oder
Warum läuft der Hund uns hinterher?

Eine Kundin berichtete mir von Ihrer argen Enttäuschung nach einem erfolglosen Versuch, ihren vierbeinigen Liebling in einer Hundeschule von seinen Aggressionen befreien zu lassen und der abschließend resignierenden Bemerkung der Hundetrainerin, mit der diese sie verabschiedete: Sie solle ihrem Hund gegenüber viel Geduld aufbringen und den Mut nicht verlieren. Vielleicht helfe die Intensivierung ihrer Beziehung durch viel Zuwendung, Beschäftigung, Lob und Anerkennung.

Abgesehen davon, dass wir den Hund relativ schnell von seinen Ängsten haben befreien können – denn das ist kein Hexenwerk – und er quasi noch am selben Tag völlig entspannt an Frauchens Seite lief, ist es natürlich für eine Hundeschule kein Ruhmesblatt, dieser Dame mit ihrem Hund, der nur von seiner ihm übertragenen Verantwortung entbunden werden musste, nicht helfen zu können.

Den wesentlichen Grund sehe ich im Unvermögen solcher Hundeschulen, den Grund für des Hundes Aggressionen überhaupt zu erkennen, geschweige denn das „Problem“ als ein Erziehungsproblem und nicht als Ausbildungsproblem zu identifizieren. Und wenn schon die Diagnose schief geht, wie soll dann erst die Therapie gelingen?

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass das Thema Aggressionen für viele Hundeschulen immer noch ein Buch mit sieben Siegeln zu sein scheint. Dabei ist es tatsächlich eines der am besten untersuchten und auch in einer Reihe von Dissertationsarbeiten gut dokumentierten Probleme; denn neben nur sehr seltenen pathologisch begründeten Fällen ist jede Aggression – mit einer einzigen Ausnahme, die im Alltag der Hundeerziehung aber kaum eine Rolle spielt – in der Selbstverteidigung des Hundes begründet. Also bräuchte eine Trainerin doch nur eruieren, worin des Hundes Verteidigungsstreben begründet liegt. Eine gut ausgebildete Hundetrainerin sollte dies relativ schnell erkennen.

Aber der eigentliche Grund für den hiesigen Beitrag findet sich in dem Begriff Beziehung – oder manchmal auch als Bindung beschrieben.

Ich komme auch aufgrund eines Kommentars zu einem meiner letzten Beiträge darauf zu sprechen, in dem die Kommentatorin schrieb:

„Ein Hund lässt sich ohne Beziehung wohl einschüchtern, aber nicht erziehen … Das setzt einen sozialen Austausch voraus, ansonsten ist es wertlos, wie …“ (den Rest, der leider wie so oft recht vulgär ausfällt, lasse ich mal weg – der Autor).

Aussagen wie diese zeugen von einer Unkenntnis der theoretischen Zusammenhänge, in diesem Fall derer der Beziehung bzw. Bindung zwischen Mensch und Hund und ihren Auslösern. Es ist schlichtweg falsch und auch durch die Ethologie ausreichend widerlegt, dass das Entstehen einer engen Bindung zwischen Mensch und Hund ein mehr oder weniger langwieriger Prozess sei, der viel Zuwendungen, Beschäftigung usw. bedürfe.

Im Gegenteil.

Ich bin auf dieses Thema auch ausführlich in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen.

Daraus ergibt sich nämlich eine interessante Fragestellung im Kontext der Hundeerziehung:

Ist es für den Erfolg einer Erziehung von Bedeutung, wie intensiv die Beziehung oder Bindungzwischen Mensch und Hund ist?

Meine Antwort lautet Nein.

Denn die Erziehung eines Hundes ist sogar während der ersten Begegnung zwischen Mensch und Hund möglich und sogar sinnvoll. Wenn nicht, hätte kein Hundetrainer dieser Welt die Chance, einen Hund zu erziehen. Ich könnte quasi meinen Job aufgeben. Zumindest spielt die Intensität einer Beziehung für die Erziehung keine solche Rolle wie viele Veröffentlichungen im Netz es den Laien glauben machen wollen.

Ich lese immer wieder – auch in Darstellungen von Hundeschulen oder HundetrainerInnen – wie wichtig es sei, dass Frauchen oder Herrchen zunächst eine enge und intensive Bindung zum Hund aufbauen, und dass ohne eine solche, eine erfolgreiche Erziehung des Hundes kaum möglich sei; und was sie für eine solche Beziehung alles tun können. Die Liste ist lang. Obenan stehen natürlich solche Empfehlungen wie viel Beschäftigung mit dem Hund, viel Lob und Anerkennung und auf keinen Fall Bestrafung, um das Vertrauen nicht zu zerstören usw. usw.

Solche und viele andere Irrtümer sind in erster Linie begründet im Anthropomorphismus – also der Vermenschlichung des Hundes, insbesondere seiner Bedürfnisse – der wiederum seine Ursache hat in der kognitiv begründeten Neigung des Menschen, das vermeintlich komplex begründete Verhalten eines Caniden auf vereinfachende – aber eben leider falsche – Art verstehen zu wollen? Vielleicht steckt dahinter aber auch die Absicht, vertuschen zu wollen, warum man nicht sofort zum Erfolg gelangt oder warum Frauchen eine Zehnerkarte, am besten sogar eine Jahreskarte, kaufen soll.

Zum besseren Verständnis ist es sinnvoll, sich die Genese einer Bindung des Hundes zu einem Menschen vor Augen zu führen. Am besten anhand der Domestikation:

Ganz einig ist sich die Forschung zwar noch nicht, aber mindestens 30.000 Jahre soll es her sein, als es die ersten mutigen Wölfe in die Nähe des Menschen zog. Warum? Sie konnten daraus einen Überlebensvorteil generieren. Ebenso die Menschen. Beide konnten durch diese Art der Symbiose ihre Grundbedürfnisse auf gegenseitig vorteilhafte Weise befriedigen. Und das war der Startschuss einer evolutionsbiologischen Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Kein anderes Tier hat derart erfolgreich die Nähe zum Menschen gesucht und gefunden und daraus einen derartigen Vorteil im Überlebenskampf gezogen.

Und genau darin findet sich auch die sehr ernüchternde Begründung, warum es nicht viel braucht, damit Bello und Co. nicht nur eine sehr enge Bindung zu Frauchen oder Herrchen entwickeln, sondern das Ganze auch sehr schnell passiert. Es bedarf nämlich lediglich der Befriedigung mindestens eines ihrer Grundbedürfnisse durch den Menschen.

Dieser Schritt – und oftmals auch der einzige – ist nämlich schon getan, wenn der Mensch des Hundes Bedürfnis nach Gewährleistung seines Stoffwechsels – sprich Nahrung – befriedigt. Die Bedeutung dessen stellt alle anderen in den Schatten. Es gibt Fälle, in denen dem Hund nur regelmäßig und in zuverlässiger Gleichmäßigkeit Nahrung geboten wurde, aber ansonsten weder Zuwendung, Beschäftigung oder sonstige Liebesbeweise; im Gegenteil, oftmals nur Prügel und Strafe. Trotzdem trachtete dieser Hund nicht danach abzuhauen. Allein die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses motiviert den Hund dazu, sogar eine Beschützerrolle gegenüber dem Menschen einzunehmen. Dieses Verhalten begründet wahrscheinlich auch das Tolerieren des Wolfes Anwesenheit durch den Menschen in seiner Nähe zu Beginn der Domestikation. Der Wolf half ihm wahrscheinlich nicht nur bei der Jagd, sondern hielt ihm auch allerhand unliebsame Gesellen vom Hals.

Die nächste Stufe der Beziehung – oder wenn man so will, nächste Qualität – ist erreicht, sowie der Mensch auch das zweitwichtigste Grundbedürfnis des Hundes befriedigt, nämlich das nach Sicherheit.

Allerdings muss man deren Bedeutung differenziert bewerten zwischen einem Hund, dessen Zuchthistorie darin begründet ist, Veranlagungen wie das Hüten und Beschützen zu entwickeln oder einem Hund, dem im Rahmen der Zuchtlinie diese Veranlagungen nicht ins Genom „geschrieben“ wurden. Für letzteren hat die Gewährleistung seines Schutzbedürfnisses durch den Menschen eine herausragende Bedeutung und stellt für ihn das Schlüsselerlebnis dar für sein Wohlbefinden und damit für sein Bindungsgefühl. Darin ist auch begründet, warum die Erziehung eines Hundes bereits während der ersten Begegnung zwischen Hund und Frauchen möglich ist. Denn beides ist identisch: Die Erziehungund die Gewährleistung der Sicherheit bzw. die Entbindung von der Verantwortung für die Sicherheit.

Für den „Hüte- und Schutzhund“ ist es in diesem Zusammenhang von Bedeutung, ob ihm gleichzeitig auch der entsprechende Entscheidungsspielraum zugestanden wird, wenn er hüten und beschützen soll. Ein Hund, dessen Veranlagungen dazu geeignet sind, Haus, Hof, Kind und Kegel zu beschützen, fühlt sich durchaus wohl und baut zum Menschen eine sehr intensive Beziehung auf, wenn man ihn diesen Job auch machen lässt.

Ich habe den Mut zu behaupten, dass damit gleichsam die höchste Qualitätsstufe in der Beziehungoder Bindung zwischen Mensch und Hund erreicht ist und keiner Steigerung bedarf. Auch nicht mit allerhand Liebesbeweisen, Beschäftigungsorgien oder sonstigem Firlefanz.

Allerdings heißt das nicht, dass das Beschäftigen mit dem Hund oder sonstige Zuwendungen überflüssig wären. Im Gegenteil, sie dienen unzweifelhaft dem Wohlbefinden des Hundes. Insbesondere wenn, wie bei vielen Hunden, ihnen ein besonders ausgeprägtes Bewegungsstreben ins Genom geschrieben wurde, gewehrleisten und steigern Aktivitäten ihre mentale Ausgeglichenheit. In solchen Fällen kann Frauchen natürlich nichts Besseres tun, als mit ihrem Liebling ununterbrochen Frisbeescheiben- oder Stöckchen-Wiederholen spielen. Beispielsweise kann man einem Siberian Husky keine größere Freude bereiten, als sich von ihm auf einem vollgepackten Schlitten, der das Mehrfache seines Körpergewichts beträgt, quer durch Sibirien zerren zu lassen. Aber es ändert oder verbessert nicht wesentlich die Beziehung des Hundes zum Menschen. Zumindest nicht in dem Maße, dass diese – wie behauptet – die ultimative Voraussetzung für den Erfolg der Erziehung wäre. Auf deren Qualität hat nur der Grad der Befriedigung der hündischen Grundbedürfnisse Einfluss.

Und wenn der Mensch die beiden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sicherheit gewährleistet, wozu auch gehört, dass er dem Hund stets ein zuverlässig berechenbarer Partner ist, an dem er sich sicher orientieren kann, wird der Hund eine Bindung entwickeln, die u.U. bis zu seiner Selbstopferung reicht.

Insofern wird aus dem Gegenteil des oben Behaupteten ein “Schuh”: Erst durch eine erfolgreiche Erziehung entsteht eine enge Beziehung bzw. Bindung. Denn im Rahmen der Erziehung – wie ich es bereits in vielen Beiträgen erläutert habe – erfolgt (außer bei Wach- und Schutzhunden)die Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung und dadurch von allerlei Ängsten, in vielen Fällen sogar von purem Stress. Erst das erlaubt es ihm, zu Frauchen ein uneingeschränktes Vertrauen aufzubauen. Und Vertrauen und Bindung sind Substitutive.

Wie einfach und schnell die Genese einer engen Bindung zwischen Hund und Mensch vonstattengeht, beweist das Leben:

Mir wurde kürzlich erzählt von Praktiken in der Polizeihundeausbildung, bei denen auf sehr einfache und effiziente Art bereits die kleinen Welpen motiviert werden, ihren Herrchen bedingungslos zu folgen und ihnen zu vertrauen. Der „Trick“ besteht darin, ihnen das zweitwichtigste Grundbedürfnis auf einprägsame Weise zu befriedigen:

Man stellt den kleinen Vierbeiner auf eine wacklige und rutschige Unterlage, auf der er sich sehr unsicher fühlt. Dann nimmt das künftige Herrchen diesen kleinen „Angsthasen“ in die Arme und bietet ihm Sicherheit. Mehr braucht es nicht!

Ähnliches praktiziere ich in meinen Therapien, indem ich den Delinquenten von seinen Ängsten befreie. Dazu muss Frauchen ihm unter meiner Anleitung nur demonstrieren, dass sie ihren aggressiven, zerrenden oder kläffenden „Helden“ mit sofortiger Wirkung von seiner ihm bisher übertragenen Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die für Frauchen oder irgendeine Ressource entbindet.

Jedenfalls bedarf es dazu keiner vorherigen großartigen Beziehungsentwicklung. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Hund zu Ihnen eine ausreichend intensive Beziehung oder Bindung entwickelt hat, sowie Sie Ihm seine wichtigsten Grundbedürfnisse befriedigen. Denn das liegt bereits in seinem Genom verankert und wurde durch über 30.000 Jahre Domestikation und Zuchthistorie derart manifestiert, dass es keiner zeitraubenden Zuwendungen oder sonstiger Liebesbeweise bedarf.

Und damit sei gesagt, dass eine angeblich eingeschränkte Erziehungsmöglichkeit in einer mangelhaften Beziehung oder Bindung begründet sei, die Erfindung oder das Resultat des Anthropomorphismus ist.

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