenrüpel immer wieder ausflippe. In eine ähnliche Kerbe schlagen auch Fragen – die oftmals einhergehen mit einem gewissen Schuldgefühl oder schlechten Gewissen – wie oft man mit seinem Hund denn Gassigehen sollte oder wie viel Beschäftigung er zu seinem Wohlbefinden benötige.
Ich habe schon an anderer Stelle mehrmals und auch in einem meiner Fachbücher zum Wandel in der Mensch-Hund-Beziehung Stellung bezogen und in dem Zusammenhang die veränderte Rolle des Hundes in der modernen
Wohlstandgesellschaft beschrieben. Wenn der Hund früher in erster Linie dazu
angeschafft wurde, um bestimmte Aufgaben zu lösen, so dient er heute vornehmlich als sozialer Partner. Und wenn man sich diese neue Rolle vergegenwärtigt, liegt es allein schon aus diesem Grund auf der Hand und entspricht der Logik des Anschaffens eines Hundes, sich mit ihm zu beschäftigen. Je mehr und je öfter, desto besser. Insofern bin ich bei jedem, der behauptet, es diene dem Wohlbefinden des Hundes, wenn der Halter sich oft und intensiv mit dem Tier beschäftige und ihm irgendwelche Aufgaben lösen lasse. Der Hund wird dies – natürlich graduiert in Abhängigkeit seines Dispositionsgefüges – mit Enthusiasmus erledigen.
Aber, und jetzt komme ich zu der eingangs gestellten Frage bzw. Aussage der
Hundetrainerin, ein Mangel an Auslastung könne eine Ursache für hündische
Verhaltensauffälligkeiten sein. Hierzu möchte ich zunächst einmal den geneigten
Leser bitten – ohne übertrieben akademisch wirken zu wollen –, sich noch einmal
einen der vorherigen Artikel in Erinnerung zu rufen, in dem ich erläutert habe, dass es echte Verhaltensauffälligkeiten, die ein artuntypisches Verhalten repräsentieren, in diesem Sinne nur sehr selten gibt. Insofern denke ich, dass es der Hundetrainerin nicht um diese ging, sondern eher um ein intraspezifisch oder interspezifisch nicht sozialisiertes Verhalten. Und da kann ich alle Hundehalter beruhigen. Ein Mangel an Auslastung wird kaum ein intraspezifisch oder interspezifisch nicht sozialisiertes Verhalten begründen oder auslösen.
Wenn dies so wäre, müsste man ja jedem älteren und gebrechlichen Menschen
davon abraten, sich einen Hund anzuschaffen. Und im Umkehrschluss würde es
sogar bedeuten, man könne einen sich unsozial verhaltenden Hund durch Joggen oder Stöckchen-Werfen therapieren.
Aber Entwarnung für alle gehbehinderten Pensionisten: Das ist Quatsch.
Auch auf dieses Thema bin ich in einem meiner Bücher eingegangen und habe zwar empfohlen, mit einem Hund, der Stresssymptome zeigt oder sonstige Merkmale einer psychischen Belastung, erst einmal durch Wald und Flur zu rennen, bevor man ihn versucht zu erziehen. Aber dabei kann das Joggen selbst weder die Therapie sein noch die Beseitigung der Ursachen bewirken, sondern nur das Vorbereiten des therapeutischen Terrains, indem ein psychisch hoch belasteter Educandus durch eine physische Auslastung anschließend mental besser ansprechbar erscheint, weil dadurch seine Stresssymptome – zumindest kurzzeitig – reduziert wurden. Die eigentliche Ursachenbeseitigung muss dann aber erst noch erfolgen.
Nun stellt sich die Frage: Wie kommt jemand auf solch eine Idee, zu behaupten, ein
Hund, der sich nicht so verhält, wie Herrchen oder Frauchen es möchten, sei
physisch – oder vielleicht sogar psychisch – unterfordert? Denn etwas anderes kann es ja nicht bedeuten, wenn die Behauptung lautet, dass ein Problemhund einer ausreichenden Belastung entbehrt. Und es stellt sich mir in solchen Fällen noch eine ganz andere Frage: Warum fallen solche Behauptungen nicht nur immer wieder auf fruchtbaren Boden, sondern warum werden sie sogar von vermeintlichen Fachleuten oder sogenannten Experten geäußert?
Ich denke, die Antwort findet sich wieder einmal im Anthropomorphismus der Kreatur Hund; oder anders gesagt, im falschen Anwenden laienhaften
humanpsychologischen Pseudowissens auf die hündischen Verhaltenskausalitäten.
Warum? Weil viele Menschen bei solchen Behauptungen sicherlich sofort eine
Assoziation entwickeln vom gestressten Banker oder von der gemobbten Managerin,
die zu ihrer psychischen Entspannung abends nach dem Heimkommen in die
Joggingschuhe schlüpfen und eine Stunde durch die City rennen oder wie
Wahnsinnige auf einen Sandsack einprügeln; und anschließend entspannt mit einem Gläschen Wein am Kamin sitzend anscheinend alle Probleme hinter sich gelassen oder zumindest verkleinert zu haben. Und befördert wird diese Vorstellung noch dadurch, dass es uns, durch die Evolution mitgegeben, sozusagen noch in den Genen steckt, uns bewegen zu wollen, wenn wir Stress oder Angst haben. Es wird sich schließlich auch niemand ruhig in die Ecke setzen wollen, wenn er ein psychisches Problem mit sich herumträgt. Zumindest rennt er einem unruhigen Tiger gleich grübelnd durch seinen „Zwinger“.
Aber Vorsicht vor falschen Schlüssen: Jeder Psychologiestudent im ersten Semester wird allen, die an einen solchen falschen Therapieansatz glauben, mit wenigen Argumenten glaubhaft machen können, dass eine physische Belastung im Falle von Stress zwar Linderung verspricht, aber nichts anderes ist als das Lindern der Symptome. Denn an den Ursachen der psychischen Belastung oder des Stresses ändert das Joggen gar nichts.
Ansonsten könnte man metaphorisch behaupten: Wenn dich jemand mobbt und du deshalb Stresssymptome oder Verhaltensauffälligkeiten zeigst, renne abends einen Marathon und du wirst sehen, der Bösewicht hört auf zu mobben.
Ich kann mir auch vorstellen, dass die irrige Annahme, ein Hund könne durch seine physische Auslastung therapiert, also von den Ursachen seines intraspezifisch oder interspezifisch nicht sozialisierten Verhaltens befreit werden, auch dadurch befördert wurde, dass seinerzeit unkritische Fernsehkonsumenten einen Cesar Millan mit seiner Hundemeute durch die Gegend rennen sahen und anschließend die zuvor gewesenen Bestien nach der Heimkehr zahm wie die Lämmer in einem friedlichen Haufen beieinander kuschelten. Aber auch hier sei Vorsicht vor falschen Schlüssen geboten: Nun mag man von Cesar Millan halten, was man möchte, aber ich glaube nicht, dass er jemals behauptet hätte, dadurch seine Bestien gezähmt zu haben. Er spricht – glaube ich jedenfalls, irgendwo von ihm einmal gelesen zu haben – stattdessen von einer imaginären Energie, die die gestressten Hunde angestaut hätten und von der er sie durch das Auslasten befreien wolle. Nun sei einmal dahingestellt, dass es so eine imaginäre Energie aus psychologischer Sicht nicht gibt, weil ansonsten Einstein & Co. sich im Grabe herumdrehen würden. Er meint damit sicherlich nichts anderes als den bereits erwähnten Bewegungsdrang eines gestressten Säugers.
Den Grund dafür, dass ein Hund vermeintlich als Problemhund gilt, kann durch seine Auslastung oder physische Belastung mitnichten beseitigt werden. Allenfalls kann man dadurch kurzfristig und kurzzeitig seine Stresssymptomen lindern und die Anzeichen durch seine physische Auslastung oder Erschöpfung überlagern. Früher oder später brechen sie sich aber wieder Bahn.
Wenn man stattdessen den wahren Grund des hündischen Problemverhaltens
suchen und dann beseitigen will, wird man ganz woanders fündig. Die Lösung der
Probleme ist nicht in der physischen Auslastung zu finden, sondern vielmehr in der Befriedigung der Grundbedürfnisse des Hundes. Und dabei steht das Bedürfnis nach Sicherheit an oberster Stelle.
Und nur deshalb, weil der Mensch dem Hund sein Bedürfnis nach Sicherheit
gewährleistet und dieser sich nicht selbst darum zu kümmern hat, ordnet er sich dem Menschen willentlich und bedingungslos unter und zeigt ein völlig entspanntes Verhalten. Ein Hund, dessen Grundbedürfnis nach Sicherheit sich für ihn als befriedigt darstellt, wird – außer in pathologisch begründeten Fällen – keine Verhaltensweisen entwickeln, die ihn als sozial unverträglich erscheinen lassen. Und ein solcher Hund wird auch stundenlang völlig entspannt, ohne ein Problemverhalten oder Stresssymptom zu entwickeln, still in der Ecke liegen können. Er wird es seinem Herrchen oder Frauchen dann zwar auch nicht übelnehmen, wenn sie mit ihm auf die Wiese gehen und Stöckchen werfen spielen, weil er zu gerne mit ihnen gemeinsam Spaß hat; aber beim Ausbleiben solch einer physischen Belastung beleidigt oder bockig zu sein, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.