9. Die unterschätzte Intelligenz des Hundes –
eine Kritik am Mythos Trainereffekt“
Gibt es einen „Trainereffekt“? Jain. Es gibt ihn im Sinne des Einflusses der Trainerpersönlichkeit auf das Verhalten des Hundes, aber nicht in dem Sinne, wie er meistens
argumentativ verwendet wird, um das Scheitern des Übergangs eines schnellen Trainingserfolges in einen langfristigen Erfolg zu begründen. Warum nicht? Weil die Hunde neurobiologisch nicht so unterentwickelt sind, wie sie sein müssten, um einem solchen Trainereffekt zu erliegen. Hin und wieder höre ich mal in unterschiedlichem Zusammenhang die Begrifflichkeit
„Trainereffekt“. Mir selbst wird er manchmal vorgehalten, wenn ich behaupte, dass ein vermeintlich verhaltensauffälliger Hund durchaus in einer einzigen Trainingseinheit resozialisiert werden könne. Zugegeben, ich will damit auch ein wenig provozieren und zum Nachdenken oder Diskutieren anregen, aber dem Grundsatz nach stehe ich dazu. Meine „Kritiker“ begründen damit ihre Überzeugung, dass eine „Umerziehung“ des Hundes in so
kurzer Zeit unmöglich sei und der vermeintliche Trainingserfolg eben nur ein scheinbarer sei, weil der Hund sein Verhalten nur aufgrund meiner Trainerpersönlichkeit und deren Wirkung
auf ihn kurzzeitig ändere. Insofern wäre die Verhaltensänderung, die zwar anerkannt wird, aber nicht nachhaltig und würde sich, sowie Herrchen oder Frauchen wieder das Kommando
übernehmen, quasi in Luft auflösen. Aber bevor ich dies aus psychologischer und verhaltensbiologischer Sicht ad absurdum führe, macht es Sinn, die Begrifflichkeit Trainereffekt zu definieren, damit wir auch über das Gleiche reden.
Nach meinen Recherchen tauchte der Begriff ursprünglich in der Welt des Fußballs auf. Hier gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die an den Unis Erfurt und Gießen
durchgeführt wurden und der Frage nachgingen, ob ein Trainerwechsel auch langfristig einen Erfolg bringe. Das Ergebnis war ernüchternd, denn von über 70 Trainerwechseln, die
untersucht wurden, blieben weit über 60 ohne eine entsprechende Auswirkung. Man habe lediglich nachweisen können, dass ein neuer Trainer manchmal motivierend auf die Spieler
wirke, wenn sie sich ihm gegenüber profilieren wollten.
Aber ich glaube, dass der Trainereffekt, so wie seine AnhängerInnen ihn in unserem Kontext argumentativ nutzen, anders gemeint ist. Nämlich wie zuvor beschrieben, dass quasi der Hund sich in Gegenwart eines Trainers, wenn dieser seine Führung übernehmen sollte, anders verhält als unter der Führung der BesitzerInnen, und dass dieses Verhalten nach Wieder-
Übernahme der Führung durch die BesitzerInnen wieder verschwindet, also nicht von Dauer ist. Und insofern sei das veränderte Verhalten nicht auf die tatsächliche „Umerziehung“ des Hundes zurückzuführen, sondern ausschließlich auf den Persönlichkeitseinfluss des Trainers. Die gleiche Argumentation höre ich hier und da auch mal von meinen Trainerkollegen, die
damit ihre Überzeugung begründen, warum sie grundsätzlich nicht selbst beim Hund der Kunden „Hand anlegen“, sondern im Falle einer notwendigen Demonstration diese an ihren
eigenen Hunden vorführen und dann durch die TeilnehmerInnen mit ihren Hunden nachahmen lassen. Grundsätzlich habe ich an dieser Praxis auch gar nichts zu bemängeln. Im Gegenteil, wenn
das Trainingsziel dies erlaubt, kann ich diese Praxis durchaus als richtig „unterschreiben“. Aber nicht mit der Begründung, dadurch den „Trainereffekt“ ausschließen zu wollen. Das wäre nicht korrekt. Denn dann müsste man unterstellen, dass dem Hund die kognitiven Voraussetzungen fehlen würden, ein verändertes Verhalten des Menschen nur beim Trainer wahrnehmen zu können und nicht bei Herrchen oder Frauchen. Und das widerspräche allen aktuellen Studien zu den intellektuellen Fähigkeiten von Hunden. Auf der einen Seite ist man nahezu verschwenderisch mit der Vergabe von Superlativen, was die hündische Intelligenz
betrifft, aber jetzt wird man plötzlich geizig und unterstellt, dass der hündische Intellekt hierLücken hätte.
Zum besseren Verständnis meines Zweifels an dem Trainereffekt, so wie ich ihn verstehe, wie er offensichtlich gemeint ist, muss ich noch einmal auf die Methode des Trainings zur Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes eingehen: Wenn ein Hund sich auffällig verhält, ist dieses Verhalten in der Regel – außer bei pathologisch begründeten Fällen – in Wirklichkeit ein völlig natürliches Verhalten im Rahmen seines agonistischen Verhaltensrepertoires. Und der Verhaltensauslöser ist in der
Regel eine ihm durch die BesitzerInnen unbewusst übertragene Verantwortung, der er jetzt mittels seines vermeintlich auffälligen Verhaltens gerecht werden will. Er verhält sich also
tatsächlich gar nicht auffällig, sondern nur scheinbar, nämlich nur aus Sicht von Herrchen oder Frauchen. Sie erkennen nämlich nicht, dass die eigentliche Ursache ihr eigenes falsches
Verhalten ist, indem sie dem Hund dadurch signalisiert haben, er hätte jetzt eine Verantwortung. Eine solche Verantwortung könnte sein, für seine eigene oder sogar beide Sicherheiten sorgen zu müssen oder die Verantwortung für ein Revier. Ein Indiz dafür, dass
diese Verantwortungsübertragung unbewusst passiert, ist das gezeigte Unverständnis für das hündische Verhalten und Fehlinterpretieren als Verhaltensauffälligkeit. Wenn Herrchen oder
Frauchen die Verantwortungsübertragung bewusst wäre, würden sie ja das hündische Verhalten auch nicht als auffällig identifizieren. Ich nenne in diesem Zusammenhang immer
das Beispiel eines Wachhundes. In seinem Falle würde auch niemand auf die Idee kommen, sein ohrenbetäubendes Gekläffe als Verhaltensauffälligkeit zu brandmarken, wenn er
jeglichen Eindringling verscheuchen oder auf ihn aufmerksam machen will. Deshalb setzt eine „Hundetherapie“ in erster Linie auch nicht beim Korrigieren des hündischen Verhaltens an, sondern beim Versuch, das falsche Verhalten von Frauchen und
Herrchen abzuändern, um dem Hund den Grund für sein „auffälliges“ Verhalten zu nehmen. Erst danach kommt die Korrektur des Hundes, falls es dann überhaupt noch notwendig ist. Im wahren Leben ist die Reihenfolge allerdings aus pragmatischen Gründen oftmals andersherum, da der Hund erst verstehen muss, dass Herrchen oder Frauchen ihm die
Verantwortung entzogen haben. Daher macht es eben Sinn, dass der Trainer den Hund dazu übernimmt, um ihn zunächst in seinem Verhalten zu korrigieren und dann zu demonstrieren,
dass er bei ihm die bisherige Verantwortung nicht hat. Entscheidende Erfolgsvoraussetzung dabei ist, dass beides korreliert, also die Korrektur nicht im Widerspruch zum Verhalten des Trainers steht. Ansonsten käme der Hund in einen Konflikt. Dies demonstriert der Trainer
dem Hund durch sein Verhalten möglichst zeitnah in einer gestellten Situation, in der der Hund bisher seiner Verantwortung gerecht werden musste, aber jetzt nicht mehr, weil der Trainer diese Verantwortung übernimmt. Das kann zum Beispiel die demonstrative Verteidigung gegenüber anderen Hunden sein. Und da der Hund – wie auch durch die „Kritiker“ anerkannt – sofort sein Verhalten ändert, muss unterstellt werden, dass er
neurobiologisch auch dazu in der Lage ist, dieses andere Verhalten des Trainers mit der ihm entzogenen Verantwortung in Verbindung zu bringen und sein eigenes Verhalten dieser neuen
Situation auch anzupassen. Allerdings, und jetzt kommt der „Haken“, müssen Herrchen und Frauchen, wenn sie dann den
Hund vom Trainer wieder übernehmen, sich in gleicher Weise und sofort wie der Trainer verhalten. Dann ist auch der Hund aufgrund seiner neurobiologischen und damit psychologischen Voraussetzungen durchaus in der Lage, die Situation kognitiv so zu
verarbeiten, dass er das veränderte Verhalten von Herrchen oder Frauchen mit der ihm entzogenen Verantwortung in Verbindung bringt. Da dieses Verändern des Verhaltens von Herrchen und Frauchen dem Hund gegenüber aber einer Veränderung ihrer bisherigen Gewohnheiten gleichkommt, sind wir beim Problem, welches ich im vorherigen Beitrag erläutert habe.
Insofern unterstelle ich, dass das nicht nachhaltige Ändern des hündischen Verhaltens nach einer Therapie nicht auf einen so genannten Trainereffekt zurückzuführen ist, sondern auf das
nicht nachhaltige Ändern des Verhaltens von Herrchen und Frauchen dem Hund gegenüber. In der Humanmedizin nennt man dieses Phänomen „mangelnde Compliance“ des Patienten,
also mangelnde Therapietreue. Der Hund ist aufgrund seiner neurobiologischen Voraussetzungen sogar in der Lage,
nuancierte Verhaltensänderungen des Menschen wahrzunehmen. Er kann sogar Stimmungsschwankungen bei Herrchen und Frauchen registrieren. Und man unterstellt ihm die Fähigkeit, mittels seines Geruchssinnes Gemütszustände seiner BesitzerInnen zu identifizieren. Sollte man dann dem Hund nicht auch die Fähigkeiten zubilligen, ein geändertes
Verhaltensmuster seiner Führungsperson zu erkennen und sich entsprechend angepasst zu verhalten? Ich denke, diesen Respekt sind wir ihm schuldig. Zusammengefasst: Es gibt insofern einen so genannten Trainereffekt in Form der unmittelbaren und wirkungsvollen Einflussnahme durch die Trainerpersönlichkeit auf den Hund mit der Folge, dass dieser sein Verhalten sofort ändert. Aber der gleiche Effekt stellt sich auch ein, wenn es dem Trainer gelingt, Herrchen oder Frauchen dazu zu motivieren, sich
ab sofort so zu verhalten wie der Trainer. Dann müssten wir das Ganze aber auch „Herrcheneffekt“ oder „Fraucheneffekt“ nennen.
Deshalb ist der so genannte Trainereffekt, so wie er argumentativ zur Begründung des Scheiterns der Transmission eines schnellen in einen nachhaltigen Trainingserfolges verwendet wird, nichts anderes als die Vertuschung des Scheiterns, das menschliche
Verhalten von Frauchen oder Herrchen nicht ausreichend schnell ändern zu können.