6. Hundeerziehung mittels „social Walk“ –

eine Kritik am „geselligen Spaziergang“

Eine Kundin machte mich auf eine fragwürdige Methode der Hundeerziehung
aufmerksam, die viele Hundeschulen anböten und bat mich um meine Expertise. Sie
hatte mich zuvor kontaktiert, um ihren „Leinenrabauken“ von seinen „Macken“ zu
befreien. Denn ihren Worten nach sei mit ihrem Hund ein entspanntes Gassigehen
mittlerweile unmöglich geworden, und jede Begegnung mit seinesgleichen gipfele in
eine Art Überlebenskampf. Und so fragte sie mich, ob ich denn auch solcherart
Trainingsmethoden wie den „social Walk“ befürworte.
Bevor ich meine Meinung dazu kundtat, reizte es mich jedoch, mich über diese
wieder einmal vollkommen unnötigen Anglizismen oder besser gesagt,
Scheinanglizismen, zu echauffieren, denn die Mehrheit der deutschen
Muttersprachler sind nachweislich der englischen Sprache eher schlecht als recht
mächtig. Was schon vor vielen Jahren der Sprachwissenschaftler Dr. Rudolf-Josef
Fischer in einer repräsentativen Umfrage beeindruckend bestätigt hat. Es gaben
zwar viele der Befragten an, der englischen Sprache mächtig zu sein; aber als er
dies durch einen Test überprüfte, war die Ernüchterung groß.
Und da stellt sich mir eben die Frage, warum bewirbt man vor diesem ernüchternden
Hintergrund als deutschsprachige Hundeschule seine Dienstleistung, die man
ausschließlich im deutschsprachigen Raum feilbietet und sich mit ihr sicherlich
vorwiegend auch an eine deutschsprachige Kundschaft wendet, in englischer
Sprache? Zumal die Botschaft, die man mit einem solch kurzen und markanten Motto
aussenden möchte, möglichst nicht missverstanden werden sollte, um ihre Wirkung
nicht zu verfehlen. Denn eine solche Gefahr besteht im hiesigen Kontext durchaus.
Denn wenn man mit seinem Hund von einer Hundeschule zu einem „social Walk“
eingeladen wird, könnte man glauben, es handle sich um einen „geselligen
Spaziergang“. Schaut man sich allerdings die Beschreibungen dessen an, was einen
erwartet und zu welchem Zweck das gemeinsame Schlendern mit Hund und
Gleichgesinnten erfolgen soll, wird man eines Besseren belehrt. Allerdings hätte man
dann eher ein Vokabular wie „socialize“ oder socialized“ in der Ankündigung erwarten
können.
Oder verbirgt sich dahinter doch eher die Absicht, kritische Fragen hinsichtlich der
fachlichen Sinnhaftigkeit solchen Tuns zu umgehen und dem Ganzen schon mal die
Aura eines Axioms zu verleihen; also als etwas, was beweislos als fachlich richtig
gelten kann und nicht mehr bewiesen werden muss? Nach dem Motto, wenn du
kritische Fragen umgehen möchtest, verpasse dem, was du machst, einfach ein
kerniges und nach Kompetenz klingendes Synonym, so dass der Laie ob einer solch
suggerierten fachlichen Fundiertheit deines Tuns ehrfurchtsvoll in eine Art Demut und
Vertrauensseligkeit verfällt, statt kritisch zu hinterfragen, ob das alles überhaupt Sinn
macht.
Aber sei’s wie es sei; kommen wir lieber zur fachlichen Analyse.
Wenn man in einer Suchmaschine die drei Begrifflichkeiten social Walk und Hunde
hintereinander eintippt, erzielt man bis zu 3.110.000 Treffer!! Und wenn man sich die
Quellen anschaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass beinahe jede
Hundeschule, die etwas auf sich hält, ein solches Wunderwerk des Hundetrainings
anzubieten scheint.
Was verbirgt sich nun aber dahinter; ich zitiere:
„Ziel der Social Walks ist, das Sozialverhalten des Hundes zu verbessern und zu
stabilisieren, sowie Aufregung bei Begegnungen mit fremden Hunden und Menschen
zu minimieren.“
Oder an anderer Stelle (Ich habe mir erlaubt, die grammatikalischen Fehler zu
korrigieren):
„Unser gemeinsames Ziel! Stressfreie Spaziergänge, ohne dass dein Hund ausflippt,
wenn ein anderer Hund sichtbar ist. Wir üben dies mit anderen Leidensgenossen.“
Ich denke, es ist unstrittig, dass es sich bei der angebotenen Dienstleistung um eine
beabsichtigte Erziehung des Hundes und nicht um seine Ausbildung handeln soll,
denn die Intension besteht erklärtermaßen in der Einflussnahme auf das
Sozialverhalten. Und damit kann es sich nur um eine Erziehung handeln und nicht
um eine Ausbildung, bei der in erster Linie Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Sitz,
Platz oder Purzelbäume geübt werden würden.
Allerdings widerspricht dem ein Passus, der da lautet:
„Da Übung den Meister macht, kann ich leider nicht voraussehen, wie viele
Trainingseinheiten wir brauchen.“
Abgesehen von dem dicken Zaunpfahl, mit dem hier gewunken wird, der zahlende
Kunde möge sich schon mal gedanklich darauf einstellen, mehrmals mit seinem
Delinquenten erscheinen zu müssen, ist dies eher ein Indiz dafür, dass das
vorgegebene Erziehungsziel mit den jedoch ungeeigneten Methoden der Ausbildung
erreicht werden soll. Denn wenn von Übung und Wiederholung die Rede ist, liegt
eine solche Vermutung nahe, da eine Erziehung im Sinne der Sozialisierung in der
Regel (bei guter Compliance der Hundehalter) selten einer Wiederholung bedarf.
Aber warum ist meine Skepsis bezüglich einer möglichen Sozialisierung eines nicht
erzogenen Hundes während eines gemeinsamen Hundespaziergangs groß? Die
Erklärung ergibt sich aus der Beantwortung dreier Fragen:
1. Worin ist das soziale Verhalten eines Hundes – im hiesigen Kontext ist sein
agonistisches Verhalten gemeint – gegenüber seinen Artgenossen oder ihm
fremder Menschen begründet, auf das im Rahmen der Erziehung Einfluss
genommen werden soll?
2. Worin muss demzufolge das Ziel einer Erziehung bestehen, um nachhaltig
das daraus resultierende soziale Verhalten zu verändern und
3. welches Mittel steht dafür zur Verfügung?
Zu 1.: Das agonistische Verhalten eines Hundes, das sich in Aggressionen oder
sonstigen störenden Verhaltensweisen bei Begegnungen mit seinesgleichen oder
fremden Menschen offenbart, ist ausschließlich in der ihm überlassenen oder
übertragenen Verantwortung begründet (eine Ausnahme können pathologisch
begründete Fälle bilden). Er fühlt sich quasi zuständig nicht nur für seine eigene
Sicherheit, sondern ebenso für die seiner ihm anvertrauten Personen oder
Ressourcen. Daraus resultiert, dass er in Fremden zunächst einmal grundsätzlich
keine Freunde, stattdessen Rivalen, Konkurrenten oder potenzielle Gefahren
vermutet, deren Absichten es abzuklären und sie gegebenenfalls zu verjagen gilt.
Zu 2.: Will man im Rahmen einer Erziehung den Hund nachhaltig von diesem
Verhalten befreien, muss man ihm den Grund für sein unerwünschtes soziales
Verhalten nehmen. Das heißt, man muss ihn von seiner Verantwortung entbinden.
Zu 3.: Das Mittel, das dafür zur Verfügung steht, bietet nur die Erziehung, jedoch
nicht die Ausbildung, die lediglich Fähigkeiten und Fertigkeiten trainiert. Nur die
Erziehung verfügt über die entsprechenden Mittel, dem Hund diese Verantwortung
zu nehmen. Und diese Mittel sind einerseits die Korrektur einschl. Einschränkung des
Entscheidungsspielraums und andererseits die Demonstration. Was bedeutet, dass
die Bezugsperson dem Hund unmissverständlich demonstrieren muss, dass ab
sofort sie statt seiner für die gemeinsame Sicherheit sorgt und es nicht mehr
erwünscht ist, dass er dieser Verantwortung nachkommt.
Jedoch alles, was ich über die Abläufe bei den „sacial Walks“ in Erfahrung bringen
konnte oder mir von Kunden berichtet wurde, hatte in keiner Weise etwas mit den
von mir genannten Mitteln der Erziehung zu tun. Im Gegenteil, es handelte sich
ausschließlich um solche der Konditionierung, offensichtlich mit dem Ziel der
Gewöhnung. Die Hunde sollten quasi durch Erfahrung lernen, dass offenbar von
ihren Rivalen keine Gefahr auszugehen scheint. Unterstützt wurde dies einerseits
durch Ablenkung und andererseits durch Unterbindung einer direkten
Kontaktaufnahme der Hunde untereinander. Ich bezweifle deshalb, dass den
Trainerinnen der wahrhaftige und von mir oben genannte Grund des agonistischen
Verhaltens überhaupt bewusst ist. Denn dann müsste ihnen auch bewusst sein, dass
es unmöglich ist, mittels der Konditionierung einem Hund den Grund für sein
Verhalten zu nehmen.
Abgesehen davon, dass es in Fällen, bei denen das in der ihnen überlassenen
Verantwortung begründete agonistische Verhalten besonders stark ausgeprägt und
manifestiert ist, ohnehin nicht gelingen kann, Hunde von ihrem unerwünschten
Verhalten zu befreien, kann es bei relativ harmlosen Fällen eventuell zu einem
Scheinerfolg führen. Denn bei einer ausreichend langen Phase des aneinander
Gewöhnens – woraus sich übrigens auch die relativ lange Dauer einer solchen
Scheinerziehung ergibt – lernen die Hunde lediglich, dass von diesen konkreten
Spezies ihrer Gattung und der sie begleitenden Personen momentan keine Gefahr
auszugehen scheint. Das betrifft dann aber noch lange nicht alle anderen Hunde
oder Menschen, denen sie später irgendwann einmal in einer anderen Umgebung
und anderen Bedingungen begegnen werden. Und selbst auf ihre jetzigen
„Sparringspartner“ bezogen ist es noch lange nicht gesagt, dass dieses ihnen
momentan entgegengebrachte Vertrauen auch für die Zukunft gilt.
Kurzum, im besten Fall führt eine Methode der Konditionierung, wie sie der „social
Walk“ offensichtlich eine ist, zu einer temporären Gewöhnung der Hunde aneinander,
so dass sie nach mehr oder weniger langen Lernphasen glauben, es bestünde kein
Grund mehr zum Misstrauen. Aber auf gar keinen Fall ist den Hunden im Ergebnis
eines solchen „geselligen Spaziergangs“ die Verantwortung genommen, die sie somit
latent weiterhin besitzen. Sie wandeln von nun an quasi als kleine Zeitbomben durch
die Gegend und wiegen Frauchen oder Herrchen in einer Scheinsicherheit.
Soweit meine harmlose Kritik. Etwas schärfer fällt sie allerdings aus, wenn wir uns
das Ganze einmal aus Sicht des Hundes anschauen. Für ihn stellt sich die Situation
nämlich völlig anders dar – insbesondere anders, als es die Hundetrainerinnen, die
diesen Unsinn anbieten, glauben zu sehen. Da der Hund sich in der Verantwortung
für Frauchens und seine eigene Sicherheit sieht, besteht sein Bestreben darin, die
Absichten der anderen abzuklären, indem er versucht, Kontakt zu ihnen
aufzunehmen, was der Laie zumindest am Zerren an der Leine und aufeinander
Zustreben erkennen kann. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt seine psychische
Belastungsphase, die sehr deutlich an seinem im Urin nachweisbaren ansteigenden
Cortisolspiegel erkennbar wäre. Solange der Hund jetzt noch das Gefühl hat, Herr
der Lage zu sein, bleibt es bei diesem noch relativ harmlosen psychischen
Belastungszustand. Allerdings gerät er durch den dann folgenden Aktionismus seiner
Bezugsperson, die ihn an der Wahrnehmung seiner Verantwortung versucht zu
hindern (vermutlich auch auf Anweisung der Hundetrainerinnen), in einen Konflikt.
Denn er wird nicht nur an der Wahrnehmung seiner ihm zuvor übertragenen
Verantwortung gehindert, sondern erfährt u.U. sogar Sanktionen. Will heißen, er wird
für etwas, wofür er eigentlich eine anerkennende Geste erwartet – denn er macht nur
seinen Job – reglementiert oder sogar bestraft. Dadurch stellt sich die Situation dem
Hund zunehmend als unlösbar dar, was der typische Auslöser von Stress ist. In
einen solchen mentalen Zustand gerät ein Säuger immer dann, wenn er das Gefühl
hat, keinen Einfluss mehr auf die Situation zu haben und sich dieser hilflos
ausgeliefert sieht. Die Folgen sind entweder ein Meideverhalten, um der
unangenehmen Situation aus dem Wege zu gehen – was der Laie als Gewöhnung
und der ahnungslose Hundetrainer als Trainingserfolg fehlinterpretiert –, oder sogar
die Manifestation seines Aggressionspotentials. In jedem Fall aber ist es eine
unbedingt zu vermeidende Situation, denn sie untergräbt nachhaltig das
Vertrauensverhältnis zwischen Bezugsperson und Hund.
Ergo empfehle ich dringend von solchen zweifelhaften Versuchen, den Hund von
seinem unerwünschten Verhalten abzubringen, Abstand zu nehmen und ihn vor
allem vor diesem Stress zu bewahren und ihm lieber eine vernünftige Erziehung
angedeihen zu lassen. Denn Letztere entbindet ihn sogar von jeglichem Stress, da
ihm die Verantwortung genommen wird.
Aber eine abschließende ironische Bemerkung kann ich mir nicht ersparen. In einem
Fall beschreibt die Hundetrainerin die Zielstellung ihres „social Walks“ mit den
Worten: „Wir üben so lange, bis ihr Hund andere Hunde freundlich anschaut“. Hut ab;
mir ist es bisher in meiner langjährigen Praxis noch nicht gelungen, mir die
Fähigkeiten anzueignen, im Gesicht eines Rottweilers, Schäferhundes oder gar eines
Pitbulls ablesen zu können, ab wann er seinesgleichen freundlich anschaut.
Wahrscheinlich fehlen mir die Erfahrungen „geselliger Spaziergänge“!