11. „Beziehung statt Erziehung“ –
eine Kritik an der fatalen Botschaft
In meinen Fachbüchern bin ich auf den notwendig gewordenen Wandel des Hundetrainings eingegangen, der sich aus den Veränderungen in der Mensch-Hund- Beziehung, insbesondere in den letzten 50 Jahren, ergeben hat. Das heißt, die Bedeutung der Erziehung eines Hundes hat der Ausbildung insofern den Rang abgelaufen, als die Erziehung heute notwendiger ist als zu der Zeit, da der Hund noch überwiegend Wach- und Schutzaufgaben hatte und somit gar erzogen werden musste, wenn man bedenkt, dass die Erziehung nichts anderes ist als seine Entbindung von der Verantwortung für die Sicherheit aller ihm anvertrauten Personen
und Ressourcen. Dieser Wandel hat sich somit aus seiner veränderten Rolle hin zum „sozialen Begleiter“ ergeben. Wenn ein Hund früher eher die Rolle des Beschützers oder Bewachers von Haus und Hof innehatte, fungiert er heute eher als
„Familienmitglied“ und Partner, oder wie ich es an anderer Stelle schon bezeichnet habe, als sozialer Ersatz mangels anderer sozialer Kontakte. Aber die Veränderungen haben neben den beschriebenen Aspekten noch eine weitere Auswirkung: Im Ergebnis seiner veränderten Rolle als sozialer Partner im
Zusammenleben mit dem Menschen hat auch die Anzahl der Hunde eine noch nie dagewesene Größenordnung angenommen. So ist die Zahl der Hunde allein innerhalb eines Zeitraums von 12 Jahren von 5 Mio. auf 7,6 Mio. gestiegen. Und damit einhergehend ist der Hund zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor geworden. Die Folge: Hundeschulen und Hundetrainerinnen sind quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Allerdings sind die fachlichen und behördlichen Hürden zur Ausübung einer solchen Tätigkeit relativ niedrig. Hinzu kommt der Konkurrenz- und
Wettbewerbsdruck. In letzterem liegt begründet die notwendige Werbung, die jeder für sich machen muss, um aus der grauen Masse herauszuragen. Ich habe durchaus Verständnis
dafür, wenn eine Hundeschule aus diesem Grund mittels eines kernigen Slogans auf sich aufmerksam machen will, um in knapper und prägnanter Form ihr Unterscheidungsmerkmal zu anderen deutlich zu machen, was durchaus legitim ist.
Aber man sollte eine solche Kurzform, hinter der sich – wie der Altmeister der Kommunikation Paul Watzlawick schon 1969 in seinem 2. Kommunikationsaxiom beschreibt – neben der sachlichen Nachricht auch immer eine Botschaft verbirgt,
sehr kritisch und wohl überlegt auswählen. Denn diese Botschaft kann im schlechtesten Fall verheerende Auswirkungen haben.
Deshalb seien mir ein paar kritische Bemerkungen gestattet zu einem Slogan, den ich kürzlich im Netz entdeckte, mit dem eine Hundeschule auf sich aufmerksam macht:
„Beziehung statt Erziehung“
Vornehmlich vor dem Hintergrund des sich in den letzten Jahrzehnten ergebenden fundamentalen Wandels im Hundetraining zugunsten der Notwendigkeit der
Erziehung des Hundes, sind die Botschaften, die sich hinter diesem Slogan verbergen natürlich katastrophal. Ein Sprach- oder Kommunikationswissenschaftler wird bestätigen, dass die Semantik dieses Slogans zwei Botschaften – und ich behaupte, zwei gefährliche Botschaften – enthält:
1. Die Erziehung des Hundes wird – fatalerweise – mit einem negativen Sinn belegt und
2. die Erziehung des Hundes sei gar nicht notwendig, wenn Frauchen oder Herrchen stattdessen eine innige Beziehung zum Hund aufbauen. Dazu gebe ich zu bedenken: Wenn man einen Hund, der aufgrund seiner Rasse und Zuchthistorie ein relativ hohes Aggressionspotential besitzt, nicht erzieht – ihm also
die Verantwortung für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse überlässt, wozu insbesondere sein Bedürfnis nach Sicherheit zählt – wird dieser Hund mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sein gesamtes agonistisches
Verhaltensrepertoires einschließlich aller Arten von Aggressionen zur Befriedigung seines Grundbedürfnisses auch nutzen. In diesem Fall darf ich ihn aber nicht als intraspezifisch und interspezifisch sozialisiert betrachten. Er ist dann quasi als „Kuscheltier“ ungeeignet.
Anders ausgedrückt:
Ein Hund, der nicht bewusst und willentlich als Wach- oder Schutzhund eingesetzt werden soll, dazu aber die genetischen Veranlagungen besitzt – und dazu zählen
nicht nur die sogenannten Listenhunde – sollte zwingend erzogen werden, weil er sich ansonsten naturgemäß wie ein Wach- oder Schutzhund verhält. Das Nichtbeachten dieses Grundsatzes führt in der Regel dazu, dass dieser Hund wegen seines natürlichen agonistischen Verhaltens fälschlicherweise als verhaltensauffällig eingeschätzt wird – übrigens nicht nur vom Laien – und dann
fatalerweise für dieses Verhalten reglementiert wird bzw. Sanktionen ertragen muss. Und schon ist der sogenannte Problemhund „geboren“, denn er gerät jetzt in einen
für ihn unlösbaren Konflikt. Wenn diese Besitzerin sich jetzt an diese Hundeschule wendet, mit der Bitte, ihren Hund von diesen „Macken“ zu befreien und die Hundeschule, die offensichtlich eine
Erziehung ablehnt, stattdessen den Hund über eine „gute Beziehung“ von seinem ungewollten agonistischen Verhalten abbringen will, kommt nicht nur der Hund in einen völlig unnötigen Stress, sondern der erwartete Erfolg muss ganz einfach
ausbleiben. Denn diesen Hund in seinem Verhalten ändern zu wollen, hieße, ihn von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu entbinden. Und da dies nur über den Weg der Erziehung gelingt, denn beides ist miteinander identisch, muss quasi diese Hundeschule an der Lösung des Problems scheitern.
Ich verstehe ja, dass die Verfasser solcher Slogan geschickt die momentane Stimmung pro Tierliebe und contra Tierquälerei ausnutzen und sich beim Hundeliebhaber einschmeicheln wollen. Aber ich kann nur dringend davor warnen, die Erziehung des Hundes in diesem Kontext als etwas Negatives zu verdammen
oder vielleicht als überflüssig abzutun, weil es angebliche „sympathischere“ Wege gäbe. Im Gegenteil, die Erziehung bewahrt den Hund vor völlig unnötigem Stress.