oder

Ist die Vermenschlichung des Hundes eine berechtigte Schelte?

Zunächst einmal zur Erklärung der Begrifflichkeit:

Unter Anthropomorphismus versteht die Psychologie das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen, also Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo oftmals Tiere vermenschlicht dargestellt werden wie bei den Bremer Stadtmusikanten.

Nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren, denn er ist nur in der Lage, sich selber zu beschreiben bzw. alles nur in Bezug auf sich selbst zu erkennen. Denn jede Wahrnehmung ist komplett subjektiv und kann kein Abbild einer Realität produzieren, sondern ist immer nur ein Konstrukt seiner eigenen Sinnesreize und Gedächtnisleistung.

Bei jeder menschlichen Wahrnehmung werden die Sinnesreize nicht nur in elektrische Impulse umgewandelt, sondern zwischen den Neuronen zusätzlich in chemische Stoffe und wieder zurück. Diese Verarbeitung im Nervensystem macht es somit unmöglich, einen Rückschluss zu ziehen auf die natürliche und tatsächliche Beschaffenheit des auslösenden Dinges. „Niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstands mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen“. (Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität.) Das bedeutet, die Wahrnehmung und Erkenntnis sind konstruktive, nicht abbildende Vorgänge.

Die beiden Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel führten bereits im Jahre 1944 ein Experiment zum Anthropomorphismus durch, in dem sie in einem Zeichentrickfilm ohne Ton drei geometrische Figuren – ein kleines und ein großes Dreieck und einen kleinen Kreis – als Protagonisten zeigten. Anschließend befragten sie die Probanden nach dem vermeintlichen Inhalt. Die Schilderungen zeigten, dass selbst einfachste bewegte Objekte als soziale Akteure wahrgenommen und interpretiert werden. Die Probanden meinten, eine Liebesgeschichte mit Happy End gesehen zu haben zwischen dem kleinen Dreieck und dem kleinen Kreis, die das böse große Dreieck versucht habe zu sabotieren.

Es ist uns Menschen offensichtlich eigen, sogar toten Gegenständen eine Persönlichkeit anzudichten. So bauen wir beispielsweise auch eine emotionale Bindung nicht nur zu unserem Auto auf sondern sogar zum Rasentraktor oder Staubsauger.

Der Anthropomorphismus ist ebenso wie die kognitive „Kunst“ zur Heuristik (siehe meinen Beitrag „30. Das Fehlinterpretieren hündischen Verhaltens…“) Fluch und Segen zugleich. Der Segen besteht in den sich daraus ergebenden Vorteilen im Überlebenskampf; dass wir uns also trotz unserer Begrenztheit in der Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt doch relativ erfolgreich in ihr zurechtfinden und überleben können.

In der Beziehung zu unserem Hund heißt das, dass wir mit ihm deshalb überhaupt erfolgreich interagieren und ein Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne sein Vermenschlichen wären wir dazu gar nicht in der Lage.

Aber wir dürfen den Fluch solcher menschlichen Beschränktheit nicht vergessen. Denn das Ganze hat dann einen dummen Haken, wenn die Konsequenzen nicht nur nachteilig sind sondern sogar vermeidbar wären.

Und damit zu meiner eingeschränkt berechtigten Schelte am Vermenschlichen des hündischen Wesens.

Machen wir ein Gedankenspiel, welches uns mit Hilfe des Anthropomorphismus nicht schwer fallen sollte:

Nehmen wir einmal an, wir würden hundert HundebesitzerInnen fragen, wie ihre Schützlinge wohl auf die Frage antworten würden – vorausgesetzt sie könnten unsere Frage verstehen und sie auch beantworten – ob sie gerne gemeinsam mit anderen Hunden und deren BesitzerInnen einen Spaziergang durch Wald und Flur unternehmen möchten.

Ich vermute, dass die überwiegende Mehrheit annehmen würde, dass ihre Hunde dies mit „Ja“ beantworten würden, wenn sie könnten. Denn wenn man sich allein die vielen bewusst organisierten Hunde-Treffen vor Augen führt oder die sogar von Hundeschulen regelmäßig initiierten Zusammentreffen von Bello und Co., bleibt einem kaum eine andere Vorstellung, oder?  Diese Treffen werden ja sicherlich nicht organisiert, um Bello und Co. bewusst zu ärgern.

Worin mag diese eklatante Fehlinterpretation hündischen Interesses begründet sein? Die Antwort liefert offensichtlich der Anthropomorphismus; in diesem Falle nicht das Übertragen menschlicher Eigenschaften, sondern das irrtümliche Projizieren menschlicher Wünsche und Interessen auf den Hund. Herrchen und Frauchen gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Schützlinge zumindest den gleichen Spaß am Zusammentreffen mit Gleichgesinnten haben wie sie selbst.

Der Mensch sucht und findet Kontakt zu seinesgleichen auch außerhalb sexueller Interessen, weil dies ein wichtiges Überlebenselixier ist und Grundvoraussetzung für sein Wohlbefinden. Der Mensch hatte evolutionsbiologisch nämlich einen Vorteil davon, wenn er nicht nur in der Gemeinschaft lebte und agierte, sondern auch immer wieder Kontakt zu Fremden aufnahm. Einsiedler waren und sind biologische Ausnahmen und keine Garanten des erfolgreichen Fortbestehens der menschlichen Gattung.

Aber treffen diese Zusammenhänge auch auf den Hund zu? Selbst sein Vorfahre Meister Isegrim hat kaum Interesse am Kontakt mit seinesgleichen außerhalb seines Rudels. Für ihn ist das Rudel der Inbegriff und Hort des Wohlbefindens. Fremde sind für ihn sogar Todfeinde. Nur vereinzelte Alleingänger suchen in weiten Odysseen ihr Glück; meiden dabei aber auch jeden unnötigen Kontakt, außer zur Fortpflanzung.

Der Schritt des Wolfes auf den Menschen zu hat ihm evolutionsbiologisch einen riesigen Vorteil gebracht. Wenn heute vielleicht noch weltweit an die 130.000 Wölfe leben, so sind es mindestens 7 Millionen Hunde allein in Deutschland; also eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Aber diese Erfolgsstory beinhaltet auch eine Veränderung seines Wesens und seiner Interessen. Die ohnehin schon vorhandene Skepsis gegenüber Fremden, die sein Vorfahre ihm mit in die Gene „geschrieben“ hat, ist noch einmal verstärkt worden.

Der Hund ist in erster Linie auf seine menschliche Bezugsperson orientiert und hat dadurch eine ökologische Nische gefunden, die ihm im Überlebenskampf einen entscheidenden Vorteil bietet. Wenn er Hilfe braucht, beispielsweise bei der Lösung von schwierigen Aufgaben, sucht er diese bei seinem Menschen. Anders der Wolf, der löst das Problem entweder allein oder mit Hilfe seines Rudels. Und diese regelrechte Fixierung auf seine Bezugsperson Mensch hat den Hund geradezu desinteressiert gemacht an seinesgleichen. Alle anderen Hunde sind für ihn nur eines: Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Und Konkurrenten möchte man entweder aus dem Wege gehen oder sie verjagen.

Befördert wird die falsche Vorstellung vom hündischen Interesse am Kontakt zu anderen seiner Art außerdem durch die von vielen Hunden abverlangte Aufgabenerfüllung im Sinne einer Schutz- oder Wachfunktion. Viele Rassen haben eine Zuchthistorie hinter sich, die sie nicht nur befähigt haben, Ressourcen einschließlich Haus und Hof oder Herrchen und Frauchen zu bewachen, sondern ihnen auch den Willen und Ehrgeiz dazu anerzogen. Deshalb wird ihre wahrgenommene Beschützerrolle auch oftmals fehlinterpretiert als ein Interesse, gerne mit anderen ihresgleichen Kontakt aufzunehmen. In Wirklichkeit ist es nur ihr Aufklärungswille, ob die anderen etwas Böses im Schilde führen oder nicht.

Aber um auf das zuvor genannte Gedankenspiel und die erwähnte Frage an Bello und Co. zurückzukommen. So manch ein(e) HundebesitzerIn würde wahrscheinlich große Augen machen, wenn er oder sie die sicherlich unerwartete Antwort ihres Schützlings hört. Die würde nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lauten: „O.k., wenn die anderen HundebesitzerInnen ohne ihre Hunde kommen, komme ich mal mit.“

Will meinen, es ist ein großer Irrtum und sogar Quelle von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden, wenn man meint, ihnen etwas Gutes zu tun, indem man an irgendwelchen Hundemeetings teilnimmt oder zu gemeinsamen Waldspaziergängen aufruft.

Der gemeinsame Waldspaziergang mit Gleichgesinnten tut dem Wohlbefinden von Frauchen und Herrchen sicherlich gut, ohne Zweifel, denn dies korreliert mit ihren Urinstinkten und Interessen und führt zur Ausschüttung des Wohlfühlhormons Dopamin. Eine gleiche Gefühlswelt aber den Hunden anzudichten, weil auch sie die Nähe und Anwesenheit vieler anderer Hunde zu ihrem Wohlbefinden bräuchten; das wäre Anthropomorphismus, der einen Tadel verdient.

Denn schauen wir uns einmal gedanklich als Beobachter so ein Hundewaldspaziergangstreffen an. Wie läuft ein solches  Meeting ab, wenn alle pünktlich am vereinbarten Ort mit ihren angeleinten Schützlingen erscheinen? Und wir beobachten jetzt nur einmal Bello und Co. und nicht ihre BesitzerInnen, von denen die Mehrheit verzweifelt versucht, sie an straffer Leine vom gegenseitigen Übereinander-Herfallen abzuhalten.

Wird allen Protagonisten trotzdem genügend Leine gelassen, zeigt sich mit Sicherheit ein wildes und aufgeregtes gegenseitiges Abchecken, worin denn wohl die Absichten des anderen bestehen. Am wilden Rutengewedel meint der Laie Freude festzumachen; was allerdings ein weiterer Irrtum ist. Denn das Wedeln mit der Rute ist nichts anderes als ein Indiz dafür, dass Bello und Co. unsicher sind, wie die Geschichte weitergeht. Freude ist wahrscheinlich komplett abwesend. Anwesend sind dagegen die Psychische Anspannung und u.U. sogar der Stress, falls jemand der Protagonisten meint, keinen Einfluss mehr zu haben auf das, was hier passiert. Wenn man in dieser Situation die Möglichkeit hätte, den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu messen, würden alle, die ihre Hunde lieben, ihre Schützlinge sofort und unverzüglich aus diesem Scharmützel herausholen und sie aus dieser durchaus von Angst erfüllten Situation befreien.

Sind die Absichten der anderen dann – hoffentlich, aber nicht selbstverständlich – als friedlich und harmlos identifiziert, von ihnen also keinerlei Gefahren auszugehen scheint, löst sich dieses wilde Getümmel relativ schnell wieder auf und alle laufen sternförmig auseinander. Von jetzt an scheint sich plötzlich niemand mehr für den anderen zu interessieren. Auch das wilde Rutengewedel lässt nach. Warum? Ist etwa schlagartig die Freude abhandengekommen?

Nein, vielmehr ist es wohl so, dass die Absichten der anderen abgeklärt und als harmlos identifiziert wurden und es jetzt keinen Grund mehr gibt, unsicher zu sein.

Beachtenswert sollte dabei für den Beobachter aber auch sein, dass nicht alle Protagonisten an diesem Ritual teilnehmen. Einige wenige bleiben offensichtlich, statt an der wilden Begrüßungsorgie lebhaft teilzuhaben, an dem Geschehen scheinbar völlig desinteressiert, lieber bei ihren Frauchen und Herrchen.

Sind das etwa die, die keinen Spaß haben wollen, so wie alle anderen?

Im Gegenteil, das sind die, die in den Genuss einer Erziehung gekommen sind, im Rahmen derer Frauchen oder Herrchen sie von jeglicher Verantwortung für ihre eigene oder gemeinsame Sicherheit einschließlich des Reviers entbunden haben. Das sind also diejenigen, die nicht im Auftrage ihrer BesitzerInnen die Absichten anderer rivalisierender und konkurrierender Spezies aufzuklären haben, weil sie stattdessen von ihnen Schutz und Fürsorge erfahren. Sie zeigen deshalb auch keinerlei Interesse, einem anderen Hund seine Beschwichtigungssignale abzuverlangen oder selbst zu zeigen. Sie sind diejenigen, die anschließend auch nicht an straffer Leine vorne weg zerren und das Revier aufklärerisch inhalieren und markieren. Im Gegenteil, sie genießen im Gefühl des Wohlbefindens und völliger Entspanntheit die wohltuende Nähe von Frauchen und Herren und schlendern genüsslich an ihrer Seite durch den Wald.

Aber alle Hunde, ob sie nun erzogen sind oder nicht, würden nach der Beantwortung der ihnen zuvor gestellten Frage noch ergänzend hinzufügen, dass sie viel lieber mit Frauchen oder Herrchen allein einen Waldspaziergang machen würden. Denn sie allein und nur der Kontakt zu ihnen sind Garanten ihres Wohlbefindens; aber kein fremder Hund.

Ich bin in meinem Buch auch kritisch auf den nicht wirklich nachvollziehbaren Sinn einer Welpenspielgruppe als besondere Form des „Hundetreffens“ eingegangen. Welpen sollten stattdessen möglichst lange im Rudel der Mutter bleiben, mindestens bis zur 12. Woche, um die wichtigsten „Spielregeln“ zu erlernen. Welpen-„Spiel“-Gruppen  (was für ein irreführender Begriff!) bergen in erster Linie Stress, wenn nicht sogar die Gefahr von Traumatisierungen. Wenn stattdessen der neue Besitzer ab sofort seine Beschützerroller dem Hund gegenüber wahrnimmt und ihn auch von jeglicher Verantwortung für irgendeine Ressource entbindet, läuft der Hund auch nicht Gefahr, irgendeine Aggression zu entwickeln. Alles was der kleine oder später auch junge Hund an Lebenserfahrung “sammeln” muss, sollte er zwingend in Anwesenheit und unter dem Schutz von Frauchen oder Herren “zusammentragen”. Das alleinige und “losgeleinte” Sammeln von Erfahrungen beim Begegnen mit seinesgleichen kann durchaus schiefgehen.

Mir ist bisher kein einziger wissenschaftlicher Nachweis untergekommen, der belegt hätte, dass ein Hund grundsätzlich das Verlangen hätte, mit anderen und ihm fremden Hunden Kontakt aufnehmen zu wollen oder einen solchen zu suchen, um sein Wohlbefinden zu steigern. Im Gegenteil, es gibt eine Studie eines internationalen Forscherteams der Emory University, die belegt, dass Hunde die Gerüche von Menschen favorisieren vor denen ihrer Artgenossen. Es zieht sie also eher hin zum Menschen als hin zu ihren Konkurrenten. Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn sie ihrem Grundbedürfnis nach Replikation nachgehen wollen.

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