(Achtung: Aufmerksame Leser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Textpassage zur Beschreibung der Vorführleine im Kontext mit dem Begriff “Würgeleine” missverständlich war. Deshalb habe ich den nachfolgenden Text überarbeitet mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die hier beschriebene Vorführleine nur fälschlicherweise als Würgeleine beschrieben wird, da sie ihr ähnlich sieht, aber nicht mit ihr identisch ist. Die von mir nur unter sehr begrenzten Umständen mit einer positiven Bewertung belegten Vorführleine hat konstruktiv nichts mit der Würgeleine zu tun.)  

Die „Zauberleine“ oder ein Plädoyer pro Vorführleine – erzählt aus der Perspektive eines ehemaligen „Problemhundes“:

„Ich bin ein ehemals  ‚verhaltensauffälliger Problemhund‘ – wie mein Herrchen mich bezeichnet. Dabei stellte sich bei meiner ‚Resozialisierung‘ sehr schnell heraus, dass mein sogenanntes Problem gar nicht in meinem Wesen begründet war, sondern lediglich – wie in den meisten Fällen – im Fehlinterpretieren meiner völlig natürlichen Reaktion auf völlig falsche Verhaltensweisen meines Herrchens. Ich will dazu eine kleine Geschichte erzählen anhand der so genannten Zauberleine, die ich bei meinem Hundetrainer kennenlernen durfte und bis heute mag:

Die Kenner der Leine teilen sich in Freund und Feind

Die allgemein als Vorführleine oder mit allerlei anderen Begrifflichkeiten wie Showleine oder Retrieverleine belegte Hundeleine, die im Wesentlichen aus einer Kordel besteht, die um den Hals des Hundes eine Schlaufe bildet, die sich nicht selbstständig oder versehentlich zusammenziehen darf, und einem so genannten Stopper, der die Größe der Schlaufe an die Halsgröße anpassbar macht, gerät hin und wieder mal ins Blickfeld der Kritik und polarisiert ihre Kenner schon mal leicht in enthusiastische Anhänger einerseits und vehemente Gegner andererseits. Der Extremist unter letzteren tituliert sie sogar gerne mal als ‚Würgeleine‘, aber wahrscheinlich nur dann, wenn eine Verwechslung und damit eine falsche Vorstellung von ihrer Konstruktion vorliegt. Denn beides, sowohl die Kritik als auch der missbräuchlich verwendete Begriff, sind vermeidbar, wenn die Leine einerseits eine vernünftige und sichere Konstruktion aufweist und sie andererseits mit Sinn und Verstand eingesetzt wird, so dass sie nicht einmal versehentlich zum Würgen führen kann. Andererseits müsste ich den Kritikern allerdings Recht geben. Aber besonders wichtig ist, dass die uns mit ihr gegebenen Hinweise unmissverständlich sein müssen, indem sie im sinnhaften Kontext passieren und Herrchen gleichsam seine Rolle als Rudelführer auch konsequent ausfüllt. Aber das scheint mir der Casus knacksus zu sein.

Der Casus knacksus ihrer Bewertung

Wenn sie in der Praxis tatsächlich einmal als Würgeleine missbraucht werden sollte, ist entweder die Konstruktion falsch oder hätte derjenige, der dafür die Verantwortung trüge, exemplarisch seine Unkenntnis und vor allem Unfähigkeit als Hundeführer unter Beweis gestellt. Denn eine Vorführleine ist noch nicht einmal zu unserem Festhalten gedacht, was ja die unabdingbare Voraussetzung zum vermeintlichen Würgen wäre. Oder was von beobachtenden Laien als solches interpretiert werden könnte. Diese Leine dient nämlich ausschließlich dem Zweck, uns in unserem unerwünschten Verhalten zu korrigieren, uns also Korrekturhinweis zu geben. Wenn sich Herrchen allerdings wie beim Sibirischen Schlittenhunderennen mittels einer Vorführleine durch den Ort schleifen lässt, liegt die Assoziation des Würgens verständlicherweise nahe.

Der korrekte Sitz und ihre sinnhafte Anwendung sind entscheidend

Ultimative Voraussetzungen dafür, dass die Leine ihren angedachten Zweck überhaupt erfüllen kann, sind zwei Dinge:

  1. Ihr korrekter Sitz. Unser Hals ist nämlich ein außergewöhnlich empfindliches und sensibles Körperteil und erfüllt sogar eine wichtige und oftmals verkannte soziale Funktion. Er dient sowohl der Klärung der Rangordnung als auch dem Liebkosen. Ähnlich dem Verhaltenskodex beim Menschen: Wenn Papa dem Sprössling klar machen will, wer der ‘Herr im Hause’ ist, wird er ihm sicherlich fest zupackend ins Genick greifen. Will er sich allerdings bei Mama einschmeicheln, wird er ihr kaum die Kehle zudrücken, sondern einen liebkosenden Schmatzer auf den Hals drücken. Aber nicht irgendwo, sondern auf eine der für das Liebkosen empfänglichen Flanken. Und die gleiche Funktionsverteilung findet sich bei uns wieder. Meinesgleichen greifen sich als Drohgeste in Kehle und Nacken, um sich Achtung und Respekt zu verschaffen und dem anderen klar zu machen, dass sein Entscheidungsspielraum hier endet. Die seitlichen Halspartien sind hingegen unseren Freunden und friedlich gesinnten Artgenossen vorbehalten. Will sich also Herrchen als Rudelführer Respekt bei uns verschaffen, gibt es einen kurzen und sanften Leinenzug an Kehle und Nacken. Vorausgesetzt, die Vorführleine liegt eng am Halse an und überträgt insbesondere am Nacken direkt zwischen den Ohren diesen alles entscheidenden Impuls. Und dazu muss der Stopper in exakt dieser Position platziert sein. Sollte der Hund trotzdem mal an der Leine zerren, muss die Konstuktion ein ungewolltes Zusammenziehen (ähnlich einer Schlinge) verhindern. Schlappert das Ding allerdings wie ein Galgenstrick um den Hals, ist der Sinn völlig verfehlt.
  1. Um den Erfolg eines mittels der Leine gegebenen Korrekturhinweises zu gewährleisten, muss selbige zwingend im Kontext mit der ‘Rudelführerschaft’ des Herrchens erfolgen. Wenn ein Korrekturhinweis uns signalisiert, dass wir wieder einmal dabei sind, etwas falsch zu machen, bezieht sich dieser Hinweis immer auf unseren uns nicht zustehenden Entscheidungsspielraum. Wir haben uns also in diesem Moment entschieden etwas zu tun, was uns entsprechend unserer Position in der Rangordnung aber gar nicht zusteht. Wenn Herrchen aber diese Maßregelung nicht simultan durch seine Körpersprache begleitet, indem er uns eben nicht vor Selbstbewusstsein strotzend wie Gaius Julius Cäsar klar macht, dass er der Ranghöhere ist, sondern schlappschwanzartig hinter uns her trottelt, macht dieser Korrekturhinweis nicht nur keinen Sinn, sondern bringt uns gleichsam in einen riesigen Konflikt.

Wenn wir durch einen Leinenruck oder Leinenzug am Hals signalisiert bekommen, dass jetzt wieder einmal die Frage nach der Rangordnung geklärt werden soll und ein in diesem Kontext sinnvolles Auftreten des Rudelführers ausbleibt, bleibt für uns auch diese Frage unbeantwortet. Wir erwarten dann zwar eine Antwort, bekommen sie aber nicht nur nicht, sondern bekommen von dem Schlappschwanz obendrein noch eine falsche.

Bedauerlicherweise gibt uns Herrchen aber das Signal ‚Rangordnung klären‘ fälschlicherweise meistens mit der Absicht, uns zur besseren Leinenführbarkeit zu ermahnen und begreift die sozialen Konsequenzen seines falsch gegebenen Befehles überhaupt nicht. Er wundert sich gleichsam aber, wenn wir entsprechend unseres Verständnisses dieses Befehls reagieren, weil wir sein Signal als Bedrohung interpretieren. Viele meiner Artgenossen ziehen dann noch stärker an der Leine, weil sie dem unangenehmen Druck an Hals und Kehlkopf entkommen möchten. Manche werden aggressiv oder sind völlig verunsichert.

Die Folge: Zwischen uns und dem Menschen ist es wieder einmal zu einem handfesten Verständigungsproblem gekommen. Aber nicht, weil wir die Befehle nicht verstehen. Diese gibt es schon seit tausenden von Jahren und kennt schon unser Vorfahre, der Wolf. Es liegt vielmehr an der Unkenntnis beim Herrchen über unsere Interpretation der uns gegebenen Befehle.

Ein unentbehrliches Mittel bei der Resozialisierung

So umstritten die Vorführleine auch sein mag, bei korrekter Anwendung und Konstruktion ist sie als Hilfsmittel bei der erfolgreichen Resozialisierung meiner missratenen Artgenossen schier unschlagbar. Ich spreche aus eigener Erfahrung, die ich machen konnte bei der ersten – und übrigens auch einzigen Begegnung mit meinem Trainer im Zuge meiner ‚Wiedererziehung‘ und ‚sozialen Korrektur‘. Er legte mir diese ‚Zauberleine‘ – wie mein Herrchen seinerzeit voller Bewunderung und staunend dieses Ding nannte – um und gab mir ein kurzes – übrigens nicht etwa schmerzhaftes, sondern eher sanftes – Zeichen über einen Leinenzug und blickte mir simultan mit erhobenem Zeigefinger relativ streng in die Augen. Dabei gab er einen schwer erklärbaren Zischlaut von sich, den ich aber später eindeutig diesem Korrekturhinweis zuordnen konnte, weil er immer nur in diesem Kontext auftrat. Aber das Entscheidende war: Er kam mir tatsächlich vor wie Gaius Julius Cäsar. Nie im Leben hätte ich mir erlaubt zu protestieren.

Mein Entscheidungsspielraum war wie ausgelöscht

Und so unglaublich es auch klingen mag: Mir war umgehend bewusst, wer hier ab sofort der Chef im Ring ist. Und mein Entscheidungsspielraum war wie ausgelöscht. Auch wenn dies vielleicht alles sehr unangenehm klingt, es aber in Wirklichkeit überhaupt nicht war. Denn das Ganze hatte für mich einen bis dahin nicht vorstellbaren Segen: Die gesamte Last der Verantwortung für meine Sicherheit und die meines Herrchens fiel zentnerschwer von meinen Schultern. Für mich offenbarte sich eine Hundewelt, die nur noch eines kannte: Kümmere dich nur noch um die Anweisungen deines Chefs und habe mit ihm gemeinsam Spaß. Alles andere, wie deine stressige Bedürfnisbefriedigung, überlasse einfach ihm. Der macht das schon.

Euer Neo“

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