Eine kleine “Problemhunde”-Geschichte, erzählt von einem Hund:

“Ich bin ein Durchschnittshund. Mein Herrchen war der Meinung, ich sei aggressiv nicht nur gegenüber meinen Artgenossen, belle unbegründet fremde Menschen an, beiße ihnen sogar zur Begrüßung in die Hand, zerlege zu Hause allein gelassen die Wohnung und kläffe dann wie am Spieß und zerre beim Gassi-Gehen obendrein auch noch nervend an der Leine. Und neuerdings fraß ich sogar meine eigenen Hinterlassenschaften wieder auf, wenn wir uns in fremden Gebieten bewegten. Mit anderen Worten: Ich sei sozial nicht verträglich. Deshalb begab er sich mit mir zu mehreren Hundeschulen, um diese ‘Probleme’ aus der Welt schulen zu lassen und mich zu resozialisieren, wie er es drastisch ausdrückte.

Da diese Besuche keine Erfolge zeitigten und er mittlerweile schon sehr viel Geld in meine ‘Problembeseitigung’ gesteckt hatte, engagierte er einen Problemhundetrainer. Jedenfalls nannte dieser sich so. Doch auch das war nicht wirklich erfolgreich. Bei der Auswahl dieser selbsternannten Experten hatte er wohl kein glückliches Händchen. Denn keiner hatte mein Problem offensichtlich wirklich erkannt geschweige denn verstanden.

Bis der Zufall es wollte, dass wir aufgrund einer Empfehlung Kontakt zu einem Hundetrainer bekamen, bei dem ich sofort spürte: ‘Das kann was werden!’ Schon unsere erste Begegnung verlief überraschend anders als ich es bisher gewohnt war. Ich durfte ihn nämlich zuvor ausgiebig beschnuppern, bevor er mich überhaupt ansah geschweige denn ansprach. Angefasst hat er mich überhaupt nicht, denn das mag ich gar nicht. Jedenfalls nicht von jedem und schon gar nicht von jemandem, dem ich zuvor noch nie begegnet bin. Versetzen Sie sich doch einmal in die Situation einer ersten Begegnung mit einem wildfremden Menschen: Noch bevor er ihnen Guten Tag sagt, würde er ihnen zur Begrüßung mit schweißig klebrigen Händen über den Kopf streicheln.

Jedenfalls gab ich meinem Herrchen spontan zu erkennen, dass diese Neubekanntschaft mir gefalle und demonstrierte dies gleich mit einem Kontaktliegen und setzte mich auf dessen Fuß. Das erstaunte mein Herrchen schon sehr, denn er war es angeblich von mir eher gewohnt, einer Neubekanntschaft ‘zur Begrüßung’ in die Hand zu beißen, anstatt sich vertrauensvoll an sein Bein zu lehnen.

Das Grundverständnis für mein ‘Problem’-Verhalten liegt darin begründet, dass Mensch und Hund zu keiner Zeit gleichberechtigte Partner, sondern immer in einer Beziehung von Befehlsgeber und Befehlsempfänger waren. Wir haben uns relativ widerspruchslos auf die Rolle des Befehlsempfängers eingelassen, da wir als Rudelwesen ohnehin hierarchische Strukturen gewohnt waren. Diese Unterordnung hatte für uns einen sehr wichtigen Vorteil: Wir konnten nämlich den Schutz durch den Rudelführer Mensch genießen.

Damit waren zwei wichtige Merkmale im Zusammenleben von Mensch und Hund besiegelt: Der Mensch einerseits übernimmt sowohl die Führung als auch unseren Schutz, und wir andererseits erfüllen bedingungslos die uns gestellten Aufgaben und genießen dafür die Befriedigung unserer Bedürfnisse.

Und exakt dieses Gefühl des Geltens dieser Regeln hatte ich bei der ersten Begegnung mit dem neuen Trainer. In meiner Erinnerung sind zwei bemerkenswert neue Dinge dieser Erstbegegnung mit einem Fremden haften geblieben:

Zum einen die mir gegebene Möglichkeit einer ausgiebigen olfaktorischen Identifizierung des Neuankömmlings, indem ich ihn ausreichend beschnuppern durfte.

Und zum anderen seine bis dahin beinahe schon demonstrativ wirkende Ignoranz meiner Anwesenheit, indem er mich keines einzigen Blickes würdigte, was mir signalisierte, dass er für mich keine Konkurrenz in meinem Revier darstellte.

Wir sehnen uns nach Führung und Schutz

Nachdem dieses für mich beruhigend wirkende Begrüßungsritual absolviert war, änderten sich allerdings sowohl sein Verhalten als auch seine Körpersprache. Er legte mir nämlich mit einer erwähnenswerten Bestimmtheit und über jeden Zweifel erhabenen Selbstsicherheit seine Zauberleine um, die in einem späteren Beitrag beschrieben wird, und strahlte hierdurch auf mich eine geradezu von Selbstbewusstsein strotzende Energie aus. Noch verstärkt wurde diese Wirkung dadurch, dass er jetzt, aber eben erst jetzt, mich direkt ansah. Auf die Bedeutung dessen wird ebenfalls noch in einem weiteren Artikel eingegangen, wenn die Rechte und Pflichten eines Rudelführers beschrieben werden.

Mit diesem Selbstbewusstsein und dem direkten Blick in die Augen machte er mir sofort klar, dass erjetzt ‘das Sagen hat’ und  er mir ab sofort zeigt, ‘wo es langgeht’. Und was noch viel wichtiger war: Er übernahm ab jetzt offensichtlich die Verantwortung für unsere Sicherheit. Damit war mir auch umgehend klar, dass er jetzt in fremden Gebieten vorne läuft und die Entscheidungen trifft, ich höchstens nebenher laufe, am besten sogar seitlich dicht hinter ihm. Das war für mich eine überraschend neue Erfahrung. Ich war ab sofort nicht mehr gezwungen, wie bisher, vor uns das Revier mit meiner Nase wie ein Laubsauger aufzuklären und jegliche Gefahren abwehren zu müssen. Und schon gar nicht musste ich die Entscheidungen treffen, denn die trifft nun mal derjenige, der die Verantwortung hat. Und das war er. Der ‘Entscheider’ muss nicht zwingend vorne herlaufen, schon gar nicht in bekanntem Gebiet. Aber mir war bewusst, dass mein Entscheidungsspielraum soweit eingeschränkt war, dass ich für alle wichtigen Absichten sein Einverständnis einzuholen haben. Dazu genügt in der Regel ein kurzer Blickkontakt.  Und als uns, wie der Zufall es wollte, wenig später ein fremder Artgenosse meiner Spezies über den Weg lief, zog er nicht, wie ich es gewohnt war, reflexartig an meiner Leine, um mir zu signalisieren, dass ich jetzt für uns beide aufzupassen habe, sondern blieb, für mich eben völlig unerwartet, ganz cool und brachte sich selbst zwischen mich und den Konkurrenten. Ich spürte dadurch sofort wieder seine wohltuende Selbstsicherheit und den sich daraus für mich logisch ergebenden Schutz. Denn offensichtlich war er willens und in der Lage, eventuelle Gefahren, die sich aus solchen Begegnungen ergeben könnten, für uns beide abzuwehren.

Im Grunde genommen lief all dies nur auf eines hinaus: Ich sollte mich ab sofort nur noch und ausschließlich auf ihn konzentrieren; alles andere ginge mich demzufolge nichts mehr an. Von da an begann für mich ein wohltuend entspanntes Leben. Und mein Herrchen meinte später, dass er jetzt nicht nur einen gut ausgebildeten Hund habe, sondern gleichwohl auch einen sehr gut erzogenen. Dass beides nicht zwangsläufig korreliert, werde ich später noch erläutern.

Euer Neo”

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