24. Positive Bestärkung und Alternativverhalten – hilfreich oder eher nicht?
Ich sah mich veranlasst, bei einer Zeitschrift, die sich Magazin für alle Hundefreunde nennt, einen kontroversen Diskussionsbeitrag einzureichen als Reaktion auf einen ihrer Beiträge. In diesem hatte eine Expertin, die von der Zeitschrift offenbar zu Rate gezogen wurde, auf eine
Leserfrage geantwortet, wie ein Hund bei Spaziergängen ruhig bleibe und nicht ständig andere Fußgänger fokussiere und verbelle. Meine gutgläubige Intention war, dass meine Zuschrift in einer der nächsten Ausgaben als kritischer Debattenbeitrag veröffentlicht werde;
bekam aber stattdessen eine obskure Antwort.
Die zuständige Redakteurin dankte mir zwar, dass ich mich kontrovers mit ihrem Magazin beschäftige. Aber man lege nur Wert auf die Meinung von Hundetrainern, die sich in erster Linie mit der positiven Bestärkung und dem Aufbau von Alternativverhalten beschäftigen
würden. Außerdem achte man darauf, immer die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu berücksichtigen.
Nun will ich der Zeitschrift gar nicht das Recht absprechen, ihr Themenfeld und die Zielstellung, die sie mit ihren Beiträgen verfolgt, selbst zu bestimmen. Jedoch widerspricht das Abschotten gegenüber kritischen Meinungen ihren vorgegebenen Ansprüchen an eine
Wissenschaftlichkeit. Denn es ist gerade eine der zentralen Forderungen in der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung, seine eigenen Thesen ständig einer Falsifikation zu unterziehen. Denn erst wenn es trotz bestgemeinter Anstrengung nicht gelingen sollte, diese zu widerlegen, dürfen sie als richtig angenommen werden. Wenn man sich aber von
vornherein einer kritischen Auseinandersetzung widersetzt, bekommt das Ganze einen faden Beigeschmack. Selbst wenn man mit seiner These recht haben sollte.
Sei’s drum. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob ein Hund mit den Methoden der positiven Bestärkung und des Aufbaus eines Alternativverhaltens von seinem Verbellen anderer
Personen abgebracht und stattdessen zu einem ruhigen Verhalten anderen Fußgängern gegenüber gebracht werden kann. Ich setze einmal voraus, dass der Leser in etwa eine Vorstellung von dem hat, was unter den beide oben genannten Methoden zu verstehen ist.
Die Antwort findet sich in der Definition der Erziehung eines Hundes. Vorausgesetzt natürlich, man akzeptiert, dass das geschilderte Verhalten des Hundes einen Erziehungssachverhalt darstellt und keinen Ausbildungssachverhalt. Aber ich denke, jeder gut ausgebildete Hundetrainer sollte diese Differenzierung erkennen. Denn es geht hier nicht um Sitz, Platz & Co., was Gegenstand der Ausbildung wäre, sondern um das Sozialverhalten des Hundes. Und das ist nun mal Gegenstand der Erziehung.
Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka hat die Erziehung einmal als Prozess der Veränderung im Dispositionsgefüge von Edukanden (des zu Erziehenden) formuliert. In die Welt der Caniden übertragen hieße dies, ihre Erziehung ziele auf eine Veränderung ihres
Sozialverhaltens ab, das durch ihre Veranlagungen und Instinkte initiiert wird.
Da das von der Leserin beschriebene Verhalten des Hundes während ihrer Spaziergänge (Fokussieren und Verbellen fremder Personen) unzweifelhaft im Streben des Hundes begründet ist, seine eigene und Frauchens Sicherheit zu gewährleisten, weshalb er versucht,
durch das Verbellen potenzielle Bedrohungen oder Gefahren auf Distanz zu halten, muss demzufolge seine Erziehung darauf abzielen, den Grund für sein Verhalten zu beseitigen. Denn solange der Grund für sein Verhalten nicht verschwindet, bleibt latent auch sein im
Dispositionsgefüge verankertes Motiv, für Sicherheit sorgen zu wollen, weiterhin bestehen.
Woraus sich die Frage ableitet, ob es möglich wäre, mit Methoden der positiven Bestärkung oder des Aufbaus eines Alternativverhaltens solche Veränderungen im Dispositionsgefüge des Hundes zu erzielen. Wenn ja, dann würden diese Methoden eine Veränderung in den
Veranlagungen, Bedürfnissen und Instinkten bewirken können, die dazu führen, dass im Ergebnis dessen – was in unserem Fall notwendig wäre – das Grundbedürfnis nach Sicherheit für den Hund als grundsätzlich befriedigt gilt und er somit in fremden Personen ab sofort
keine Bedrohung für sich und seine Bezugsperson mehr sieht.
Beim Menschen würde man sagen, die Erziehung führt zur Einsicht in die Notwendigkeit oder der Edukand wurde überzeugt. Was bei dem Hund selbstredend nicht funktioniert, denn dies würde neben dem Bewusstsein eine Vernunft voraussetzen. Letzteres konnte bei Caniden
aber noch nicht nachgewiesen werden. Somit ist der Weg hier etwas umständlicher über die Bedürfnisse. In diesem Fall eben, wie oben bereits genannt, über das Grundbedürfnis nach Sicherheit. Wenn es gelingt, dem Hund sein Bedürfnis nach Sicherheit als grundsätzlich
befriedigt erscheinen zu lassen, wäre für ihn der Grund für sein unerwünschtes Verhalten beseitigt. Allerdings ist es dazu notwendig, ihm nicht nur die Verantwortung für die Sicherheit zu nehmen, sondern ihm simultan zu demonstrieren, dass ab sofort seine Bezugsperson diese Verantwortung übernommen hat.
Und damit zu meiner Antwort: Nein, mit den Methoden der positiven Bestärkung oder des Aufbaus eines Alternativverhaltens ist eine Erziehung nicht möglich, weil sie die Hilfsmittel der Konditionierung nutzen, die zu den sogenannten extrinsischen Motivatoren zählen, und
bestenfalls zu einer situativen Ablenkung führen. Die Erziehung hingegen verlangt die Nutzung der intrinsischen Motivation.
Darüber darf auch nicht hinwegtäuschen, dass sich durch Belohnung zumindest temporär durchaus eine Verhaltensänderung bewirken lässt. Diese ist aber nur eine scheinbare, denn dem dann veränderten Verhalten fehlt das Merkmal der intrinsischen Motivation, die jedoch
zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung unabdingbar ist. Intrinsisch heißt nämlich, dass der Hund sich aus ureigenem Interesse so verhält wie er sich verhalten soll. Also darf er in unserem Fall keinen Grund mehr darin sehen, andere Leute verjagen zu müssen. Letztendlich
sind aber beide Methoden, sowohl die positive Bestärkung als auch der Aufbau eines Alternativverhaltens nichts anderes als der Versuch und das Ergebnis der Ablenkung. Dass man den Hund kurzfristig durch das Darbieten eines Leckerlis quasi austricksen kann, liegt an der Hierarchie der Grundbedürfnisse. Jenes nach Futtermaximierung ist halt stärker als jenes nach Sicherheit.
Ein Hund, der die Verantwortung trägt für die eigene und die Sicherheit seiner Bezugsperson (zu deren Übernahme viele Hunderassen von sich aus neigen, ohne dass diese ihnen demonstrativ übertragen wird) neigt dazu, in allen fremden Personen und seinesgleichen eine
potenzielle Bedrohung zu sehen (deshalb sein Fokussieren und Verbellen). Sollte es durch aufwendiges Üben und Wiederholen tatsächlich irgendwann gelingen, ihn zu einem alternativen Verhalten zu konditionieren, ist der Grund für sein Verhalten ja nicht beseitigt.
Solange wir über Hunderassen wie Chihuahua, Mops & Co. reden, mögen solche niedlich anzuschauenden Übungen ja ganz witzig sein. Aber der Spaß hört auf, wenn wir von Rottweiler, Schäferhund & Co. reden müssen. Solche Hunde sind durchaus in der Lage, einem kleinen Kind den Kopf abzutrennen – in der Fachsprache als Dekapitation bezeichnet.
Solche Hunde müssen ultimativ im Rahmen ihrer Erziehung von ihrer Verantwortung entbunden und nicht mit Leckerlis oder sonstigem Firlefanz abgelenkt werden.
Ich wurde beispielsweise ungewollt Zeuge, als ein kleines ca. 2-jähriges Kind, dass gemeinsam mit seiner Mutter vor einer Schule auf den älteren Bruder wartete, von einem noch relativ jungen aber nicht angeleinten Rottweiler „angegriffen“ wurde. Für den Laien stellt sich solch eine Situation bei einem noch jungen Hund gerne verklärt als spielerisch dar.
Aber hinter diesem vermeintlichen Spielen verbirgt sich ein Todernst. Denn es ist bereits ein Indiz dafür, dass der Hund sich für die Sicherheit seines Frauchens verantwortlich fühlt. Wer das als Halter nicht ernst nimmt oder als Hundetrainer meint, mit dem Aufbau einer alternativen Handlungsoption mittels Leckerlis aus der Welt schaffen zu können, handelt nach meiner Überzeugung grob fahrlässig.