Ich habe mich in letzter Zeit gezwungen gesehen, den einen oder anderen Diskussionsbeitrag von meiner Facebookseite zu löschen. Ganz gewiss nicht, weil er mir fachlich unangenehm war und ich die Auseinandersetzung scheue, weil mir vielleicht die Argumente fehlen. Im Gegenteil, dafür habe ich diese Seite eingerichtet. Ich will mit meinen Beiträgen auch provozieren und freue mich über jede kontroverse Diskussion. Es wäre naiv anzunehmen, dann nur Speichelleckereien und Zustimmung zu ernten. Maßstab sollte aber ein Mindestmaß an Sachlichkeit und ein ehrliches Interesse an einem beiderseitigen Erkenntnisgewinn sein.

Wenn ich dann aber Beiträge lese, die ausschließlich und offensichtlich das Ziel verfolgen, mich zu beleidigen oder gar zu diffamieren, sehe ich keinen Sinn, sie im Netz zu lassen. Denn sie nützen niemandem, außer vielleicht dem Ego desjenigen, der sie äußert. Dabei gibt es sogar solche, die sehr geschickt ein ehrliches Informationsinteresse heucheln, aber in Wirklichkeit nur das oben erwähnte Ziel verfolgen und möglicherweise sogar Kriterien einer Geschäftsschädigung erfüllen. Besonders makaber wird es dann, wenn wie in einem Fall, eine Gruppe von Facebooknutzern, zwar nicht auf meiner Seite, sondern auf ihrer, einerseits für sich selbst einen Verhaltenskodex für ihre Umgangsformen in der virtuellen Welt formulieren wie (ich zitiere): „Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“ und „…insbesondere sollten Unhöflichkeiten, Doppeldeutigkeiten oder gar Beleidigungen nicht die Kommunikation … erschweren.“ Und andererseits dann aber ihre Mitglieder über meine Beiträge sich äußern wie (ich zitiere): „…einfach ein Spinner…“; „…wat is’n dat für ne Hohlbratze?…“; …das kannste höchstens im Strahl kotzen…“ oder „Da kotze ich zum zweiten Mal im Strahl…“ Sollten solche oder ähnlich geartete Beiträge auf meiner Seite veröffentlicht werden, werde ich sie natürlich löschen.

Bedauerlicherweise führen solche Praktiken dazu, dass ich mich entschieden habe, einige wenige, aus meiner Sicht aber eigentlich sehr wichtige Erkenntnisse, im Netz nicht mehr zur Diskussion zu stellen, weil sie mit Sicherheit gegen den Mainstream verstoßen. Ich werde sie nur noch in Individualtrainings meinen Kunden vorstellen. Das ist zwar schade, da die kontroverse Diskussion sicherlich zu interessanten Erkenntnissen führen würde; aber ich sehe es momentan als sinnlos an.

Ein Beispiel für eine solche Erkenntnis, die es eigentlich Wert wäre, diskutiert zu werden, für die ich aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geradezu einen Sturm der Empörung ernten würde, wäre folgendes Gedankenspiel:

Nehmen wir einmal an, ich würde es wagen zu behaupten, es sei grundsätzlich falsch anzunehmen, Hunde hätten das Bedürfnis, mit anderen Hunden zu kommunizieren oder gar ihre Nähe zu suchen. Und ich stattdessen in meinen „Studien“ herausgefunden hätte, dass Hunde anderen Hunden, wenn man sie vor die Wahl stellen würde, eher aus dem Wege gehen würden.

Dann stelle ich mir bildlich vor, was in den Köpfen derer für „Filme ablaufen“, die die Hundespielwiese als einen den Hund am meisten glückselig machenden Ort auf dieser Welt empfinden oder sonstige Hundetreffen organisieren.

Solche „Trainings“ könnten dann nämlich ad absurdum geführt werden, sowie man folgendes Grundprinzip akzeptieren würde:

Ein Gedankenspiel

Nehmen wir einmal an, dass beinahe das gesamte Verhaltensrepertoire eines domestizierten Hundes einschließlich seines agonistischen Verhaltens ausschließlich auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse ausgerichtet sei. Und nehmen wir darüber hinaus an, dass die Domestikation dazu geführt hätte, dass er dazu zwingend den Menschen benötige und nur deshalb seine Nähe suche. Aber, und diese Annahme wäre besonders wichtig, er zu seiner Bedürfnisbefriedigung keinen anderen Hund benötige. Im Gegenteil, andere Hunde wären diesbezüglich für ihn sogar Konkurrenten oder Rivalen (mit nur einer Ausnahme, die aber auch nur temporär wirken würde, nämlich sein Fortpflanzungsinteresse). Will meinen, jede Begegnung mit anderen Rivalen oder Konkurrenten würde dann sogar eindeutige Merkmale von Stress aufweisen und nicht etwa wie geglaubt Freude. Das wäre dann eines der wesentlichen Unterscheidungen zwischen Hund und Wolf. Der Wolf benötigt zu seiner Bedürfnisbefriedigung das Rudel, der Hund aber, so würden wir unterstellen, nicht. Eine Begründung könnte sein, dass es seit Tausenden von Jahren nicht mehr zu seinen Überlebensstrategien gehört, im Rudel zu jagen und so überleben zu wollen. Auch wissenschaftlich geführte Studien, die belegen, dass Hunde im Gegensatz zu Wölfen in schwierigen Situationen immer die Hilfe des Menschen suchen und nicht die eines anderen Hundes, würden diese Annahmen stützen.

Und nehmen wir in unserem Gedankenspiel weiterhin an, dass für den Hund die Bedürfnisse nach Nahrung und Schutz oberste Priorität hätten und er zu deren Befriedigung die Nähe des Menschen suche und zu ihm aber nur dann Vertrauen aufbauen würde, wenn dieser ihm diese Bedürfnisse auch befriedigt. Und täte er es nicht, der Hund deshalb Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würde. Dann wäre es vielleicht auch sofort verständlich, warum sich der Hund vermeintlich komisch verhält, obwohl er eigentlich nur seine Grundbedürfnisse befriedigen will. Und sein komisches Verhalten würde sich plötzlich als gar nicht so komisch entpuppen, sondern als Folge eines enormen menschlichen Missverständnisses über die Zusammenhänge der Bedürfnisbefriedigung und der Rolle des Menschen dabei.

Der Erfolg eines solchen Gedankenspiels hängt aber davon ab, ob der Mensch bereit ist, sich von den Vermenschlichungen der Hundeseele zu verabschieden.

Da mein Gedankenspiel über den Grundsatz, der Hund brauche keinen anderen Hund zu seiner Bedürfnisbefriedigung, dem menschlichen Verständnis der Bedürfnisbefriedigung aber widerspricht, weil der Mensch immer andere seiner Artgenossen benötigt und dazu deren Nähe sucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, fällt ihm die Einsicht offensichtlich so schwer, dass dieser Grundsatz nicht auf Hunde zutrifft. Und wenn der Mensch von dem einen zutiefst überzeugt ist, wird ihm der Glaubenswechsel zum anderen halt nicht gelingen.

Aber wäre es nicht interessant und spannend, über solche Thesen, derer es noch mehrere gibt, die aber der konservativen Auffassung des Hundetrainings u.U. widersprechen, einmal sachlich zu diskutieren und dann wertvolle Schlussfolgerungen für die Hundeerziehung abzuleiten? Die Hunde wären jedenfalls die Nutznießer. Selbst wenn einige Thesen sich im Ergebnis der Diskussion sogar als falsch herausstellen sollten, war die Diskussion das Nachdenken doch wert. Als stattdessen mit abfälligen Bemerkungen, die teilweise noch nicht einmal verständlich formuliert sind, zu reagieren ohne auch nur den Ansatz eines intellektuellen Inhalts preiszugeben. Es gibt ein Grundprinzip des Fortschritts: Stelle immer und alles infrage. Nur, sich von seiner Überzeugung zu trennen, tut offensichtlich weh.

Dazu gibt es eine nette Bemerkung vom Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dem berühmten „Entenforscher“: „Überhaupt ist es für den Forscher ein guter Morgensport, täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen – das erhält jung.“

Ich freue mich jedenfalls weiterhin über geistreiche Diskussionsbeiträge, auch und insbesondere, wenn sie widersprüchlich sind aber uns dadurch jung halten.

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