„Rangreduktion versus Stressabbau!“

oder

ein weiteres Missverständnis!

Ähnlich wie die Vorführleine durch Unkenntnis und Halbwissen als Würgeleine diskriminiert  oder der Alphawurf völlig missinterpretiert wird, tauchen neuerdings tendenziös kritische Stimmen zur Therapiemethode der Rangreduktion auf. Jüngst habe ich eine solche gelesen mit der Überschrift: „Rangreduktion versus Stressabbau“.

Dazu gebe es vieles richtig zu stellen, so dass es mir schwer gefallen ist zu entscheiden, wo ich vernünftigerweise beginnen soll.

Fangen wir deshalb mit der falschen Semantik an:

Rangreduktion versus Stressabbau ist nämlich ein Widerspruch in sich.

Beides als versus – also sich gegenüberstehend – darzustellen, zeugt von einer Fehlinterpretation beider Sachverhalte. Das genaue Gegenteil ist nämlich der Fall: Denn der Stressabbau ist das entscheidende Mittel und eine wichtige Methode, um das Ziel der Rangreduktion überhaupt zu erreichen. Beides steht sich also nicht gegenüber, wie behauptet, sondern bedingt sich kausal. Anders ausgedrückt: Die Rangreduktion als Therapiemethode wird entscheidend durch den Stressabbau generiert, da der Stress eine wichtige Ursache für verschiedene Verhaltensauffälligkeiten ist. Und der Stress ergibt sich wiederum aus einer nicht geklärten Rangordnung. Wer eine Rangreduktion im Rahmen der Therapie eines verhaltensauffälligen Hundes anstrebt, muss zwingend am Beginn seiner Therapie die Quellen des Stresses beseitigen.

Eine der Quellen für Stress

Eine solche Quelle für Stress ist der Umstand, wenn die eigentliche dem Hund vom Menschen zugestandene und gewollte Position in der Rangordnung tatsächlich nicht mit der ihm real übertragenen Verantwortung und dem damit ihm zugestandenen Entscheidungsspielraum übereinstimmt; wenn der Hund also eine Verantwortung übernehmen muss, die seiner Position nicht entspricht und eigentlich dem Ranghöheren, also seinem Besitzer obliegt.

Wie kommt es aber nun zu einer solchen Fehlinterpretation?

 Die Ursachen sind vielschichtig. Zum einen ist der Begriff Rangreduktion offensichtlich negativ belegt, indem er fälschlicherweise Assoziationen wie Unterdrückung, Gewalt oder Zwang generiert. Zum anderen wird die Bedeutung einer Rangordnung für ein intaktes Rudel entweder gar nicht erkannt oder fehlinterpretiert. Und nicht zuletzt wird die Kausalität zwischen einer nicht geklärten Rangordnung und den sich daraus für den Hund ergebenden Stressfaktoren verkannt. Aber ich vermute auch, dass ein Grund für eine solche momentan tendenziöse Ablehnung der Therapiemethode Rangreduktion darin begründet ist, ein zeitgemäßes Klischee bedienen zu wollen. Man glaubt offensichtlich, beim Tierliebhaber Sympathien zu erhaschen mit wohlfeilen Begrifflichkeiten wie Freundschaft, Liebe, Gleichberechtigung oder Partnerschaft. In Wirklichkeit tut man dem Hund damit aber keinen Gefallen, sondern ausschließlich seinem eigenen Ego.

Die Rangreduktion als legitime Therapiemethode bei aggressiven Hunden

Zu den unterschiedlichen Arten von Aggressionen gibt es eine sehr schöne Doktorarbeit von Frau Lucille Sita Habs aus dem Jahre 2012, die sie an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereicht hat, und in der sie u.a. eine Darstellung der möglichen Therapieformen vornimmt. Neben der Gegenkonditionierung,  Desensibilisierung, dem Flooding, Managementmaßnahmen und der medikamentösen Therapie und den chirurgischen Eingriffen wird auch die Rangreduktion treffend beschrieben.

Die Rangreduktion kommt der Natur des Hundes am nächsten

Ich mache keinen Hehl daraus, dass nach meinen Kenntnissen und Erfahrungen letztere die effizienteste ist, weil sie den natürlichen und ureigensten Interessen des Hundes am nächsten kommt. Und dies begründe ich damit, dass sie keiner Konditionierung bedarf. Denn die Rangreduktion gehört zur Erziehung des Hundes und nicht zur Ausbildung. Und eine Erziehung mittels Leckerlies oder ähnlicher Konditionierungsmittel, wie sie bei der Ausbildung oder der Dressur zu gerne verwendet werden, ist bei einer Erziehung oder Resozialisierung meistens zum Scheitern verurteilt oder zumindest nur kurzlebig hinsichtlich ihres Erfolges.

Warum liegt die Rangreduktion im Interesse des Hundes?

Es gibt zwei entscheidende Sachverhalte, die die Natur und das Wesen des Hundes ausmachen: Zum einen ist der Hund durch seine Domestikation zu einem willentlichen Befehlsempfänger des Menschen geworden. Diese Rolle hat er nicht uneigennützig angenommen, sondern aus sehr pragmatischen Gründen. Denn er hat dadurch die Sicherstellung seiner Grundbedürfnisse, insbesondere das nach Nahrung und das nach Sicherheit, abgesichert. Daraus ergibt sich eine schwer wiegende Konsequenz: Er ist nicht, und will es vor allem auch gar nicht sein, ein gleichrangiger Partner des Menschen. Denn er ist auch nach seiner Domestikation eines geblieben: Nämlich – und damit zum zweiten Sachverhalt – ein Rudelwesen, der das Rudel als die optimalste Variante im Überlebenskampf, also für die Gewährleistung der Bedürfnisbefriedigung, nicht nur akzeptiert, sondern aus ureigensten Interessen sogar fordert. Und ein Rudel ist im Überlebenskampf nur dann erfolgreich, wenn es hierarchisch strukturiert ist. Denn das Gegenteil wäre Anarchie und führt zum Chaos und lässt das Rudel scheitern.

Aus beiden Sachverhalten ergibt sich eine wichtige Schlussfolgerung: Wenn der Mensch mit dem Hund konfliktfrei zusammenleben will, muss der Mensch zwingend die Rolle des Rudelführers, also des Ranghöheren übernehmen und vor allem ausfüllen. Und dazu gehört nicht nur, dass er dem Hund gegenüber Privilegien besitzt, wie eine wesentlich größere Entscheidungsbefugnis, sondern insbesondere auch Pflichten. Und zu diesen zählt seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Sicherheit des Hundes zu gewährleisten.

Die schlimmen Folgen einer Nichtwahrnehmung der Verantwortung des Rudelführers Mensch

Der Hund ordnet sich aus einem ureigenen Interesse freiwillig dem Willen des Rudelführers Mensch unter, wenn er dies als sinnvoll erachtet, also seine Bedürfnisbefriedigung dadurch gewährleistet  sieht. Befördert wird diese freiwillige Unterordnung noch dadurch, dass die Übernahme einer ranghöheren Position  immer mit einem höheren Stressfaktor – weil mehr Verantwortung –  verbunden und demzufolge nur von wenigen selbstbewussten und entscheidungsfreudigen Spezies angestrebt wird. Eine rangniedere Position, die zwar gleichbedeutend ist mit einer stark eingeschränkten Entscheidungsbefugnis, entlastet im Gegenzug aber die Psyche des Hundes und gewährleistet ihm eine weit gehende Stressfreiheit. Deshalb sind die meisten Hunde gar nicht so ungern in der rangniederen Position, denn sie können sich jetzt dem Luxus eines weitestgehend von Verantwortung freien und entspannten Lebens hingeben. Messungen des Stresshormons Cortisol in Wolfslosungen habe dies eindrucksvoll belegt: Bei den Rudelführern ist dieser nämlich um ein Vielfaches höher als bei den übrigen Rudelmitgliedern.

Zu einem Problemverhalten des Hundes kommt es aber immer dann, wenn der Mensch als Rudelführer versagt und der Hund deshalb selbst für seine Bedürfnisbefriedigung – insbesondere seine Sicherheit –  sorgen muss. Das ist der Fall, wenn der Mensch dem Hund einen zu großen Entscheidungsspielraum und Verantwortungsbereich überlässt, beispielsweise beim Vor-ihm-herlaufen-Lassen in fremden Gebieten, oder wenn er ihn vor sich durch eine Tür in einen unbekannten Raum gehen lässt oder sich selbst bei Annäherung fremder Hunde, die als Nahrungs- oder Revierkonkurrenten wahrgenommen werden, nicht zwischen diese und seinen Schutzbefohlenen bringt. Dann kommt es zu einem eklatanten Konflikt: Einerseits verlangt der Mensch die Unterordnung des Hundes, und der Hund will dies auch, aber andererseits soll er jetzt Entscheidungen für seine eigene Sicherheit treffen, die ihm aufgrund seiner Unterordnung aber gar nicht zustehen.

Das entscheidende Kriterium einer erfolgreichen und sinnvollen Rangreduktion

 Eine Rangreduktion als Therapiemethode insbesondere von Hunden mit Angstaggressionen, territorial bedingten Aggressionen und rangbezogenen Aggressionen ist nur dann von Erfolg gekrönt, wenn die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung beachtet und nicht verwechselt wird. Es wäre also nicht im Sinne einer erfolgreichen und vor allem sinnvollen Therapie, wenn beispielsweise zunächst durch Zwang, Druck oder gar Gewalt das Tier zum Unterordnen bewegt wird und dann erst die Ursachen der Aggressionen beseitigt werden. Das wäre ein Verwechseln von Ursache und Wirkung und führt statt zu einer Therapie nur zu einem: Vertrauensverlust zwischen Mensch und Hund. Wenn die Therapie von Erfolg gekrönt sein soll, beseitigt man sinnvollerweise als erstes die Ursache. Und die liegt in der Regel im Widerspruch zwischen angedachter Rudelstellung und der übertragenen – gewollt oder ungewollt – Verantwortung für seine Sicherheit oder die des Territoriums oder gar des ganzen Rudels mit dem sich daraus ergebenden Stress. Wenn ich als Therapeut dem Hund unmissverständlich durch meine Körpersprache und mein Handeln zu verstehen gebe, dass ich ab sofort nicht nur willens sondern auch tatsächlich in der Lage bin, für seine Sicherheit zu sorgen, sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn der Hund sich nicht auf der Stelle mir unterordnet. Denn nochmals: Das Unterordnen liegt in seinem ureigensten Interesse und hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Gewalt oder Zwang zu tun, sondern ausschließlich mit Freiwilligkeit.

Summa summarum:

Wenn Herrchen oder Frauchen ihrer Verantwortung als Rudelführer(in) voll umfänglich gerecht werden und ihrem Schutzbefohlenen Tier die Sicherstellung seiner Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sicherheit in allen Lebenssituationen zuverlässig gewährleisten, ergibt sich daraus zwangsläufig – und seitens des Hundes völlig freiwillig – eine Rangordnung im Rudel Familie, in der sich der Hund an unterster Stelle befindet. Denn es entspricht seinem Wesen als domestiziertes Rudeltier.

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