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Was bewirkten Tausende Jahre Domestikation?

Kürzlich fragte mich eine Kundin – die mich gerufen hatte, um ihren „Leinenaggressor“ zur Räson zu bringen –, warum sich ihr Hund eigentlich so verhalte, wie er sich verhalte. „Warum zerrt er wie von Sinnen an der Leine oder bellt und kläfft jeden an, als wolle er ihn auffressen? Oder warum fixiert und jagt er jeden und alles?“ Kurzum, warum sei ihr Hund so aggressiv?

Dazu mussten wir uns die Wirkung von über 30.000 Jahren Domestikation in Erinnerung rufen. Denn um das Verhalten eines Hundes zu verstehen, muss man deren evolutionsbiologischen Einfluss und die daraus resultierenden Konsequenzen akzeptieren. Im Wesentlichen geht es um das Verständnis und die Akzeptanz zweier Sachverhalte:

Zum einen lebt der Hund seit vielen Tausenden von Jahren mit uns Menschen in einer oftmals monogamen Beziehung. Das hat unter anderem zur Folge, dass er mittlerweile kein Rudeltier mehr ist – zumindest nicht mehr im Sinne der Verhaltensbiologie –, denn ihm sind die Vorteile einer solchen Lebensform quasi abhandengekommen. Darüber darf auch nicht hinwegtäuschen, dass er, wenn die Umstände ihn dazu zwingen, durchaus noch in der Lage ist, in einer Meute seinesgleichen zusammenzuleben. Aber nicht nur die Instinkte zur Bildung der typischen Strukturen eines Rudels, in der zum Beispiel die Mitglieder nicht beliebig austauschbar sind, sind ihm weitestgehend verlorengegangen, sondern auch das Bedürfnis. Stattdessen entdeckte er für sich die ökologische Nische der intensiven Beziehung mit möglichst nur einer einzigen Bezugsperson und schrieb auf dieser Basis seine in der Tierwelt beispiellose Erfolgsstory. Metaphorisch könnte man sogar sagen, dass er, wenn man ihn fragen und er auch antworten könnte, ob er es bevorzugen würde, lieber mit anderen Mitgliedern seiner Spezies zusammen zu sein oder lieber allein mit einem Menschen, sich immer für Letzteres entscheiden würde.

Und eine daraus resultierende Konsequenz ist zum Beispiel, dass solche Ideen wie organisierte Hundetreffen oder Hundeausbildungen in Gruppen mit Sicherheit nicht auf hündischem Mist gewachsen wären. Sie sind eher dem Anthropomorphisieren geschuldet und somit Resultat des Projizierens menschlicher Interessen und Bedürfnisse auf den Hund. Kurzum, der Hund würde es immer bevorzugen, mit uns allein zu sein. Denn er liebt es geradezu, die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Menschen zu genießen; weshalb ihn andere Hunde sogar stören.

Zum anderen hatte der Hund während dieses Zusammenlebens mit uns im Wesentlichen nur drei Aufgaben bzw. wurden ihm nur drei Aufgaben übertragen. Entweder er sollte uns bei der Jagd unterstützen, oder er sollte auf der Weide das Vieh hüten oder unser Hab und Gut bewachen. Später kamen zwar noch eine Reihe weiterer spezieller Pflichten hinzu wie das Zerren eines Schlittens quer durch Sibirien oder das um die Wette-Rennen hinter einem Stoffkaninchen und andere Spür-, Such- und Rettungsspezialitäten bis hin zu sehr unappetitlichen Perversitäten, wenn ich an die sogenannten Kampfhunde oder Hunde im Kriegseinsatz denke, bei denen der Mensch sehr geschickt zu seinem eigenen Vorteil nicht nur die hündischen Fähigkeiten und Instinkte ausnutzte, sondern ebenso seinen unbeugsamen Willen, uns gefallen zu wollen. Aber im Grunde genommen hatten die drei erstgenannten Aufgaben den entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung seiner Psyche. Und eines der sich daraus entwickelten Hauptmerkmale ist sein Beschützerinstinkt. Er will nämlich, indem er sein eigenes Grundbedürfnis nach Sicherheit befriedigt, uns Menschen – besser gesagt seine Bezugspersonen und Ressourcen – stets und ständig vor allen potentiellen Gefahren bewahren.  

Unter dem Einfluss dieser beiden Sachverhalte entwickelte sich dann das typische Dispositionsgefüge eines Haushundes, wie es sich heute in den Veranlagungen, Instinkten, Bedürfnissen und dem Charakter vieler Hunderassen offenbart. Zumindest bei all denen, bei denen die oben genannten Veranlagungen zielgerichtet selektiert wurden. Dazu zählt, dass er für sein Überleben nicht nur andere Hunde nicht benötigt, sondern in ihnen sogar grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder gar potentielle Bedrohungen sieht. Deshalb ist auch sein Interesse, Kontakt zu anderen seinesgleichen aufzunehmen, darauf beschränkt, entweder die eigenen Gene weiterzugeben oder ihre Absichten abklären zu wollen, ob von ihnen eventuell irgendeine Gefahr ausgeht. Insofern ist es sicherlich auch ein Irrtum anzunehmen, es würde seinem Bedürfnis entsprechen, ihn außerhalb der Läufigkeit mit möglichst vielen anderen seiner Spezies zusammentreffen zu lassen. Im Gegenteil, aufgrund seines Beschützerinstinktes möchte er am liebsten alles und jeden von uns und sich fernhalten. Und dazu nutzt er in der Regel sein gesamtes agonistisches Verhaltensrepertoire einschließlich seiner Aggressionen.

Ich habe übrigens diesem Thema des Zusammentreffens von Hunden bei vom Menschen organisierten Veranstaltungen in einem meiner beiden Bücher ein extra Kapitel gewidmet und einmal beschrieben, welches typische Verhalten einschließlich Stressniveau bei den teilnehmenden Hunden beobachtet und registriert werden kann. Das Ganze hat mit Freude oder Glücksgefühlen nicht allzu viel zu tun. Der im Urin dieser Hunde gemessene Cortisolspiegel sollte jeden Hundehalter, der seinen Vierbeiner liebt, dazu veranlassen, jegliche Einladung zu solchen Hundetreffen, die oftmals nur der Bedürfnisbefriedigung der Veranstalter dienen, auszuschlagen. Jedenfalls würde kein Hund außerhalb seiner Läufigkeit jemals auf die Idee kommen, ein Hundetreffen zu organisieren oder gar freiwillig daran teilzunehmen.

Aus diesem Dispositionsgefüge resultiert nun wiederum sein konkretes Verhalten, was dem Laien oftmals als auffällig, störend oder gar unbegründet aggressiv erscheint. Was es objektiv betrachtet aber gar nicht ist. Denn aus hündischer Perspektive ist es nichts anderes, als die Wahrnehmung nicht nur seines legitimen Rechts auf Selbstverteidigung, sondern sogar seiner Pflicht, für unsere gemeinsame Sicherheit zu sorgen. Denn wir haben es seit Tausenden von Jahren so von ihm verlangt. Und die erste Handlung oder Voraussetzung, unsere Sicherheit gewährleisten zu können – wenn mir die Metapher des Militärs einmal gestattet sei – ist die Aufklärung des vor der „Truppe“ befindlichen Geländes. Beim Militär nennt man das Ganze „Truppenaufklärung“. Und das möglichst weit voraus, um rechtzeitig reagieren und potentielle Bedrohungen schon weit vor der nachrückenden „Truppe“ unschädlich machen zu können. Die Begrenzung des Aufklärungsradius geben die technischen Mittel und Möglichkeiten vor. Beim Hund ist es die Länge der Leine. (Deshalb würde ich übrigens auch davon abraten, wie es manchmal in diesem Kontext empfohlen wird, ihm eine Schleppleine anzulegen, um ihm vermeintlich mehr Freiheit zu geben und trotzdem unter Kontrolle zu behalten. Es wäre jedenfalls das falsche Signal, indem ihm nämlich demonstrativ ein noch größeres „Aufklärungsgebiet“ übertragen wird.) Also zerrt er an der ihn eingrenzenden Leine wie von Sinnen, um Bedrohungen schon weit im Voraus identifizieren zu können. Und sollte tatsächlich eine solche am Horizont erscheinen, wird sie nicht mehr aus den Augen gelassen. Falls sie nicht von selbst den Rückzug antritt oder sogar zu nahekommt, wird mit allen Mitteln gedroht und gewarnt und versucht sie zu verjagen. Kommt es trotzdem zu einem direkten Kontakt, wird sie mit allen Sinnen gecheckt und ihre möglichen Absichten aufgeklärt. Und stellt sich heraus, dass von ihr keine Gefahr ausgeht, wird sie in der Regel sofort ignoriert, und jegliches Interesse verblasst von jetzt auf gleich (mit einer Ausnahme: Die Gegnerin ist läufig).

Bleibt die Frage nach der Lösung:

Zunächst einmal müssen jeder Hundehalter und jede Halterin für sich selbst entscheiden, ob dieses natürliche Verhalten ihrer Vierbeiner sie stört und dabei berücksichtigen, ob möglicherweise die Interessen und Rechte anderer beeinträchtigt sein könnten. Falls nicht – beispielsweise, wenn dem Hund bewusst die Sicherheit von Haus und Hof anvertraut und gleichzeitig eine ungewollte Belästigung oder Gefährdung anderer ausgeschlossen wurde – kann eigentlich alles so bleiben wie es ist. Denn das sich aus dieser dem Hund überlassenen Verantwortung ergebende Verhalten ist ein völlig natürliches, weil ursprünglich von ihm erwartetes.

Anders sieht es jedoch aus, wenn dieses Verhalten stört oder die physische und psychische Unversehrtheit anderer Tiere und Personen, insbesondere von Kindern, gefährdet ist. Dann sind Halter oder Halterin zum Handeln verpflichtet. Und das heißt, der Hund muss erzogen werden. Will meinen, ihm muss der Grund für sein jetzt unerwünschtes Verhalten genommen werden.

Und einen Hund zu erziehen, indem man ihm den Grund für sein Verhalten nimmt, heißt, ihm demonstrativ sowohl die Verantwortung für die Sicherheit zu nehmen als auch seinen Entscheidungsspielraum, diese wahrnehmen zu können, drastisch einzuschränken. Dazu müssen Frauchen und Herrchen ab sofort und unter allen Umständen demonstrativ selbst statt seiner für beider Sicherheit sorgen und jegliches unerwünschte Verhalten konsequent unterbinden. Im Ergebnis einer solchen Erziehung versteht der Hund dann, dass er ab sofort für die Sicherheit nicht nur nicht mehr verantwortlich ist, sondern im Gegenteil, es ihm sogar untersagt ist.

Darin unterscheidet sich übrigens auch seine Erziehung wesentlich von seiner Ausbildung. Denn Letztere ist im Gegensatz zur Erziehung dadurch gekennzeichnet, dass dem Hund etwas beigebracht wird, wofür ihm die natürlichen Instinkte fehlen (Sitz, Platz & Co.) Im Ergebnis der Erziehung hingegen soll er etwas unterlassen, was er ansonsten aufgrund des Vorhandenseins von Instinkten tun würde.

Und für viele meiner Kundinnen und Kunden ist es der schönste „Nebeneffekt“ der Erziehung ihres besten Freundes, dass sie ab sofort ein wesentlich entspannteres Leben mit ihm genießen dürfen; denn Konkurrenten, Rivalen oder Bedrohungen existieren für ihn quasi nicht mehr. Und in der Regel kann sogar ganz auf eine Leine verzichtet werden, so örtliche Regularien nicht dagegensprechen. Denn ein Hund, der keine Verantwortung mehr trägt, hat keinerlei Grund und Interesse mehr, sich von seiner alles geliebten Bezugsperson zu entfernen. Für ihn ist es vielmehr das Größte, ihre Nähe und liebevolle Zuwendung zu genießen und mit ihr herumzutollen. Es ist eine Mär, es sei hündisches Bedürfnis und Garant seines Wohlbefindens oder Ausdruck einer ihm zugestandenen Freiheit, im Gelände herumzustöbern und mit seinesgleichen zu kommunizieren. Im Gegenteil, Letzteres ist ausschließlich in seiner ihm überlassenen oder übertragenen Verantwortung begründet und eher Garant für Stress.

Ein von seiner Verantwortung entbundener Hund ist demgegenüber nahezu tiefenentspannt und ausschließlich auf seine Bezugspersonen fokussiert. Denn seine Aufmerksamkeit wird nicht mehr für die Aufklärung des Geländes und dem Erkennen und Abwehren von Bedrohungen in Anspruch genommen, sondern er kann sie von nun an ausschließlich seiner Bezugsperson widmen, deren Schutz und Zuwendung er jetzt in vollen Zügen genießen kann. Der gemessene, oder besser gesagt kaum messbare Cortisolspiegel im Urin solcher Hunde lässt den Schluss zu, dass das Gefühl von Stress weitestgehend abwesend ist. Bei ihnen ist vielmehr das „Kuschelhormon“ Oxytocin anwesend.

Allerdings hat das Ganze nichts mit einer artgerechten oder nicht artgerechten Haltung zu tun, wie möglicherweise angenommen werden könnte. Beide hier beschriebenen Hunde, sowohl der, der die Verantwortung trägt, als auch der, der sie nicht mehr trägt, können artgerecht gehalten sein. Denn wie gesagt, die Verantwortung beispielsweise für die Sicherheit von Haus und Hof zu tragen, ist seit Tausenden von Jahren hündische Routine. Die Frage ist nur: Stört das daraus resultierende Verhalten und ist mir die psychische Belastung des Hundes egal?

Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten.