13. Problemhunde und deren Ursachen –
oder „So ziehen wir Rotzlöffel heran!“
Bei meinen Recherchen zu diesem Beitrag stieß ich auf ein Interview, das Jeannett Otto bereits 2015 in Stockholm mit dem schwedischen Psychiater und Buchautoren David Eberhard für DIE ZEIT führte. Er hatte gerade sein neues Buch Kinder an die Macht
veröffentlicht, in dem er die liberale Kindererziehung als gescheitert beschreibt. Zur gleichen Zeit untersagten im kinderfreundlichen Schweden Gastwirte Familien mit Kindern den Zutritt zu ihren Lokalen. Auf die Frage der Journalisten zu seiner Meinung, sagte er: „Ich kann das gut verstehen. Es gibt immer Kinder, die schreien, Getränke verschütten, durch die Räume rennen oder bei minus fünf Grad die Tür aufreißen. Die Eltern sitzen
daneben und denken nicht daran, einzugreifen.“ „Warum sage dann kein anderer was?“ „Das traut sich niemand mehr. Eltern können sehr unangenehm werden, wenn man ihren Nachwuchs kritisiert. Früher gab es eine Gemeinschaft der Erwachsenen. Man hatte die gleichen Werte, was die Erziehung anging. Wenn sich ein Kind danebenbenahm, ging man hin und sagte: Hör auf damit! Diese Übereinkunft gibt es nicht mehr.“ Auf seine Behauptung angesprochen, die liberale Erziehung sei gescheitert, begründete
Eberhard dies: „Weil sich Eltern nicht mehr wie verantwortungsvolle Erwachsene verhalten. Sie glauben, beste Freunde ihres Kindes sein zu müssen. Sie stellen sich auf eine Stufe mit dem Kind, wagen nicht, ihm zu widersprechen, Grenzen zu setzen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr ...“
Und auf die Frage, wer bei ihm in der Familie entscheide, antwortete er: „Ich entscheide ...
Ich finde nicht, dass die Familie eine demokratische Institution sein sollte. Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist immer asymmetrisch. Es ist die Beziehung von Meister und Schüler. Der eine unterrichtet, der andere hört zu. Die Eltern können Dinge besser einschätzen, weil sie mehr Erfahrung haben, mehr wissen. Sie sollten die Regeln machen …Eltern in der westlichen Welt befürchten inzwischen allerdings, die kleinste Kritik könne ihr Kind traumatisieren. Die trauen sich nicht mal mehr, zu ihrer pubertierenden Tochter zu sagen: Iss nicht so viel Schokolade, sonst wirst du zu fett, weil sie Angst haben, das Mädchen könnte sofort magersüchtig werden. Dabei können wir Kindern ruhig etwas zumuten, die halten das aus. Wir müssen sie nicht behandeln wie Porzellanpuppen.“ Der Psychiater weiter: „So ziehen wir Rotzlöffel heran.“ So weit, so gut; aber was hat das Scheitern einer antiautoritären Kindererziehung mit einem „Problemhund“ zu tun? Die Antwort findet sich, wenn man in dem Interview den Begriff KINDER durch den Begriff HUNDE ersetzt. Denn wenn wir die Ursachen suchen, warum sich Hunde aggressiv oder generell problematisch verhalten und keine Regeln des sozial verträglichen Miteinanders zu kennen scheinen – in den letzten Jahrzehnten sogar mit steigender Tendenz – liegt es, mit Ausnahme der pathologisch begründeten Fälle, immer am Unterlassen der Halter, den Hund autoritär zu erziehen oder auch gar nicht. Mittlerweile gilt es zunehmend als schick, zu behaupten, den Hund als Partner oder Freund zu behandeln. In der Hundeerziehung, oder generell gesagt im Umgang mit dem Hund, scheint sich sogar der Laissez-Faire- Erziehungsstil, der in der Kindererziehung als längst gescheiterter Unfug entlarvt wurde, einer
Reinkarnation zu erfreuen. So fragte mich einmal eine Kundin, was ich von einem Buch zur Hundeerziehung halte, das sinngemäß mit dem Titel auf sich aufmerksam mache, man solle höflich zu seinem Hund sein und mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren.
Ich hatte das Buch noch nicht gelesen und wollte mir deshalb auch nicht anmaßen, über dessen Inhalt zu urteilen. Und ich wollte und will dem Autor auch kein Unrecht tun, falls der Inhalt nicht dem entspricht, was der Titel suggeriert. Aber bei der Formulierung sollte man bedenken, dass auch der Titel eines Buches bereits eine Botschaft enthält, die der potenzielle Leser mit dem Inhalt des Buches assoziiert. Und somit musste ich der Kundin gegenüber dahingehend reagieren, dass sich zumindest der Titel des Buches bedauerlicherweise in schlechter Gesellschaft befände, indem es ein momentanes Klischee der falsch verstandenen Tierliebe bediene, welches beim Laien seit geraumer Zeit leider auf fruchtbaren Boden falle. Denn wenn ich mir die Tendenz in den vergangenen Jahren in der Darstellung der Mensch- Hund-Beziehung anschaue, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, der Hund sei mittlerweile zu einem Kind der Familie mutiert und müsse auch als ein solches sozial gleichberechtigtes Mitglied behandelt werden. Dieser Trend birgt jedoch eine verheerende Gefahr und ist mit verantwortlich für eine stetig zunehmende Anzahl an Vorfällen, die sogar den Amtstierarzt auf den Plan rufen. Es beginnt bei harmlosen Fällen des sozial unverträglichen Verhaltens, das ein entspanntes Gassigehen zur Nervensache werden lässt, und reicht bis hin zu Beißattacken und Überfällen auf kleine Kinder. Ebenso wie in der Kindererziehung muss die Beziehung zwischen Mensch und Hund jedoch asymmetrisch sein. Auch ein Hund muss und will sogar – adäquat eines Kindes – Grenzen und Regeln vermittelt bekommen, um sich daran orientieren zu können. Entsprechend des evolutionsbiologisch bedingten Ranges des Hundes unterhalb des Menschen muss letzterer die Entscheidungen treffen, nach denen der Hund sich zu verhalten hat. Und sollte er über die
Stränge schlagen und Grenzen oder Regeln verletzen, bedarf es der Korrektur, auch in Form der Bestrafung.
Das alles ist jedoch nur zutreffend für Hunde in unserer modernen westlichen Zivilisation. Ich habe in meinem Buch diesem Thema ein Kapitel mit der Überschrift „Dialog mit dem Urgroßvater“ gewidmet, in dem ich erkläre, dass zu seiner Zeit es in der Regel noch gar nicht notwendig war, oder eben nur sehr eingeschränkt, einen Hund zu erziehen. In der Regel wurde der Hund nur entsprechend seiner Aufgaben ausgebildet, aber nicht erzogen. Denn seinerzeit nutzte man für gewöhnlich den Hund für Aufgaben, zu denen er auch das entsprechende Dispositionsgefüge besaß. Da die Erziehung gleichbedeutend ist mit der Veränderung dieser durch Veranlagungen begründeten Verhaltensweisen, war sie für einen als Wachhund eingesetzten, der auch die Veranlagungen für einen Wachhund besaß oder
einen Jagdhund, mit dem man auf die Jagd ging, gar nicht notwendig. Erst seit ca. den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde es zunehmend modern, einen Hund
unabhängig oder trotz seines Dispositionsgefüges als eine Art sozialen Ersatz und als vollwertiges Mitglied in die menschliche Familie zu integrieren. Erst dadurch ergab sich die Notwendigkeit seiner Sozialisierung bzw. Erziehung. Es ist sogar ein Irrtum, zu glauben, der Hund fühle sich wohl in der Rolle eines
gleichberechtigten Partners. Im Gegenteil, er ist in den über 30 000 Jahren seiner Domestikation zu unserem Befehlsempfänger geworden und erwartet es regelrecht, von uns gesagt zu bekommen, wo es langgeht. Er will uns gefallen und in unserem Auftrag Aufgaben erfüllen. Darüber darf auch nicht hinwegtäuschen, wenn er mit uns in einem Bett schlafen
oder auf der Couch liegen will. Er ist eben nur gern in unserer Nähe. Und es hat auch nichts mit einem angeblichen Dominanzgebaren zu tun, wenn er mit uns gemeinsam fressen will
oder vor uns aus der Tür läuft. Das ist Unfug. Der Hund ist in der Hierarchie unter uns und fühlt sich in dieser Rolle auch pudelwohl. Denn er hat damit eine ökologische Nische gefunden, die ihm in außergewöhnlicher Weise einen evolutionsbiologischen Überlebensvorteil bietet. Auch will ich nochmal das vielgepriesene Loben im Rahmen der Erziehung als eher schädlich entlarven. Ebenso wenig wie ein Kind zu seiner Persönlichkeitsentwicklung das ständige Loben benötigt, benötigt dies auch kein Hund. Wenn ein Kind ständig und für jede Lappalie ein Lob erhält, nützt dies nur einem, nämlich dem Ego des Lobenden. Das Kind hat davon gar
nichts. Dem Kind muss nämlich ebenso wenig wie einem Hund der Umgang mit Erfolg antrainiert werden. Das können beide schon von allein, denn ihr Dispositionsgefüge bzw. mentale Veranlagung sind darauf bereits von Geburt an programmiert. Jedes Mal, wenn ihr Handeln erfolgreich war, schütten ihre Gehirne einen allseits bekannten Neurotransmitter aus und lässt sie vor Freude tanzen. Das motiviert sie ausreichend. Aber Kinder, die immer nur
Erfolg haben und denen jegliche Möglichkeit des Ertragens und Bewältigens von Niederlagen und Enttäuschungen durch überfürsorgliche Eltern vorenthalten werden, sind die ersten
Kandidaten für den Kinderpsychologen. Viel wichtiger ist es für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und Vorbereitung auf eine erfolgreiche Bewältigung des Lebens, sie mit Niederlagen und Enttäuschungen zu konfrontieren und ihnen zu zeigen, wie sie Frustration meistern. Denn das kann das Gehirn von Hause aus nicht sehr gut, weil es evolutionsbiologisch keinen Vorteil bot. Deshalb sollten beide es lernen, damit gelassen umzugehen. Und alles was sie dazu benötigen, ist Sicherheit und Rückhalt durch Mama und Papa oder Frauchen und Herrchen. Wenn das Kind mit einer Eins aus der Schule kommt, trägt das überschwängliche Loben jedenfalls nicht zur mentalen Stärkung oder Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins bei. Anders sieht es aus, wenn
der Schützling eine bittere Niederlage oder Enttäuschung zu verkraften hat und Mama oder Papa es dann in den Arm nehmen und sagen: Nicht so schlimm, das kriegen wir zusammen
schon wieder hin. Das Kind ebenso wie ein Hund benötigen zu ihrer mentalen Stärkung das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, falls mal was schiefgeht oder wenn Gefahr droht. Lob und Anerkennung spielen nur eine Rolle im Rahmen der Ausbildung. Wenn sie etwas lernen oder sie etwas tun sollen, was sie von sich aus nicht tun würden, wie der Hund Sitz, Platz & Co., dann kann Lob und Anerkennung sie motivieren, dies zu tun. Denn kein Hund
mag gerne Platzen, außer er bekäme ein Leckerli dafür.
Allerdings, und hier unterscheidet sich die Erziehung des Kindes von der des Hundes, muss das Kind im Rahmen seiner Erziehung zur Einsicht geführt werden, welche Regeln es einzuhalten hat, damit es erfolgreich und konfliktfrei in seinem sozialen Umfeld
zurechtkommt, weil es diese Regeln aufgrund nichtvorhandener Instinkte nicht kennt oder noch nicht beherrscht. Bei einem Hund ist dies genau andersherum. Er muss aufgrund vorhandener Instinkte von diesen befreit werden. Denn diese Instinkte lassen ihn ansonsten als Beschützer oder Bewacher agieren, was sich im normalen und alltäglichen gesellschaftlichen Umfeld des Menschen als störend erweist. Das heißt, wenn der Hund sich
nicht entsprechend seines Dispositionsgefüges als Wach-, Schutz- oder Hütehund verhalten soll, muss er im Rahmen seiner Erziehung, Sozialisierung oder Resozialisierung von dieser
sich daraus ergebenden Verantwortung entbunden werden.
Und da eine solche Erziehung bei einem Hund nicht wie bei einem Kind über den Weg der Vernunft funktioniert – denn wir können nicht mit ihm wie mit einem Kind verbal kommunizieren und ihm die Zusammenhänge erläutern, so dass er irgendwann zur Einsicht käme, dass es falsch oder unerwünscht ist, andere zu verjagen oder auf Frauchen aufzupassen und deshalb nicht mehr an der Leine zu zerren braucht, um das Revier nach
Feindesinformationen aufzuklären – können wir dies stattdessen nur über die Beeinflussung seiner Grundbedürfnisse. Und da bietet sich insbesondere sein Bedürfnis nach Sicherheit an. Wenn wir ihm dieses erfüllen, so dass er nicht mehr selbst dafür zu sorgen hat, kommt er sehr schnell zur „Einsicht“, dass es keinen Grund mehr gibt, sich aggressiv gegenüber anderen zu verhalten.
Wenn der Mensch den Hund aber als sozial gleichberechtigten Partner behandelt und sich ihm gegenüber auch so verhält und ihm eine autoritäre Erziehung verweigert, zieht er sich einen
Rotzlöffel heran.