33. Warum ist gerade mein Hund ein Problemhund? – Eine weitere Quelle von
Missverständnissen

Ich habe bereits an anderer Stelle auf den Anthropomorphismus als Ursache des
Missverstehens in der Mensch-Hund-Beziehung hingewiesen und ihn damit als einen der wichtigsten Ursachen identifiziert, warum das Verhalten des Hundes seinem Halter oftmals als auffällig erscheint und er glaubt, er habe einen Problemhund. Abgesehen davon, dass es real nur sehr wenige tatsächlich verhaltensauffällige Hunde gibt, die demzufolge ein artuntypisches Verhalten an den Tag legen, das aber meistens in einem pathologischen Befund begründet ist, erscheint das hündische Verhalten lediglich deshalb als auffällig, weil es durch den Anthropomorphismus zu einer Spirale der Missverständnisse kommt. Tatsächlich ist das Verhalten des Hundes aber in all diesen Fällen eher arttypisch und somit „normal“.

Die beiden wichtigsten Ursachen oder besser gesagt Erscheinungen des
Anthropomorphismus im Kontext der Mensch-Hund-Beziehung sind einerseits das Hineininterpretieren eigener menschlicher Bedürfnisse und Veranlagungen in die des Hundes, wodurch es zu einer falschen Erwartungshaltung bezüglich des hündischen Verhaltens kommt, und andererseits die Fehlinterpretation oder gar das nicht Erkennen der Ursachen, warum sich ein Hund so verhält wie er sich verhält. Kaum einer meiner Kunden kann mir beispielsweise auf meine Frage, warum sich ihrer Meinung nach wohl ihr Hund so verhalte wie er sich verhält, eine schlüssige Antwort geben. Wenn doch, dann entspricht ihre vermeintliche Ursachenanalyse eher ihrer eigenen, also menschlichen Verhaltenslogik. Auf die Idee, dass der Hund vielleicht einer von der des Menschen sich unterscheidenden Bedürfniswelt und somit einer vollkommen anderen Verhaltenslogik folgt, auf diese Idee kommen nur wenige. Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass der Mensch in seinem Hund glaubt, ein kleines Kind zu sehen.

Somit beginnt die Spirale der Missverständnisse mit der falschen Erwartungshaltung, woraufhin dann das tatsächliche Verhalten des Hundes falsch interpretiert wird, weil der wahre Grund seines Verhaltens nicht erkannt wird. Die daraus resultierende Reaktion des Menschen dem Hund gegenüber widerspricht nun aber dessen Erwartung bezüglich des Verhaltens des Menschen, wodurch der Hund in einen Konflikt gerät, den er lösen oder dem er aus dem Wege gehen will. Hält dieser Konflikt aber an oder erscheint dem Hund als unlösbar, gerät er in Stress und zeigt dies in Form von Verhaltensweisen, die vom Menschen dann wiederum fehlinterpretiert werden. In der Humanpsychologie würde man hier von einer „erlernten Hilflosigkeit“ sprechen, wie seinerzeit vom Psychologen Martin Seligman formuliert wurde und zu Resignation, Angstzuständen und Depression führt. Beim Hund manifestiert sich dies in oftmals unerklärlichen Verhaltensweisen, die sogar dazu führen, dass er seine eigene Bezugsperson angreift.

Insofern ist das Verhalten des Hundes, welches der Mensch als auffälliges oder
Fehlverhalten bewertet, in Wirklichkeit gar kein solches und wird von mir deshalb
auch immer nur als vermeintliche Verhaltensauffälligkeit bezeichnet. Denn eine echte Verhaltensauffälligkeit liegt in der Regel nur vor, wenn es dafür pathologische oder medizinisch-klinische Ursachen gibt, die aber verhältnismäßig selten sind.

Wenn beispielsweise ein Hund aggressiv ist, findet sich die Ursache in der Regel
immer im falschen Verhalten des Menschen dem Hund gegenüber, was dem
Menschen in diesem Fall aber nicht bewusst ist. Insofern ergibt sich auch der
„Therapieansatz“ in der Unterbrechung dieser Spirale des Missverstehens, indem der Mensch sein falsches Verhalten korrigiert. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass er die tatsächliche Bedürfniswelt des Hundes und seine wahren Verhaltensgründe erkennt, die u.a. in seinem Dispositionsgefüge verankert sind, wozu nicht nur seine Veranlagungen und Bedürfnisse zählen, sondern auch seine Zuchthistorie und konkrete Lebensgeschichte.

Ich will deshalb in diesem Beitrag eine weitere mögliche Ursache für das
Missverständnis in der Mensch-Hund-Beziehung benennen, wodurch es dann in der Regel zum falschen Verhalten des Menschen kommt:

Die wesentliche Voraussetzung für ein korrektes Verhalten des Menschen dem Hund gegenüber ist die Kenntnis seiner Verhaltensgründe. In der Regel liegen der Grund und das Motiv in den Grundbedürfnissen begründet. Und dabei wiederum
vorwiegend im Bedürfnis nach Sicherheit. Hierzu habe ich mich in anderen Beiträgen bereits ausführlich geäußert, indem ich die Bedeutung des Grundbedürfnisses nach Sicherheit im engeren wie im weiteren Sinne und sein Einfluss auf das hündische Verhalten beschrieben habe.

Aber mindestens ebenso einflussreich sind die konkreten Veranlagungen, die dem Hund sozusagen durch die Züchtung seiner Rasse mit in die Wiege gelegt wurden. Denn daraus kann man relativ gut die so genannten Sekundärbedürfnisse ableiten, zu denen das Streben des Hundes nach Erfüllung seiner ihm ursprünglich zugedachten Rolle im Zusammenleben mit dem Menschen zählt.

Meine Empfehlung ist deshalb, wenn das konkrete Verhalten des Hundes nicht den eigenen Erwartungen entspricht, neben dem, was ich zuvor bereits beschrieben habe, auch einmal einen Blick in die Historie der Rasse des eigenen Hundes zu werfen und beides, die eigenen Interessen und die Interessen des Hundes wie zwei Blaupausen übereinanderzulegen und sich zu fragen, ob beides denn auch wirklich passt. Es ist ratsam, dies bereits vor der Wahl eines Hundes zu tun und nicht erst, wenn der Kauf beim Züchter schon vollzogen wurde. Ein guter Züchter sollte dies aber auch schon zuvor zur Diskussion gestellt haben. Jedenfalls wird so manch einem dann die Augen geöffnet oder hilft zumindest, das konkrete Verhalten des Hundes besser zu deuten. Wenn ich beispielsweise einem Staffordshire Bullterrier in die Historie schaue, weiß ich, dass er eigentlich zum Töten von Ratten gezüchtet wurde. Aber was viele wohl auch nicht vermuten, ist sein angedachter Job zum Bewachen der Kinder, wenn die Eltern im Bergbau schufteten. Ein Rottweiler wiederum ist ein gezüchteter Beschützer und Treiber. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gilt er offiziell als Polizeihund. Zugespitzt könnte man bei ihm somit von einer Art „Waffe“ sprechen. Und eine solche ist eben in den richtigen Händen ungefährlich, in anderen aber auch nicht. Oder wenn wir an den Irish Red Setter denken, sollte der Käufer von dessen Vorliebe zum Apportieren ausgehen. Und ein Irish Terrier ist der geborene Wachhund; und ein Schipperke ist ein Treiber, Hüter und Jäger usw. usw.

Was ich damit sagen will, ist die bei der Erziehung des Hundes zwingend zu
beachtende Tatsache, dass jede Hunderasse in der Regel – mit einigen Ausnahmen – ursprünglich im Zusammenleben mit dem Menschen irgendeine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen hatte und nur zu diesem Zweck gezüchtet wurde. Und das Streben nach Erfüllung dieser Aufgaben ist ihnen so zusagen ins Genom geschrieben. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass man diesen Hunden nichts Besseres antun kann, als ihnen eine adäquate Aufgabe zu übertragen, die sie dann auch mit Enthusiasmus und einem schier unvorstellbaren Eifer erfüllen werden. Wie anders wäre ansonsten zu erklären, warum ein Siberian Husky wie einer, der sich im Rausch befindet, stundenlang einen über achtmal so schweren Schlitten wie er selbst wiegt durch die Schneewüste Sibiriens zu zerren.

Wenn ich mir aber den Alltag vieler meiner „Patienten“ anschaue, herrscht hier eher eine unverkennbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Kaum jemand meiner Kunden hat seinem Hund bewusst eine adäquate Aufgabe übertragen und deren Erfüllung abverlangt, die seiner Zuchthistorie entspricht. Im Gegenteil, wenn ich frage, zu welchem Zweck denn ihre Wahl genau auf diesen und keinen anderen Hund gefallen sei, kommt es eher einem reinen Zufall gleich, wenn beides einmal stimmig sein sollte. Ich wage zu behaupten, dass die Mehrheit aller heute angeschafften Hunde in erster Linie als Begleithunde, sozialer Partner oder sogar als ein solcher Ersatz gedacht sind; also weit weg von ihrer eigentlich in der Zuchtlinie bestimmten Aufgabe.

Wenn jemand sich einen American Pitbull Terrier oder Bullterrier anschafft, sollte er wissen, zu welchem Zweck diese Hunde schon vor 250 Jahren in England und
Amerika gezüchtet wurden und worin demzufolge ihre Veranlagungen bestehen.
Wenn ich weiß, dass mein Hund mit Vorliebe dazu neigt, mich verteidigen zu wollen, darf es mich nicht wundern, wenn er dies auch tut, wenn ich ihn nicht durch eine strikte Erziehung von dieser Aufgabe entbunden habe. Oder wenn ich weiß, dass mein Staffordshire Bullterrier in seinem Genom das Streben nach Verteidigung der in der Familie lebenden kleinen Kinder verankert hat, muss ich ihm im Rahmen einer konsequenten Erziehung klar machen, dass dies nicht zu seinen Aufgaben gehört, da ich als Mutter oder Vater diese Aufgabe statt seiner übernehme. Wenn ich dies nicht tue, käme es einem Wunder gleich, wenn er neben dem Kinderwagen herlaufend jeden x-beliebigen Fremden „ungestraft“ in den Kinderwagen reinschauen ließe.

Wenn also ein Hund eine vermeintliche Verhaltensauffälligkeit zeigt, sollte man sich stets fragen, ob diese nicht doch eher in der eigenen Unkenntnis seines
Dispositionsgefüges begründet ist, wodurch der Hund praktisch durch mich und mein falsches Verhalten ihm gegenüber in einen Konflikt geraten ist, der schnellstmöglich aufgelöst werden sollte. Ein guter Hundetrainer, der das Einmaleins der Hundeerziehung beherrscht, sollte diesen Konflikt kurzfristig beseitigen können.

Aber Vorsicht: Mit Hilfe der Konditionierung, und sei sie mit noch so fantastisch
klingenden Formulierungen verbrämt, ist dies unmöglich. Eine Erziehung muss
immer die Beseitigung der Verhaltensursachen zum Ziel haben.