oder

„the self-fulfilling-prophecy“

Neulich begrüßte mich eine englisch sprachige Hundebesitzerin, die mich erst nach langem Zögern gerufen hatte, um ihren Hund vielleicht doch noch vom „strain at the leash“ und „hunting“ zu befreien, mit folgenden Worten:

„…I’m afraid it’s no use …thereon several dog-schools had a tough time on …they told me he would be an hyperactive dog …“

Will meinen, dass es wohl nicht mehr viel Zweck habe, denn an ihrem angeblich hyperaktiven Hund hätten sich schon mehrere Hundeschulen erfolglos die Zähne ausgebissen.

Mir kam sofort wieder der Gedanke an das Thema, welches ich im letzten Beitrag aufgegriffen hatte, aber diesmal aus einem anderen Grund:

Die Konsequenzen des ständigen Vorausberechnens der nächsten Geschehnisse durch das Gehirn sind nämlich noch andere, als ich sie in dem Beitrag beschrieben hatte. Sie führen auch zur Herausbildung einer Erwartungshaltung. Und diese beeinflusst daraufhin wiederum die Wahrnehmung.

Anders ausgedrückt: Wenn der Mensch etwas wahrnimmt, wird seine Wahrnehmung wesentlich von seiner zuvor entwickelten Erwartung, was er wohl gleich wahrnehmen werde, beeinflusst.

Einfacher ausgedrückt: Man sieht, hört, riecht, fühlt und schmeckt, was man erwartet, gleich zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Die Wahrnehmung der Realität wird also wesentlich beeinflusst, um nicht zu sagen beeinträchtigt, durch die eigene Vorhersage und die dadurch erzeugte Erwartungshaltung.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie gingen am 31. Dezember gegen Mitternacht durch den Wald und hörten einen Knall. Wenn man Sie am nächsten Tag als Zeuge befragen würde, würden Sie wahrscheinlich Stein und Bein schwören, dass da jemand einen Silvesterknaller gezündet habe. Würde Ihnen gleiches aber am 31. Oktober widerfahren, wäre Ihre Wahrnehmung wahrscheinlich die eines waidmännischen Schusses. Ob aber beides mit der Realität übereinstimmt, wäre fraglich.

Woran liegt das?

Ihr Gehirn hat vorausberechnet, dass in der Silvesternacht sehr wahrscheinlich Knaller in die Luft gejagt werden und im Herbst im Wald die Tiere.

Und so ging es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch meiner Hundebesitzerin, deren Wahrnehmung durch das ihr offensichtlich von den Hundeschulen vermittelte Wissen beeinflusst wurde. Und wenn dieses vermittelte Wissen fragwürdig ist – um nicht zu sagen falsch – ist natürlich die Wahrnehmung auch fragwürdig bzw. falsch.

Der Psychologe nennt das Ganze auch „Selbsterfüllende Prophezeiung“, oder – um der netten Dame in ihrer Sprache zu antworten – um eine „self-fulfilling-prophecy“.
Die komplette Form einer solchen wäre beispielsweise:

Das eigene Denken beeinflusst das eigene Handeln, welches wiederum das Denken und Handeln anderer beeinflusst und somit das eigene Denken vermeintlich bestätigt. Mit anderen Worten: Wenn ich von jemandem denke – vielleicht weil mir dies irgendjemand aus bösem Grunde so suggeriert hat – er sei unsympathisch, verhalte ich mich ihm gegenüber auch so, dass dieser von mir denkt, ich fände ihn unsympathisch und verhält sich dann auch adäquat, so dass ich ihn dann tatsächlich auch als unsympathisch wahrnehme und er damit dann meine Erwartung voll erfüllt. In Wirklichkeit ist er vielleicht ein hoch anständiger Kerl und würde sich auch so verhalten, wenn ich mich ihm gegenüber auch so verhielte, dass er denken könnte, ich fände ihn sympathisch.

Eine verkürzte Form finden wir im Falle meiner Kundin:

Wenn einer Hundebesitzerin beispielsweise durch fragwürdige Experten fragwürdiges Wissen zu den Ursachen des hündischen Verhaltens ihres Lieblings vermittelt wurde – wie beispielsweise im oben genannten Fall, ihr Hund sei hyperaktiv – entwickelt sich bei ihr auch eine solche Erwartungshaltung, ihr Hund sei hyperaktiv und verhalte sich deshalb so, wie er sich verhält.

Das führte dann dazu, dass die gute Frau irgendwann eine Erwartungshaltung entwickelt hatte, dass ihr Hund, wenn er nun einmal hyperaktiv sei, offensichtlich gar nicht anders könne, als an der Leine zu zerren und zu jagen.

Die Wirtlichkeit sah aber völlig anders aus:

Nachdem ich den Hund innerhalb eines einzigen Trainings von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seines Frauchens befreit und dadurch auch seinen Entscheidungsspielraum drastisch eingeschränkt hatte, war von seiner angeblichen Hyperaktivität nicht mehr viel übriggeblieben, um nicht zu sagen gar nichts. Er hatte plötzlich weder Interesse am Zerren an der Leine noch am Jagen hinter seinesgleichen.

So passiert es mir eben sehr häufig, dass mir HundebesitzerInnen von falschen Diagnosen angeblicher Hundeexperten berichten, durch die sich bei ihnen eine völlig falsche Erwartungshaltung herausgebildet hatte und sie dadurch mental kaum noch bereit waren, die tatsächlichen Ursachen des hündischen Verhaltens zu suchen. Dadurch akzeptierten sie den Istzustand sozusagen als höhere Gewalt und ihre Prophezeiung erfüllte sich von ganz allein.

Um so trauriger ist das Ganze ja deshalb, weil eine Fehleinschätzung sowohl des Verhaltens eines Hundes als auch der dieses Verhalten verursachenden Gründe dazu führt, dass der Hund unter einem völlig unnötigen Stress leidet. Ich wage sogar zu behaupten – zumindest belegen dies alle meine Therapiefälle – dass in allen Fällen, wenn ein Hund als störend hyperaktiv eingeschätzt wird, es sich in Wirklichkeit ausschließlich um ein Stresssymptom handelt. Und dieser Stress wiederum ist in einer dem Hund übertragenen Verantwortung begründet, der er gerecht werden will, aber unter seinen konkreten Rahmenbedingungen eben nicht gerecht werden kann. Wenn er seiner Verantwortung gerecht werden könnte, indem man ihm auch den dazu notwendigen Entscheidungsspielraum überlässt, würde er auch diese Symptome nicht zeigen und „locker“ mit der Verantwortung umgehen.

Dass viele HundebesitzerInnen dies aber nicht als solches erkennen, ist meistens darin begründet, dass die Übertragung der Verantwortung unbewusst stattgefunden hat. Dadurch erkennen sie auch nicht, dass das Verhalten des Hundes – beispielsweise das Zerren an der Leine und das Jagen – in der ihm übertragenen Verantwortung begründet und somit ein eigentlich völlig natürliches Verhalten ist. Wenn Frauchen dann versucht, ihn von diesem Verhalten abzuhalten oder ihn sogar mehr oder weniger dafür “bestraft”, kommt er in Konflikte und entwickelt Stresssymptome.

Die bessere Lösung ist aber immer – außer er soll ganz bewusst als Wachhund Bewachungsaufgaben erfüllen – dass man dem Hund gar nicht erst diese Verantwortung überträgt und als HundebesitzerIn selbst die Verantwortung für die Sicherheit des Hundes und seine eigene übernimmt und dies auch dem Hund demonstrativ zeigt.

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