oder

Die durchschaubare Manipulationsabsicht eines Schlagwortes

Zwei Dinge haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben.

Das erste war ein Beitrag, den ich in der Facebook-Community entdeckte, in dem eine Hundebesitzerin offensichtlich voller Freude und Glückseligkeit postete, dass sich ihr Hund nun endlich, nach „hunderten von Stunden des Trainings und Übens“, so verhalte wie sie es sich schon lange wünschte.

Welches konkrete Verhalten sie damit meinte, war leider nicht zu lesen. Aber nachdem ich mir das dazugehöre Bild, welches sie sozusagen als Beleg mit ins Netz stellte, anschaute – vorausgesetzt, ich interpretiere die Szene richtig – bestand der „Trainingserfolg“ dieses sehr langen und aufwendigen Bemühens offensichtlich darin, dass ihr Schützling jetzt einem anderen fremden Hund nicht mehr, so wie er es wahrscheinlich zuvor tat, hinterherjagte, sondern ihn nur noch aus der Distanz beobachtete.

Das zweite war eine Mail, die mir eine meiner Kundinnen schickte, in der sie zwar ihre Zufriedenheit mit dem Ergebnis meiner Arbeit äußerte, aber doch ihr Erstaunen zum Ausdruck brachte über den Preis, den ich verlangte. Dieser stand nach ihrem Empfinden offensichtlich im Widerspruch zur Kürze meines Trainings. Ich war nämlich, verglichen mit ihren bisherigen Hundeschulbesuchen, nicht sehr lange bei ihr „zu Gast“.

Die rhetorische Frage, die sich mir nun aus beiden Fällen hinsichtlich des zeitlich sehr unterschiedlichen Aufwandes für einen Trainingserfolg stellte, lautet also:

Wie lange dauert oder sollte die erfolgreiche Erziehung eines verhaltensauffälligen Hundes dauern? (Schauen Sie dazu auch einmal in mein Buch “Problemhunde und ihre Therapie” – siehe Shop)

Meine Antwort mag salomonisch anmuten:

Sie dauert solange wie der Trainer benötigt, Herrchen oder Frauchen davon zu überzeugen, was sie falsch machen und sie ihr Verhalten dem Hund gegenüber ändern.

Oder anders ausgedrückt: Die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes nimmt so viel Zeit in Anspruch wie die Befreiung von seinen Konflikten dauert. Denn seine Konflikte, die das unerwünschte Verhalten verursachen, sind begründet im falschen Interpretieren seiner Bedürfnisse durch Herrchen oder Frauchen und ihrem daraus resultierenden falschen Verhalten ihm gegenüber.

Eine „Hundeerziehung“ ist nichts anderes als das Unterfangen, die HundebesitzerInnen nicht nur von ihren Verhaltensfehlern zu überzeugen, sondern sie auch erfolgreich zu motivieren, ihr Verhalten dem Hund gegenüber sofort und konsequent abzuändern.

Deshalb ist übrigens das Verhalten des Hundes auch nur in den seltenen Fällen, in denen eine pathologische Ursache diesem zugrunde liegt, ein tatsächlich auffälliges. Und es sollte übrigens auch nur in diesen Fällen von einer Therapie gesprochen werden. Denn eine solche setzt die Diagnose eines Krankheitsbildes voraus. Alle Fälle, die mir in meiner Trainerpraxis bisher bekannt geworden sind, erfüllen dieses Kriterium jedenfalls nicht. Das „auffällige“ Verhalten meiner „Klienten“ waren ausschließlich nur vermeintliche Auffälligkeiten, also keine tatsächlichen. In allen Fällen entpuppten sie sich nur als eine durch den Menschen empfundene und als eine von ihnen fälschlicherweise so interpretierte. Der Hund hat sich nämlich in allen Fällen nur so verhalten, wie es zur Wahrung seiner Bedürfnisse notwendig und demzufolge ethologisch auch normal ist.

Selbst aggressive und durch Beißattacken auffällig gewordene Hunde, zu deren “Erziehung” ich hinzugezogen werde, sind nicht im pathologischen Sinne, oder weil sie ein schlechteres Wesen als andere hätten, auffällig. Nein, sie verhalten sich nur deshalb beispielsweise aggressiv oder sonst wie unerwünscht, weil sie offensichtlich auf anderem Wege ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, nämlich die nach Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit.

Und da die Bedürfnisse nach Nahrung und Fortpflanzung entweder als grundsätzlich befriedigt gelten können oder nur temporär wirken, reduzieren sich die meisten der genannten Fälle auf das Bedürfnis nach Sicherheit als Auslöser ihres „komischen“ Verhalten.

Will meinen: In den überwiegenden Fällen, in denen der Hund als verhaltensauffällig gilt, kann davon ausgegangen werden, dass sein Bedürfnis nach Sicherheit aus seiner Perspektive nicht erfüllt oder durch Herrchen oder Frauchen nicht gewährleistet ist. Er muss demzufolge selbst für seine Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Ressource sorgen.

Im Umkehrschluss heißt letzteres aber, dass die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes sogar innerhalb weniger Minuten möglich wäre, so es dem Trainer gelänge, Herrchen oder Frauchen innerhalb weniger Minuten verständlich zu machen, was sie falsch machen und er sie sofort und unmittelbar zum veränderten Verhalten dem Hund gegenüber motivieren könnte. Denn die logische Schlussfolgerung aus der Behauptung, der Hund verhalte sich nur aufgrund des falschen Verhaltens von Herrchen oder Frauchen „falsch“, wäre ja, dass der Hund sich, so sich das Verhalten von Herrchen oder Frauchen ändert, auch anders verhält.

Und das ist tatsächlich der Fall.

Einen ungewollten Beweis für die Richtigkeit meiner These liefern sogar meine Kritiker, die es vehement ablehnen zu glauben oder gar anzuerkennen, dass ein “verhaltensauffälliger” Hund in nur einer einzigen Trainingseinheit „therapierbar“ sei. Meine schnellen Erfolge, die sie übrigens nicht in Abrede stellen, seien deshalb aber nur scheinbare, weil der Hund sich nur in meiner Gegenwart anders verhalte als zuvor, und anschließend, wenn Herrchen oder Frauchen wieder das „Kommando“ übernehmen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in sein altes Verhaltensmuster zurückfalle; der anfänglich schnelle Trainingserfolg deshalb also kein nachhaltiger und damit auch kein wirklicher sei. Und als einprägsames und populistisch wirkungsvolles Schlagwort verwenden sie in diesem Zusammenhang zu gerne das Catchword „Trainereffekt“, mit dem sie den nur kurzfristigen Erfolg meinen, begründet zu wissen.

Abgesehen davon, dass ich den sogenannten Trainereffekt und das, was damit schlechterdings gemeint ist, bereits in einem meiner vorherigen Beiträge ad absurdum geführt und aus verhaltenstheoretischer und ethologischer Sicht widerlegt habe, ist aber der Effekt, der dabei unterstellt und auch anerkannt wird, ein Beweis dafür, dass ein Hund sich sofort und unmittelbar auf eine Veränderung des Verhaltens seiner Bezugsperson einstellt und sein Verhalten ihrem Verhalten auch sofort anpasst.

Eine Bemerkung sei mir noch gestattet zum Thema „Schlagwort“: Wenn jemand in seiner Argumentation ein solches verwendet, hat das für mich immer einen faden Beigeschmack. Es gibt dazu in der Sprachwissenschaft sogar einen Forschungszweig, der den Sinn und die Wirkung von Schlagwörtern, im Englischen  buzzwords und Französischen slogan genannt, untersucht. Schlechterdings werden sie verwendet zugunsten des Wohlklangs und zu Lasten der vermittelten Information. Ihre Verwendung ist oftmals einem manipulativen Zweck geschuldet, der die eigene Glaubwürdigkeit steigern soll. Wenn also jemand den Begriff „Trainereffekt“ verwendet, sollte man vorsichtig sein, ob derjenige nicht mangelnde Fachkenntnisse mit einer Art stellvertretendem Autoritätsbeweis beschönigen will.

Bleibt noch die Frage: Warum hat es dann im oben aus dem Facebook-Netz zitierten Fall so unendlich lange gedauert, bis der Hund sein Frauchen glücklich machte?

Ich denke, die Antwort liefert ihr mitgepostetes Foto. Es zeigt nämlich den vermeintlich „umerzogenen“ Protagonisten, wie er seinen Rivalen aus der Ferne beobachtet und dabei aber eine steil nach oben aufgerichtete Rute präsentiert.

Deshalb ist meine erste Vermutung, dass ein tatsächlicher Erziehungserfolg gar nicht vorliegt, sondern nur ein scheinbarer. Ein tatsächlicher wäre es nämlich erst dann, wenn der Hund ein erkennbares Desinteresse an seinem Rivalen demonstriert. Sowohl seine fixierende Aufmerksamkeit, die dem anderen Hund sichtlich gilt, als auch seine aufgestellte Rute lassen aber das Gegenteil vermuten.

Und meine zweite Vermutung lautet: Sein unterlassenes „Hinterherjagen“ ist nicht das Resultat seiner erfolgreichen Erziehung, sondern könnte vielmehr in einer erfolgreichen Konditionierung begründet sein, wofür auch die lange Zeitdauer bis zum vermeintlichen Erfolg spricht. Denn man kann einen Hund durchaus durch Konditionierung wie positiver Bestärkung, oder wie man es auch nennen mag, zu einem veränderten Verhalten bewegen. Dies dauert aber seine Zeit, denn sie ist durch viele Wiederholungen gekennzeichnet. Man sollte dann aber immer bedenken, dass der vermeintliche Erfolg nicht das Ergebnis seiner Erziehung ist, was es, um nachhaltig zu wirken, aber sein sollte. Es wäre dann vielmehr das Ergebnis einer Ausbildung mit Pawlow’schem Effekt. Also das Ergebnis einer Überlagerung des eigentlichen instinktiven Verhaltens durch einen ablenkenden und konditionierenden Reiz. Problematisch ist ein solcher scheinbarer Erziehungserfolg deshalb, weil die Wirkung des Reizes nicht nachlassen darf.

Übrigens ein untrügliches Indiz dafür, ob ein Training der Ausbildung und nicht der Erziehung dienen soll, ist der „Patronengürtel“ voller Leckerli. Was nicht heißen soll, dass ich den Erfolg eines Trainings mittels Leckerli in Abrede stelle. Hunde sind sogar bereit, für ein Leckerli auf einer Pfote zu tanzen oder sich sonst wie zum Affen zu machen. Aber wenn ich stolz darauf bin, dass mein Schützling, statt anderen seiner Artgenossen hinterherzujagen, brav neben mir herläuft und mich dabei ständig anblickt und ich beide Fäuste voller Leckerli habe, ist sein Verhalten mitnichten das Ergebnis einer erfolgreichen Erziehung. Wenn der Hund erfolgreich erzogen und sozialisiert ist, bedarf es keiner ablenkenden Mittel. Denn er verhält sich dann aus intrinsischen Motiven so wie er sich verhält, nicht aus extrinsischen.

Ich empfehle in solchen Fällen, in denen man sich nicht wirklich sicher ist, ob eine Erziehung mit dem Ziel der intraspezifischen Sozialisation erfolgreich war, immer einen kleinen „Aufmerksamkeits-Check“: Beobachten Sie Ihren Schützling bei einem Spaziergang in fremdem Revier dabei, wenn Sie ihn losgeleint seinen Bedürfnissen überlassen. Fängt er reflexartig an, das Revier schnüffelnd wie eine Kehrmaschine zu inhalieren und an der erstbesten Stelle mit erhobenem Hinterlauf – so es ein Rüde ist – zu markieren und schenkt jedem seiner Artgenossen zumindest eine erkennbare Aufmerksamkeit? Dann ist er noch weit entfernt vom Erziehungsziel, in anderen seiner Artgenossen keinen Konkurrenten, Rivalen oder gar Feind mehr zu sehen. Denn er klärt immer noch das Revier nach Feindesinformationen auf.

Oder aber zeigt er diesbezüglich ein völliges Desinteresse und schlendert stattdessen sichtbar entspannt mit herabgelassener Rute neben ihnen her, konzentriert sich nur auf Sie und genießt Ihre Anwesenheit? Und entleert er seine Blase auch als Rüde wie ein „Mädchen“ und nur dann, wenn es notwendig ist? Nur dann können Sie sicher sein, dass die Erziehung im Interesse seiner intraspezifischen Sozialisation von Erfolg gekrönt ist. Denn erst jetzt sieht er in anderen seiner Artgenossen keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr. Sein “Lohn”: Ein stressfreies und völlig entspanntes Leben an Ihrer Seite mit dem Genuss des Hier und Jetzt. Ein „auffälliges“ Verhalten wird er sicherlich nicht mehr an den Tag legen, denn er weiß jetzt, für seine Sicherheit sorgen Sie.

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