Oder anders gefragt:

Ist es möglich, jemanden vom Gegenteil zu überzeugen, wovon dieser überzeugt ist?

Um letztgenannte Frage schon mal vorab zu beantworten: Sehr unwahrscheinlich.

Ich bin dieser Frage nämlich früher schon einmal nachgegangen im Zusammenhang mit einer Recherche zu einem meiner Fachbücher und erhielt diese ernüchternde Antwort aus dem Munde eines Kommunikations- und Kognitionswissenschaftlers.

Damals ging es mir um die Frage, ob es vielleicht seitens solcher Wissenschaften eine plausible Erklärung dafür gebe, warum es mir offensichtlich nicht gelingt, Hundetrainer davon zu überzeugen, dass ihr zentraler Trainingsansatz zur Erziehung verhaltensauffälliger Hunde falsch und damit zum Scheitern verurteilt ist. Denn nahezu alle meiner Kunden, die mich kontaktieren, um ihre „Rabauken“ endlich von ihren „Verhaltensauffälligkeiten“ zu befreien, sind zuvor durch deren Hände bzw. Hundeschulen gegangen. Und wie ich aus den zahlreichen Kontaktaufnahmen schließe, ohne Erfolg. Und das, obwohl unter diesen – zumindest diesbezüglich erfolglosen – Hundetrainern sogar sehr bekannte und auch namhafte sind, die beispielsweise allein schon durch ihre Medienpräsens offenbar eine hohe Glaubwürdigkeit und Akzeptanz besitzen.

Aber trotz ihrer Erfolglosigkeit stieß und stoße ich nach wie vor auf ihren erbitterten Widerstand, wenn ich an ihren Lehrgrundsätzen, die teils schon den Status von Axiomen annehmen und dadurch wie „heilige Kühe“ eine wahre Unantastbarkeit zu besitzen scheinen, Kritik übe.

Und vor diesem Hintergrund interessierte mich – um einmal ein Beispiel zu nennen – eine solche Frage wie, warum es mir offensichtlich unmöglich ist, einen Hundetrainer, der der scheinbar unerschütterlichen Überzeugung ist, Hundebegegnungen im Allgemeinen und Welpenspielgruppen im Besonderen seien für die Erlangung sozialer Kompetenzen des Hundes unabdingbar, vom Gegenteil zu überzeugen.

Mich motivierte seinerzeit, bezüglich dieses Widerstandes einmal einen Kommunikationswissenschaftler zu befragen, weil ich zuvor eine interessante Parallele in der Aussage eines Neurobiologen entdeckte, der darauf verwies, dass Babys andere Babys stören. Das Einzige, was ein Baby in seinem Alter für die Entwicklung seiner sozialen Kompetenzen benötige, seien die engen Beziehungen und Kontakte zu seiner Mama und das Gefühl, von ihr niemals allein gelassen zu werden. Baby-Förderprogramme aller Couleur wie Babyschwimmen in Gruppen, Mama-Baby-Früh-Lern-Gruppen und ähnlicher Firlefanz würden ausschließlich der Gewinnmaximierung der Anbieter solcher neumodischen Massenveranstaltungen zum Vorteil gereichen. Für die Babys brächte dieser Unsinn lediglich eines, nämlich Stress. Und genau das Gleiche trifft nach meinen Erkenntnissen und Erfahrungen nämlich auch auf Hunde zu – ohne dem Anthropomorphismus auf den Leim gehen zu wollen. Hunde benötigen zur Entwicklung ihrer sozialen Kompetenzen nämlich auch nur und ausschließlich den engen Kontakt zu ihrer Bezugsperson. Auch Hunde stören andere Hunde!

Welche dramatischen Folgen hingegen beispielsweise sogenannte Welpenspielgruppen für die mentale Entwicklung eines jungen Hundes haben kann oder wie sich das dabei entwickelnde Konkurrenzverhalten auf sein späteres Aggressionspotential auswirken, das habe ich alles in meinen Fachbüchern ausführlich beschrieben und begründet.

Allerdings mit einer Ausnahme: Sollte der junge Hund später einmal als Wach- und Schutzhund seinen Dienst versehen sollen, ist die frühzeitige Stimulierung seiner Veranlagungen des agonistischen Verhaltensrepertoires durchaus nicht nur sinnvoll, sondern sogar notwendig. Aber eben nur dann.

Wird seine vorauszusehende Perspektive jedoch eher die Rolle eines sozialen Partners sein, dessen soziale Kompetenz darin bestehen soll, stressfrei an der Seite seiner Bezugsperson durch urbane Umgebungen zu schlendern und dabei seine ihm oftmals über den Weg laufenden aggressiven Artgenossen mit einer nahezu phlegmatischen Gelassenheit ignorieren zu können, sollte man solche Aggressionstrainings wie Welpenspielgruppen – wie sie im Übrigen verharmlosender kaum bezeichnet werden können – meiden. Denn sie sind nichts anderes, als ein Training zur frühhündischen Konditionierung aggressiver Verhaltensweisen.

Der Kommunikations- und Kognitionswissenschaftler sagte mir seinerzeit, er mache mir bezüglich meiner Missionierungsabsichten jedoch wenig Hoffnung. Unter anderem deshalb, weil derjenige, den ich vom Gegenteil dessen, wovon er überzeugt sei, überzeugen wolle, in der Regel gar nicht bereit sei, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine solche Bereitschaft – nennen wir es prinzipielle Aufgeschlossenheit alternativer Argumente gegenüber – wäre jedoch eine wesentliche Voraussetzung für meinen Erfolg. Und selbst dann, wenn der zu Überzeugende meinen Argumenten gegenüber aufgeschlossen wäre – was jedoch ein Mindestmaß an Vertrauen zwischen uns beiden voraussetze, aber bei zwei sich vermutlich fremden Personen eher als unwahrscheinlich gelten könne – müsse man bedenken, dass sein letztendliches Anerkennen meiner Argumente mit dem Eingestehen des eigenen Irrtums einhergehen müsse und somit immer das grässliche Gefühl einer Niederlage zur Folge hätte. Und das sei in der Regel ein mental schmerzlicher Vorgang, dem das Gehirn sich lange verweigere. Denn unser Gehirn sei auf Erfolg programmiert und nicht auf Misserfolg. Letzteres mag unser Gehirn überhaupt nicht und klammere sich deshalb noch lange an den Irrtum, selbst wenn die Vernunft ihm suggeriere, den Widerstand gegen die neue Wahrheit doch besser aufzugeben. Die kognitive Verarbeitung und die dabei ablaufenden neuronalen Prozesse einer Niederlage seien der neuronale Gegenspieler des Erfolgserlebnisses. Bei Letzterem schütte das endogene Belohnungssystem den Neurotransmitter Dopamin aus und verschaffe dem Protagonisten nicht nur ein angenehmes Gefühl, sondern mache, ähnlich wie bei einem Junkie, süchtig nach mehr. Was nicht verwundere, denn Dopamin und Opium hätten eine ähnliche chemische Struktur. Bei einem Irrtum jedoch ist das genaue Gegenteil der Fall, nämlich ein widerwärtiges Gefühl der Enttäuschung.

Deshalb, so meinte er, solle ich, bevor ich mich den Strapazen einer solchen Überzeugungsprozedur unterziehe, lieber eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen und mich fragen, welchen Vorteil ich eigentlich davon hätte, Hundetrainer vom Gegenteil dessen überzeugen zu wollen, wovon sie scheinbar zutiefst überzeugt seien.

Insofern habe ich auch keine Hoffnungen – und gemäß der mir empfohlenen Kosten-Nutzen-Rechnung auch vermutlich gar keinen Vorteil – die Güstrower Stadtvertreter von ihrem zwar sicherlich lieb gemeinten aber gegenteilig wirkenden Vorhaben abhalten zu können, welches sie mit ihrem Beschluss zur Errichtung eines Hundeparks offensichtlich bezwecken. Ein ehemaliger Kunde und Leser des Güstrower Stadtanzeigers schickte mir nämlich einen darin veröffentlichten Artikel, um meine Sammlung an Beispielen irriger Vorstellungen hündischer Bedürfnisse und ihrer Präsenz sogar im Wissen sogenannter Experten zu vervollständigen. Der Artikel wurde veröffentlicht unter dem Titel:

„Güstrower Hunde und Halter freuen sich auf städtischen Hundepark“.

Kaum zu glauben, dass selbst sogenannte Experten immer noch solch falschen Vorstellungen anhängen, wovon ich ausgehen muss, denn in dem Artikel lautet es:

Hundeexperten befürworten grundsätzlich die Idee: Sozialisierung von Welpen sei immens wichtig. Früherziehung und Sport sollten Hand in Hand gehen. Mit dem geplanten Hundeplatz wäre das gut möglich.“ Zwei Absätze zuvor lautet es: „Die Stadtvertretersitzung … beschloss kürzlich den Bau eines Begegnungsplatzes für Mensch und Hund. Ein großer Platz von 600 Quadratmetern …, auf dem Hunde die Freiheit haben, sich zu beschnuppern …“

Allein in diesen wenigen Sätzen verbergen sich mehrere fundamentale Irrtümer. Abgesehen von grundsätzlichen Problemen, die Hundebegegnungen mit sich bringen insbesondere für noch nicht erzogene Hunde, sollten vor allem diejenigen, die gerade in den Genuss einer Erziehung bzw. Sozialisierung gekommen sind und zuvor als aggressiv gegenüber ihren Artgenossen galten, zwingend vor solchen Hundetreffen bewahrt werden, um nicht wieder in frühere agonistische Verhaltensmuster zurückzufallen. Aber ebenso der bereits erwähnte Irrtum, demzufolge das Zusammenführen von Welpen derer Sozialisierung dienen würde – wenn damit, wie ich unterstelle, das Erlernen friedlichen Zusammenlebens gemeint sein sollte. Und zum anderen das dem Hund fälschlicherweise unterstellte Bedürfnis des „Beschnupperns“, womit auch sicherlich das Einhergehen mit seinem Wohlbefinden unterstellt wird.

Was letztgenannte Unterstellung betrifft, gilt in den meisten Fällen sogar – außer während der Läufigkeit – das genaue Gegenteil. Denn ein Hund, der im Rahmen seiner Erziehung noch nicht in den Genuss gekommen sein sollte, von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seiner Bezugsperson entbunden worden zu sein – denn nichts anderes ist die Erziehung bzw. Sozialisierung – sieht in allen anderen Hunden zunächst einmal keinen Freund, sondern vielmehr einen Konkurrenten. Und solange er dessen tatsächliche Absichten noch nicht abgeklärt hat (wozu u.a. das Beschnuppern dient) sieht er in ihnen sogar eine potentielle Gefahr. Insofern kann das in dem Artikel nahezu niedlich klingende „Beschnuppern“ durchaus in einer handfesten agonistischen Auseinandersetzung enden. Deshalb sollten die Hundeexperten in Güstrow bedenken, dass das sogenannte Beschnuppern keineswegs eine so niedliche Angelegenheit darstellt wie es klingt, sondern das durchaus komplikationsbeladene Abklären „feindlicher“ Absichten und Interessen ist.

Deshalb ist das „gegenseitige Beschnuppern“ – wie es so irreführend genannt wird – ein untrügliches Indiz dafür, dass solche Hunde noch nicht in den Genuss einer Erziehung bzw. Sozialisierung gekommen sind. Denn ein erzogener/sozialisierter Hund, der von seiner Verantwortung entbunden wurde, für Sicherheit sorgen zu müssen, zeigt gar kein Interesse mehr am Abklären „feindlicher Absichten“. Denn wozu auch?  Wenn Frauchen oder Herrchen dies statt seiner übernommen haben, was ihm im Zuge der Erziehung demonstriert wurde, gibt es nur noch einen einzigen Grund, Interesse am anderen Wesen zu zeigen: die Weitergabe des eigenen Erbgutes. Aber dies wirkt nur während der Läufigkeit.

Summa summarum würde ich also, so ich mir Gehör bei den Güstrower Stadtvertretern verschaffen könnte, den Kritikern unter ihnen, derer es offensichtlich welche gibt, denn in dem Artikel lautet es an einer Stelle, dass „einige Stadtvertreter … Kritik (äußerten) wegen der relativ hohen Kosten, die mit dem Projekt einhergehen“, zustimmen und empfehlen, diese Gelder lieber für einen Kinderspielplatz zu verwenden. Der Nutzen wäre größer und die potentielle Gefahr für vieler Hunde Seelen geringer.