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Warum können wir uns nicht selbst kitzeln?

Wenn HundebsitzerInnen mich rufen, damit ich ihnen helfe, ihre vierbeinigen Schützlinge von irgendeiner ungewollten „Macke“ zu befreien, lasse ich mir in der Regel zunächst das vermeintliche Problem beschreiben; getreu der Marx’schen Erkenntnis, die er in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ formulierte:

„Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess des Werdens begriffen sind.”

Einfacher ausgedrückt: Wenn der Mensch in der Lage ist, das Problem zu formulieren, ist er auch in der Lage, es zu lösen.

Und so erlebe ich nicht selten, dass meine KundInnen den Lösungsansatz für ihr Problem eigentlich schon selbst im Rahmen ihrer Problembeschreibung mit beschreiben; allerdings ohne es zu wissen. Denn daran hindert sie in der Regel ihr falsches Interpretieren des hündischen Verhaltens. Sie erkennen und beschreiben zwar durchaus richtig eine Kausalkette von Verhaltensweisen des Hundes, aber scheitern dann immer an deren falscher Interpretation, um zu richtigen Schlüssen zu kommen. Auf eine der dafür verantwortlichen Ursachen, das Phänomen des Anthropomorphismus (das Vermenschlichen des tierischen Verhaltens), bin ich an anderer Stelle schon eingegangen und will mich nicht wiederholen.

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen betrifft das Wedeln der Rute. Beispielsweise wenn meine KundInnen den Versuch unternehmen, den Gemütszustand ihres Schützlings in einer „Problemsituation“ zu beschreiben und im Zuge dessen – quasi als Beweis – das wilde Rotieren seiner Rute anführen.

Anders ausgedrückt: Gemütszustände wie Erregung oder gar Aggressivität aber auch Freude werden fälschlicherweise am Rutenwedeln festgemacht.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Wedeln mit der Rute kann durchaus mit solchen Gefühlen korrelieren; allerdings ist es nicht kausal miteinander verbunden. Das heißt, das auslösende Moment sind nicht solche Gefühle wie Angst oder Freude. Diese können zwar zufällig simultan präsent sein, aber sie führen nicht ursächlich zum Rutenwedeln.

Ich habe auch diese Zusammenhänge in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ ausführlich beschrieben. Deshalb will ich es an dieser Stelle aus einem etwas anderen Blickwinkel tun, nämlich aus dem der Neurowissenschaften des menschlichen Gehirns. Denn dort ist ein Phänomen, welches zur Erklärung unseres Problems dienlich ist, mittlerweile sehr gut untersucht. Und da die Neurophysiologie beider Gehirne ähnlich ist, kann man mit ausreichender Sicherheit davon ausgehen, dass auch das Canidengehirn gleichermaßen funktioniert.

Das Ganze hat nämlich etwas mit einem kognitiven Prozess unter anderem im Kleinhirn zu tun.

Eine der wichtigsten Funktionen oder Aufgaben des Gehirns ist bekanntlich, seinen Besitzer im Überlebenskampf zu unterstützen bzw. diesen überhaupt zu ermöglichen. Und dazu gehört das Abwehren von Gefahren.

Eine der effizientesten Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr ist deren eventuelle Voraussage. Deshalb berechnet das Kleinhirn alle kommenden Geschehnisse im Millisekundenbereich voraus. Das Ganze läuft natürlich im Unterbewusstsein ab, um die Kapazitäten des Bewusstseins nicht zu überfordern.

Das diesem Prozess zugrundeliegende Modell nennt sich Reafferenzprinzip. Demnach wird bei einem Kommando vom Gehirn, etwa an einen Muskel, eine Kopie dieses Befehls abgespeichert. Die Rückmeldungen werden dann mit dieser Kopie abgeglichen. Stimmt beides überein, ist keine Fehlermeldung an höhere Hirnbereiche nötig und somit keine weitere kognitive Aktivität. Erst wenn beides nicht übereinstimmt, die Voraussage also etwas anderes erwarten ließ, als tatsächlich geschehen ist, kommt eine Art Alarm und die Aufmerksamkeit wird aktiviert. Denn nur von etwas Unerwartetem oder Neuem kann eine Gefahr ausgehen. Und nur dem muss auch Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn Aufmerksamkeit bindet wertvolle Kapazitäten, von denen nicht im Überfluss vorhanden ist.

Dieses Prinzip der Gefahrenvoraussage kennt jeder, der sich schon einmal selbst kitzeln wollte und wahrscheinlich enttäuscht feststellen musste, dass das nicht funktioniert. Denn wenn das Gehirn den Befehl über den motorischen Kortex an die Arm- und Handmuskulatur ausgegeben hat, sich in Richtung Hals zu begeben, um dort eine kitzelnde Tätigkeit auszuführen, hat das Gehirn lange vor Eintreffen der Finger am Ort des Geschehens bereits vorausberechnet, was hier sogleich passieren wird. Treten die Vorausberechnungen dann auch tatsächlich ein, gibt das Gehirn „Entwarnung“ und das Lachen verursachende Empfinden bleibt aus. Denn das kitzlige Gefühl wäre nichts anderes als ein Alarmsignal. Dafür liegt aber kein Grund mehr vor, weil das Geschehen vom Unterbewusstsein quasi schon erwartet wurde.

Anders sieht es allerdings aus, wenn ein anderer den Hals berührt. Deren motorische Aktivitäten kann das eigene Gehirn nämlich nicht vorausberechnen und gibt deshalb aufgrund der unvorhersehbaren Ereignisse „Alarm“ und der unerwartet Berührte lacht sich halb tot.

Was hat das Ganze nun aber mit dem „Rutenwedeln“ zu tun?

Ganz einfach:

Die Aufmerksamkeit, oder besser gesagt die Art der Aufmerksamkeit – denn es gibt eine allgemeine Aufmerksamkeit und eine fokussierende Aufmerksamkeit (letztere betrifft das Konzentrieren auf eine spezielle Sache) – korrespondiert mit dem Prozess des Vorausberechnens insofern, dass wenn ein Ereignis für den Hund eine genügende Bedeutung besitzt, seine fokussierende Aufmerksamkeit aktiviert wird und ab jetzt der Versuch der Vorausberechnung sogar ins Bewusstsein übergeht. Von jetzt an wird das Geschehen von ihm nicht nur teilnahmslos und höchst gelangweilt und entspannt beobachtet, sondern das weitere Geschehen wird dem Versuch unterzogen, in seiner weiteren Entwicklung vorausberechnet zu werden. Und ein Indiz dafür ist das Bewegen der Rute. Je unsicherer sich ein Hund bezüglich der weiteren Entwicklung des Ereignisses ist und je bedeutungsvoller es für ihn ist, umso intensiver „arbeitet“ seine Rute.

Der Grad der Bedeutung ist wiederum situationsabhängig unterschiedlich. Beispielsweise erlangt ein Stock in der Hand von Frauchen in manchen Situationen eine geradezu außerordentliche Bedeutung und die Rute wedelt auf Hochtouren, wenn Bello nicht weiß und nicht vorausberechnen kann, was Frauchen wohl als nächstes mit ihm anstellen wird; und ein andermal ist dieser selbe Stock nicht einmal eines müden Blickes wert und die Rute liegt mit samt seines Besitzers gelangweilt in der Ecke.

Nun können die beschriebenen Situationen natürlich durchaus mit solchen Gefühlen wie Freude oder Angst korrelieren. Das heißt, der Hund wird wahrscheinlich ein Gefühl der Trennungsangst verbunden mit einem Kontrollverlust über die Situation empfinden, wenn Frauchen das Haus verlässt; und er wird unter Umständen herzzerreißend bellen und wild mit der Rute wedeln. Aber der Auslöser für sein Rutenwedeln ist dann nicht das Gefühl der Angst. Der Auslöser ist ausschließlich seine Unsicherheit bezüglich des weiteren Geschehens verbunden mit dem Versuch, dieses vorauszuberechnen.

Ähnlich sieht es aus mit der vermeintlichen Wiedersehensfreude, wenn Frauchen abends nach einem langen Arbeitstag endlich wieder nach Hause kommt. Das wilde und ungestüme Wedeln der Rute ist dann auch nicht im Gefühl der Freude begründet, sondern im Versuch, vorauszuberechnen, was wohl als nächstes geschieht. Denn warum sollte Bello schlagartig das Gefühl der Wiedersehensfreude abhandenkommen, sowie Frauchen Hinweise zum nächsten Geschehen gegeben hat, beispielsweise mit einem Leckerli.

Kurzum, immer wenn Bello und Co. mit der Rute wedeln, überkam sie offensichtlich kurz zuvor ein Gefühl der Unsicherheit und hält an, solange es ihren Gehirnen nicht gelungen ist, die Zukunft vorauszuberechnen zu etwas, was ihre Aufmerksamkeit begründet hat.

Nun könnte man natürlich abwinkend behaupten, dass das alles nur akademisches Theoretisieren ist und kaum Bedeutung für den Therapieversuch eines verhaltensauffälligen Hundes besitzt. Aber weit gefehlt.

Da ich bereits in vielen meiner Beiträge dargestellt und versucht habe zu beweisen, dass eine vermeintliche Aggressivität oder das Zerren an der Leine oder sonsteine Verhaltensauffälligkeit immer etwas mit einer dem Hund übertragenen Verantwortung zu tun hat, der er gerecht werden will und sich deshalb so verhält wie er sich verhält, liegt die Lösung solcher Probleme immer im Entbinden des Hundes von dieser Verantwortung. Aber dazu müssen die HundebesitzerInnen doch zunächst solche Situationen überhaupt erst einmal erkennen, in denen der Hund eine ihm übertragene Verantwortung zu erkennen gibt. Und eine sehr typische Situation ist die, wenn der Hund zerrend an der Leine vor Frauchen daherläuft, die Schnauze schnüffelnd an der Erde und die Rute steil nach oben gerichtet wild rotiert.

Dann ist ein untrügliches Zeichen für die ihm übertragene Verantwortung, neben allen anderen Indizien wie „vorne daherlaufen zerrend an der Leine“, eben genau das Rotieren der Rute. Und erst wenn man erkannt hat, dass dieses Rotieren nichts, aber auch gar nichts mit freudiger Erregtheit gepaart mit einem angeblichen Wunsch nach Kommunikation mit seinesgleichen zu tun hat, sondern ausschließlich mit der ihm übertragenen Verantwortung für beider Sicherheit und er deshalb das Territorium nach Feinden aufklärt und sein Gehirn verzweifelt versucht, das kommende Geschehen vorauszusehen, um Gefahren zu erkennen, wird man begreifen, welchem Stress man seinen Schützling eigentlich aussetzt.

Und die logisch sich daraus ergebende „Therapie“ ist dann seine Entbindung von solcher Verantwortung, deren Erfolg sich darin manifestiert, wenn Bello völlig entspannt mit ruhig nach unten gerichteter Rute neben Frauchen dahertrottelt.

Deshalb ist das korrekte Interpretieren des Rutenwedelns eben keine akademische Spinnerei.

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