36. Ursachen von Fell- und Hauterkrankungen – Stressvermeidung als mögliche Therapie
In den Anfangsjahren meiner Tätigkeit als Hundetherapeut hatte ich einen
Schäferhund an meiner Seite, der mir als Therapiehund schon damals wertvolle Hilfe leistete. Wir verbrachten nahezu jede Minute unseres Lebens miteinander und kommunizierten oftmals nur über Gestik und Mimik. Wir verstanden uns quasi blind. Und ohne allen anderen Tierfreunden zu nahe treten zu wollen, glaube ich, eine solch enge Mensch-Tier-Beziehung ist wahrscheinlich nur zwischen Mensch und Hund denkbar. Allerdings hatte das Ganze, wie mir leider erst später bewusstwurde, einen unschönen Nebeneffekt. Dieser Hund litt viele Jahre unter Haut- und Fellproblemen, die selbst Veterinärmedizinern nicht wirklich erklärbar waren. Auf Anraten eines mir bekannten Landtierarztes entschied ich mich seinerzeit, Deutschland zu verlassen und mit dem Hund nach Gran Canaria auszuwandern, weil seiner Meinung nach eine Klimaveränderung einen guten Dienst leisten könne. Zugegeben, es war eigentlich nur das Zünglein an der Waage, denn damals war ich noch als Profisportler weltweit unterwegs und wechselte vom BMX zum Surfen. Und da war Pozo auf Gran Canaria eines der beliebtesten Hotspots. Aber diese Entscheidung kam für meinen Hund offenbar zu spät.
Von da an jedoch beschäftigte ich mich intensiv mit den damit zusammenhängenden Problemen, studierte alle nur zugänglichen Erkenntnisse aus Forschung und Praxis nicht nur medizinischer Quellen, auch psychologischer. Simultan erfasste ich alle mir in meiner Praxis untergekommenen Fälle und unterzog sie einer akribischen Analyse.
Nun ist mir bewusst, sich als medizinischer Laie zur Diagnostik oder gar zur Therapie pathologisch bedingter Symptome zu äußern, ist nicht nur in der Humanmedizin leichtfertig, auch in der Veterinärmedizin nicht minder. Insofern liegt es mir fern, mich auf ein solches Eis begeben zu wollen. Jedoch halte ich es für durchaus legitim, Erkenntnisse aus einer langjährigen Praxis als Hundetherapeut kundzutun, die aus meiner Sicht zumindest erwähnens- und diskussionswürdige Schlüsse nahelegen, weil sie auf einer derartigen Fülle an Beispielen basieren, die kaum noch mithilfe von möglichen Korrelationen – also zufällig gemeinsam auftretenden Erscheinungen – erklärbar wären, sondern durchaus den Schluss von Kausalitäten – also Ursache und Wirkung – zulassen.
Es handelt sich um die Wahrnehmung von Zusammenhängen zwischen zwei
Merkmalen, nämlich einer besonderen Form der psychischen Belastung, dem Stress, und den gleichzeitig auftretenden Krankheitssymptomen wie Haut- und
Fellerkrankungen. Und wie so oft werden solche Kausalitäten – übrigens auch in der Wissenschaft – erst durch das zufällig beobachtete simultane Verschwinden beider Merkmale erkannt. Will meinen, wenn sie gemeinsam präsent sind, registriert man sie eventuell nur als zufällig gemeinsam auftretend; erst wenn sie auch simultan verschwinden, liegt der Schluss ihrer Kausalität nahe.
Aus einer Vielzahl von Rückmeldungen meiner Kunden, deren Hunde wir erfolgreich von ihren vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten befreit haben, geht hervor, dass mit der Erziehung ihrer Hunde und den damit einhergehenden
Verhaltensänderungen in einer relativ kurzen zeitlichen Nähe auch die Symptome ihrer Haut- und Fellerkrankungen einschließlich entsprechender Verhaltensweisen wie Kratzen und Nagen verschwanden.
Nun ist ein solcher Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen
Erscheinungen in der Humanmedizin hinlänglich belegt; in der Veterinärmedizin sind entsprechende Studien allerdings kaum zugänglich. Zwar wird hier und da bei der Beschreibung von Krankheitsbildern oder Syndromen und ihren möglichen Ursachen seitens der Veterinäre auch mal der Stress als eine mögliche erwähnt, aber meistens nicht als primäre, sondern eher als eine von vielen. Aus der interdisziplinären Forschung von Endokrinologie (Lehre von den Hormonen) und Psychologie ist aber längst bekannt, dass es ein Zusammenspiel von Neuronen und Hormonen gibt. Insofern können wir davon ausgehen, dass auch bei einem Hund sich eine psychische Belastung auf seinen Hormonhaushalt auswirkt und dieser wiederum sich auf den Stoffwechsel des Tieres. Und letzterer steht im direkten Kontext mit den Zellaktivitäten und deren Replikation. Die Endokrinologen sagen sogar, dass nicht nur Hormone das Verhalten beeinflussen, sondern auch andersherum, das Verhalten
des Individuums die Hormone. Was heißen soll, ein Hund, der sich, aus welchen
Gründen auch immer, durch seinen sich ändernden Hormonhaushalt aggressiv
verhält, durch sein aggressives Verhalten selbst wiederum seinen Hormonhaushalt beeinflusst. Es kommt also zu einer Spirale der sich gegenseitigen Verstärkung.
Ich halte es deshalb für nicht sehr unwahrscheinlich, dass sich die psychische
Belastung eines Hundes, insbesondere wenn diese in Stress übergegangen ist, in
Haut- und Fellproblemen manifestiert.
Das für mich erstaunlichste und bemerkenswerteste an dem hier geschilderten
Sachverhalt ist, dass es keinem der Hundebesitzer bewusst war, dass ihre Hunde
unter Stress litten. Wenn ich sie im Verlaufe meiner Diagnose darauf aufmerksam
machte, dass ihre Schützlinge typische Stresssymptome zeigen, reagierten sie meist ungläubig.
Zwei interessante Fragen, die sich daraus ergeben, lauten nun: Was ist eigentlich
Stress und woran erkenne ich ihn bei meinem Hund? Bevor man dann der Frage
nachgeht, wie er im konkreten Fall verursacht wurde und wieder beseitigt werden
kann.
Ich bin auf das Thema Stress auch in meinem Buch „Problemhunde und ihre
Therapie“ eingegangen und habe in dem Zusammenhang Prof. Dr. Dr. Manfred
Spitzer aus seinem Buch „Rotkäppchen und der Stress“ zitiert, weil er nach meiner
Meinung hier nicht nur eine der treffendsten Definitionen zum Stress formuliert,
sondern insbesondere seine Abgrenzung gegenüber der allgemeinen psychischen Belastung auf den Punkt bringt. Letzteres ist deshalb so wichtig, weil vielfach die Bezeichnung „Stress“ für viele Situationen inflationär verwendet wird, obwohl es sich im konkreten Fall oftmals nur um eine gewöhnliche psychische Belastung handelt. Das führt dann nicht selten dazu, dass tatsächlicher Stress gar nicht als solcher identifiziert wird, mit fatalen Folgen.
Laut Manfred Spitzer ist der Stress nämlich an eine besondere Rahmenbedingung der psychischen Belastung gekoppelt: Der Protagonist muss das Gefühl haben, nicht mehr Herr der Lage zu sein oder keinen Einfluss mehr auf den Ausgang des Geschehens zu haben, quasi hilflos der Situation ausgeliefert. Als Beispiel bringt er den Fall der beiden Affen, die in einen voneinander getrennten Käfig gesperrt wurden, aus denen sie sich gegenseitig aber beobachten konnten. Affe A wurde nun dahingehend konditioniert, blitzschnell, sowie eine Lampe aufleuchtet, innerhalb eines kurzen Zeitfensters einen Taster zu betätigen, um dadurch zu verhindern, dass beide Affen über ihre Metallkäfige einen zwar nicht schmerzhaften aber immerhin unangenehmen Stromstoß verabreicht bekamen. War Affe A schnell genug, blieb beiden, also auch Affe B, dieses unangenehme Erlebnis erspart. Wenn nicht, mussten beide die „Strafe“ gemeinsam ertragen. Affe B war allerdings zur Untätigkeit verdammt und konnte das Geschehen nur beobachten, ohne selbst Einfluss nehmen zu können; während Affe A unter einem vermeintlich enormen psychischen Druck
stand, ständig auf der Hut sein zu müssen, auf die Lampe zu achten, um sofort
reagieren zu können.
Am Ende des Experiments wurden beide Affen auf Stresssymptome untersucht. Und siehe da, die Verblüffung war groß. Nicht wie erwartet wies etwa Affe A, der
offensichtlich ständig unter einer hohen psychischen Belastung stand, solche
Symptome auf, sondern im Gegenteil, ausschließlich Affe B. Dieser hatte offenbar
puren Stress, weil er, im Gegensatz zum Affen A, völlig hilflos dem Geschehen
ausgeliefert war, also keinerlei Einfluss nehmen konnte auf dessen Ausgang.
Insofern ist es andersherum sehr gut nachvollziehbar, wenn ein Hund, dem eine ihn
psychisch hoch belastende Aufgabe übertragen wurde – beispielsweise die
Bewachung eines Grundstückes, die seine permanente Aufmerksamkeit und Aktivität erfordert – trotzdem keinerlei Stresssymptome entwickelt. Warum? Er hat das Geschehen offensichtlich im Griff und auch das Gefühl, Chef am Ort des
Geschehens zu sein. Es wäre also ein Irrtum anzunehmen, dass psychische
Belastungen grundsätzlich etwas Negatives seien, also Stress. Im Gegenteil, das
vegetative Nervensystem ist dazu da, mit Reizen aller Art klarzukommen,
entsprechende Reaktionen auszulösen und diese im Sinne des Überlebens seines
„Chefs“ zu nutzen. Wichtig ist nur, dass es zwischen dem Sympathikus (Action) und dem Parasympathikus (Erholung) stets zu einem Ausgleich kommt, weil der
Organismus nicht ununterbrochen in Action sein kann. Ansonsten kann auch eine permanente psychische Belastung, ohne Stress zu sein, negative Folgen auf den Organismus haben. Aber davon reden wir hier nicht.
Hinzu kommt, dass vielen Hunderassen ein solches aufgabenbezogenes Verhalten, welches potenziell als eine ständige psychische Belastung interpretiert werden könnte wie das Bewachen, Beschützen oder Hüten, ihnen bereits durch ihre Zuchtlinie in die Gene geschrieben wurde und sie bei deren Erfüllung sogar
regelrechte Befriedigung erfahren. Von einer negativen Belastung kann hier also
keine Rede sein. Und ein solcher Hund, der unter einer hohen psychischen
Belastung steht, aber die sie verursachende Situation gefühlsmäßig und tatsächlich unter Kontrolle hat, wird sicherlich auch keine Haut- und Fellprobleme entwickeln; zumindest nicht aus diesem Grund.
Problematisch wird es erst dann, wenn der Hund entweder mit der ihm übertragenen Aufgabe überfordert ist oder – und das ist meistens der Fall – es einen Konflikt gibt zwischen der ihm übertragenen Aufgabe bzw. Verantwortung einerseits und dem ihm zugestandenen Entscheidungsspielraum andererseits. Eine der so am häufigsten durch Herrchen oder Frauchen verursachten Konflikte, die dann beim Hund zu Stressreaktionen führen, ist die dem Hund unbewusst übertragene Verantwortung entweder für die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen oder irgendeine Ressource, der er aber durch den ihm eingeschränkten Entscheidungsspielraum nicht nachkommen oder gerecht werden kann, indem man ihm entweder nicht die Erlaubnis gibt oder nicht die Möglichkeit, für diese Sicherheit auch tatsächlich sorgen zu können.
Was heißt das nun bezüglich meiner eingangs geschilderten Beobachtungen und Erkenntnisse?
Ich will damit nur die Empfehlung aussprechen, sollte ihr Hund solche Symptome wie Hautirritationen, Fellprobleme oder unnormalen Juckreiz zeigen, dass sie nicht nur ihren vertrauten Tierarzt konsultieren, der nach organischen oder
Stoffwechselproblemen, die durchaus auch im falschen Futter zu finden sind, sucht, sondern sich der kritischen Analyse eines erfahrenen Hundetrainers oder
Therapeuten stellen, ob ihr Hund vielleicht einem solchen Stress wie beschrieben
ausgesetzt ist. Der Großteil meiner Therapiearbeit bezieht sich jedenfalls auf diese Stressanalyse bzw. die sich daraus ergebende Befreiung des Tieres von den ihn auslösenden Konflikten. In der Regel liegt die Lösung im veränderten Verhalten der Hundehalter, mit dem sie ihrem Schützling demonstrieren, dass er ab sofort keinerlei Verantwortung mehr trägt, weder für seine eigene oder ihre gemeinsame Sicherheit noch für irgendeine Ressource.
Bevor sie also ihren Liebling mit allerlei Salben und Cremes, Spritzen und sonstigen therapeutischen Experimenten traktieren, lassen sie lieber mal sein psychisches Umfeld unter die Lupe nehmen.