Die Reinkarnation der simplen Hundeerziehung

Eine völlig resignierend wirkende Kundin fragte mich ziemlich genervt, ob ich ihr nicht mit ein paar wenigen Worten, ohne im Urschleim zu wühlen, erklären könne, wie sie ihren nervenden Hund endlich zur Räson bringe. Er zeige alle Verhaltensauffälligkeiten, die man sich denken könne. Er zerre nicht nur an der Leine, er sei sogar aggressiv, kläffe jeden an usw. Sie könne aber mittlerweile die sinnlosen Hundeschulbesuche schon nicht mehr zählen, geschweige denn die ellenlangen Vorträge ertragen, die man ihr dort halte und verstehe das sich widersprechende Gelaber mittlerweile überhaupt nicht mehr. Überall erzähle man ihr was anderes, weil die Hundeerziehung angeblich ein sehr komplizierter und komplexer Prozess sei et cetera. Die einen hätten ihr geraten, es mit Leckerlies zu versuchen und die anderen mit Strafe. Und einer dieser selbsternannten Hundeflüsterer habe ihr sogar empfohlen, sich von dem Hund zu trennen. Aber das wolle sie nun mal nicht, denn sie liebe ihn ja, auch wenn er so eine Nervensäge sei.

Nachdem es mir gelungen war, sie ein wenig aufzumuntern und sie wieder lächeln konnte, scherzte ich, ob ich es denn vielleicht, wenn schon nicht mit wenigen Worten, dann doch aber wenigstens in zwei Hauptsätzen, getrennt durch ein „und“ versuchen könne. Worauf sie lächelnd erwiderte, dass sie sich diese beiden Sätze vielleicht gerade noch merken könne.

Und somit habe ich ihre Problemlösung mit zwei Hauptsätzen auf den Punkt gebracht im Bemühen, der Simplifizierung gerecht zu werden:

  1. Sie müssen eigentlich nur ihrem Hund in allen Alltagssituationen Schutz bieten und
  2. ihn von jeglicher Ressourcenverantwortung entbinden.

„Ah ja, so einfach? Und das ist alles?“ Ihre verdutzt wirkende Mine, gepaart mit einer riesigen Portion Skepsis war nicht zu verkennen. Da ich sie aber mit dieser kurzen Antwort offensichtlich neugierig gemacht hatte und motivieren konnte, sich das Ganze noch etwas erläutern zu lassen, gab sie mir dazu die Chance. Und ich versprach ihr, außerhalb des Urschleims zu beginnen:

Wobei ich zugeben muss, dass meine Ausführungen so etwas wie einen zarten Geruch von Urschleim haben. Aber die Kundin demonstrierte jetzt doch wieder ein wenig Toleranz. Und so konnte ich ihr erklären, dass der Schlüssel zu ihrem Problem das Verstehen zweier Grundsätze sei:

  1. Sie als Hundebesitzerin sollten versuchen zu verstehen und die sich daraus ableitenden Konsequenzen zu akzeptieren, dass jegliches Verhalten ihres Hundes sich an ihrem Verhalten als Hundeführerin orientiert. Der Hund macht nichts, ohne nicht durch ihr Verhalten dazu veranlasst worden zu sein. Demzufolge ist all sein Tun und Lassen, ob sie es nun als auffällig oder aggressiv empfinden oder auch nicht, aus Sicht des Hundes alles andere als auffällig oder aggressiv. Es ist aus seiner Position betrachtet sogar das normalste Verhalten auf dieser Welt, denn sie haben es offensichtlich von ihm so und nicht anders verlangt. Er kann demzufolge darin gar kein falsches Verhalten erkennen, geschweige denn sein Verhalten verändern. Warum sollte er auch? Im Gegenteil, er wähnt sich sogar immer im völlig korrekten Verhalten. Somit hilft der Versuch, sein Verhalten mittels Leckerlies oder sonstigen Trixereien ändern zu wollen, nur der Leckerlieindustrie und vielleicht dem Tierarzt, Geld zu verdienen. Dem Hund und ihnen jedenfalls nicht. Unter diesen Umständen müssen sie zu Beginn einer Therapie oder eines Trainings erst einmal ihr eigenes Verhalten als falsch erkennen und ändern, damit der Hund auch sein Verhalten ändert. Aus diesem Axiom resultiert die bekannte Weisheit, dass eigentlich nicht der Hund erzogen werden müsse, sondern der Mensch!

Ein Beispiel:  Nehmen wir an, es würde sie stören, wenn ihr Hund jeden, der sich ihrem Grundstück auch nur nähert, mit einem riesigen Getöse anbellt. Wenn sie jetzt ihren Hund beschimpfen würden, er solle damit gefälligst aufhören, würde ihr Hund die Welt nicht mehr verstehen. Sie laufen sogar Gefahr, dass ihr Hund in einen solchen Konflikt gerät, dass er tatsächlich Symptome von mentalen Störungen entwickelt. Warum? Wenn ihr Hund andere Menschen oder sonstige Spezies von ihrem Grundstück verbellt, ist dies ein untrügliches Indiz, also ein symptomatisches Merkmal dafür, dass sie ihm offensichtlich die Verantwortung für die Ressource Grundstück übertragen haben. Ob sie dies nun bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt getan haben ist völlig uninteressant. Sie haben jedenfalls faktisch durch ihr Verhalten ihm die Aufgabe übertragen, dieses Revier vor jeglichen Gefahren zu beschützen. Wenn sie es nicht getan hätten, würde er es auch nicht tun. Ein Hund bellt nicht aus Jux und Tollerei. Wenn er jetzt jeden, der sich diesem zu verteidigenden Revier nähert, versucht in die Flucht zu schlagen, zeigt er kein auffälliges oder gar unerwünscht aggressives Verhalten, sondern macht ganz einfach nur seinen Job. Sie sollten ihn dafür loben anstatt zu beschimpfen.

  1. Jegliches Verhalten ihres Hundes ist durch seine drei Grundbedürfnisse und deren Befriedigungsabsichten begründet. Der Einfachheit halber können wir hier die beiden Bedürfnisse nach Stoffwechsel, also Nahrung, und das nach Fortpflanzung sogar beiseitelassen. Denn einerseits sind sie entweder grundsätzlich befriedigt und bewirken deshalb kaum eine Verhaltensauffälligkeit oder haben nur temporär, wenn wir an die Läufigkeit denken, Einfluss auf das Verhalten. Diese beiden Grundbedürfnisse spielen jedenfalls im Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeit, also dem Verhalten ihres Hundes, welches ihr Zusammenleben empfindlich stört, so gut wie keine Rolle und können deshalb ignoriert werden. Bleibt also nur ein Bedürfnis übrig, welches uns im Zusammenhang mit dem „nervenden“ Verhalten ihres Hundes interessieren sollte. Und das ist sein Grundbedürfnis nach SicherheitDemzufolge ist jede Verhaltensauffälligkeit ihres Hundes durch sein nicht befriedigtes Sicherheitsbedürfnis begründet.

Es gibt nur zwei Situationen, in denen ihr Hund sein Sicherheitsbedürfnis bedroht sieht: Wenn er tatsächlich Sorge um seine eigene physische Unversehrtheit hat oder wenn sie ihm die Verantwortung für eine Ressource übertragen haben, die er verteidigen muss. Dazu zählt auch ihre Sicherheit, die er meint gewähren zu müssen, wenn sie ihm Schwäche oder Unsicherheit signalisieren.

Deshalb liegt die Lösung aller Probleme, die sich wie zuvor nachgewiesen als nur vermeintliche Verhaltensauffälligkeiten entpuppen, darin, ihr eigenes Verhalten dahingehend zu ändern, ihrem Hund diese Sorgen zu nehmen und für zwei Dinge zu sorgen:

Bieten sie ihrem Hund in allen Lebenssituationen Schutz, so dass er nicht selbst dafür sorgen muss, und entbinden sie ihn von  jeglicher Verantwortung für irgendeine Ressource.

Und der Hund wird ihnen wie ausgetauscht vorkommen.

Wie das in den vielen Alltagssituationen aussehen sollte, zeige ich ihnen gerne in einer einzigen Trainingseinheit. Mehr Zeit benötigen wir dafür nicht.

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