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Eine weitere Quelle von Missverständnissen

Dass das Missverstehen oder falsche Interpretieren des hündischen Verhaltens durch den Menschen letztendlich dazu führt, dass der Hund sich vermeintlich auffällig verhält bzw. der eigentliche Grund für das aus Sicht des Menschen hündische Fehlverhalten ist, habe ich in meinem Buch bereits ausführlich beschrieben. Ich habe dabei versucht, die Spirale des Missverstehens zwischen Hund und Mensch und die sich daraus ergebenden Verhaltensweisen des Hundes zu beschreiben: Wenn nämlich der Mensch das Verhalten des Hundes falsch deutet (Stichwort Vermenschlichung), führt dies in der Regel zu einem falschen Verhalten oder Reagieren des Menschen dem Hund gegenüber, indem er ihm nicht nur falsche und aus hündischer Sicht missverständliche Signale sendet, sondern sogar solche Anweisungen erteilt. Auf diese reagiert der Hund dann zwar adäquat und objektiv logisch, was der Mensch aber aufgrund seines Missverstehens als solches nicht nur nicht erkennt, sondern sogar als Fehlverhalten oder Verhaltensauffälligkeit erneut missinterpretiert.

Insofern ist das Verhalten des Hundes, welches der Mensch als auffälliges oder Fehlverhalten bewertet, in Wirklichkeit gar kein solches und wird von mir deshalb auch immer nur als vermeintlichesFehlverhalten bezeichnet. Denn eine echte Verhaltensauffälligkeit liegt in der Regel nur vor, wenn es dafür pathologische oder medizinisch-klinische Ursachen gibt, die aber verhältnismäßig selten sind.

Wenn  beispielsweise ein Hund aggressiv ist – hier meine ich ein aggressives Verhalten, welches über das gewöhnliche und situationsbedingte normale agonistische Verhalten hinausgeht – finde ich die Ursache in der Regel immer im falschen Verhalten des Menschen dem Hund gegenüber, was dem Menschen in diesem Falle aber nicht bewusst ist. Insofern findet sich auch der Therapieansatz meistens in der Unterbrechung dieser Spirale des Missverstehens, indem der Mensch sein falsches Verhalten korrigiert. Die ultimative Voraussetzung dafür ist allerdings, dass er das hündische Verhalten überhaupt erst einmal korrekt interpretiert und seinen Hund vor allem nicht mehr durch die menschliche Verhaltensbrille und dadurch artfremd betrachtet, sondern ihn als Hund mit seinem ihm arteigenen Verhaltensrepertoire wahrnimmt, welches sich sowohl aus seinen Bedürfnissen als auch aus seinen Veranlagungen ergibt. Das klingt recht einfach, ist es aber gar nicht. Denn wir Menschen neigen oftmals dazu, den Hund in der Rolle eines kleinen Kindes wahrzunehmen und all sein Verhalten instinktiv auch mit diesem Maßstab zu interpretieren.

Ich will in diesem Beitrag eine weitere Ursache für das Missverständnis zwischen Mensch und Hund benennen, was dann in der Regel zum falschen Verhalten des Menschen führt:

Der Wandel in der Beziehung zwischen Hund und Mensch oder die neue Rolle des Hundes im Zusammenleben mit dem Menschen.

Ich unterscheide gerne zwei Therapie- oder Trainingsansätze bei Hunden mit so genannten Verhaltensauffälligkeiten, die aber in der Regel immer gemeinsam, möglichst simultan bzw. zueinander sehr zeitnahe angewendet werden sollten:

  1. Die sofortige und unmittelbare Korrektur des konkreten unerwünschten Verhaltens des Hundes durch Sanktionen mit dem Ziel, diesbezüglich das dem Hund angeborene Meideverhalten zu aktivieren. Der Vorteil dieser Methode findet sich in dem schnell zu erreichenden Erfolg. Allerdings hängt dieser und insbesondere seine Nachhaltigkeit wesentlich davon ab, ob der Hund sowohl den kausalen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der Korrektur erkennt als auch die Sinnhaftigkeit. Letztere erkennt er aber nur, wenn ihm der Grund für sein Verhalten genommen wird. Und das ist der zweite Therapieansatz aber alles entscheidende:
  2. Die Beseitigung des Grundes bzw. des Motivs für das „Fehlverhalten“ des Hundes.

Und gerade im Letzteren liegt der Schlüssel zum Erfolg. Viele Erziehungserfolge bleiben gerade deshalb aus, weil zwar der Hund in seinem Verhalten richtigerweise und sofort korrigiert wird, der Grund für sein Verhalten aber nicht beseitigt wird und damit für ihn weiterhin existent bleibt. In Folge dessen kommt der Hund in einen Konflikt, weil er aus seiner Perspektive für ein Verhalten “bestraft” wurde, welches völlig korrekt ist, oder für das er sogar eine anerkennende Geste erwartet hätte.

Genau an dieser Stelle muss Frauchen oder Herrchen sich bewusst machen, dass es offensichtlich einen Grund für das hündische Handeln geben muss, weil er sich ansonsten nicht so verhalten hätte wie er sich verhalten hat. So lapidar es auch klingen mag, aber um dem Hund den Grund für sein Verhalten zu nehmen, muss der Mensch diesen erst einmal selbst tatsächlich erkennen. Und das ist offensichtlich nicht selbstverständlich.

In der Regel liegen dieser und das Motiv in den Grundbedürfnissen des Hundes begründet. Und dabei wiederum vorwiegend im Bedürfnis nach Sicherheit. Hierzu habe ich mich in anderen Beiträgen bereits ausführlich geäußert, indem ich die Bedeutung des Grundbedürfnisses nach Sicherheit im engeren wie im weiteren Sinne und sein Einfluss auf das hündische Verhalten beschrieben habe.

Aber ähnlich bedeutungsvoll wie seine Grundbedürfnisse sind die konkreten Veranlagungen, die dem Hund sozusagen durch die Züchtung seiner Rasse mit in die Wiege gelegt wurden.

Denn daraus kann man relativ gut die so genannten Sekundärbedürfnisse ableiten, zu denen ich gerne das Streben des Hundes nach Erfüllung seiner ihm ursprünglich zugedachten Rolle im Zusammenleben mit dem Menschen zähle.

Ich empfehle deshalb jedem Frauchen oder Herrchen, wenn sie das Verhalten ihres Hundes zumindest irritiert, oder sogar schon, wenn sie sich einen Hund anschaffen wollen, einmal einen Blick in die Historie seiner Rasse zu werfen und beides, die eigenen Interessen und die möglicherweise genetisch veranlagten “Interessen” des Hundes, wie eine Blaupause übereinander zu legen und sich zu fragen, ob beides denn überhaupt zusammenpasst? Dies wird so manch einem die Augen öffnen und zumindest helfen, das konkrete Verhalten des Hundes besser deuten und verstehen zu können. Wenn ich beispielsweise einem Staffordshire Bullterrier in die Historie schaue, weiß ich, dass er eigentlich zum Töten von Ratten gezüchtet wurde. Aber was viele wohl kaum vermuten, ist sein angedachter “Job” zum Bewachen der Kinder, wenn die Eltern im Bergbau schufteten. Ein Rottweiler wiederum ist ein gezüchteter Beschützer und Treiber. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gilt er offiziell als Polizeihund. Zugespitzt könnte man bei ihm von einer Art „Waffe“ sprechen. Und eine solche „Waffe“ ist eben in den richtigen Händen ungefährlich, in anderen aber auch nicht. Oder wenn wir an den Irish Red Setter denken, dann müssen wir von seiner „Vorliebe“ zum Apportieren ausgehen. Und ein Irish Terrier ist der geborene Wachhund; und ein Schipperke ist ein Treiber, Hüter und Jäger usw. usw.

Was ich damit sagen will, ist die bei der Erziehung des Hundes zwingend zu beachtende Tatsache, dass jede Hunderasse in der Regel – mit einigen Ausnahmen – ursprünglich im Zusammenleben mit dem Menschen irgendeine ganz spezielle Aufgabe zu erfüllen hatte und ausschließlich zu diesem Zwecke gezüchtet wurde. Und das Streben nach Erfüllung dieser Aufgaben liegt ihnen sozusagen in den Genen. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass man diesen Hunden nichts Besseres antun könnte, als ihnen genau diese Aufgabe zu übertragen, die sie dann auch mit Enthusiasmus und einem schier unvorstellbaren Eifer erfüllen würden. Wie anders wäre es ansonsten zu erklären, dass ein Siberian Husky wie einer, der sich im Rausch befindet, stundenlang einen über achtmal so schweren Schlitten wie er selbst wiegt durch die Schneewüste Sibiriens oder Alaskas zu zerren.

Wenn ich mir aber den Alltag vieler meiner „Patienten“ anschaue, herrscht hier eher eine unverkennbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Kaum jemand meiner Kund(inn)en hat ihrem Hund bewusst eine adäquate Aufgabe übertragen und deren Erfüllung abverlangt, die seiner Zuchthistorie entspricht. Im Gegenteil, wenn ich frage, zu welchem Zweck denn ihre Wahl genau auf diesen und auf keinen anderen Hund gefallen sei, kommt es eher einem reinen Zufall gleich, wenn beides einmal stimmig sein sollte: Die tatsächliche Rolle und die dem Hund eigentlich durch seine Genetik zugedachte. Ich wage zu behaupten, dass die Mehrheit aller heute angeschafften Hunde in erster Linie als Begleithunde, teilweise sogar als sozialer Ersatz gedacht sind; also weit weg von ihrer ihnen im Rahmen der Züchtung eigentlich zugedachten Aufgabe.

Wenn jemand sich einen American Pitbull Terrier oder Bullterrier anschafft, sollte er wissen, zu welchem Zweck diese Hunde schon vor 250 Jahren in England und Amerika gezüchtet wurden und worin demzufolge ihre Veranlagungen bestehen. Wenn ich also weiß, dass mein Hund mit Vorliebe dazu neigt, mich verteidigen zu wollen, darf es mich nicht wundern, wenn er dies auch tut, wenn ich ihn nicht im Rahmen einer strikten Erziehung bewusst von dieser Aufgabe entbunden habe. Oder wenn ich weiß, dass mein Staffordshire Bullterrier bereits ein Verteidigungsstreben der in der Familie lebenden kleinen Kinder in seinen Genen hat, muss ich ihm im Rahmen einer konsequenten Erziehung klar machen, dass dies nicht mehr zu seinen Aufgaben gehört, da ich als Mutter oder Vater diese Aufgabe statt seiner übernehme. Und dies muss ich ihm bewusst und eindeutig vorleben. Wenn ich dies nicht tue, käme es einem Wunder gleich, wenn er neben dem Kinderwagen herlaufend jeden x-beliebigen Fremden ungestraft in den Kinderwagen hineinschauen, geschweige denn das Baby anfassen lassen würde.

Wenn also ein Hund eine vermeintliche Verhaltensauffälligkeit zeigt, sollte man sich immer zwei Fragen beantworten:

  1. Könnte es sein, dass das hündische „Fehlverhalten“ in Wirklichkeit sein Streben nach Befriedigung eines seiner Grundbedürfnisse ist und ich als Frauchen oder Herrchen ihn dazu durch mein falsches Verhalten animiert habe bzw. ich nicht statt seiner dieser Aufgabe nachkomme oder
  2. könnte es sein, dass dieses „Fehlverhalten“ in den ihm in den Genen liegenden Anlagen begründet ist und insofern tatsächlich begründet ist in meinem falschen Verhalten, indem ich ihn von diesen archaischen Aufgaben nicht entbunden habe?

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