20. Hundeerziehung in nur einem Training? –
Möglichkeiten und Grenzen der Resozialisierung

Verständlicherweise begegnet man mir mit Skepsis oder sogar Misstrauen, wenn ich behaupte, eine Erziehung jedes Hundes sei in nur einer einzigen Trainingseinheit möglich. Denn die Mehrheit der Hundehalterinnen bzw. -halter, die mich um Hilfe ersuchen, haben zuvor – wie ich es bereits mehrmals geäußert habe – quasi das genaue Gegenteil erfahren müssen, weil sie zuvor die Strapazen regelrechter und vor allem frustrierender Irrfahrten an gescheiterten Hundeschulbesuchen überstehen mussten. Und als Rechtfertigung dieses Scheiterns hörten sie nicht selten, die Erziehung eines Hundes sei nun mal eine komplexe und deshalb langwierige und zeitaufwendige Angelegenheit.

Ein Kunde, der mich kontaktierte und um Hilfe bat, berichtete mir sogar von einem 4- wöchigen Aufenthalt seines Hundes in einer Hundeschule, der sogar auf Kulanz noch einmal um 2 Wochen verlängert wurde, ohne dass auch nur der Hauch einer Verbesserung des unerträglichen Verhaltens zu erkennen gewesen sei. Ich spreche hier also nicht – wie ich es offensichtlich jedes Mal wieder betonen muss, wenn ich die Kommentare zu meinen Beiträgen höre – von der Ausbildung des Hundes, bei dem ihm durch Konditionierung das Befolgen von Kommandos versucht wird beizubringen. Nein, ich spreche in meinen Artikeln ausdrücklich und ausschließlich von seiner Erziehung, also der Einflussnahme auf sein Dispositionsgefüge einschließlich seinem agonistischen Verhaltensrepertoire mit dem Ziel, sein Sozialverhalten zu verändern.

Die Gründe für das Scheitern einer Hundeerziehung sind jedoch nicht in der mangelnden Zeitdauer, Länge oder gar Anzahl an Wiederholungen eines Trainings zu finden. Vielmehr ist es die Wahl ungeeigneter Trainingsmethoden, die eine Erziehung geradezu scheitern lassen müssen. Allerdings spielt auch eine mangelnde Therapietreue der Hundehalter (in der Fachsprache Compliance genannt) eine nicht unwichtige Rolle, denn deren verändertes Verhalten dem Hund gegenüber hat den entscheidenden Einfluss auf das sich zu verändernde
Sozialverhalten des Hundes, um das es bei einer Erziehung nun mal geht. Insofern liegt das Scheitern nicht nur an falschen Methoden, wenn es dem Hundetrainer nicht gelingt, die Bezugsperson zu einem veränderten Verhalten dem Hund gegenüber zu motivieren.

 Die Erziehung eines Hundes, worunter die intraspezifische, interspezifische und u.U. auch die umweltspezifische Sozialisierung zu verstehen ist, ist in erster Linie – neben dem, was ich an anderer Stelle bereits erläutert habe – das Ergebnis der Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Dies ist in der Regel innerhalb eines einzigen Trainings bei Anwendung geeigneter Erziehungsmethoden und konsequenter Compliance der Bezugsperson möglich.

Aber gibt es eine Gruppe von sich „unsozial“ verhaltenden Hunden, denen man ihre Verantwortung nicht so ohne weiteres nehmen kann. Dazu zählen insbesondere die als Resozialisierung einzustufenden Fälle, die unter Umständen schon einmal in den Fokus eines Amtstierarztes geraten sind oder anlassbedingt die Auflage, einem Wesenstest nachzukommen, erhalten haben. Diese Hunde kennzeichnet eine ausgeprägte Konsolidierung ihres agonistischen Verhaltens, das sich dadurch manifestiert hat, dass sie über einen relativ langen Zeitraum hinweg immer und immer wieder durch die Nutzung dieses Verhaltensrepertoires und der damit verfolgten Verhaltensstrategie Erfolg hatten, ohne auf einen nennenswerten Widerstand gestoßen zu sein. Dies kann zurückreichen bis in ihr Welpenalter. In diesem Kontext spielt auch das Ausbleiben von energischen Korrekturen in
Situationen, in denen der Hund ein unerwünschtes Verhalten zeigt, eine entscheidende Rolle. Denn eine nicht erfolgte Korrektur auf ein unerwünschtes Verhalten, und sei es scheinbar noch so lapidar, ist in seiner Wirkung gleichbedeutend mit einer Anerkennung, die dem Hund das Feedback gibt: „Ich habe nicht nur alles richtig gemacht, sondern auch so, wie ich es soll.

Wenn beispielsweise ein Kind, das durch sein oftmals unbedachtes oder ungeschicktes Verhalten den Hund in seiner Sicherheit oder eines seiner Ressourcen bedroht, reagiert er instinktiv durch das Nutzen seines agonistischen Verhaltensrepertoires wie Knurren oder sogar Beißen. Da in solchen Fällen das Kind in der Regel mit Rückzug reagiert, registriert der Hund dies als Erfolg. Wenn nun in solchen Schlüsselsituationen das energische Einschreiten der Hundehalter in Form einer drastischen Korrektur ausbleibt, weil sie sich beispielsweise im Fall einer Beißattacke verständlicherweise zunächst um das leidende Kind kümmern, speichert er seine Verhaltensstrategie als erfolgreich ab. Der gleiche Effekt tritt ein, wenn eine Korrektur für den Hund nicht in einem verständlichen Kontext geschieht oder mit einer mangelnden Kontinuität bzw. Konsequenz.

Das Säugetiergehirn ist nicht nur sprichwörtlich, sondern neurobiologisch determiniert auf Erfolg getrimmt. Es speichert Verhaltens- oder Handlungssequenzen als sinnvoll immer dann ab und holt sie quasi in vergleichbaren Entscheidungssituationen immer wieder hervor und
wendet sie erneut an, wenn sie in der Vergangenheit das angestrebte Verhaltens- oder Handlungsziel erfolgreich gewährleistet haben. Man nennt es auch operantes Konditionieren. Je öfter dies geschieht, desto stabiler wird dieses Verhaltensmuster „eingestanzt“. Nach der Devise: „Ändere dein Verhalten nur nicht, wenn es bisher ein Garant deines Erfolges war.“ Und das „weiß“ auch der Hund, zumindest instinktiv. 

Aber kommen wir zur Lösung für die sogenannten Resozialisierungsfälle, die zugegebenermaßen in der Regel auch nicht in einer einzigen Trainingseinheit zu „therapieren“ sind. Sie bedürfen eines etwas aufwendigeren Weges, der sich – in knapper Form zusammengefasst – aus drei Trainingsmodulen zusammensetzt. Wobei aber alle drei simultan praktiziert werden müssen, denn sie ergänzen einander. Will heißen, eines der Module macht ohne die anderen Module keinen Sinn oder bringt den Hund in einen unlösbaren Konflikt. Das erste Modul beinhaltet die Korrektur des „unsozialen“ Verhaltens, indem dem Hund deutlich und energisch demonstriert wird, dass dieses Verhalten absolut unerwünscht ist bzw. – wenn mir ausnahmsweise mal ein Anglizismus zur Untermauerung der Bedeutung erlaubt sei – ein absolutes „No-Go!“. Insbesondere in der Beziehung zu Kindern muss dem Hund dieses „No-
Go!“ unmissverständlich demonstriert werden, um zu zeigen, dass Kinder unter dem besonderen Schutz der Bezugsperson stehen. Simultan damit einhergehend erfolgt die drastische Einschränkung seines Entscheidungsspielraums, indem ihm demonstriert wird, dass bestimmte Entscheidungen nicht mehr in seinem Ermessen liegen. Auf eine Ressource bezogen heißt das, dass dem Hund nicht nur die Verantwortung für diese Ressource genommen wird, sondern das Recht an dieser Ressource. Und das dritte Modul bezieht sich auf die Befriedigung seines Grundbedürfnisses nach Sicherheit, das den entscheidenden Einfluss auf sein Sozialverhalten ausübt. Da ihm diese Verantwortung, insbesondere für die eigene Sicherheit, aber in der Regel auch für die Sicherheit der Bezugsperson bzw. irgendeiner Ressource wie Haus und Hof, in der Vergangenheit oblag – bewusst oder unbewusst überlassen –, muss dem Hund demonstrativ diese Verantwortung genommen werden, indem die Bezugsperson sie für den Hund unzweideutig erkennbar übernimmt. Mit der Konsequenz, dem Hund ab sofort und auch wiederum demonstrativ, Schutz zu bieten. Somit bestehen die beiden Werkzeuge in der Hundeerziehung aus Korrektur und Demonstration. Mit Leckerlis, positiver Bestärkung und sonstigem Motivierungs- und Belohnungs-Firlefanz hat das alles nichts zu tun.
 
Insofern entscheiden die Therapietreue der Bezugsperson und ihre Persönlichkeit in Form ihres konsequent veränderten Auftretens in der Beziehung zu ihrem Hund über den nachhaltigen Erfolg einer Resozialisierung. Einer zögerlich auftretenden oder als schwach wahrgenommenen Persönlichkeit wird ein Hund, der sich in der Vergangenheit auf seine eigenen Stärken verlassen musste, um seine Grundbedürfnisse gewährleistet zu wissen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest nicht, was seine eigene Sicherheit betrifft, anvertrauen oder unterwerfen. Sollte er von einer solchen Person dann trotzdem im Kontext der Gewährleistung seiner Sicherheit für sein unerwünschtes Verhalten Sanktionen erfahren, gerät er in einen für ihn unlösbaren Konflikt und ist der typische Kandidat für einen plötzlichen und angeblich völlig unerwarteten „Ausraster“, in dessen Folge nicht selten sogar kleine Kinder Opfer seiner Aggressionen werden. Hier aber von einem unerwarteten oder unvorhergesehenen Verhalten zu sprechen, wäre pure Heuchelei und Ignoranz des eigenen Versagens. In diesem Kontext spielt auch die Bestrafung eine wichtige Rolle, auf die ich in einem weiteren Betrag eingehen werde und das opportunistische Heucheln so manch eines „Hundeexperten“ entlarven.