„Wenn mein Hund aggressiv oder verhaltensauffällig ist, habe ich dann keine gute Bindung zu meinem Hund aufgebaut?“

So in etwa war die Frage einer Kundin, die nach eigenen Angaben im Internet gelesen habe, dass eine Verhaltensauffälligkeit eines Hundes ein Indiz sei für eine mangelnde Bindung zwischen Hund und Mensch. Und die passenden Lösungen seien gleich mitgeliefert worden: So sei es für die Entwicklung einer intensiven Bindung zwischen beiden wichtig – habe sie gelesen – viel Zeit miteinander in der Natur zu verbringen; mit dem Hund Wandern zu gehen; mit ihm ein Picknick zu machen; während der gemeinsamen Spaziergänge nicht zu telefonieren sondern stattdessen mit ihm zu kommunizieren; immer ein Leckerli dabei zu haben oder versuchen herauszufinden, ob er lieber Berge hoch klettere oder eher das Spielen am See mag; mit ihm Frisbee fangen zu spielen; ihn an einer Longe um sich herumlaufen zu lassen oder gemeinsam einen Hundefilm anzuschauen – am besten Lassie; in ein Krankenhaus oder Altersheim zu gehen, um gemeinsam fremde und neue Menschen kennen zu lernen oder mit ihm eine Reise zu machen usw., usw.

Im ersten Moment dachte ich, die gute Frau wolle mich veräppeln oder habe diese tollen Ratschläge am 1. April gelesen, aber sie hinterließ keinerlei Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit.

Ob dies alles tatsächlich so im Netz der freien Meinungsäußerung zu lesen ist, sei dahingestellt. Abgesehen davon, dass die meisten Ratschläge, wenn wirklich so geschrieben, wohl eher spaßig gemeint sein sollen, um mittels einer gewaltigen Portion Ironie die Vermenschlichung der Hundeseele durch so manch einen „Hundekenner“ zu thematisieren, bedeutet einiges davon für den Hund, wenn ich an die letztgenannten Ratschläge denke, nichts anderes als puren Stress. Dem Abbau von Verhaltensauffälligkeiten wäre es jedenfalls alles andere als förderlich.

Aber die eigentliche Problematik, warum ich auf die Frage der guten Frau hier überhaupt eingehe, findet sich vielmehr in der Behauptung, dass zwischen beiden Sachverhalten, nämlich einer Verhaltensauffälligkeit des Hundes wie beispielsweise der Aggression einerseits und einer mangelnden Bindung zwischen Mensch und Hund andererseits, eine Kausalität zu sehen sei. Wenn dies tatsächlich so wäre, dürften es nach meiner Überzeugung eigentlich gar keine Verhaltensauffälligkeiten geben. Denn ein Hund baut immer und grundsätzlich eine mehr oder weniger intensive Bindung zu einem Menschen auf, so dieser ihm seine Grundbedürfnisse auch nur ansatzweise befriedigt. Ich will ja die Vernünftigkeit eines häufigen gemeinsamen Zeitverbringens überhaupt nicht in Frage stellen, was sich schon aus der Logik des Anschaffens eines Hundes ergeben sollte. Es liegt immer im Interesse des Wohlbefindens eines Hundes, wenn Herrchen oder Frauchen sich viel mit ihm beschäftigen. Aber im Umkehrschluss würde die Behauptung ja bedeuten, dass Hunde, mit denen sich Herrchen oder Frauchen viel beschäftigen, keine oder zumindest weniger Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würden. Aber dem ist bei weitem nicht so.

Die meisten meiner Therapiekunden haben nämlich eine sehr intensive Bindung zu ihren Vierbeinern entwickelt. Und trotzdem zeigen ihre Hunde alle nur denkbaren Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu sehr gefährlichen Aggressionen. Der Grund dafür muss also woanders liegen.

Die Antwort findet sich nach meinen Erfahrungen nicht in einer mangelnden Bindung, sondern ausschließlich in der Nichterfüllung des Grundbedürfnisses des Hundes nach Sicherheit.

Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die mich schon als kleiner Junge faszinierte. Und ich benutze das Wort „fasziniert“ bewusst, weil ich hierbei an die Definition dieses Begriffes von Erich Küthe, dem leider schon verstorbenen und ehemaligen Professor an der Uni Köln, denke: Faszinierend sei etwas, was abstoßend und anziehend zugleich sei.

Ich erinnere mich nämlich an einen Hund, besser gesagt, an eine geschundene Kreatur, die misstrauisch und menschenscheu in der Nähe des Ferienhauses meines Onkels ihr Unwesen trieb. Alle denkbaren Verhaltensauffälligkeiten bis hin zum Beißen waren in diesem Tier vereint. Mein Onkel erzählte mir, dass er der Nachbarin gehöre und von ihr nichts außer Prügel beziehe. Mich hat seitdem immer wieder eine Frage bewegt: Warum ist dieser Prügelknabe immer wieder zurück nach Hause zu dieser bösen Frau gelaufen und nicht einfach abgehauen? Der Grund dafür war die Bindung, die der Hund zu dieser Frau aufgebaut hat, weil sie ihm sein Grundbedürfnis nach Nahrung erfüllte. Dies war für ihn wichtiger als sein Bedürfnis nach Sicherheit. Aber weil sie ihm letzteres nicht erfüllte, entwickelte er die Verhaltensauffälligkeiten. Die Bindung, die ein Hund zu einem x-beliebigen Menschen aufbaut, ist bereits in seinen Genen über viele Generationen hinweg hinterlegt. Ein Hund baut also relativ schnell und auch relativ intensiv eine Beziehung zum Menschen auf, sowie dieser zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse beiträgt. Aber der Grad der Intensität bewirkt nicht zwingend sein auffälliges Verhalten. Letzteres wird ausschließlich durch die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Sicherheit beeinflusst. Und so war es auch mit meinem geschundenen „Freund“. Eines schönen Tages nämlich nahm sich ein völlig fremder Mann dieses Tieres an, dem der Hund zuvor noch nie begegnet war. Und der Hund war wie ausgewechselt, quasi über Nacht. Und ich habe diesen Mann natürlich gefragt, was der Grund für den Sinneswandel dieser „Bestie“ sein könnte. Er antwortete mir damals: „Ein Hund braucht Schutz, nicht nur Nahrung!“

Dieser Satz hat mich in meinem Trainerjob bis heute geprägt. Wenn ihr Hund also Verhaltensauffälligkeiten zeigt, zweifeln sie nicht an ihrer vermeintlich mangelnden Bindung. Ihr Hund braucht sie und sucht immer ihre Nähe. Aber er muss sich an ihnen orientieren können und benötigt zwingend ihren Schutz. Wenn sie ihm diesen nicht gewähren, bewusst oder unbewusst, wird er sich dementsprechend verhalten, was sie dann als auffällig empfinden oder als Problemverhalten bezeichnen. Wenn sie ihren Hund aber fragen könnten, würde er sein eigenes Verhalten als alles andere als problematisch bezeichnen. Er würde es schlicht und einfach als begründet und als Selbstverteidigung erklären.

Um dieses sogenannte Problemverhalten abzustellen, sind zwei Dinge simultan notwendig: Der Hund muss in seinem Verhalten korrigiert werden, um ihm klar zu machen, dass sein Verhalten unerwünscht ist; und sie als Herrchen oder Frauchen müssen ihm den Grund für sein Verhalten nehmen. Letzteres bedeutet, dass Sie ihm ab sofort das Gefühl vermitteln, ihn und sich selbst in allen Lebenssituationen zu beschützen; es also nicht zu seinen Aufgaben zählt, sich und sie oder sonst eine Ressource zu beschützen oder zu verteidigen. Erst dadurch macht auch die Korrektur seines Verhaltens erst Sinn, denn erst dadurch versteht er sie. Wenn nämlich der Grund für sein Verhalten nicht beseitigt werden würde, käme der Hund bei der Korrektur seines Verhaltens in Konflikte, denn er würde aus seiner Sicht ja quasi für ein korrektes, weil begründetes Verhalten, bestraft werden.

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