oder

Ist jetzt die Zeit zum Scherzen?

Momentan an die Erziehung oder Therapie aggressiver oder verhaltensauffälliger Hunde, die an der Leine zerren, jagen oder alles und jeden verbellen, zu denken, kann auch nur einem Hundetrainer oder Hundetherapeuten einfallen, wird so mancher denken. Ich gebe zu, wenn die Hundeerziehung nicht meine Profession wäre, hätte ich sicherlich ähnliche Gedanken. Aber mich erreichen gerade jetzt Anrufe von HundehalterInnen, in denen sie von ihren unerzogenen Hunden berichten und um Hilfe bitten.

Aber in der jetzigen Zeit geht es mir wie vielen Hundeschulen und HundetrainerInnen, denen das Ausüben ihres Gewerbes weitestgehend untersagt wurde. So gerne ich auch helfen würde; in dieser Zeit kann ich dies, außer in begründeten Fällen, wenn Gefahr für die Gesundheit für Mensch und Tier zu befürchten ist, nur fernmündlich.

Aber trotz Pandemie und schrecklich anzuhörender Nachrichten ist es der menschlichen Natur eigen, selbst in vermeintlich aussichtsloser Lage noch Mut zu fassen und mit etwas Galgenhumor seine Lage zumindest mental etwas aufzupäppeln. Deshalb will auch ich hier einen kleinen Beitrag des Trostes und Mutmachens leisten.

Denn mit ein wenig Phantasie kann man auch als Hundehalter(in) der momentanen Situation, in der eine nahezu vollständige soziale Isolation angesagt ist, sogar noch etwas Positives abgewinnen:

Nämlich den Vorteil des Kontaktvermeidens unserer Hunde in Zeiten der Kontaktsperre.

Diejenigen, die meine Homepage hundetrainer-bartz.de kennen, wissen, dass ich in der Rubrik FACHARTIKEL in lockerer Abfolge seit vielen Jahren Fachbeiträge veröffentliche zum Thema Hundeerziehung. Und in der Rubrik FACHBÜCHER findet jede(r) an der Hundeerziehung Interessierte(r) zwei meiner Bücher zu selbigem Thema. In ihnen gehe ich nicht nur darauf ein, wie ein Hund effizient erzogen werden kann, sondern auch darauf, warum so viele Versuche, einen Hund zu erziehen, oftmals scheitern oder sogar scheitern müssen. Und eine der wichtigsten Ursachen für das Scheitern findet sich im Anthropomorphisieren, wozu der Mensch von Natur aus neigt.

Von Anthropomorphismus spricht man in der Human-Psychologie, wenn man menschliche Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen überträgt, also auf Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo Tiere vermenschlicht dargestellt werden, wie beispielsweise die vier Bremer Stadtmusikanten. Und nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren. Denn der Mensch ist nämlich nur in der Lage, etwas in Bezug auf sich selbst zu beschreiben bzw. zu erkennen. Jede menschliche Wahrnehmung ist komplett subjektiv und schon gar nicht in der Lage, ein reales Abbild der Wirklichkeit zu produzieren. Das Ergebnis ist stets nur ein kognitives Konstrukt der eigenen Sinnesreize und deren neuronaler Interpretation.

In der Beziehung zum Hund heißt das, dass Frauchen oder Herrchen offensichtlich überhaupt nur durch das Anthropomorphisieren mit ihm erfolgreich interagieren und ein einigermaßen passendes Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne das Vermenschlichen wären sie dazu gar nicht in der Lage.

Das Ganze hat jedoch dann einen merklichen Nachteil, wenn durch das Anthropomorphisieren dem Hund eigene menschliche Bedürfnisse angedichtet werden, die er aber gar nicht hat. Und wenn Frauchen oder Herrchen dann versuchen, ihren Lieblingen die Möglichkeit zu verschaffen, diese vermeintlichen Bedürfnisse auszuleben, bringen sie sie in ernst zu nehmende Konflikte. Dazu zählt insbesondere das angebliche Bedürfnis nach möglichst vielen sozialen Kontakten und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Kommunikation.

Dass dem Menschen diese Bedürfnisse eigen sind, hat seine Ursache in dem evolutionsbiologischen Vorteil, den er im Überlebenskampf aus den vielen und ständig erweiterten sozialen Kontakten und der Möglichkeit der Kommunikation gezogen hat. Dem Hund ist Selbiges aber nicht widerfahren. Im Gegenteil, seine evolutionsbiologische Erfolgsstory basiert auf der Domestikation, im Rahmen derer er über 30.000 Jahre im Idealfall jeweils mit nur einer einzigen Bezugsperson in engem Kontakt stand. Und da eine seiner wichtigsten Aufgaben, die ihm dabei übertragen wurden, darin bestand, uns und unser Hab und Gut zu bewachen und zu beschützen, hatte er ohnehin nur einen einzigen Grund, Kontakt zu anderen seiner Spezies aufzunehmen: Nämlich die Absichten der anderen abzuklären, ob von ihnen irgendeine Gefahr für die eigene Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen ausgehen könnte. Es gab nur eine Ausnahme: Während der Läufigkeit, die eigenen Gene weiterzugeben.

Das heißt, eine auf vermeintlichen Bedürfnissen basierende Kontaktaufnahme, so wie sie dem Menschen eigen sind, gibt es beim Hund nicht. Für ihn sind andere Hunde außerhalb der Läufigkeit nichts anderes als Konkurrenten oder Rivalen.

Deshalb sind auch Annahmen, es würde dem Wohlbefinden des Hundes dienlich sein, ihm die Möglichkeit möglichst vieler sozialer Kontakte zu seinesgleichen zu bieten, eine reine Mär und ausschließlich dem Anthropomorphisieren geschuldet.

Insofern sollte jede(r) Hundehalter(in) in Zeiten wie der heurigen, bei denen menschliche soziale Kontakte auf das zwingend Notwendige reduziert werden müssen und so etwas wie gemeinsame Hundewaldspaziergänge oder Treffen auf der Hundewiese untersagt sind, nicht traurig sein oder gar ein schlechtes Gewissen haben, ihren Vierbeinern etwas zwingend Bedürftiges vorzuenthalten, weil sie ihnen keine Kontakte zu ihresgleichen ermöglichen.

Sehen Sie es vielmehr positiv; denn damit ersparen Sie Ihren Schützlingen unter Umständen sogar sehr viel Stress. Denn Hunde mögen keine anderen Hunde, wenn sie selbst noch nicht erzogen wurden. Will heißen, wenn sie im Rahmen ihrer Erziehung noch nicht von ihrer Verantwortung entbunden wurden, für die eigene Sicherheit und die ihrer Bezugsperson sorgen zu müssen. Dann sind andere Hunde für sie nämlich sogar so etwas wie Todfeinde, die es zu verjagen gilt. Jedes Zusammentreffen mit anderen wird dann zumindest zu einer psychischen Belastung. Ob es sogar Stress auslöst, hängt von der mentalen Stärke des jeweiligen Hundes ab, ob er sich noch in der Lage fühlt, Einfluss auf das weitere Geschehen zu haben. Auf jeden Fall haben solche Zusammentreffen wenig mit Spaß und Freude zu tun.

Und sollten die Hunde erzogen, ihnen also die Verantwortung genommen worden sein, haben sie ohnehin kein Interesse mehr an der Begegnung mit anderen Hunden. Denn dann brauchen sie sie noch nicht einmal zwecks Aufklärung ihrer Absichten kontaktieren. Jede(r) Hundehalter(in) wird dann sogar feststellen, dass ihre Schützlinge keinerlei Interesse mehr an ihresgleichen haben und sie sogar regelrecht ignorieren.

Mit anderen Worten: Corona hat offensichtlich doch etwas vermeintlich positives, zumindest für unsere ansonsten gestressten Vierbeiner. Denn die Kontaktsperre erspart ihnen die ohnehin nicht sehr beliebten Hundetreffen.

Und wenn ich im Moment auch nicht zu Ihnen kommen kann, um Ihnen bei der Erziehung Ihrer „Leinenrambos“ oder sonstigen „Aggressoren“ behilflich zu sein, dann hilft Ihnen vielleicht zunächst die Lektüre eines meiner Bücher weiter, bis ich wieder durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren darf. Ich wünsche Ihnen dabei ein wenig Freude und Ihnen und Ihren Lieben, dass Sie gesund bleiben.

Ihr Hundetrainer Sascha Bartz