26. Der zeitliche Aufwand einer Hundeerziehung –
Die durchschaubare Manipulationsabsicht eines Schlagwortes

Zwei Dinge haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben.

Das erste war ein Beitrag, den ich in der Facebook-Community entdeckte, in dem
eine Hundebesitzerin – offensichtlich voller Freude und Glückseligkeit – postete,
dass sich ihr Hund nun endlich, nach „hunderten von Stunden des Trainings und
Übens“, so verhalte wie sie es sich schon lange wünschte.

Welches konkrete Verhalten sie damit meinte, war leider nicht zu lesen. Die Frage,
die sich mir daraus hinsichtlich des zeitlichen Aufwandes für einen Trainingserfolg stellt, lautet also:

Wie lange dauert oder sollte die erfolgreiche Erziehung eines verhaltensauffälligen Hundes dauern?

Meine Antwort mag salomonisch anmuten, aber sie dauert so lange wie der Trainer benötigt, die Hundehalter davon zu überzeugen, was sie falsch machen und sie ihr Verhalten dem Hund gegenüber ändern.

Oder anders ausgedrückt: Die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen
Hundes nimmt so viel Zeit in Anspruch wie die Befreiung von seinen Konflikten, in die er durch ein falsches Verhalten seiner Halter geraten ist, dauert. Denn seine
Konflikte, die das unerwünschte Verhalten verursachen, sind begründet im falschen Interpretieren seiner Bedürfnisse durch Herrchen oder Frauchen und ihrem daraus resultierenden falschen Verhalten ihm gegenüber.

Eine „Hundeerziehung“ ist nichts anderes als das Unterfangen, die Hundehalter nicht nur von ihren Verhaltensfehlern zu überzeugen, sondern sie auch erfolgreich zu motivieren, ihr Verhalten dem Hund gegenüber sofort und konsequent abzuändern.

Deshalb ist das Verhalten des Hundes auch nur in den seltenen Fällen, in denen
eine pathologische Ursache diesem zugrunde liegt, ein tatsächlich auffälliges. Und es sollte übrigens auch nur in diesen Fällen von einer Therapie gesprochen werden. Denn eine solche setzt die Diagnose eines Krankheitsbildes voraus. Alle Fälle, die mir in meiner Trainerpraxis bisher bekannt geworden sind, erfüllen dieses Kriterium jedenfalls nicht. Das „auffällige“ Verhalten meiner „Klienten“ waren ausschließlich nur vermeintliche Auffälligkeiten, also keine tatsächlichen. In allen Fällen entpuppten sie sich nur als eine durch den Menschen empfundene und als eine von ihnen fälschlicherweise so interpretierte. Der Hund hat sich nämlich in allen Fällen nur so verhalten, wie es zur Wahrung seiner Bedürfnisse notwendig und demzufolge ethologisch normal ist.

Selbst aggressive und durch Beißattacken auffällig gewordene Hunde, zu deren
Erziehung ich hinzugezogen werde, sind nicht im pathologischen Sinne, oder weil sie ein schlechteres Wesen als andere hätten, auffällig. Nein, sie verhalten sich nur deshalb beispielsweise aggressiv oder sonst wie unerwünscht, weil sie offensichtlich auf anderem Wege ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, nämlich die nach Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit.
Und da die Bedürfnisse nach Nahrung und Fortpflanzung entweder als grundsätzlich befriedigt gelten können oder nur temporär wirken, bleibt für die meisten der genannten Fälle nur das Bedürfnis nach Sicherheit als Auslöser ihres „komischen“ Verhaltens übrig.

Will meinen: In den überwiegenden Fällen, in denen der Hund als verhaltensauffällig gilt, kann davon ausgegangen werden, dass sein Bedürfnis nach Sicherheit aus seiner Perspektive nicht erfüllt oder durch Herrchen oder Frauchen nicht gewährleistet ist. Er muss demzufolge selbst für seine Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Ressource sorgen.

Im Umkehrschluss heißt letzteres aber, dass die Erziehung eines vermeintlich
verhaltensauffälligen Hundes sogar innerhalb weniger Minuten möglich wäre, so es dem Trainer gelänge, Herrchen oder Frauchen innerhalb weniger Minuten
verständlich zu machen, was sie falsch machen und er sie sofort und unmittelbar
zum veränderten Verhalten dem Hund gegenüber motivieren könnte. Denn die
logische Schlussfolgerung aus der Behauptung, der Hund verhalte sich nur aufgrund des falschen Verhaltens von Herrchen oder Frauchen „falsch“, wäre ja, dass der Hund sich, so das Verhalten von Herrchen oder Frauchen sich ändert, auch anders verhält.

Und das ist tatsächlich der Fall.

Einen ungewollten Beweis für die Richtigkeit meiner These liefern sogar meine
Kritiker, die es vehement ablehnen zu glauben oder gar anzuerkennen, dass ein
verhaltensauffälliger Hund in nur einer einzigen Trainingseinheit „therapierbar“ sei. Meine schnellen Erfolge, die sie übrigens nicht in Abrede stellen, seien deshalb aber nur scheinbare, weil der Hund sich nur in meiner Gegenwart anders verhalte als zuvor, und anschließend, wenn Herrchen oder Frauchen wieder das „Kommando“ übernehmen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in sein altes Verhaltensmuster zurückfalle; der anfänglich schnelle Trainingserfolg deshalb also kein nachhaltiger und damit auch kein wirklicher sei. Und als einprägsames und populistisch wirkungsvolles Schlagwort verwenden sie in diesem Zusammenhang zu gerne das Catchword „Trainereffekt“, mit dem sie den nur kurzfristigen Erfolg meinen,
begründet zu wissen.

Abgesehen davon, dass ich den sogenannten Trainereffekt und das, was damit
schlechterdings gemeint ist, bereits in einem meiner vorherigen Beiträge ad
absurdum geführt und aus verhaltenstheoretischer und ethologischer Sicht widerlegt habe, ist aber der Effekt, der dabei unterstellt und auch anerkannt wird, ein Beweis dafür, dass ein Hund sich sofort und unmittelbar auf eine Veränderung des Verhaltens seiner Bezugsperson einstellt und sein Verhalten ihrem Verhalten auch sofort anpasst.

Eine Bemerkung sei mir noch gestattet zum Thema „Schlagworte“: Wenn jemand in seiner Argumentation solche verwendet, hat das für mich immer einen faden
Beigeschmack. Es gibt dazu in der Sprachwissenschaft sogar einen
Forschungszweig, der den Sinn und die Wirkung von Schlagwörtern, im Englischen buzzwords und Französischen slogan genannt, untersucht. Schlechterdings werden sie verwendet zugunsten des Wohlklangs und zu Lasten der vermittelten Information. Ihre Verwendung ist oftmals einem manipulativen Zweck geschuldet, der die eigene Glaubwürdigkeit steigern soll. Wenn also jemand den Begriff „Trainereffekt“ verwendet, sollte man vorsichtig sein, ob derjenige nicht mangelnde Fachkenntnisse mit einer Art stellvertretendem Autoritätsbeweis beschönigen will.

Bleibt noch die Frage: Warum hat es dann im oben aus dem Facebook-Netz zitierten Fall so unendlich lange gedauert, bis der Hund sein Frauchen glücklich machte?

Ich denke, die Antwort liefert ihr mitgepostetes Foto. Es zeigt nämlich den
vermeintlich „umerzogenen“ Protagonisten, wie er seinen Rivalen aus der Ferne
fixiert und dabei eine hoch erhobene Rute präsentiert.

Deshalb ist meine erste Vermutung, dass ein tatsächlicher Erziehungserfolg gar nicht vorliegt, sondern nur ein scheinbarer. Ein tatsächlicher wäre es nämlich erst dann, wenn der Hund ein erkennbares Desinteresse an seinem Rivalen demonstriert. Sowohl seine fixierende Aufmerksamkeit, die dem anderen Hund sichtlich gilt, als auch seine aufgestellte Rute lassen aber das Gegenteil vermuten.

Und meine zweite Vermutung lautet: Sein unterlassenes „Hinterherjagen“ ist nicht
das Resultat seiner erfolgreichen Erziehung, sondern könnte vielmehr in einer
erfolgreichen Konditionierung begründet sein, wofür auch die lange Zeitdauer bis
zum vermeintlichen Erfolg spricht. Denn man kann einen Hund durchaus durch
Konditionierung wie positiver Bestärkung, oder wie man es auch nennen mag, zu
einem veränderten Verhalten bewegen. Dies dauert aber seine Zeit, denn sie ist
durch viele Wiederholungen gekennzeichnet. Man sollte dann aber immer bedenken, dass der vermeintliche Erfolg nicht das Ergebnis seiner Erziehung ist, was es, um nachhaltig zu wirken, aber sein sollte. Es wäre dann vielmehr das Ergebnis einer Ausbildung mit Pawlow’schem Effekt. Also das Ergebnis einer Überlagerung des eigentlichen instinktiven Verhaltens durch einen ablenkenden und konditionierenden Reiz. Problematisch ist ein solcher scheinbarer Erziehungserfolg deshalb, weil die Wirkung des Reizes nicht nachlassen darf.

Übrigens ein untrügliches Indiz dafür, ob ein Training der Ausbildung und nicht der Erziehung dienen soll, ist der „Patronengürtel“ voller Leckerli. Was nicht heißen soll, dass ich den Erfolg eines Trainings mittels Leckerlis in Abrede stelle. Hunde sind sogar bereit, für ein Leckerli auf einer Pfote zu tanzen oder sich sonst wie zum Affen zu machen. Aber wenn ich stolz darauf bin, dass mein Schützling, statt anderen seiner Artgenossen hinterherzujagen, brav neben mir herläuft und mich dabei ständig anblickt und ich beide Fäuste voller Leckerli habe, ist sein Verhalten mitnichten das Ergebnis einer erfolgreichen Erziehung. Wenn der Hund erfolgreich erzogen und sozialisiert ist, bedarf es keiner ablenkenden Mittel. Denn er verhält sich dann aus intrinsischen Motiven so wie er sich verhält, nicht aus extrinsischen.

Ich empfehle in solchen Fällen, in denen man sich nicht wirklich sicher ist, ob eine
Erziehung mit dem Ziel der intraspezifischen Sozialisation erfolgreich war, immer
einen kleinen „Aufmerksamkeits-Check“: Beobachten Sie Ihren Schützling bei einem
Spaziergang in fremdem Revier dabei, wenn Sie ihn losgeleint seinen Interessen
überlassen. Fängt er reflexartig an, das Revier zu erkunden und an der erstbesten
Stelle mit erhobenem Hinterlauf – so es ein Rüde ist – zu markieren und schenkt
jedem seiner Artgenossen zumindest eine erkennbare Aufmerksamkeit? Dann ist er noch weit entfernt vom Erziehungsziel, in anderen seiner Artgenossen keinen
Konkurrenten, Rivalen oder gar Feind mehr zu sehen. Denn er klärt immer noch das Revier nach Feindesinformationen auf.

Oder aber zeigt er diesbezüglich ein völliges Desinteresse und schlendert
stattdessen sichtbar entspannt mit herabgelassener Rute neben ihnen her,
konzentriert sich nur auf Sie und genießt Ihre Anwesenheit? Und entleert er seine
Blase auch als Rüde wie ein „Mädchen“ und nur dann, wenn es notwendig ist? Nur dann können Sie sicher sein, dass die Erziehung im Interesse seiner
intraspezifischen Sozialisation von Erfolg gekrönt ist. Denn erst jetzt sieht er in
anderen seiner Artgenossen keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr.
Sein Lohn: Ein stressfreies und völlig entspanntes Leben an Ihrer Seite mit dem
Genuss des Hier und Jetzt. Ein „auffälliges“ Verhalten wird er sicherlich nicht mehr
an den Tag legen, denn er weiß jetzt, für seine Sicherheit sorgen Sie.