29. Dialog mit meinem Urgroßvater – oder wann muss ein Hund erzogen
werden?
Aus Erzählungen meines Großvaters weiß ich, dass mein Urgroßvater auf seinem
Hof stets mehrere und verschiedene Hunde gehalten hatte. Dabei oblag es jedem von ihnen, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen:
Zur Bewachung von Haus und Hof patrouillierte beispielsweise ein Hovawart übers Gelände, der – wie schon sein Name aus dem Mittelhochdeutschen verrät, hova für Hof und wart für Wächter – ein perfekter Bewacher war. Und damit sich hinterher niemand beschweren konnte, warnte an der Pforte vorsorglich ein Schild mit der Mahnung, hier wache ein bissiger Hund. Für das Behüten der Tiere auf der Weide bevorzugte er jedoch einen Schäferhund, der genau für diese Aufgabe gezüchtet wurde. Aber auf die Jagd – mein Urgroßvater war Forstmeister und passionierter Jäger – ging er mit einem Münsterländer, bei dem man im Rahmen seiner Zucht großen Wert auf diejenigen Veranlagungen legte und diese dann selektierte, die ihm für diesen „Job“ die perfekten Instinkte verlieh.
Zu gerne hätte ich meinem Urgroßvater eine Reihe von Fragen gestellt. Denn mir
scheint, dass es in den letzten hundert Jahren doch so einige Veränderungen im
Zusammenleben von Hund und Mensch gegeben hat. Die sich jedoch im Verhalten des Menschen dem Hund gegenüber nicht wiederfinden. Wodurch es mittlerweile zu erheblichen Konflikten gekommen ist, die sich in einer Vielzahl von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten der Hunde niederschlägt.
Hätte ich meinen Urgroßvater beispielsweise fragen können, ob er denn seinen
Münsterländer so ohne weiteres habe vom Züchter bekommen können, hätte er
wahrscheinlich sinngemäß geantwortet, "dass er den Züchter zuvor glaubhaft habe versichern müssen, ein sehr erfahrener Jäger zu sein und den Hund auch tatsächlich für diese Aufgabe zu benötige.“
Er hätte mir meine Genugtuung sicherlich angesehen, denn heute, so scheint es,
kann jeder Mensch, unabhängig davon, ob er auch nur annähernd die Bedürfnisse eines Hundes einschätzen, geschweige denn befriedigen kann, ohne weiteres jeden Hund erwerben, den er gerade für schick findet oder für das Aufpäppeln seines Egos benötigt. Beweise begegnen einem auf der Straße zuhauf: So lässt sich Oma Hedwig beispielsweise mit ihrem Rollator von einem Siberian Husky begleiten, die junge vierköpfige Großstadtfamilie teilt sich ihre kleine Zweizimmerwohnung mit einem American Staffordshire Terrier oder die Millionärsgattin stolziert mit einem Barsoi in Berlin über den Kudamm.
Deshalb hätte ich meinem Urgroßvater zu gern noch ein paar weitere Fragen gestellt. Unter anderem, ob es zu seiner Zeit auch so viele Hundeschulen gegeben habe, wie sie heute quasi wie Pilze aus dem Boden sprießen. Und obwohl er ein recht eloquenter Herr gewesen sein soll, wäre seine Antwort sicherlich sehr zögerlich gekommen, weil er die Sinnhaftigkeit nicht so wirklich verstanden hätte. Nun gab es zu seiner Zeit zwar Leute, die sich der Ausbildung von Hunden widmeten, wie beispielsweise derer der Jagdhunde oder anderer Arbeitstiere. Doch eine Hundeschule wie sie heute von Nöten ist, in denen neben der Ausbildung auch die Erziehung im Mittelpunkt seht, die gab es wohl nicht. Denn wozu auch. Meine nächste sich daraus ergebende Frage wäre nämlich gewesen, ob und wie er denn seine Hunde erzogen habe. Vorausgesetzt er hätte auch diese Frage inhaltlich wirklich verstanden, könnte ich mir vorstellen, dass seine Antwort gelautet hätte:
„Wozu denn das? Meine Hunde haben doch getan, wozu man sie auch gezüchtet
hatte. Ich wollte ja nicht mit ihnen an einem Hunde-Treffen teilnehmen. Warum sollte ich sie dann erziehen?“
Und da er ein sehr gebildeter Mann war, hätte er mich sicherlich darüber aufklären wollen, was denn eine Erziehung überhaupt sei; und damit den Gedanken an eine Hundeschule, in der Hunde erzogen werden sollen, ad absurdum geführt: Die Erziehung sei nämlich der Prozess und das Ergebnis einer Veränderung des Dispositionsgefüges von Edukanden (der zu Erziehenden).
Zugegeben, diese Definition hätte er so noch gar nicht kennen können, denn die hat erst viele Jahre später der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka formuliert; aber sinngemäß hätte er sich sicherlich so oder ähnlich geäußert. Das heißt also, wenn das Dispositionsgefüge eines Hundes in Gestalt seiner Veranlagungen, mit deren Ausleben er die Bedürfnisse des Menschen ebenso befriedigt wie seine eigenen, quasi wie eine Blaupause mit den zu befriedigenden Interessen des Menschen übereinstimmen, gibt es keinen Grund, an diesem Dispositionsgefüge durch Erziehung etwas ändern zu wollen.
Folglich ist die Erziehung eines Hundes erst dann relevant, wenn beides nicht
übereinstimmt; wenn der Hund also aufgrund seiner angezüchteten Veranlagungen ein anderes natürliches Verhalten zur Befriedigung seiner Bedürfnisse an den Tag legt oder legen will, als es im Interesse von Frauchen oder Herrchen liegt.
Ein Beispiel: Frauchen verliebt sich in einen Australian Shepherd und überredet den Züchter zum Verkauf, ohne anschließend im Rahmen einer Erziehung eine
Veränderung in seinem Dispositionsgefüge vorzunehmen. In diesem Fall natürlich unbewusst, denn Frauchen hatte keine Ahnung, dass dieser Hund speziell als lauffreudiger Hütehund gezüchtet wurde, der am liebsten Tiere oder Kinder hütet oder das Haus bewacht. Das Verzweifeln ist dann groß, wenn ihr Liebling nicht macht, was er soll.
Da aber mein Urgroßvater seine Hunde mit ihren jeweiligen Veranlagungen stets
danach auswählte, wozu er sie benötigte, musste er auch nichts an ihnen
herumerziehen. Sie machten natürlicherweise und instinktiv immer genau das, was sie auch sollten.
Aber eine Frage hätte mich dann doch noch interessiert, auch wenn es offensichtlich keine Erziehungsnotwendigkeit gegeben hat, nämlich, ob seine Hunde denn auch mal was Böses angestellt hätten.
Die bejahende Artwort wäre wahrscheinlich wie aus der Pistole gekommen.
„Und was hast du dann gemacht? Hast du sie dann positiv bestärkt, oder ihnen
mittels eines Clickers ein Alternativverhalten angeboten?
„Wenn du so willst, ja. Ich habe ihnen ordentlich die Leviten gelesen! Denn das
haben schon ihre Hundeeltern mit Erfolg gemacht, wenn sie ihnen auf der Nase
herumgetanzt haben.“
„Dann hast du sie auch sicherlich nicht in eine Welpenspielgruppe geschickt, oder?“
Ich hätte mir selbst wahrscheinlich schon, bevor ich die Frage zu Ende gesprochen hätte, das Lachen nicht verkneifen können, aber seine Antwort wäre es mir wert gewesen. Natürlich müsste ich ihm zuvor erklärt haben, was denn eine Welpenspielgruppe überhaupt sei. Und wahrscheinlich wäre mir bei seiner Antwort das Lachen dann doch im Halse stecken geblieben:
„Wozu denn dieser Unsinn? Ihr seid offensichtlich in eurer kapitalistischen Profitgier völlig verrückt geworden und denkt euch die irrwitzigsten Dinge aus, nur um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der kleine Hund und sein Schicksal scheinen euch dabei völlig egal zu sein. Habt ihr überhaupt eine Vorstellung, was eine Meute Welpen mit einem kleinen Fremden anstellt? Mobbing ist noch eine harmlose Bezeichnung. Und welchen Sinn sollte das haben? Kommt mir ja nicht mit dem Unsinn Sozialisation. Kein Hund benötigt zur Entwicklung seiner sozialen Kompetenz irgendein Training. Alles, was der kleine Hund in eurer modernen Zivilisation benötigt, ist die Gegenwart und den Schutz durch seine Bezugsperson, vorausgesetzt, er soll keine Tiere und Höfe bewachen".