oder

Zwei zwar lieb gemeinte, aber trotzdem irreführende Begriffe, wenn damit das Verhalten von verhaltensauffälligen Hunden beschrieben wird.

Ein weiterer Grund, warum ein Training bzw. eine Erziehung von vermeintlich verhaltensauffälligen Hunden nicht nur scheitern kann, sondern sehr wahrscheinlich sogar scheitern muss oder nicht zum Erfolg führt, findet sich schon in der falschen Interpretation bestimmter hündischer Verhaltensweisen. Wenn aber schon das Verhalten falsch interpretiert wird, besteht natürlich auch die Gefahr, damit zugleich auch einen falschen Grund für dieses Verhalten zu unterstellen. Und dann ist auch die Erfolgsaussicht eines darauf basierenden Trainings schon vom Ansatz her fraglich. Da ein Erziehungs-Training in der Regel das Ziel verfolgen sollte, nicht nur das falsche Verhalten des Hundes zu korrigieren, sondern zeitgleich auch den Grund für sein falsches Verhalten zu beseitigen, muss dieses zwangsläufig fehlschlagen, wenn es den vermuteten Grund entweder gar nicht gibt, oder dieser ein völlig anderer ist als der, den man glaubt beseitigen zu müssen.

Insofern ist die Erfolgsaussicht eines Trainings wesentlich davon abhängig, ob das Verhalten, welches der Hund an den Tag legt und welches als störend empfunden wird, auch korrekt interpretiert wurde. Und hier liegt nach meinen Erfahrungen eine Gefahr in der Vermenschlichung bestimmter tierischer Verhaltensweisen; also ihre Interpretation durch die „Brille“ des menschlichen Maßstabes. Verhaltensweisen des Menschen, womit sein Verhalten und die dafür verantwortlichen Gründe relativ zuverlässig identifiziert werden können, müssen auf das hündische Verhalten nämlich noch lange nicht zutreffen, nur weil der Hund sich durch die “Brille” des Menschen betrachtet ähnlich verhält.

So gibt es zwei typische oder exemplarische Vokabularien, mit denen Verhaltensweisen von Hunden nicht selten falsch interpretiert werden: Neugierde und Freiheit. Zwei Begrifflichkeiten, mit denen nicht nur das Verhalten von Hunden falsch beschrieben wird, sondern auch der Therapieansatz, der dann auf dieser falschen Annahme basiert, ad absurdum geführt wird.

Am Beispiel der Neugierde bedeutet dies, dass das, was der Laie hin und wieder im Verhalten eines Hundes mit der Begrifflichkeit Neugierde beschreibt – und die er dann gewöhnlich auch mit einem positiven Sinn belegt – oftmals alles andere ist als das, was er damit meint, sinngemäß zu beschreiben. Und schon gar nicht ist diese vermeintliche Neugierde mit so harmlosen und tugendhaften Merkmalen behaftet, wenn man die Gründe des konkreten Verhaltens, welches als Neugierde charakterisiert wird, bedenkt. Ein Hund ist zwar unbestreitbar neugierig, aber das konkrete Verhalten, welches mit Neugierde begründet wird, hat oftmals eine gar nicht so harmlose Ursache, wie man meint und sie der Neugierde beim Menschen für gewöhnlich zuschreibt.

Und ähnlich sieht es aus mit der zweiten Vokabel. Angeblich sei es ein Grundbedürfnis des Hundes nach Freiheit – höre ich jedenfalls oftmals – wenn der Hund losgeleint durch die Gegend tobt und einer Kehrmaschine gleich den Boden nach Informationen inhaliert. Da der Mensch das Streben nach Freiheit, oder frei zu sein, mit positiven Assoziationen belegt, glaubt er auch, dass dieses wilde Herumschnüffeln, was Ausdruck von „Freiheit“ oder dessen Ausleben sei, dann auch für den Hund eine positive Angelegenheit sein muss. Doch im Gegenteil: Ich habe sogar den Mut zu behaupten, dass der Hund, wenn man ihn fragen oder vor die Wahl stellen könnte, keinerlei Interesse an einer solchen „Freiheit“ hätte. Denn diese Art von „Freiheit“ kann für ihn sogar puren Stress bedeuten, zumindest aber eine psychische Belastung, denn sie ist ein relativ sicheres Indiz dafür, gleichwohl wie die vermeintliche Neugierde, dass dem Hund eine Verantwortung übertragen wurde. Eine Verantwortung entweder für seine Sicherheit und die seines „Rudels“ oder für irgendeine Ressource. Das wilde Herumschnüffeln oder seine vermeintliche „Neugierde“ ist nämlich nichts anderes als die ihm aufgezwungene und abverlangte Wahrnehmung seiner Verantwortung zur Aufklärung möglicher Gefahren für Leib und Leben oder für eine ihm zugestandene Ressource. Im besten Falle können wir in solchen Situationen von einer ihm übertragenen Aufgabe sprechen, der er auch gerne nachkommt, so sie seinen Veranlagungen entspricht, sich also mit der Zielstellung seiner Zuchthistorie deckt, und er auch physisch und psychisch alle Voraussetzungen mitbringt, dieser ihm übertragenen Aufgaben gerecht zu werden und Herrchen oder Frauchen seine Aufklärungsarbeit auch würdigt. Letzteres werde ich im nächsten Beitrag beschreiben. Im nicht so positiven Falle wäre es aber zumindest eine psychische Belastung des Hundes. Und im schlechtesten müssen wir sogar von purem Stress ausgehen, dem der Hund ausgesetzt ist, wenn sich die Situation für ihn nämlich als nicht berechenbar oder beherrschbar darstellt.

Da der Ursprung der lexikalischen Semantik beider Begriffe im Kontext der menschlichen Zivilisation zu finden ist, liegt die Gefahr nämlich sehr nahe, das menschliche Bedürfnis nach Freiheit mit all seinen positiven Assoziationen, ebenso wie seine Neugierde, die in der Regel auch mit einem positiven Sinn belegt ist, auch dem Hund nicht nur anzudichten, sondern ihm auch die damit verbundenen Bedürfnisse nachzusagen.

Um aber Missverständnisse zu vermeiden, will ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass solche Verhaltensweisen, welche als Neugierde oder Freiheitswille beschrieben werden, nicht zwangsläufig etwas Schlimmes und unbedingt zu unterbinden sei. Solange das hündische Verhalten nicht als störend oder auffällig angesehen wird und mit Aggressionen in Verbindung steht, soll jeder seinen Hund weitestgehend machen lassen, was er für gut befindet, solange kein anderer mit diesem Verhalten in seinem Recht auf Ungestörtheit belästigt wird. Ich will mit diesem Beitrag nur darauf hinweisen, dass, wenn ein Hund, der verhaltensauffällig ist, solche Verhaltensweisen wie „Neugierde“ oder „Freiheitsstreben“ zeigt, darin relativ zuverlässig der Therapieansatz zu erkennen wäre. Nämlich das notwendige Entbinden des Hundes von der Verantwortung, die ihn zu diesem Verhalten veranlasst.

Man könnte auch sagen, es gebe eine gute und eine schlechte Neugierde. Die gute ist die dem Hund angeborene, die ihn nach Erkenntnis der Welt streben lässt. Sie wird hervorgerufen durch vier Umstände: Die Neuartigkeit, die Komplexität, die Ungewissheit oder die Konfliktbehaftung einer Situation. Sie ist insofern eine positive Fähigkeit des Hundes, die ihn in die Lage versetzt, sich an ungünstige Umweltbedingungen anzupassen und zu überleben. Wenn wir an das Welpenalter des Hundes denken, wird sofort klar, dass es für den kleinen Neuankömmling geradezu überlebensnotwendig ist, neugierig zu sein, um möglichst schnell alle Gefahren zu erkennen und die Fähigkeiten und Fertigkeiten zu deren adäquater Begegnung zu erlernen.

Aber einem entspannten Leben, verbunden mit einer seelischen und psychischen Ausgeglichenheit, steht die vermeintliche Neugierde, die ihre Ursache in einer übertragenen Verantwortung hat, antagonistisch entgegen. Sollte ein Hund beispielsweise aggressiv oder sonst wie extrem verhaltensauffällig sein, sollte man sein Verhalten sehr sensibel auf solche Indizien hin beobachten und versuchen, die Ursachen zu beseitigen. Es muss also bei einem aggressiven Hund nicht seine Neugierde oder sein vermeintliches Streben nach Freiheit beseitigt werden – was auch eine sehr aberwitzige Idee wäre – sondern der Grund, warum er ein solches Verhalten zeigt.

Im Umkehrschluss heißt das, dass ein zuvor aggressiver und verhaltensauffälliger Hund nach seiner Therapie, im Rahmen derer einerseits sein gezeigtes auffälliges Verhalten korrigiert und andererseits er von jeglicher Verantwortung entbunden wurde, ein entspannter und gegenüber seiner Umwelt regelrecht desinteressierter Hund ist. Denn wenn ein Hund weder für seine eigene Sicherheit und die des „Rudels“, also alle Familienmitglieder, noch für irgendeine Ressource die Verantwortung übertragen bekommen hat, warum sollte er dann noch ein Interesse an der Aufklärung möglicher Feinde oder Rivalen haben? Er weiß dann, dass Herrchen oder Frauchen alles im Griff haben und er sich nur um seinen Spaß mit ihnen im Hier und Jetzt zu kümmern hat.

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