2. Ein folgenschwerer Rollentausch

oder
Die Konsequenzen für die Hundeerziehung



Ich kam einmal mit einem Kinder- und Jugendpsychologen ins Plaudern und er fragte
mich, ob auch bei meiner Klientel, so wie es bei ihm seit geraumer Zeit der Fall sei,
Veränderungen festzustellen seien. Ich sah mich veranlasst, ihm spontan
zuzustimmen, denn tatsächlich nehme auch ich Veränderungen wahr. Zwar nicht bei
meiner hündischen Klientel, eher bei den Gründen, warum ihre Halter mich mehr
oder weniger gezwungen sehen zu kontaktieren.
Dann schilderte er sehr eindrucksvoll seine Wahrnehmungen:
Er würde beispielsweise bei den Kindern und Jugendlichen, die aus
unterschiedlichsten Gründen zu ihm in die Praxis kommen, einen dramatischen
Verlust ihrer sozialen Kompetenzen registrieren. Insbesondere fehle ihnen heute
häufig die Fähigkeit zur Selbstreflexion, was es in dieser Form und Dramatik in den
Anfängen seiner Praxis nicht gegeben habe. Sie seien beispielsweise kaum noch in
der Lage, sich selbst realistisch einzuschätzen. Er schilderte mir mehrere Fälle von
15- bis 18-Jährigen, bei denen neben ihrer psychischen Auffälligkeit die schulischen
Leistungen nicht einmal für einen Hauptschulabschluss gereicht hätten, aber auf
seine Frage nach den Berufswünschen sie von Selbstbewusstsein nur so strotzend
solche wie Pilot, Chirurg oder Meeresforscher nannten.
Nun gibt es bei meiner Klientel keine Veränderungen mit derart dramatischen Folgen.
Und deren Veränderungen sind völlig anderer Natur. Aber auch ich konnte ihm
bestätigen, dass sich meine Klientel und ihre Probleme, mit denen sie zu mir
kommen, verändert hätten.
Und dann philosophierten wir lange darüber, worin die Ursachen wohl lägen und ob
vielleicht veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen Grund für diesen Wandel
seien.
Auch für meinen Teil konnte ich dies eindeutig bejahen:
In den Anfängen meiner Tätigkeit als Hundetrainer hatte ich es überwiegend mit
Hunden zu tun, deren Besitzer auch schon mal durch einen Amtstierarzt mit ihren
Vierbeinern zu mir beordert wurden, weil sie andere Hunde oder Menschen attackiert
hatten. Womit ich meine, ich hatte es in erster Linie mit Haltern zu tun, deren Hunde
sich sozial unverträglich oder störend verhielten. An diesem Sachverhalt hat sich
zwar nichts geändert, jedoch die Gründe, warum immer häufiger Hundehalter mich
kontaktieren, haben sich gewandelt. Wenn ich früher häufig der Erstkontakt für einen
Hundehalter war, so bin ich heute in den meisten Fällen im wahrten Sinne die „letzte
Instanz“.
Ich kann sogar sagen, dass mich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren beinahe
ausschließlich Hundebesitzer kontaktiert haben, die eine regelrechte
Leidensgeschichte an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich haben.
Woran mag das liegen?
Meine Antwort mag vielleicht verblüffen, aber ich sehe im Folgenden den
Hauptgrund, warum es einerseits so viele vermeintlich verhaltensauffällige Hunde
gibt aber andererseits Versuche, sie zu sozialisieren, scheitern, weil die tatsächlichen
Ursachen des hündischen Verhaltens gar nicht erkannt werden:
Die Rolle des Hundes in der westlichen Wohlstandsgesellschaft hat sich nämlich
grundlegend verändert, aber nicht sein arttypisches Verhalten.
Wenn die Rolle des Hundes noch zu Beginn seiner Domestikation bis weit in die
fünfziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts hinein beinahe ausschließlich darin
bestand, Aufgaben des Beschützens und Bewachens von Haus, Hof und Tier zu
übernehmen oder sogar – wenn ich an den englischen Bullterrier denke – des
Beschützens von Kindern, deren Eltern tagsüber in den Industriehallen schufteten,
so hat der überwiegende Teil der Hunde in der heutigen Gesellschaft eher die Rolle
eines sozialen Partners inne; in nicht wenigen Fällen soll er ein Ersatzes für
mangelnde soziale Kontakte sein. Kurzum, seine aufgabenbezogene Rolle ist immer
mehr in den Hintergrund getreten und seine soziale Begleitfunktion in den
Vordergrund.
Damit einhergehend hat sich aber auch die Sichtweise der Menschen auf den Hund
grundlegend gewandelt – nur eben nicht der Hund. Sie sehen in ihm heute etwas
völlig anderes als das, wozu er durch seine Domestikation eigentlich geworden ist
bzw. gemacht wurde. Und je mehr der Hund zum beinahe gleichberechtigten Mitglied
der menschlichen Familie geworden ist, umso mehr schätzen die Menschen sogar
seine Bedürfniswelt ähnlich ein wie die eigene. Das Resultat nennt sich
„Anthropomorphisieren“, worauf ich bereits ausführlich in meinem Buch
„Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen bin.
Aber im Ergebnis dessen hat sich auch die Anforderung an das Hundetraining
grundlegend verändert. Früher spielte die Erziehung des Hundes aufgrund seiner
damaligen Rolle als Beschützer und Bewacher so gut wie keine Rolle, weil sie gar
nicht notwendig war, denn sie und die sich daraus für ihn ergebenden Aufgaben
deckten sich 1:1 mit seinen Grundbedürfnissen, insbesondere mit dem nach
Sicherheit und seinem ureigensten Interesse, dieses Grundbedürfnis
eigenverantwortlich zu befriedigen. Der Mensch nutzte quasi den Instinkt des Hundes
zur Selbstverteidigung geschickt aus, um auch sich selbst und sein Hab und Gut von
ihm beschützen zu lassen.
Da die Erziehung nichts anderes ist als die Entbindung des Hundes von dieser
Verantwortung, war sie quasi gar nicht notwendig.
Wenn er also selbst für seine Sicherheit sorgte, indem er Haus, Hof, Kind und Kegel
bis aufs Blut verteidigte, sah jeder es als völlig normal an und kam nicht im Traum
auf die Idee, er sei verhaltensauffällig, wenn er diese seine Aufgabe ernst nahm.
Kurzum, es gab somit auch notwendigerweise nur wenige Hundetrainer und kaum
jemanden, der sich mit der Erziehung eines Hundes befasste oder befassen musste.
Deshalb hat man sich im Rahmen eines – wenn überhaupt notwendigen –
Hundetrainings ausschließlich mit seiner Ausbildung – was neben der Erziehung die
zweite Säule eines Hundetrainings darstellt – befasst und ihm die unmöglichsten
Kunststücke beigebracht. Der typische Fall ist seine Dressur mittels
unterschiedlichster Stimuli, meistens in Form irgendeiner Art der Belohnung, wovon
noch heute das Leckerli übriggeblieben ist. „Modernere“ Varianten verbrämen das
schnöde Locken mit leckerem Futter heute allerdings mit wunderschön klingenden
Begrifflichkeiten wie „positive Bestärkung“ oder ähnlichem Unfug.
Neulich hörte ich in einem Videobeitrag im Netz sogar eine noch weitaus tollere
Aneinanderreihung von Wortkonstruktionen, die wohl eher dazu gedacht waren,
Kompetenz vorzugaukeln:
Die sich darin präsentierende „Hundeexpertin“ kündigte einen folgenden
Videobeitrag an, in dem sie sogleich demonstrieren werde, wie sie mittels eines von
ihr speziell entwickelten „Doppelten Rückrufs unter im zweiten Rückruf verwendeten
Ankereffektes“ – welch eine beeindruckende Wortschöpfung!? – ihren Hund
erfolgreich und zuverlässig zurückrufen könne, der offensichtlich mehr Gefallen an
einem Mauseloch gefunden hatte, anstatt auf Frauchens Rückruf zu reagieren. Aber
meine Neugierde war trotzdem geweckt, was sich dahinter wohl für eine
revolutionäre Neuigkeit verberge? Allerdings war meine Enttäuschung wie so oft
groß, denn der „Ankereffekt“ entpuppte sich als nichts anderes als ein in ihrer Hand
verstecktes Leckerli.
Heute sieht die Sache jedoch völlig anders aus. Abgesehen vom Training einiger
Spezialhunde, bei denen die Ausbildung natürlich nach wie vor eine wichtige Rolle
spielt, rückt die Erziehung des Hundes aufgrund seiner veränderten Rolle in der
zivilen Gesellschaft in den Vordergrund. Heute soll sich ein Hund in erster Linie
sozial verträglich verhalten und keine Gefahren abwehren. Die Ausbildung ist damit
zwar nicht überflüssig, aber sie kann bei der Beseitigung von unerwünschtem
sozialem Verhalten wie Aggressionen aller Art, Zerren an der Leine, Jagen usw.
schon rein objektiv keine Rolle spielen, weil sie dazu keine geeigneten Mittel zur
Verfügung hat.
Mittels Ausbildungsmethoden kann man keinen Hund erziehen.
Aber man muss es auch gar nicht, weil dazu die Erziehung wesentlich effektivere
und vor allem effizientere Mittel besitzt.
Wenn ein Hund die urtypischen Aufgaben des Bewachens und Beschützens nicht
mehr wahrnehmen soll, wozu er bekanntlich seine Grundinstinkte zur Befriedigung
seines Grundbedürfnisses nach Sicherheit nutzt, liegt die Lösung praktisch darin, ihm
die Verantwortung für diese Sicherheit zu nehmen. Dazu muss Frauchen oder
Herrchen ihm seinen Entscheidungsspielraum einschränken und demonstrieren,
dass sie statt seiner ab sofort zuverlässig für beider Sicherheit sorgen, einschließlich
natürlich für die Sicherheit aller Bezugspersonen und Ressourcen. Somit sind die
beiden Methoden der Erziehung einerseits die Korrektur und andererseits die
Demonstration.