5. Hundeerziehung vs. Ausbildung – 

warum scheitern so viele Versuche der Erziehung?

Wie an anderer Stelle bereits berichtet, haben die meisten meiner Kunden, bevor sie mich kontaktieren, mehrere erfolglose Hundeschulbesuche hinter sich. Wenn ich mir in solchen Fällen beschreiben lasse, wie eine diese Schulungen abgelaufen sei, wird
mir bedauerlicherweise immer wieder bestätigt, dass oftmals an einem offensichtlichen Erziehungsproblem fälschlicherweise mit Methoden der Ausbildung herumgedoktert wird. Deshalb will ich nachfolgend nochmal versuchen, den Unterschied zu verdeutlichen, der zwischen der Ausbildung eines Hundes und seiner Erziehung besteht. Denn erst wenn dieser verstanden wurde, wird auch verständlich, warum einige Schulungsmethoden, die in der Ausbildung durchaus ihre Berechtigung und sich hier auch bestens bewährt haben, für seine Erziehung aber grundsätzlich ungeeignet sind. Hundehalter, die mit ihrem sogenannten verhaltensauffälligen Hund zu mir kommen, beklagen in der Regel nicht den mangelnden Ausbildungsstand ihrer Schützlinge, sondern beklagen vielmehr oder ausschließlich ihre mangelnde soziale Verträglichkeit: So zum Beispiel ihre mangelhafte Leinenführigkeit, also das kräftezehrende Zerren an der Leine, oder ihre Aggressivität anderen Menschen und Tieren gegenüber. Nicht selten sind auch schwerwiegendere Fälle wie Beißattacken und Angriffe gegenüber Kindern zu beklagen. Ebenso das nervende Kläffen oder das Beklagen von Angsteskapaden ihrer Schützlinge, wenn diese irgendwelchen Schreck einflößenden Umwelteinflüssen ausgesetzt sind wie Silvesterlärm, Feuerwehrsirenen oder ähnlichen Schreckgespenstern werden genannt. Das heißt, es geht nicht darum, dass die Hunde solche Kommandos wie Sitz, Platz und Co. nicht beherrschen oder sonstige Befehle nicht befolgen und bestimmte Aufgaben nicht lösen würden, sondern dass sie ein „rüpelhaftes“ Verhalten an den Tag legen.
Eine Erziehung im Sinne der Sozialisation kann auf drei Ebenen stattfinden.
1. die intraspezifische,
2. die interspezifische und
3. die umweltspezifische.
Die intraspezifische Sozialisation betrifft das verträgliche Verhalten des Hundes gegenüber anderen seiner Spezies. Sie gilt dann als abgeschlossen, wenn er in anderen Hunden keine Konkurrenten oder Rivalen mehr sieht. Die interspezifische Sozialisation ist die Verträglichkeit mit anderen Mitgliedern der Fauna einschließlich
Menschen; er in ihnen also auch keine Bedrohung sieht. Und die umweltspezifische ist die den Umständen entsprechende neutrale und angstfreie Verhaltensweise gegenüber allen Umwelteinflüssen. Nun sind die Übergänge zwischen Ausbildung und Erziehung sicherlich an manchen Stellen fließend und demzufolge auch die in den Methoden. Aber entscheidend ist der definitive Unterschied, der sich aus der Motivationslage des Hundes zum Handeln wiederfindet und deshalb Methoden der Ausbildung für seine Erziehung grundsätzlich als ungeeignet entlarvt, auch wenn sie über einen längeren Zeitraum angewendet mehr oder weniger zum scheinbaren Erfolg führen:
Die Sozialisation des Hundes ist nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn sein Verhalten durch seine intrinsische Motivation gesteuert wird; er sich also aus ureigenem Interesse so verhält wie er sich verhalten soll und nicht aufgrund irgendwelcher äußerer Stimuli. Immer wenn extrinsische, also von außen wirkende Motivatoren ein bestimmtes Verhalten des Hundes initiieren sollen, sollte man von einer Konditionierung, also dem Ergebnis einer Ausbildung ausgehen und nicht von einer Erziehung im hier gemeinten Kontext. Insofern sind alle Methoden der Belohnung keine expliziten Erziehungsmethoden, sondern immer eine Art Konditionierung. Dass diese irgendwann auch zu einem
gewünschten Verhalten des Hundes führen können, ist völlig unstrittig. Aber das entscheidende Element der Erziehung, also die intrinsische Motivation fehlt in der Regel und deshalb ihre Nachhaltigkeit. Bei der Erziehung des Hundes hingegen wird anders als bei der Ausbildung ausschließlich die Befriedigung eines seiner Grundbedürfnisse genutzt, um das Ziel
zu erreichen. Denn nur so ist das Kriterium der intrinsischen Motivation erfüllt. Und bei diesem Grundbedürfnis, das im Kontext der Erziehung ausgenutzt wird, handelt es sich um das Bedürfnis nach Sicherheit. Man kann verallgemeinernd sagen, dass der Hund sich immer dann unauffällig verhält, wenn sein Grundbedürfnis nach Sicherheit für ihn als befriedigt gilt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Hund immer dann vermeintliche Verhaltensauffälligkeiten zeigt, wenn sein Grundbedürfnis nach Sicherheit nicht erfüllt ist. Allerdings ist dieses Verhalten nur vermeintlich auffällig, weil es aus seiner Perspektive betrachtet als völlig normal zu bewerten ist, denn er will durch dieses Verhalten sein Grundbedürfnis befriedigen. Nur der Mensch empfindet es als auffällig, weil er den wahren Grund, oftmals im Anthropomorphismus begründet, nicht erkennt. Insofern sind alle die Methoden für die Erziehung eines Hundes geeignet, mittels derer dem Hund demonstriert wird, dass Herrchen oder Frauchen stets und überall für seine Sicherheit sorgen oder mittels derer ihm jegliche Verantwortlichkeit für
irgendeine Ressource genommen wird, für deren Sicherheit er ansonsten zu sorgen hätte. Und diese Methoden haben mit Sicherheit nichts mit Leckerlies oder sonstiger positiver Bestärkung zu tun, sondern ausschließlich mit Demonstration und gleichzeitiger Korrektur. Am Beispiel der Aggressivität kann deshalb der Aberwitz solcher Methoden wie die „positive Bestärkung“, wie sie oftmals im Sinner des Vorgaukelns von Kompetenz oder sogar wissenschaftlicher Fundiertheit verwendet wird, oder das Reichen von Leckerlies und ihre Nichteignung als Erziehungsmethode verdeutlicht werden: Da das aggressive Verhalten beispielsweise anderen Artgenossen gegenüber in seinem agonistischen Verhaltensrepertoire begründet ist, weil er sie als Rivalen oder Konkurrenten identifiziert, würde das in dieser Situation beispielsweise getätigte Reichen von Leckerlies ja lediglich der Ablenkung dienen und wohl kaum der Beseitigung seines Verhaltensgrundes, was das Ziel der Erziehung sein müsste, wenn das Kriterium der intrinsischen Motivation erreicht werden soll. Der eigentliche Grund, die anderen Hunde als Konkurrenten oder Rivalen zu betrachten, wäre damit ja in keiner Weise beseitigt. Der Hund wird andere Hunde immer dann als Rivalen oder Konkurrenten betrachten, wenn er selbst für seine Sicherheit zu sorgen hat. Und das Reichen von Leckerlies wird ihn ja wohl kaum von seinem Verantwortungsgefühl befreien. Die irrige Vorstellung, dass durch Konditionierung in solchen Situationen tatsächlich eine Erziehung erfolgen könnte, kommt dadurch zu Stande, dass bei ständiger Wiederholung und ausreichender Stärke des Stimulus, der Hund irgendwann soweit konditioniert sein kann, dass er weiß, dass jedes Mal, wenn seine Rivalen auftauchen, er ein Leckerli bekommt und somit ein unbedingter zu einem bedingten Reflex wurde. Das geht so lange gut, wie die Stärke des Stimulus stark genug ist. Mit Erziehung hat das Ganze aber nichts zu tun. Wenn aber Herrchen oder Frauchen statt seiner diese Sicherheitsaufgabe für ihn übernehmen würden und ihm dies auch eindeutig demonstrieren, wäre der Grund für
seine Rivalität umgehend beseitigt. Er hätte ab sofort keinerlei Interesse mehr an seinen Kollegen. Ein Leckerli ist dafür jedenfalls nicht notwendig. Lassen Sie sich das nicht einreden; auch nicht von der Leckerli-Industrie. Somit kann man sagen, dass das Verhalten eines Hundes das Resultat und Spiegelbild sowohl seiner Ausbildung als auch seiner Erziehung ist. Allerdings sind sie die berühmten zwei Seiten einer Medaille. So wie man sagen kann, dass ein Kind, welches Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorien erklären kann, gut ausgebildet wäre, aber deshalb noch lange nicht gut erzogen sein muss, wenn es in jeder Hofpause die Mitschüler verprügelt. Ausbildung hat immer etwas mit dem Beherrschen von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu tun. Die Erziehung hingegen ist das Akzeptieren von Regeln, um in einer sozialen Gemeinschaft miteinander konfliktfrei klarzukommen.