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Was ist ein Irrtum?

Eine alltägliche Situation: Beim Spazierengehen begegnen sich HundeliebhaberInnen mit ihren „Schutzbefohlenen“. Das dann stets folgende Ritual ist meistens und auffallend ähnlich: Die Hunde rennen – so Herrchen oder Frauchen ihnen dazu die „Freiheit“ lassen – vermeintlich „freudig“ erregt aufeinander los, oder – wenn man ihnen nicht die besagte „Freiheit“ zugesteht – sie zerren an der Leine, als gebe es kein Morgen mehr, vor ihnen scheinbar davon fliehend im Streben, den entdeckten Artgenossen schnellstmöglich zu erreichen.

Auf der Wiese nimmt das Ganze noch illustrere Formen an. Losgeleint bildet sich aus den vielen Protagonisten sehr schnell ein riesiges Knäuel; und ein scheinbar ungebändigtes „Spiel“ nimmt seinen Lauf.

Wenn sich mir in solchen Situationen die Gelegenheit bietet, den einen oder die andere HundeliebhaberIn zur Beantwortung der Frage zu bewegen, was wohl ihrer Meinung nach ihr „Schutzbefohlener“ in diesem Moment empfinde, kommt in der Regel im Brustton der Überzeugung: „Natürlich Freude, was denn sonst!“ Und wenn ich dann noch weiterbohre, was dann wohl das Motiv ihrer „Schützlinge“ für dieses Ritual sei, kommt ebenso selbstsicher die Antwort: „Die wollen doch nur spielen!“

Aber ist es das wirklich? Wie sieht es denn mit dem Gegenbeispiel aus? Wenn ein Hund kein Interesse am anderen seiner Artgenossen zeigt; ist er dann ein Spielmuffel?

Ich höre nicht selten von “Kennern der Szene”, wenn sie statt des eingangs geschilderten Verhaltensmusters einen völlig entspannt wirkenden Hund an der Seite ihrer BesitzerIn durch die Straßen schlendern sehen und dieser sich beim Anblick eines seiner Artgenossen offensichtlich nicht „in der Wurzel“ für jenen zu interessieren scheint, er sei sicherlich schon „in den Jahren“ oder „nicht ganz gesund“.

Aber ich denke, dass es sich in beiden Fällen um einen vermeintlichen Irrtum handelt. Vermeintlich deshalb, weil der erkenntnistheoretische Ansatz zur Erklärung eines Irrtums hier doch wohl nicht wirklich greift. Der setzt nämlich schon nach Meinung der antiken Philosophen voraus, dass die Quelle des Irrtums in der Unvollkommenheit der sinnlichen Wahrnehmung oder in der Unvollkommenheit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zu finden sei. Aber eine solche ist immer gebunden an eine nicht ausreichende Zugänglichkeit notwendiger Erkenntnisse. Und das ist unter den Bedingungen heutiger Verfügbarkeiten aller möglichen Wissensquellen doch eher fraglich. Ich unterstelle stattdessen, dass es sich hier um keinen echten Irrtum handelt, sondern um eine willentliche Ignoranz der Realität. Um mit Christian Morgenstern zu sprechen: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Ich behaupte vielmehr, dass alle notwendigen Erkenntnisse zu den verhaltensbiologischen Ursachen eines Hundes für jedermann und Frau zugänglich sind, wenn er oder sie die auslösenden Faktoren hündischen Verhaltens in einer Situation wie eingangs beschrieben tatsächlich verstehen wollten.

Nicht, dass ich das Spielinteresse des Hundes an sich infrage stelle. Im Gegenteil, insbesondere junge Hunde zeigen ein hohes diesbezügliches Interesse, ähnlich wie Kinder. Und auch noch „pubertierende“ Hunde neigen zu spielerischem Kräftemessen. Sogar ältere Hunde nutzen noch das Spiel, um den jüngeren Protagonisten zu zeigen, wie sie erfolgreich das hündische Leben meistern können. Dies sollte aber nicht verwechselt werden mit den Aufklärungsabsichten eines Hundes am Beginn einer Begegnung mit seinesgleichen und seinen tatsächlichen Handlungsmotiven. Denn das Verwechseln solcher Interessen und Motive kann dann leicht zu unterschätzende Auswirkungen auf das künftige Verhalten des Hundes haben – zum Beispiel durch unterlassene Hilfeleistung oder Korrektur – oder ein Symptom sein für die Ursachen seiner Verhaltensauffälligkeiten.

Wenn ich in meinem Blog über vermeintlich verhaltensauffällige Hunde und deren Ursachen spreche, meine ich hier natürlich auch nur solche Fälle, bei denen das Verhalten des Hundes bei einer Begegnung mit seinesgleichen einer kritischen Analyse bedarf, weil hier Ansatzpunkte für seine Therapie zu finden wären. Denn ich habe schon immer betont, dass das Verhalten eines Hundes nur dann Anlass zum Handeln seiner BesitzerInnen gibt, wenn dieses Verhalten bei ihren BesitzerInnen auf Ablehnung stößt und als störend oder auffällig empfunden wird und insbesondere die Interessen anderer beeinträchtigt. Allerdings sollten sich Herrchen und Frauchen auch dann einmal die Zeit nehmen, über eine Veränderung und Einflussnahmen auf das Verhalten Ihrer Schützlinge nachzudenken, selbst wenn dieses ihnen bisher nicht als ein auffälliges erscheint oder sie stört. Und zwar allein schon mit dem Ziel, das eventuell unerkannte und latent vorhandene Stressniveau ihrer Lieblinge zu reduzieren.

Deshalb bitte ich Sie, sich einmal auf ein gedankliches Experiment einzulassen, ohne gleich von vornherein eine ablehnende Haltung einzunehmen, nur weil allein schon die Vorstellung, meine Thesen könnten richtig sein, absurd erscheint:

Nehmen wir einmal an, dass jegliche Begegnungen von Hunden, die nicht einem gemeinsamen Rudel zugehörig sind, ein Aufeinandertreffen potentieller Wettbewerber, Konkurrenten und sogar Rivalen oder Feinde sei und sie nur deshalb aufeinander zu rennen, weil sie die wahren Absichten der anderen aufklären wollten.

Und nehmen wir weiterhin an, dass das Verhalten eines Hundes durch drei grundsätzliche Anlagen bestimmt und beeinflusst werde:

  1. Durch seine Domestikation und der sich daraus entwickelten Zuneigung zum Menschen, weil er in seiner Nähe Nahrung und Schutz erhält.
  2. Durch seine Zuchthistorie, die ihm durch Zufallsmutationen den Willen anerzogen und herausselektiert hat, dem Menschen entweder allgemein oder in einer spezifischen Art zu dienen; also bestimmte Aufgaben zu erfüllen und
  3. durch sein Interesse, immer und überall seine Grundbedürfnisse, insbesondere das nach Sicherheit, befriedigt zu wissen.

Wenn man diese Annahmen einmal zu Ende denkt, erscheint das vermeintlich wilde Spielinteresse zweier aufeinander treffender Protagonisten plötzlich in einem völlig anderen Lichte. Nämlich gar nicht mehr in einem so harmlosen. Im Gegenteil, es wird aus solchen Begegnungen ein Ereignis, vor dem man seinen „Schutzbefohlenen“ eher bewahren sollte, anstatt es anzustreben in der irrigen Annahme, ihm damit einen riesigen Gefallen zu tun.

Deshalb nehmen wir andererseits einmal den Idealfall an, dass andere Hunde für den eigenen Hund keine Konkurrenten oder gar Feinde mehr wären. Eine Vorstellung, die gar nicht so unmöglich ist, denn die Voraussetzung dafür wäre relativ simpel. Nämlich, dass es keine Ressource gebe, um die konkurriert oder wettgeeifert werden könnte. Der einfachste Weg dahin wäre, dem Hund keine Ressource zu überlassen oder ihm die notwendige Verantwortung für eine solche gar nicht erst zu übertragen. Und schon sollte der erstaunte Laie feststellen, dass Bello plötzlich gar kein Interesse mehr an irgendwelchen vermeintlichen Spielchen zu haben scheint. In Wirklichkeit hätte er nämlich keinerlei Aufklärungsinteresse mehr, die Absichten des anderen zu identifizieren.

Und eine weitere Annahme lohnt des Nachdenkens: Nehmen wir an, dass Herrchen oder Frauchen sich ihrer Verantwortung bewusst geworden seien, welche sich aus der Domestikation des Hundes herleitet, und sie sich tatsächlich darüber im Klaren wären, was es bedeute, für die Sicherheit des Hundes Sorge zu tragen. Sie hätten demzufolge ihrem Hund unzweideutig demonstriert, dass sie ihm in allen Lebenslagen Schutz vor allen nur möglichen Feinden bieten. Das Ergebnis wäre genauso eindeutig: Der Hund würde alle anderen Hunde einfach ignorieren, denn es wäre kein Feind mehr weit und breit zu erspähen, bei denen geklärt werden müsste, was sie im Schilde führen.

Bleibt noch eine letzte Annahme, deren Realität interessante Konsequenzen hätte. Nehmen wir an, Herrchen oder Frauchen würden die Zuchthistorie der Rasse ihres Schützlings tatsächlich kennen und damit auch deren sich daraus ergebende Veranlagungen und Verhaltensweisen. Da in einer ganzen Reihe von Zuchtlinien die Fähigkeit des Hundes selektiert wurde, Haus und Hof, Kind und Kegel zu beschützen und zu verteidigen, liegt es diesen Hunden sozusagen in den Genen, Herrchen und Frauchen verteidigen zu wollen, unabhängig davon, ob es was zu verteidigen gäbe oder nicht. Deshalb nehmen wir auch einfach mal an, dass Herrchen oder Frauchen – weil sie sich dessen bewusst sind – ihre Schützlinge explizit von dieser Aufgabe entbunden hätten. Und siehe da, urplötzlich verzichtet Hasso und Co. auf diese Aufgabenerfüllung und trottet stattdessen völlig entspannt an der Seite neben Herrchen und Frauchen her, selbst wenn eine ganze Horde seinesgleichen ihre Wege kreuzen. Hasso und Co. würden sich dann nämlich in Sicherheit wähnen, und wissen, dass Herrchen oder Frauchen sich statt ihrer darum kümmern.

Ergo – um nochmal auf die eingangs geschilderte Szene zurückzukommen – ist es schon ein Contradictio in adiecto (ein Widerspruch in sich), wie der Lateiner sagt, wenn der „Schutzbefohlene“ (jemandes Schutz oder Obhut Anvertrauter – in diesem Falle der Hund) zur Aufklärung und zum Schutze seines Herrchens oder Frauchens die Absichten seiner Artgenossen zu identifizieren hat. Vielmehr sollte anders herum “ein Schuh draus werden”; nämlich Herrchen und Frauchen haben diese Schutzfunktion gegenüber ihrem Hund zu erfüllen. Und was soll die heuchlerische Beschreibung von „Freiheit“, die dem Hund angeblich eingeräumt werde, wenn man ihn gezwungenermaßen in das Scharmützel mit seinesgleichen schickt, weil man selbst nicht den Mut dazu hat. Und nicht zuletzt wird die Sinnhaftigkeit der vermeintlichen „freudigen“ Erregtheit des Hundes beim Aufeinandertreffen mit seinen Feinden ad absurdum geführt; denn mit Freude hat die übertragene Aufklärungsarbeit zunächst einmal gar nichts zu tun, im Gegenteil. Bevor nicht die Absichten des anderen abgeklärt sind und diese sich als harmlos erwiesen haben, solange stehen alle Zeichen auf Rot und alle Glocken läuten Alarm. In vielen Fällen darf deshalb nicht nur von einer psychischen Anspannung und Belastung des Hundes ausgegangen, sondern sollte sogar die Möglichkeit puren Stresses in Erwägung gezogen werden, wenn Hunde sich, so sie nicht zu einem Rudel gehören und sich sehr gut kennen, auf der Straße begegnen.

Quod erat demonstrandum (was zu beweisen war): Ein Hund, der von der Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder die des Herrchens oder Frauchens und jeglicher Ressource entbunden wurde, zeigt kein Interesse an seinen Rivalen; denn es gibt dann keine.

Mit einer Ausnahme: Die Replikationsabsicht; aber die wirkt nur temporär.

Ich habe aus gleichem Grunde wie hier auch in meinem Buch (siehe Shop) relativ ausführlich die Fragwürdigkeit einer “Welpenspielgruppe” oder sonstiger angeblich therapeutischer “Hundetreffen” diskutiert. In allen Fällen liegt eine Fehlinterpretation hündischen Interesses vor und damit eine Quelle von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten.

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